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In: KulturPoetik 2011, Heft 2

Autor

Hans-Edwin Friedrich

Titel

Neue Studien zum Verhältnis von Recht und Literatur
(1) Thomas Weitin, Recht und Literatur. Münster: Aschendorff 2010. 168 S.
(2) Claude D. Conter (Hg.), Literatur und Recht im Vormärz. Bielefeld: Aisthesis 2010. 286 S.
(3) Claude D. Conter (Hg.), Justitiabilität und Rechtmäßigkeit. Verrechtlichungsprozesse von Literatur und Film in der Moderne. Amsterdam, New York: Rodopi 2010. 286 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die Intensität der Forschung zum wechselseitigen Verhältnis von Literatur und Recht hat in den letzten Jahren unübersehbar zugenommen. Das ist nicht nur sachorientierten Studien zu verdanken. Die wachsende Forschungsaktivität scheint vor allem darauf zurückzugehen, dass die verfügbaren literatursoziologischen Modelle einen integrierenden theoretischen Zugriff in Aussicht stellen, der die Vielfalt der Themen und Probleme in diesem Feld zu bündeln vermag. Claude D. Conter hat in seiner Einleitung zum Band Literatur und Recht im Vormärz vier Forschungsbereiche unterschieden: Studien über das in der Literatur dargestellte Recht; funktional vergleichende Arbeiten zu Recht und Literatur als Medien kultureller Kommunikation; Analysen zu Literatur und Recht unter historischen Gesichtspunkten, schließlich Fragen nach der moralethischen Wirkung von Literatur und Kunst. Zu erweitern ist diese Auflistung noch durch die bereits eingeführten Forschungen zu Dichterjuristen, poetischer Gerechtigkeit, Gattungstheorie und -geschichte vor allem der Kriminalliteratur, zur Zensur und die in den USA aufgekommene Konzeption von »law as literature« – ein außerordentlich heterogenes Feld also.


Thomas Weitin, Recht und Literatur. Münster: Aschendorff 2010. 168 S.

