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In: KulturPoetik 2011, Heft 2

Autor

Caroline Frank

Titel

Die Literaturwissenschaften und der Spatial Turn
(1) Wolfgang Hallet/Birgit Neumann (Hg.), Raum und Bewegung in der Literatur. Die Literaturwissenschaften und der Spatial Turn. Bielefeld: transcript-Verlag 2009. 409 S.
(2) Katrin Dennerlein, Narratologie des Raumes. Berlin, New York: de Gruyter 2009. 247 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Nicht erst seit Bachmann-Medicks Zusammenstellung der kulturwissenschaftlichen Turns[1] hat der Spatial Turn einen festen Platz in der stetig wachsenden Reihe an proklamierten Wenden der Geisteswissenschaften. Die große Zahl an Veröffentlichungen zum Thema ›Raum‹, die alle mehr oder weniger transparent auf den 1989 vom Humangeographen Edward Soja auf den Begriff gebrachten Spatial Turn rekurrieren, legt dabei nahe, mit Soja im Spatial Turn ein besonders dominantes und einflussreiches Forschungsfeld zu sehen. Für ihn ist die Wende zum Raum auch eine epistemologische: Im Anschluss an Lefebvre und Foucault de-naturalisiert er den Raum und konzipiert ihn als kulturell konstruierte Größe. Demgegenüber befürchten viele seiner humangeographischen Kollegen eine mit dem Turn verbundene Essentialisierung des Raumes und somit einen Rückfall in atavistische weil materialistische Denkmuster.[2] Auch interdisziplinär konkurrieren verschiedene Konzepte sowohl bezüglich der epistemologischen Implikationen des Turn als auch im Hinblick auf die Definition des Untersuchungsgegenstandes ›Raum‹. Und vielleicht ist es gerade diese fehlende Determination, die das Raumparadigma und damit den Turn so wirkungsmächtig werden lässt: Denn schließlich kann jetzt jede Disziplin – und vielleicht sogar jeder Raumforscher? - ganz nach Belieben bestimmen, wie der Spatial Turn im Detail verstanden und in der Forschungspraxis umgesetzt werden soll.
So herrscht auch in der Literaturwissenschaft Uneinigkeit, welcher Raumbegriff die Forschung am ehesten befördern könne: Während Katrin Dennerlein etwa in ihrer 2009 erschienenen Narratologie des Raumes ein ›konservatives‹ Container-Konzept favorisiert, suchen die Beiträge des Sammelbandes Raum und Bewegung in der Literatur. Die Literaturwissenschaften und der Spatial Turn Anschluss an kulturwissenschaftliche Raumkonzepte. Dabei zeigt ein Vergleich beider Publikationen, dass diese konzeptuellen Differenzen weniger einem unauflösbaren innerdisziplinären Dissens geschuldet sind als vielmehr gänzlich unterschiedlichen Erkenntnisinteressen.


Wolfang Hallet/Birgit Neumann (Hg.): Raum und Bewegung in der Literatur. Die Literaturwissenschaften und der Spatial Turn. Bielefeld: transcript-Verlag 2009. 409 S.

Der Sammelband Raum und Bewegung in der Literatur. Die Literaturwissenschaften und der Spatial Turn ist die erste Aufsatzsammlung im deutschsprachigen Raum, die antritt, die Beziehung der Literaturwissenschaften zum Spatial Turn methodisch und konzeptuell klarer zu fassen. Dem Konzept der kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft verpflichtet, analysieren die Beiträge literarische Räume als Medien der Repräsentation und der Erzeugung kultureller (Raum-)Diskurse. Erfreulicherweise hält der Band, was sein Untertitel verspricht, indem er germanistische, romanistische und anglistische Forschung und damit in der Tat »Literaturwissenschaften« zum Thema Raum zusammenführt. Einen arbeitspraktischen Raumbegriff, der für jeden Beitrag gleichermaßen gilt, wird man bei der Lektüre jedoch vergeblich suchen – und dies aus gutem Grund: Denn literaturwissenschaftliche Forschung ist nicht auf den konkreten Raum der erzählten Welt beschränkt, sondern kann ›Raum‹ auch als ›Verräumlichung‹ von Wissenskategorien verstehen.
