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In: KulturPoetik 2011, Heft 2

Autor

Torsten Erdbrügger

Titel

Verteidigung der Utopie im Namen des Postmodernismus
Judith Leiß, Inszenierungen des Widerstreits. Die Heterotopie als postmodernistisches Subgenre der Utopie. Bielefeld: Aisthesis 2010. 297 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Im Namen der Postmoderne wurden universalistische Deutungsinstanzen zugunsten einer Haltung radikaler Pluralität verabschiedet. Ein seinem Grundgestus nach didaktisches Genre wie die literarische Utopie, die wesentlich auf der Eindeutigkeit eines Gegenentwurfs zur bestehenden Gesellschaft basiert, wäre demnach mit postmodernistischen Grundpositionen nicht vereinbar. Diese scheinbare Inkommensurabilität von modernistisch-universalistischen Genrebedingungen und postmodernistisch-pluralistischen Neuakzentuierungen der literarischen Utopie im Zeitalter der Postmoderne macht Judith Leiß zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit und hält der vorgeblichen Utopie-Krise die These einer »postmodernistische[n] Spielart der Utopie« (S. 15) entgegen.

Die theoretische Grundkonzeption von Inszenierungen des Widerstreits lässt sich entlang des Titels nachvollziehen. Der Inszenierungsbegriff steht, wenngleich in der Studie kaum theoretisch reflektiert, synonym für Schreibstrategien, mithin für Literatur. Die ist für Leiß paradigmatischer Ort der Austragung von Widerstreitsituationen. Nach Jean-François Lyotard, den Leiß zur Hauptinstanz der theoretischen Fundierung der Postmoderne erhebt, besteht ein Widerstreit dann, wenn zwei Positionen konfligieren und nicht durch eine übergeordnete Instanz versöhnt werden können. Literarisch umgesetzt werden können nicht auflösbare Widerstreitsituationen auf der Handlungs-, der Erzähl- und der Rezeptionsebene. Diese Verortung untersucht Judith Leiß anhand ausgewählter Utopien der letzten Jahrzehnte, die nach ihrer Definition per se postmodern (im Sinne eines, wenn auch unscharfen, Epochenbegriffs), nicht aber zwangsläufig postmodernistisch (im Sinne eines Eintretens für radikale Pluralität) sein müssen. Postmodernistische Utopien nennt Leiß Heterotopien. Wer hier allerdings eine Weiterführung und literaturwissenschaftliche Präzisierung des Heterotopie-Konzepts von Michel Foucault erwartet, wird enttäuscht. Leiß entwickelt ihre Begrifflichkeit in Auseinandersetzung mit der Verwendung des Begriffes bei Hartmut Hirsch und Ralph Pordzik, die Foucaults Konzept mit Blick auf die literarische Utopie abgewandelt haben. Heterotopien sind demnach Nichtorte, die nicht der gegenwärtigen gesellschaftlichen, sondern einer radikal anderen Ordnung angehören und darin einen Widerstreit abbilden, was wiederum die Literatur in die ›politische‹ Pflicht nimmt. Denn Leiß appliziert Lyotards Aussage, philosophische Politik heiße, den Widerstreit zu bezeugen,[1] implizit auf literarische Texte, wenn sie schreibt, die Heterotopie sei nicht Ausdruck eines Beliebigkeitspluralismus, sondern »ästhetisches Plädoyer für das Aushalten des Widerstreits« (S. 43). Das von Leiß untersuchte Phänomen ließe sich dabei ebenso als postmodernistische Utopie bzw. Widerstreitsutopie bezeichnen. Deshalb dient der Heterotopiebegriff hier in erster Linie dazu, dem Kind einen Namen zu geben. Ob dies einer zwingenden Notwendigkeit entspringt, wird indes nicht ersichtlich.