Thomas Weitin gibt in seiner Monographie Recht und Literatur eine »Einführung in das komplizierte Verhältnis und die wechselseitige Wahrnehmung« (S. 8) beider. Das knappe Bändchen ist nicht als systematische Darstellung entworfen, acht Einzelkapitel führen vielmehr je in wichtige Aspekte des Themas ein. Die Kunstrichter von Karlsruhe (S. 11–21) behandelt am Beispiel des vieldiskutierten Urteils des Bundesverfassungsgerichts zu Maxim Billers Esra den rechtshistorisch jungen Konflikt zwischen Persönlichkeitsrecht und Kunstfreiheit, für die die literaturwissenschaftliche Kategorie der Fiktionalität eine entscheidende Rolle spielt: »Die Abwägung zwischen Kunstfreiheit und Persönlichkeitsrecht ist genuin juristisch. Sie greift mit der ›kunstspezifischen Betrachtung‹ auf literaturwissenschaftliches Wissen zurück, das sich nicht widerspruchslos für eine juristische Argumentation einspannen lässt« (S. 12). Während Fiktionalität im literaturwissenschaftlichen Diskurs sehr kontrovers diskutiert und nicht selten aufgrund panfiktionalistischer Grundaxiome problematisiert wird oder gar zur Disposition steht, soll sie im juristischen Diskurs als scharf unterscheidende Kategorie fungieren, die über Erlaubtes und Verbotenes befindet und damit erhebliche Folgen für die Betroffenen haben kann. Juristen müssen entscheiden, Literaturwissenschaftler nicht, so Weitin. Entwicklungen der Rechtsprechung und der Literaturgeschichte, insbesondere die Genieästhetik, werden von Weitin parallelisiert, hätten aber durchaus schärfer auf den Konflikt beider Systeme zugespitzt werden können. Der Folgeabschnitt (Was heißt: Darstellung des Rechts?, S. 22–36) beginnt mit einer Analyse von Kleists Drama Der zerbrochne Krug. Der Fall eines Richters, der über sich selbst richten soll, ist alt; er reicht bis auf die Geschichte des Königs Ödipus zurück. Die Gestaltung des juristischen Diskurses orientiere sich, so Weitin, an der zeitgenössischen Rechtsentwicklung, die der Dichterjurist Kleist reflektiere und dramaturgisch nutze.
Geschmacksurteile (S. 37–42) sind subjektiv, aber auf soziale Zustimmung angelegt und können daher, so Kant, im Recht nicht angewendet werden. Weitin rekonstruiert Savignys gegen den Code Napoléon gerichtete Position, »das Recht müsse historisch wachsen und sich unter den je spezifischen kulturellen Bedingungen eines Volkes entwickeln. Es könnte daher nicht durch einen willkürlichen Gesetzgebungsakt, sondern allein durch den sich selbst erkennenden ›Volksgeist‹ erzeugt werden« (S. 42). Anschließend  widmet sich Weitin der Hermeneutik Savignys und Schleiermachers (S. 43–69)  und zeichnet die spätere Kritik durch Gadamer nach. Ein weiterer Abschnitt gilt der Dekonstruktion des Rechts (S. 64–74) – mit einer kritischen Darstellung Derridas –, wonach Kafkas Vor dem Gesetz als Präambel gelesen wird. Das Folgekapitel befasst sich mit Niklas Luhmanns Rechtssoziologie (Recht und Literatur als Systeme, S. 75–87). Kritisch diskutiert Weitin im Anschluss an die Kontroverse zwischen Habermas  und Luhmann die Frage, »inwieweit uns die Systemtheorie ohne jeden Kritikbegriff helfen kann, das Verhältnis von Recht und Literatur historisch und systematisch zu erfassen« (S. 88). Der Abschnitt Diskurstheorie und Poetik des Wissens (S. 88–107) greift daher folgerichtig auf Foucault zurück. Allerdings handelt es sich wohl um ein Scheinproblem, da Weitin hier ein normatives Element in einer auf Deskription ausgerichteten Theorie vermisst, dass innerhalb der Systemtheorie auf der Ebene der Kommunikation reformulierbar wäre. Abschließend wird anhand von Jacob Grimms Festansprache zum hundertsten Geburtstag von Friedrich Schiller die Herausbildung des Konzepts des Urheberrechts und geistigen Eigentums (S. 108–131) mit Ausblick auf die Probleme, die das Internet bietet, dargestellt.
Das Buch bietet einen ersten Überblick, lässt aber auch viele Wünsche offen. Aufgrund seiner exemplarischen Vorgehensweise und des heterogenen Charakters bietet es in vielerlei Hinsicht zu wenig – eine Liste dessen, was alles nicht in diesem Buch vorkommt, aber für den Komplex zentral ist, wäre sehr ausführlich. Andererseits stellt sich die Frage, ob die kritische Auseinandersetzung mit Derridas Dekonstruktion oder Luhmanns Rechtssoziologie in der vorliegenden Form nicht überflüssig ist. Die Einzeltextanalysen sind aufschlussreich, häufig plausibel, manchmal erschließt sich aber auch der Gewinn nicht direkt – ob es ertragreich ist, Kafkas Vor dem Gesetz als Präambel zu bestimmen, oder ob es ein schöner, aber unnötiger Schnörkel ist, sei dahingestellt. Die Verknüpfung der einzelnen Argumentationsteile ist oftmals eher metaphorisch und atmosphärisch, nicht zwingend.[1] Historisch ist das Buch nicht allzu tiefenscharf; es setzt teilweise bereits Kenntnisse voraus, um die Ausführungen einordnen zu können, was dem Einführungscharakter zuwiderläuft. Wenig Material ist eingearbeitet, der Forschungsstand ist nicht erkennbar präsent – man vermisst die Tugenden der alten Bände der Sammlung Metzler schmerzlich.


Claude D. Conter (Hg.), Literatur und Recht im Vormärz. Bielefeld: Aisthesis 2010 [Forum Vormärz Forschung Jahrbuch 15 (2009)]. 286 S.