Im einleitenden Artikel Raum und Bewegung in der Literatur begründen die Herausgeber Birgit Neumann und Wolfgang Hallet ihre Entscheidung, einen dominant konzeptuell-methodischen Zugang zum literarischen Raum zu wählen: erstens trage eine Erfassung literatur- und kulturwissenschaftlicher Raumkonzepte dazu bei, »neue Perspektiven auf literarische Texte und deren Beitrag [zur] Konstruktion kultureller Raumordnungen« (S. 12) zu eröffnen; zweitens sei eine Methodenreflexion in der literaturwissenschaftlichen Raumanalyse notwendig, um an sozial- und kulturwissenschaftliche Raumkonzepte anzuschließen und andere Disziplinen auf den genuin literaturwissenschaftlichen Beitrag zur Raum-Wende aufmerksam zu machen; und schließlich erleichtere drittens ein methodischer Zugang interessierten Studierenden den Einstieg in die Thematik. Dieses ambitionierte und klar auskonturierte Programm scheint durch einen Blick in das Inhaltsverzeichnis bestätigt: Alle 19 Beiträge lassen bereits in ihrer Titulierung eine konzeptuelle Ausrichtung erkennen.
Der Band gliedert sich in vier Teile (I. Raumkonzepte (in) der Literaturwissenschaft / II. Kulturelle Wissensräume (in) der Literatur / III. Raumerfahrungen und Subjektverortungen / IV. Gattungsspezifische Perspektiven auf Raum und Bewegung), wobei die Herausgeber im ersten Beitrag, der zielsicher und verständlich in die Thematik einführt, allerdings darauf verzichtet haben, diese Gliederung zu begründen und zu erläutern. Das ist insofern misslich, als zwar die ersten drei Teile leicht an die in der Einleitung genannten Forschungsfelder rückgebunden werden können, für den vierten Teil eine solche Verbindung zum programmatischen ersten Artikel aber nicht zu erkennen ist. Als Leser stellt man sich die Frage, warum die konzise Zusammenstellung von »bisher vernachlässigten Phänomenen der Raumdarstellung in der Literatur« (S. 20), deren Spektrum von »Raum und Bewegung« über »kulturelle Räume, literarische Raum-Repräsentation und Raumpoiesis« bis hin zu »Medialität und Materialität von literarischen Raumrepräsentationen« reicht, nicht auch gleichzeitig als Gliederungsraster des Bandes dient.
Die Beiträge des ersten Teils bestechen allesamt durch Methodentransparenz und Stringenz. So widmet sich beispielsweise Ansgar Nünning mit gewohnt narratologischer Ausrichtung der Entwicklung eines Analyserasters, das mehrere Ebenen der literarischen Raumdarstellung berücksichtigt. Er schlägt vor, zwischen einer paradigmatischen Achse der Selektion, einer syntagmatischen Achse der Verknüpfung und einer diskursiven Achse der Perspektivierung erzählter Räume zu unterscheiden (S. 39) - und kombiniert damit gewinnbringend Ansätze der strukturalen und postklassischen Narratologie: Im Anschluss an die strukturale Raumanalyse Lotmanscher Provenienz sollte eine umfassende Analyse des erzählten Raumes, so Nünning, sowohl die Beziehung der Teilräume zueinander als auch deren diskursive Perspektivierung berücksichtigen. Der Tatsache, dass erzählte Räume jedoch auch auf das Außerhalb des Textes referieren, trägt die paradigmatische Dimension Rechnung: Neben intertextuellen Bezügen sind es besonders Bezüge zu realen Räumen und kulturellen Raummodellen, die Nünnings Mehr-Ebenen-Analyse um Untersuchungskategorien der postklassischen Narratologie erweitern. In der Artikelchronologie folgt der Beitrag unmittelbar auf die Einleitung – und ist damit klug positioniert, da er neben dem Analyseraster auch wichtige Forschungslinien der literaturwissenschaftlichen Raumanalyse überblicksartig erläutert und Desiderate der Raumforschung benennt.
In den verbleibenden Artikeln des ersten Teils gelingt eine Synthese von konzeptuellen und konkret analysepraktischen Gesichtspunkten:[3] Wolfgang Hallet weist am Beispiel dreier Romane (Paul Austers City of Glass, Winfried Georg Sebalds Austerlitz und Andrea Levys Small Island) eine Tendenz zur De-Naturalisierung des Raumes in der Gegenwartsliteratur nach. Er definiert die von ihm als ›Fiction of Space‹ bezeichnete Prosa als ein fiktionales Modell semiotischer Raumkonstitution, das den selektiven und kohärenzerzeugenden Charakter räumlicher Wahrnehmung und damit deren Abhängigkeit vom wahrnehmenden Subjekt offen ausstellt. Die Leistung einer kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft nach dem Spatial Turn besteht laut Hallet nun darin, auch diese De-Naturalisierung des literarischen Raumes als kulturelles Phänomen zu betrachten, welches es mithilfe transdisziplinärer Strategien (i.e. kulturwissenschaftlicher Raumkonzepte) zu analysieren gilt.