Zwei umfangreiche Sammelbände zum Thema hat Claude D. Conter zusammengestellt. Der eine bündelt Beiträge zum Verhältnis von Literatur und Recht im Vormärz und ist als 15. Forum Vormärz Jahrbuch erschienen, der andere versammelt als 73. Band der Amsterdamer Beiträge zur neueren Germanistik Studien zu Justitiabilität und Rechtmäßigkeit. Verrechtlichungsprozesse von Literatur und Film in der Moderne. Die beiden Bände bieten reichhaltige, breit gestreute Erträge, verbinden verschiedene methodische Zugänge zum Thema.
Die erste Sektion des FVJ ist den vielfältigen Wechselbeziehungen zwischen Rechts- und Literatursystem gewidmet. Sie wird eröffnet von einem luziden Aufsatz von Michael Niehaus, der Gutachterlichkeit (S. 23–40) als die Sprechweise analysiert, die die Subjektposition eines Gutachters ausdrückt und im Kontext der sich ausdifferenzierenden Disziplin der Kriminalpsychologie entwickelt wird. Diese Position sei von der Aporie bestimmt, dass der Gutachter für den Begutachtenden sprechen soll, gleichzeitig aber völlige Macht über ihn ausübe. Das ist ein uralter Foucault’scher Hut; der Gewinn des Beitrags liegt in den Ausführungen zum Fall Woyzeck und zu Büchners Einwand gegen die Gutachterlichkeit des Carus-Gutachtens. Zum Fall Woyzeck (S. 41–58) und dem drängenden Problem der Schuldfähigkeit eines Wahnsinnigen legen Holger Steinberg und Sebastian Schmideler eine rechts- und psychiatriehistorische Fallrekonstruktion mit drei neuen Quellen vor. – Wilfried Sauter (Freiheitskampf und Strafgericht. Das Zuchthaus als Lebensort revolutionärer Publizisten und als Objekte des politischen Diskurses, S. 59–79) untersucht die Darstellung von Haftbedingungen, unter denen Demokraten (August Röckel, Otto Leonhard Heubner, Theodor Mögling, Otto von Corvin, Gottfried Kinkel, August Peters, Georg Friedrich Schlatter) wegen ihrer Teilnahme an revolutionären Aktivitäten einsaßen. Gegen sie wurde Einzelhaft verhängt, um sie von den anderen Gefangenen zu trennen. Abgeschlossen wird diese erste Sektion von einem informativen Aufsatz von Christine Haug zu Ernst Steiger, einem deutsch-amerikanischen Zeitungsagenten, Verleger, Buchhändler und Nachdrucker in New York (S. 81–103), der das bis in die neunziger Jahre florierende Geschäft mit deutschsprachiger Literatur in Nordamerika betrieb und zwischen dem deutschen Buchmarkt und seiner Auffassung vom Buch als Kulturgut und dem amerikanischen Buchmarkt, dem das Buch als Handelsware galt, vermittelte. Haug arbeitet die widerstreitenden Auffassungen vom geistigen Eigentum und die zugrunde liegenden unterschiedlichen wirtschaftlichen und juristischen Bedingungen heraus.
Der zweite Abschnitt zu Rechtverhandlungen in der Vormärzliteratur versammelt vier Aufsätze, die sich mit Kriminalitätsdarstellungen befassen. Joachim Linder, der derzeit beste Kenner auf diesem Gebiet, untersucht Adolph Müllners Kaliber als Gründungstext der sich formierenden Kriminalliteratur (S. 105–121). Die Erzählung entsteht im Kontext einer Wandlung des Strafverfahrens, zugleich markiert sie Müllners Versuch, sich im literarischen Genre der Kriminalliteratur auf dem Markt zu etablieren. – Der im zweiten Band des Neuen Pitaval dargestellte Fall Peter Anton Fonk ist eines der ersten Beispiele für die Beobachtung eines Strafverfahrens durch die Öffentlichkeit während seines gesamten Verlaufs. Anna Busch arbeitet in ihrem Beitrag (Julius Eduard Hitzig und die öffentlichkeitswirksame Popularisierung des Rechts, S. 122–136) die erzählerischen Aspekte der Aufarbeitung dieses herausragenden Falls heraus. – Der Wiener Fall Jarosznyski, dessen fiktionale Darstellungen durch Adolf Bäuerle und Carl Haffner Barbara Tumfahrt (S. 137–153) untersucht, wurde hingegen in einem Geheimverfahren behandelt, so dass die Literarisierungen kaum über gesicherte Informationen verfügen konnten, spekulieren mussten (oder besser ungehindert durften) und folglich die sensationalistischen Aspekte des Falls in den Vordergrund stellten. – Abschließend arbeitet Peter Rippmann (155–172) das Rechts- und Gerechtigkeitsdenken Jeremias Gotthelfs heraus, dessen Justizdarstellungen aus christlich fundamentalistischer Perspektive die Unterscheidung von Recht und Gerechtigkeit nahezu aporetisch profilieren.
Drei Beiträge zu rechtshistorischen und -philosophischen Fragen beschließen den Themenschwerpunkt des Jahrbuchs. Kaspar Renner (Wie poetisch ist das Recht? Jacob Grimm zwischen Etymologie und Topik, S. 173–188) zeigt, dass Grimms Qualifizierung des germanischen Rechts davon bestimmt ist, wie eng es mit der Lebensrealität verknüpft ist. Christoph Schmidt-Maaß untersucht die Poetologie der Rechtsprechung bei Savigny und den Brüdern Grimm (S. 189–204) und abschließend widmet sich Eva Maria Werner dem Rotteck-Welckerschen Staatslexikon (S. 205–219).