Mit der Bedeutung von travelling concepts für die Untersuchung der literarischen Raumdarstellung befasst sich die Anglistin Birgit Neumann: Anhand der Interpretation von kolonialer und postkolonialer Literatur zeigt sie auf, wie die genuin literaturwissenschaftlichen Konzepte der imagined geography, des third space und der contact zone auch nach ihrer Einverleibung in den kulturwissenschaftlichen Methoden-Mainstream für eine Analyse des literarischen Raumes nutzbar gemacht werden können. Dem im Titel des ersten Teils - Raumkonzepte (in) der Literaturwissenschaft - evozierten zweifachen Erkenntnisinteresse an 1.) kulturwissenschaftlichen Raummodellen, die aus literaturwissenschaftlicher Sicht anschlussfähig erscheinen, sowie 2.) an literaturwissenschaftlichen Raumkonzepten, die den aktuellen kulturwissenschaftlichen Raum-Diskurs bereichern können, wird die Selektion der Beiträge also gerecht.
Mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung untersuchen die Artikel des zweiten Teils die Verbindung zwischen Wissen und Raum. Laut Kirstin Dickhaut besteht eine – man könnte sagen – anthropologische Konstante darin, dass der Mensch Wissen immer auch räumlich denkt, »wobei Metaphern von der narratologischen ›Perspektive‹ bis zur ›Höhe und Tiefe‹ etwa auch des literarischen Kanons jeweils eine spezifische Raumvorstellung von Wissensspeicherung mitprägen« (S. 234). Flaubert konterkariert, so das Ergebnis ihrer Analyse, in seinem Roman Bouvard et Pécuchet das räumliche Motiv ›Bibliothek‹, indem er das enge Verhältnis zwischen Wissen und Raum auflöst und damit die konkret-räumliche wie metaphorische Ordnungsfunktion der Bibliothek zur Disposition stellt. Dass Literatur, wie der Titel des zweiten Teils - Kulturelle Wissensräume (in) der Literatur - nahelegt, sowohl selbst einen kulturellen Wissensraum darstellt als auch Wissensräume kreieren kann, exemplifiziert Jan Rupp anhand von Erinnerungsräumen in der Literatur, die »sich stets [auch] im intertextuell vernetzten Raum des literarischen Gedächtnisses konstituieren« (S. 182). Teil zwei des Sammelbandes ergänzt also den hauptsächlich an der diskursiven Bedeutung von literarischen Räumen interessierten ersten Teil um eine Analyse spezifisch literaturwissenschaftlicher Raum-Metaphorik.
Der literarische Raum trägt jedoch nicht nur Bedeutung, indem er auf außertextuelle (Raum-)Diskurse referiert. Bereits Gerhard Hoffmann hat in seiner wegweisenden Typologie des literarischen Raumes[4] darauf aufmerksam gemacht, dass dieser auf der textinternen Ebene eng mit den anderen Konstituenten der epischen Situation - Zeit, Figuren, Handlung - verwoben ist. Die Beiträge des dritten Teils - Raumerfahrungen und Subjektverortungen - fokussieren nun das intrikate Verhältnis zwischen Raum und Figur, wobei auch hier der Versuch, Theoreme anderer Disziplinen heranzuziehen, deutlich zu erkennen ist. Besonders in literarischen Texten lässt sich, so Hallet und Neumann, »anhand individueller Akteure und konkreter Handlungen erfahrungsnah beobachten, dass der ›Raum als eine relationale (An)Ordnung von Körpern‹ verstanden werden muss, ›welche unaufhörlich in Bewegung sind, wodurch sich die (An)Ordnung selbst ständig verändert‹ (Löw 2001: 131)« (S. 20). Gerade die Bezugnahme auf die Raum-Definition der Soziologin Martina Löw scheint dabei besonders gewinnbringend, ermöglicht sie doch eine dynamische Konzeption der Text-Diegese als im Werden begriffene, die sich eigentlich erst durch die Bewegungen der Figuren und deren Syntheseleistungen konstituiert.[5]
Figurale Bewegungsmuster, so Doris Bachmann-Medick, tragen immer auch symbolische Bedeutung. Der Behauptung, die »Selbstverortung europäischer Subjekte vom 18. Jahrhundert bis heute [folge] – auch in der Literatur – einem kulturell dominanten, expansiven Bewegungsmuster« (S. 259), widerspricht sie anhand zahlreicher Textbeispiele. Besonders nachhaltig werde die figurale Progression dann unterbrochen, wenn sich auch die realweltliche Raumwahrnehmung durch das Einbrechen eines ›Anderen‹ destabilisiere. Dieses ›Andere‹, das im 18. Jahrhundert noch die Seele gewesen sei, könne man im 21. Jahrhundert mit dem Verlust an Raumorientierung durch den Globalisierungsprozess und die mit ihm einhergehenden interkulturellen Herausforderungen in Verbindung bringen. So werde in der Gegenwartsliteratur zwar immer noch auf Muster des expansiven Schritt-für-Schritt-Gehens zurückgegriffen, diese stünden aber in Konkurrenz zu Bewegungsformen wie Schwindel und Sturz, die eher in der Lage seien, Irritationen in der Subjektverortung auszudrücken. Außerdem fänden die Bewegungsmuster auf der figuralen Mikroebene mitunter eine Entsprechung in der Schreibbewegung und lieferten darüber hinaus Anhaltspunkte für Standortbestimmungen der Literatur auf der Zentrum-Peripherie-Achse. Letztere Thesen bedürften jedoch einer ausführlicheren Begründung als Bachmann-Medick sie hier vorlegt, so dass sie doch zu sehr im Spekulativen verbleiben.
Stefanie Bock erweitert das theoretische Spektrum des dritten Teils um die Konzepte der kollektiven Identität und des gendered-space. Identität, verstanden als ein komplexes Konstrukt aus verschiedenen identitätsstiftenden Parametern, stehe in enger Verbindung zum Raum und seinen Konzeptualisierungen: einerseits sei die nationale und kulturelle Zugehörigkeit immer auch an räumliche Verortungen der eigenen und fremden Nation bzw. Kultur gebunden; andererseits manifestierten sich Geschlechterverhältnisse häufig im Raum, sodass die gender-Zugehörigkeit auch Fragen nach räumlicher Zugehörigkeit aufwirft. Dass auch literarische Räume zum Ausdrucksträger »kultureller Identitätsversicherungen und Grenzziehungen« (S. 282) sowie geschlechtsspezifischen Raumerlebens werden können, weist der Beitrag an einer Interpretation von Sybil Spottiswoodes Roman Her Husband's Country nach. Methodische Anleihen bei der postklassischen Narratologie bereichern, wie Bocks Interpretation zeigt, die literaturwissenschaftliche Raumanalyse um Fragen nach dem Zusammenhang zwischen der narrativen Struktur des Raumes und den Kategorien Nationalität/Geschlecht.
Der vierte und letzte Teil untersucht Raum und Bewegung aus gattungsspezifischen Perspektiven und wird eingeleitet von einem konzeptuellen Beitrag, der durch seinen metaphorischen Raumbegriff an den zweiten Teil des Bandes anknüpft. Wie die Literatur insgesamt, so lassen sich laut Kai Sicks auch die literarischen Gattungen als eigene Räume begreifen, sodass die Gattungstheorie zu einer Gattungsraumtheorie werden könne. Analog zur epistemologischen Wende in der Raumtheorie müsse auch die Gattungstheorie den bisher favorisierten ontologischen Gattungsbegriff zugunsten eines relationalen verabschieden.
Weitere Beiträge zu lyrischen Grenz- und Endräumen sowie dramatischen Rauminszenierungen tragen der Tatsache Rechnung, dass die Beschäftigung mit der Raumkategorie nicht nur Erzähltextanalysen vorbehalten sein sollte. Der an gattungsspezifischen Räumen interessierte vierte Teil stellt gerade wegen der interpretativen Ausrichtung seiner Beiträge einen gelungenen Abschluss des Bandes dar.[6]
Abgesehen von den wenigen angesprochenen Kritikpunkten bereichert der Sammelband sowohl aufgrund seines breit-angelegten Themenspektrums wie auch der Qualität seiner Beiträge die literaturwissenschaftliche Raumforschung. Die gelungene Mixtur aus bereits in der Raumforschung etablierten Beiträgern und jungen Forschern unterstützt die Dynamik des Bandes, der dem Vorhaben der Herausgeber, unterschiedliche Anknüpfungspunkte für weitergehende literaturwissenschaftliche Raumforschung zu liefern, definitiv gerecht wird. Innerhalb des Spektrums an literaturwissenschaftlichen Raumbegriffen lassen sich drei Bedeutungsfacetten ausmachen, wobei der Schwerpunkt des Bandes deutlich auf letzterer liegt: Raum als 1.) Metapher, 2.) theatraler Bühnenraum und 3.) literarischer Text-Raum. Zwischen denjenigen Beiträgen, die die letztgenannten Räume untersuchen, entsteht konzeptuelle Kohärenz durch die Ausrichtung an einem kulturwissenschaftlichen Raumkonzept und die daraus resultierende Vorstellung von Literatur als einem Repräsentations- und Produktionsmedium kultureller Raumdiskurse. Diese konzeptuelle Kohärenz findet auf der Ebene der konkreten Textinterpretationen eine Entsprechung in den favorisierten Analysemethoden: Die Text-Räume werden durch das Offenlegen der ihnen inhärenten Semiotisierungs-Strategien entweder dekonstruiert oder es geraten Text-Räume in den Blick, die scheinbar fixe Raum-Denotationen infrage stellen. Offensichtlich befördert also eine kulturwissenschaftliche Raumkonzeption dekonstruktive Lektüren. Und vice versa findet der Impuls zur Dekonstruktion eine Entsprechung in de-naturalisierenden Raumkonzepten. Zentral scheint dabei, dass diese recht banale Kausalkette nicht sofort zu einer Kritik der Raumkritik verleiten sollte. Statt also die literaturwissenschaftliche Raum-Dekonstruktion vorschnell der Ergebnispräformierung und damit auch der methodischen Einseitigkeit zu bezichtigen, sollten ihre Positiva hervorgehoben werden: Das aktuelle Interesse am literarischen Raum als Bedeutungsträger führt nämlich, und das zeigt der Sammelband deutlich, zu einer von der bisherigen Raumforschung vernachlässigten Auseinandersetzung mit der kulturellen Dimension literarischer Texte wie auch zu einer größeren Methodentransparenz und die literaturwissenschaftliche Raumforschung befördernden Interdisziplinarität.