Claude D. Conter (Hg.), Justitiabilität und Rechtmäßigkeit. Verrechtlichungsprozesse von Literatur und Film in der Moderne. Amsterdam, New York: Rodopi 2010. 286 S.

Der zweite Sammelband verfolgt das Ziel, so Conter, »den Blick für die Interdependenz von Literatur/Film und Recht anhand von Fallbeispielen vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart hinein nachhaltig zu schärfen«, so dass das »Recht in einem höheren Maße als bisher als eine für die Literatur relevante Dimension wahrgenommen« (S. 7) werden solle. Conter plädiert für eine literatursoziologische Modellierung des Gegenstands, die berücksichtige, dass Verrechtlichungsprozesse für die Literaturgeschichte formative Auswirkungen habe. Konkret heißt das, dass Phänomene wie die Kunstautonomie, Plagiate und Zensur anders als bisher üblich in den Blick zu nehmen sind. Literatur und Film geraten immer wieder zwischen die Mühlen der Justiz, und wenn sich Literaturwissenschaftler dazu äußern, tun sie das in der Regel ohne weiteres Nachdenken als Partei. Hier ist nun kein Wechsel auf die andere Seite vonnöten, sehr wohl aber Selbstreflexion, wie sich in der intensiven Diskussion zu Billers Esra beobachten lässt.[2]
Den juristischen Konflikt von Persönlichkeitsrecht und Kunstfreiheit behandeln die ersten drei Aufsätze. Zwei Fälle bilden Einschnitte in der einschlägigen deutschen Rechtsprechung. Die 1971 gefällte Entscheidung zu Klaus Manns Mephisto, bei der zugunsten des verstorbenen Gustaf Gründgens entschieden wurde, erwies sich als maßgeblich für die folgenden vergleichbaren Prozesse. Anja Schiemann (Persönlichkeitsrechtsverletzung contra Kunstfreiheit. Die Mephisto-Entscheidung und ihre Auswirkung auf die neue Rechtsprechung, S. 27–46) weist darauf hin, dass sich im Verlauf der Jahrzehnte die abweichende Tendenz abgezeichnet hatte, in der Abwägung beider Normen zunehmend zugunsten der Kunstautonomie zu entscheiden, die im Urteil zu Maxim Billers Esra teilweise wieder zurückgenommen wurde. Eva Inés Obergfell hebt am Esra-Urteil (S. 65–81) einen anderen wichtigen Aspekt hervor. Die Entscheidung des BVerfG ist nur mit knapper Mehrheit gefällt worden. In den beiden abweichenden Voten ist als Novum die kunstspezifische Betrachtungsweise eingefordert und damit in die Urteilsfindung eingeführt worden, so dass als Folge die Einzelfallabwägung wichtiger werde. – Nina Birkner und York-Gothart Mix analysieren die beiden österreichischen Fälle von Thomas Bernhards Holzfällen und Walter Gronds Der Soldat und die Schöne (S. 47–67) mit Blick auf die ästhetischen Aspekte. Beide sind Schlüsselliteratur, unterscheiden sich jedoch in ästhetischer Hinsicht deutlich voneinander: »Bernhards Roman« sei »im Unterschied zu Gronds Text weniger eine persönliche Invektive als vielmehr eine autobiographisch veranlasste, kritisch-literarästhetische Positionierung im Sinne Bourdieus sowie eine Generalabrechnung des Autors mit sich selbst und dem österreichischen Kulturbetrieb« (S. 48). – Gertrud Maria Röschs Beitrag zur Debatte um Norbert Gstreins Handwerk des Tötens (Wem gehört eine Geschichte? Über die Möglichkeiten und Grenzen der Fiktionalisierung von Realität, S. 217–226) problematisiert die komplexe Verarbeitungsweise von Faktenmaterial in schlüsselliterarischen Texten.
Urheberrechtskonflikte bilden den Schwerpunkt der folgenden Gruppe. Vor allem Plagiate werden im juristischen Kontext anders behandelt als im literarisch-künstlerischen. Hier gibt es ein weites Feld legitimer literarischer Verfahren, die mit Urheberrechtsansprüchen konfligieren: Intertextualität, Verwendung bekannter Stoffe und Motive, dokumentarische Verfahren, Montage sind besonders auffällige Beispiele. Sogar die Stoffrecherche kann justitiabel werden, wie die erfolglose Klage von Michael Baigent und Richard Leigh, den Autoren von The Holy Blood and the Holy Grail (1982), gegen Dan Brown und dessen Da Vinci Code (2003) gezeigt hat. In zwei Beiträgen wird erkennbar, welche Probleme hier lauern. Robert Gillett (Späte Entlarvung oder üble Nachrede?, S. 85–96) weist die Behauptung Peter Härtlings zurück, wonach Hubert Fichtes Erzählung Devotionalien und Paramente ein Plagiat der Erzählung Bischof – toll geworden von Heimito von Doderer sei. In einer detaillierten Textanalyse zeigt er, dass »Doderers ganzer Text bei Fichte eine Abwandlung erfährt, so dass er noch erkennbar, aber dennoch ganz anders ist« (S. 92). Doderers Erzählung fungiert als Prätext, zu dem sich die Fichtes