Ergänzt werden sollte diese an der kulturellen Bedeutung des literarischen Raumes interessierte Forschungslinie jedoch um die Beschäftigung mit der sprachlichen Erzeugung und literarischen Darstellung des Raumes. Für die Erzähltextanalyse im Speziellen hieße dies, postklassische Ansätze, die sich für das Verhältnis des erzählten Raumes zu seinem Kontext interessieren, mit Analysekategorien der klassischen Narratologie zu kombinieren. Ansgar Nünning weist deshalb in seinem Beitrag folgerichtig auf Desiderate der narratologischen Raumforschung hin: »Es mangelt bislang an einer ausgearbeiteten narratologischen Theorie des Raumes und der Techniken narrativ-fiktionaler Raumdarstellung. Vor allem das Verhältnis von Erzählung und Beschreibung sowie die historisch variablen Funktionen, die Beschreibungen in Erzähltexten erfüllen können, sind noch nicht hinreichend erforscht. [Außerdem] bieten die Ansätze und Modelle der kognitiven Narratologie vielfältige Möglichkeiten zur Anschlussforschung« (S. 48).


Katrin Dennerlein: Narratologie des Raumes. Berlin, New York: De Gruyter, 2009. 247 S.

Katrin Dennerleins 2009 bei De Gruyter erschienene Dissertation mutet wie eine direkte Antwort auf diese von Nünning benannten Forschungslücken an, denn sie stellt einen ersten Versuch dar, auf Basis der kognitiven Narratologie ein systematisches Beschreibungsinstrumentarium zur narrativen Strukturierung des Raumes zu entwickeln: Ausgehend von einer Repräsentation des Text-Raumes im mentalen Modell des Lesers untersucht Dennerlein die sprachliche Erzeugung von Raum, die unterschiedlichen narrativen Techniken der Raumdarstellung sowie Raumschemata und -strukturen. Gleichzeitig erprobt sie die entwickelten Analysekategorien an einem literaturgeschichtlich breiten Korpus von fiktionalen Erzähltexten und ergänzt damit die theoretische Ausrichtung ihrer Arbeit um eine anwendungspraktische Komponente.
Erfreulicherweise stellt sie der Systematik einen sehr ausführlichen und gut strukturierten Forschungsbericht voran, der auch dem raum-narratologischen Laien einen Einstieg in die Problemstellung ermöglicht.[7] Unter den Aspekten Raumbegriff, Systematik und spezifische Schwerpunkte sichtet sie die bisherige narratologische Forschung zum konkreten Raum und gliedert diese in einzelne Phasen. Während sich die frühe Erzählforschung, so ihr Resümee, recht unsystematisch mit dem Symbolcharakter des erzählten Raumes beschäftigte, interessierte sich die strukturalistische Raumforschung hauptsächlich für Raumrelationen. Obwohl Dennerlein ihr Forschungsvorhaben deutlich von strukturalistischen im Sinne von Raum-relationalen Ansätzen abgrenzt, sind zumindest Teile ihrer Taxonomie[8] offensichtlich einem klassisch-strukturalen Ansatz verpflichtet. Um dies klarer herauszustellen und terminologische Verwirrungen beim Leser zu vermeiden, wäre es gewiss hilfreich gewesen, auf die Unterscheidung zwischen high und low structuralism Bezug zu nehmen: Denn in einem weiteren Sinne (low structuralism) gehören das strukturalistische Segmentieren und Klassifizieren zum methodischen Grundequipment jedweder Erzähltextforschung – und sind damit auch Teil einer mit den Mitteln der Kognitionswissenschaft arbeitenden Narratologie des Raumes.
Die Suche nach einem Konzept des konkreten Raumes der erzählten Welt stellt laut Dennerlein ein zentrales Problem jeder Raumnarratologie dar. Ihrer Meinung nach hat die literaturwissenschaftliche Raumforschung bisher noch keinen zufriedenstellenden Arbeitsbegriff entwickelt, weshalb sie vorschlägt, verschiedene Disziplinen auf ihren Raumbegriff zu befragen. Dabei ist zweierlei interessant:
1. Die Festlegung auf den Raum als konkrete Entität der erzählten Welt: Diese Eingrenzung scheint vornehmlich auf Dennerleins spezifisch erzähltheoretisches Erkenntnisinteresse an den (konkreten) Elementen der epischen Situation sowie deren Beziehung zueinander zurückzugehen, das mit metaphorischen Verwendungen des Raumbegriffes nicht zu korrelieren ist. Außerdem entziehen sich metaphorische Raumbegriffe einer Systematisierung, da räumliche Denkfiguren auf beliebig viele textuelle Phänomene übertragbar sind.
2. Die Entscheidung für ein materialistisches Raumkonzept: Weder Topographie noch Topologie haben ein Konzept entwickelt, das Dennerleins Anforderungen an einen arbeitspraktischen Raumbegriff gerecht wird. Auch die aktuelle Spatial-Turn-Debatte liefert, so die Autorin, mit ihrer Favorisierung relationaler Raumkonzepte und ihrer apodiktischen Substantialismuskritik keine Alternative. Anschlussfähig sei jedoch das von der Sozialgeographie untersuchte Alltagsverständnis von Raum, das sich unter Rückgriff auf evolutionspsychologische Erkenntnisse in folgende Gegenstandsdefinition des konkreten Raumes der erzählten Welt überführen lasse: »die Menge derjenigen konkreten Objekte der erzählten Welt mit einer Unterscheidung von innen und außen, die nach den Regeln der erzählten Welt zur Umgebung einer Figur werden« (S. 239). Natürlich inhäriere diese Definition keine Wesensbestimmung des Raumes, sondern stelle lediglich die Konsequenz aus der fortdauernden, alltagsweltlichen Vorstellung des Container-Raumes dar. Wie der Soziologe Markus Schroer, auf dessen 2006 erschienene Monographie Räume, Orte, Grenzen jedoch nicht verwiesen wird, plädiert Dennerlein also für einen moderaten Materialismus und begründet in weiser Voraussicht diese deutlich als arbeitspraktisch ausgewiesene Entscheidung sehr ausführlich – wahrscheinlich in der Hoffnung, dadurch nicht wie Schroer oder auch der Historiker Karl Schlögel ins Kreuzfeuer der Spatial-Turn-Kritik zu geraten.[9]
Diese an alltagsweltliche Raumkonzepte anknüpfende Definition konfligiert natürlich mit dem kulturellen Raumkonzept des zuvor besprochenen Sammelbandes. Während die klassische Narratologie mit ihrem Interesse an textinternen Strukturen mit einem relationalen Raumverständnis wenig anzufangen weiß, lässt sich die Auseinandersetzung mit Raum als kulturellem Bedeutungsträger – man denke beispielhaft an Bhabas metaphorische Kategorie des third space – nicht mit einem substantiellen Containerkonzept vereinbaren. Es dürfte jetzt aber klarer sein, warum diese konzeptuellen Differenzen nicht als ein radikales ›Entweder-oder‹ zu verstehen sind: Denn schließlich sollte eine umfassende Analyse erzählter Räume sowohl an textinternen als auch -externen Strukturen interessiert sein und damit klassische mit postklassischen Ansätzen kombinieren.
Zurück zu Dennerleins Analysekategorien: Allen liegt die kognitionswissenschaftliche These zugrunde, dass der Raum der erzählten Welt eigentlich erst im mentalen Modell des Modell-Lesers entsteht. Bisherigen Konzepten des mentalen Raum-Modells, so Dennerlein im Anschluss an einen Forschungsüberblick, fehlt es jedoch an Kriterien für die narrative Gewichtung von Rauminformationen. Ihre Arbeit verfolgt deshalb das Ziel, die Strukturierung und Gewichtung von räumlichen Gegebenheiten im mentalen Modell auf discours- und histoire-Ebene zu beschreiben, wobei sich die Selektion der untersuchten Erzähltechniken und Strukturen nach der Aufmerksamkeit richtet, die sie beim Modell-Leser voraussetzen – d.h. es werden nur diejenigen Aspekte relevant, die eine kognitive Signifikanz besitzen. Die grundlegende Differenzierung der Raumanalyse in eine Ebene der Darstellung (discours) und der erzählten Welt (Erweiterung von Todorovs histoire-Begriff) ist natürlich keine kognitionswissenschaftliche, sondern eine narratologische. Dennerlein verfolgt mit der Synthetisierung von kognitiver und narratologischer Forschung somit einen interdisziplinären Ansatz, der sicher auch vom transdisziplinären Dialog im Zuge des Spatial Turn befördert wurde. Eine Systematisierung von Raumsymbolisierungen überlässt sie der weiteren Forschung und auch Fragen zur Funktion des Raumes für die anderen Elemente der epischen Situation werden zwar an entsprechenden Stellen angesprochen, aber nicht in einem eigenen Kapitel behandelt.