kommentierend verhält – im Übrigen basiert jene bereits auf einer von Erasmus mitgeteilten Anekdote. Einen anderen Fall, die Verwendung eines Autors und seines Werks als Material, konkret Klaus Schlesingers für Peter Schneider, stellt Astrid Köhler dar (Plagiat oder Intertextualität?, S. 97–106). Dabei nimmt sie, zwar zurückhaltend, doch unverkennbar, Wertungen vor, die den Sachverhalt eher verunklären und am deutlichsten am Schluss hervortreten. »Eher im heuristischen denn im theoretischen Sinne möchte ich […] von parasitärer Intertextualität sprechen. Parasitär nicht nur wegen der fehlenden Intertextualitätssignale, sondern auch deswegen, weil es Schneiders ›Berliner Trilogie‹ ohne Schlesinger in dieser Verfasstheit nicht gäbe; ohne Schneider gäbe es aber noch immer sämtliche Werke Klaus Schlesingers« (S. 106). Auf die anrüchigen Konnotationen dieser Bezeichnung muss nicht eigens hingewiesen werden, wohl aber darauf, dass diese Kriterien auch für nichtparasitäre Intertextualität gelten können, also nicht trennscharf sind. – Dass die amerikanische Copyright-Regelung auch produktionsästhetisch folgenreich geworden ist, zeigt Stephan Packard am Beispiel von Superman (S. 109–126). Entwicklungen der Rechtssituation in den USA haben Konsequenzen für die Gesamtnarration dieses populären Mythos gehabt, so dass hier ein aufschlussreiches Beispiel für den Einfluss juristischer Rahmenbedingungen gegeben ist.
Zu den traditionell wichtigen Konfliktfeldern zwischen Justiz und Literatur zählt die Zensur, die im vorliegenden Band anhand literarischer und filmischer Beispiele dargestellt wird. Sichtbar wird der Eingriff des Zensors, so Bodo Plachta (S. 129–147), an Lücken, Strichen und Einschwärzungen. Erst mit dem Zensurgesetz Kaiser Franz II. vom 30. Mai 1795 ist die sichtbare Dokumentation eines solchen Eingriffs eingeführt worden. Damit wurde öffentlich nachvollziehbar, wann und wo zensiert wurde; zugleich setzen öffentliche Diskussionen ein, wie nicht nur die Klassiker Heine und Börne, sondern auch Beispiele aus der jüngeren Literatur – Brecht, Delius, Biller – zeigen. – Die unautorisierte Veröffentlichung des Briefwechsels zwischen Gellert und Rabener ist nicht nur als Raubdruck ein ökonomisches Faktum, vielmehr beschreibt Johannes Birgfeld diesen Vorfall als politische Stellungnahme des Verlegers (S. 149–167). Die Briefe sind Beispiel empfindsamer Kommunikation, behandeln aber die »erniedrigende Erfahrung des Lebens unter preußischer Fremdherrschaft« (S. 159). – Johannes R. Becher ist in der Weimarer Republik häufiger in juristisches Kreuzfeuer geraten. Michael Ansel analysiert diese Konflikte und modelliert sie als Konflikte zwischen Akteuren des literarischen und des juristischen Feldes (S. 169–186). – Weitere einschlägige Zensurfälle der Filmgeschichte sind Resultate des Jugendschutzgesetzes. Jörg von Brincken (S. 229–244) stellt Jörg Buttgereits Nekromantik 2 als besonders brisanten »Sachverhalt einer praktizierten Totalzensur und Prohibition« (S. 230) dar, die erst durch das Gutachten von Knut Hickethier abgewendet wurde. Just Jaeckins Histoire d’O ist seit Jahrzehnten indiziert, obwohl angesichts des Wandels der Öffentlichkeit mittlerweile wesentlich drastischere Filme problemlos zugänglich sind. Oliver Jahraus (S. 245–263) zeigt in einer detaillierten Analyse, dass sich die jugendgefährdende Wirkung unter dem analytischen Blick verflüchtigt. Das gleiche ließe sich über eine ganze Reihe von Filmen sagen, die in den achtziger Jahren im Gefolge des Videobooms indiziert wurden. Daraus wäre die Forderung abzuleiten, die Gültigkeit von Indizierungen auf genau definierte Zeiträume zu begrenzen, um Dauerverbote zu verhindern. – Aufschlussreich ist Martin Rehfeldts Analyse von Antoine Fuquas King Arthur (S. 265–281). Der Vergleich der ab 12 freigegebenen Kinofassung mit dem Regisseursschnitt (Freigabe ab 16), ergibt eine gravierende Veränderung der Semantik des Films. Die jugendfreie Version mag zwar weniger Gewalt zeigen, aber »durch die Schnitte« wird »aus einem Film, der auf Kämpfen und Töten ausgerichtete Persönlichkeits- und Gruppenstrukturen analysiert und dabei die strukturellen Gewaltsamkeiten der sich Bekämpfenden zeigt, ein Film, der die entsprechenden Verhaltensmuster, die politisch in eine Übertragung der militärischen Befehlshierarchie auf die gesamte Gesellschaft münden, propagiert, sofern sie einer als gut postulierten Sache dienen – konkret der nationalen Selbstbehauptung« (S. 278).