Auf discours-Ebene untersucht Dennerlein zunächst die narrative Erzeugung von Raum im mentalen Modell des Modell-Lesers, dem als anthropomorphem Konstrukt »die Kenntnis aller einschlägigen Codes und alle notwendigen Kompetenzen zugeschrieben werden, um die vom Text geforderten Operationen erfolgreich durchzuführen« (S. 196). Er ist auch die Instanz, welche den von ihr zusammengestellten raumreferentiellen Ausdrücken – Toponymika, Deiktika, Gattungsbezeichnungen etc. – eine eigentliche oder uneigentliche Bedeutung zuweist und aus nicht-raumbezogenen Informationen Inferenzen auf Raum bildet. Letztere sind laut Dennerlein dann angebracht, wenn der Text nach den Regeln der erzählten Welt und/oder dem Weltwissen logisch unvollständig ist und der Leser deshalb über direkte Hinweise sowie über die Erwähnung von Figuren und deren Handlungen auf die Beschaffenheit des Raumes schließen muss.
Desweiteren interessieren Dennerlein auf discours-Ebene die spezifisch narrativen Techniken der Raumdarstellung, wohingegen Fragen nach der Vermittlung oder Fokalisierung nur beiläufig gestreift werden. Um Anhaltspunkte für die kognitive Signifikanz von Darstellungstechniken in Erzähltexten gewinnen zu können, greift sie auf eine Studie der kognitionswissenschaftlichen Linguistik zum narrativen Verstehen zurück.[10] Diese zeigt, dass bereits vergebene Informationen in kontextuellen Rahmen gespeichert werden, welche sich wiederum aus zeitlichen, räumlichen und figuralen Aspekten zusammensetzen. Solch kontextuelle Rahmen bildet der Modell-Leser jedoch immer nur dann, wenn der Text auf Ereignisse referiert. Ausgehend von dieser besonderen Funktion der Ereignis-Komponente für die kognitive Speicherung im kontextuellen Rahmen schlussfolgert Dennerlein, dass auch die Verknüpfung räumlicher Gegebenheiten mit Ereignissen kognitiv signifikant sein muss. Wenn also von Raum erzählt wird, dann ist dieses Erzählen gleichzeitig ein Erzählen von Ereignissen, bei dem »besondere Einheiten des Erzählens von Raum entstehen, die als ›Ereignisregionen‹ bezeichnet werden können« (S. 198).
Im Unterschied dazu entstehen bei nicht-situationsbezogenen Formen der Thematisierung von Raum wie z.B. der Beschreibung zwar auch Einheiten, diese besitzen aber keine eigene Raumgestalt. Deshalb handelt es sich hierbei, in Abgrenzung zu den Ereignisregionen, laut Dennerlein um erwähnte räumliche Gegebenheiten.
Definitiv von heuristischem Wert für die Raumanalyse auf Darstellungsebene ist Dennerleins Differenzierung in situations- und nicht-situationsbezogene Thematisierung von Raum. Auch der innovative Schritt, diese Darstellungstechniken an das mentale Modell rückzubinden, liefert gewinnbringende Hinweise für eine mögliche Strukturierung des Raumes. Eine terminologische Verwirrung entsteht jedoch dadurch, dass sowohl das Erzählen von Raum wie auch das Beschreiben räumlicher Gegebenheiten als narrative Techniken der Raumdarstellung bezeichnet werden. Die Beschreibung als Form der nicht-situationsbezogenen Thematisierung von Raum ist aber strenggenommen auch eine nicht-narrative Technik.
In einem letzten Kapitel bestimmt Dennerlein auf der Untersuchungsebene der erzählten Welt »einzeltextübergreifende, raumspezifische Muster, nach denen Rauminformationen einer Geschichte organisiert sein können« (S. 201). Zuerst diskutiert sie mögliche nicht-raumbezogene Klassifikationsparameter: Räume nach ihrer Funktion für Figuren zu unterscheiden, sei nicht sinnvoll, weil hierbei keine textübergreifenden Parameter identifiziert werden könnten. Eine Klassifikation von Räumen nach ihrer Funktion für einzelne Handlungsabschnitte sei hingegen hilfreich, insofern einzeltextüberschreitende, genrespezifische Handlungsstrukturen vorlägen.