Mit dem Büchlein von Weitin liegt ein erster Systematisierungsversuch vor, der trotz seiner Mängel in die richtige Richtung geht und zeigt, wie die heterogenen Themenfelder und Fragestellungen gebündelt werden könnten. Angesichts der derzeit grassierenden Tendenz zum Handbuch wäre auch für dieses Feld eine integrierende Bestandsaufnahme wünschenswert, die die verstreute Forschung aufarbeitet und evaluiert und vor allem dem Problem des Verlusts oder leider in letzter Zeit häufigeren Ignorierens älterer Wissensbestände entgegenarbeitet. In den vorliegenden Büchern ist auch zu erkennen, dass der literaturwissenschaftliche Blick perspektivisch vielfältiger geworden ist. Die Entscheidung zu Esra scheint Chancen für die Selbstreflexion des Faches zu bieten. Anja Schiemann plädiert in ihrer Urteilskritik dafür, Literaturwissenschaftler als Gutachter heranzuziehen und dem Aspekt der Fiktionalität mehr Geltung zu verleihen. Nun sind solche Gutachten immer wieder in Auftrag gegeben worden, etwa in den Pornographieprozessen der 1960er Jahre, und der Einbezug von Fachkompetenz ist sicher wünschenswert. Schwieriger ist die zweite Forderung. Gerade Fiktionalität ist ein echtes Problem. Solange selbst über Grundfragen der Fiktionalität kein Konsens zu erzielen ist, gesellschaftlich als nichtfiktional geltende Gattungen wie Autobiographien und Reiseberichte in Teilen des wissenschaftlichen Diskurses terminologisch höchst unscharf als fiktional gelten, wird literaturwissenschaftliche Hilfe für juristische Erfordernisse wenig attraktiv bleiben. Wollen Literaturwissenschaftler hier eine wichtige Rolle spielen und Verantwortung übernehmen, müsste sich das wohl ändern. Andererseits liegt hier aber auch ein Sachproblem vor, da Fiktionalität im Rechtssystem andere Funktionen haben soll. Das juristische Erfordernis zielt auf die Komplexitätsreduktion eines schwierigen vielschichtigen Sachverhalts zu einer simplen binären Entscheidung. In welche Richtung wir hier gehen wollen und können, wird sich zeigen.