Im Anschluss an diese nicht-raumbezogenen Parameter bestimmt sie folgende physische Eigenschaften räumlicher Gegebenheiten, die sich aus dem zuvor entwickelten Konzept des konkreten Raumes ableiten lassen: Unterscheidung von innen und außen, Begrenzung, dreidimensionale Ausdehnung etc. Dass raumbezogene Informationen nicht nur einzeln wie im Falle der kognitiv signifikanten physischen Eigenschaften, sondern auch als Konfiguration von Wissen vorliegen, lässt sich laut Dennerlein unter dem Begriff des Raummodells fassen, das Wissen über Ereignisfolgen (Skripts) und über materielle Ausprägungen räumlicher Komponenten kombiniert. Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Der Modell-Leser ruft im Falle des institutionellen Raummodells ›Restaurant‹ ausgehend von dem Handlungsskript ›Eintreffen, Bestellen, Essen, Bezahlen‹, das er ganz oder teilweise im Zuge seiner Lektüre identifiziert, auch Informationen über typische Ausprägungen des konkreten Restaurant-Raumes ab. Abschließend fragt Dennerlein auf der Ebene des Makroraumes nach Groß-Strukturen, die sich im konkreten Raum identifizieren lassen. Unter Rückgriff auf die bisherige Forschung erscheinen ihr Weg, Bereich, Grenze und Landmarke als hilfreiche Strukturierungs-Kategorien.
Wie schon im zuvor besprochenen Sammelband handelt es sich bei den wenigen Kritikpunkten um ›Klagen auf hohem Niveau‹ - denn die Autorin vermag mit ihrer Dissertation eine in der Narratologie bisher weit klaffende Forschungslücke zu schließen. Durch die Synthese von klassischer und kognitionswissenschaftlicher Narratologie gelingt ihr der innovative Schritt, den erzählten Raum als strukturiertes mentales Modell zu konzipieren. Bewusst interdisziplinär ausgerichtet, profitiert die Arbeit von Forschungsergebnissen der Evolutionspsychologie, der pragmatischen Linguistik, der Kognitionswissenschaft und der Sozialgeographie, ohne die notwendige Methodenreflexion vermissen zu lassen. Die beiden Untersuchungsebenen Darstellung und erzählte Welt erscheinen ebenso plausibel und hilfreich wie die einzelnen Strukturierungsvorschläge. Es ist daher wohl wahrscheinlich, dass sich Dennerleins offen konzipierte Systematik in der Analysepraxis bewähren und weitere Forschungsarbeiten mit anderen Schwerpunktsetzungen befördern wird. Gerade im Hinblick auf die von ihr nicht berücksichtigte symbolische Aufladung des literarischen Raumes besteht natürlich noch Forschungsbedarf.


Caroline Frank, Universität des Saarlandes, FR 4.1 – Germanistik, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: c.frank@mx.uni-saarland.de


Anmerkungen

[1] Doris Bachmann-Medick, Cultural turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften. Reinbek 3. neu bearb. Aufl. 2009 [zuerst 2006]. [zurück]
[2] Exemplarisch sei auf den Beitrag von Gerhard Hard verwiesen: Der Spatial Turn, von der Geographie her beobachtet. In: Jörg Döring (Hg.), Spatial turn. Das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld 2008, S. 263-315. [zurück]
[3] Eine Ausnahme ist Michael C. Franks dominant konzeptueller Beitrag, der versucht, die raumbezogenen Forschungen der Semiotiker Lotman und Bachtin an den kulturwissenschaftlichen Raumdiskurs rückzubinden. [zurück]
[4] Gerhard Hoffmann, Raum, Situation, erzählte Wirklichkeit. Poetologische und historische Studien zum englischen und amerikanischen Roman. Stuttgart 2008. [zurück]
[5] Leider lesen Hallet und Neumann Löws Raumdefinition einseitig, impliziert diese doch neben einer anordnenden auch eine ordnende Komponente. Letztere ist Martina Löw von Seiten der radikalen Raumkonstruktivisten auch prompt als ein Rückfall in materialistische Denkschemata angelastet worden. [zurück]
[6] Vielleicht hätte noch ein Beitrag, der grundlegende Gattungsunterschiede in der sprachlichen Raumerzeugung und -semantisierung erläutert, ergänzt werden können. [zurück]
[7] Außerdem listet Dennerlein die Ergebnisse dieser Auswertung im Anhang tabellarisch auf und sorgt damit für zusätzliche Transparenz. [zurück]
[8] Vgl. die Differenzierung in eine Ebene der Darstellung und der erzählten Welt. [zurück]
[9] Siehe Markus Schroer, Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raumes. Frankfurt/M. 2006. [zurück]
[10] Catherine Emmott, Narrative Comprehension. A Discourse Perspektive. Oxford 1997. [zurück]