Prof. Dr. Hans-Edwin Friedrich, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien, Leibnizstr. 8, D-24118 Kiel; E-Mail: hefriedrich@ndl-medien.uni-kiel.de


Anmerkungen

[1] Ein Beispiel: »Für die Literaturtheorie nach Lessing ist klar, dass das Drama als die unbedingt vorzüglichste Form der Dichtung zu gelten hat, weil in ihm, anders als in der Erzählung oder im Roman, ein unmittelbarer Ausdruck des Menschen möglich ist. Aus eben diesem Grund wird das Gerichtsverfahren vom Urteilen nach Aktenlage auf die neue Institution der mündlichen Hauptverhandlung umgestellt, in der alles, was in den Akten steht, wie auf dem Theater zur Sprache kommen und in Augenschein genommen werden muss. Das Recht wird dramatisch und kommt damit einer jahrtausendealten literarischen Form entgegen« (S. 20). [zurück]

[2] So etwa in: Remigius Bunia, Fingierte Kunst. Der Fall Esra und die Schranken der Kunstfreiheit. In: IASL 32 (2007), H. 2, S. 161–182; Albert Meier, Kunstfreiheit vs. Persönlichkeitsschutz. Maxim Billers Esra zwischen Poesie und Justiz. In: Hans-Edwin Friedrich (Hg.), Literaturskandale. Frankfurt/M. u.a. 2009, S. 217–230. [zurück]