Die Arbeit folgt einem klassischen Aufbau. Einer knappen Einleitung schließt sich ein recht massiver Theorieblock an, der wesentliche Utopie- und Postmodernismusdiskussionen der letzten Jahrzehnte vorstellt und synthetisiert, bevor das so erarbeitete Konzept einer postmodernistischen Spielart der Utopie anhand von vier größeren literarischen Detailanalysen auf seine Praktikabilität befragt und abschließend mit der Gegenlektüre von vier Grenzfällen des Subgenres konterkariert wird.
Die gute Lesbarkeit ihrer Arbeit beruht im Wesentlichen darauf, dass Leiß in kleinen Schritten die ihrem Heterotopie-Konzept zu Grunde liegenden theoretischen Diskussionen nachzeichnet und daraus eine eindeutige Begrifflichkeit ableitet. Dass die so gewonnene Eindeutigkeit etwa in der trennscharfen Differenzierung zwischen Postmoderne und Postmodernismus auch darauf beruht, dass im Wesentlichen nur die Postmoderne-Positionen Jean-François Lyotards und Wolfgang Welschs herangezogen werden, mag als unzulässiger Reduktionismus bezeichnet werden. In der Sache aber leistet Leiß eher eine sehr praktikable und leserfreundliche Deduktion als eine simplifizierende Reduktion. Ähnlich verfährt sie mit dem Begriff der literarischen Utopie, die sie über das von ihr erarbeitete kontrastive Zwei-Welten-Prinzip, ihre Literarizität sowie über die Stabilität und Isoliertheit des Gesellschaftsentwurfs bestimmt. Auf gut hundert Seiten wird die Begrifflichkeit festgelegt, werden die wesentlichen Debatten um Pluralismus und Beliebigkeit in der Postmoderne ebenso rekapituliert wie deren Abgrenzung zur Moderne. Leiß hält sich – obwohl titelgebend – nicht lange mit Lyotards Definition des Widerstreits auf, sondern konzentriert sich auf die Frage, warum die Utopie seit Aufkommen der Postmoderne einen schwierigen Stand hat. Ihre Antwort: Die auf eindeutige Positionierung zielende Grundstruktur der binären Differenz muss im Zeitalter radikaler Pluralisierung unzeitgemäß, das heißt modern anmuten.

Im analytischen Teil ihrer Studie erreicht die Arbeit nicht mehr die gute Lesbarkeit des trotz seines Umfangs sehr konzentrierten Theorieblocks. Dies scheint einem generellen Strukturproblem der Arbeit geschuldet. Leiß nimmt zunächst literarische Utopien von Autoren unterschiedlicher Nationalität aus zwei Jahrzehnten in den Blick. Es handelt sich um Peter Ackroyds The Plato Papers von 1999, Herbert W. Frankes Sirius Transit von 1979, Haruki Murakamis Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt von 1985 sowie Alban Nikolai Herbsts Thetis. Anderswelt von 1998. Viermal wird der Nachweis erbracht, dass es sich bei den jeweiligen Texten erstens um eine literarische Utopie handelt, die zweitens einen Widerstreit inszeniert und deshalb drittens als Heterotopie zu klassifizieren ist. Ein solches Verfahren kommt zwangläufig nicht ohne Redundanzen aus, so dass jeder neue Text bei Leiß »ein weiteres Beispiel dafür [ist], wie das allen literarischen Utopien zu Grunde liegende Gestaltungsprinzip im Rahmen einer postmodernistischen Schreibhaltung realisiert werden kann« (S. 216).

Den Detailanalysen ist es zugute zu halten, dass sie im Gestus postmodernistischer Pluralität auf vereinheitlichende, monokausale oder singuläre Interpretationen größtenteils verzichten. Stattdessen bietet Leiß beispielsweise hinsichtlich der Bewertung der technischen Simulation des sogenannten ›Globoramas‹ aus Frankes Roman drei mögliche Lesarten an. Diese Offenheit der Deutung wird jedoch genau dort nicht beibehalten, wo es um das für literarische Utopien konstitutive Prinzip der zwei Welten geht. Diese sind etwa in Murakami Harukis Text schon im Titel angegeben, nämlich ›Hard-boiled Wonderland‹ und ›Ende der Welt‹. Ob es sich dabei aber um zwei ontologisch inkommensurable Welten handelt, wie Leiß behauptet, ist mindestens zu hinterfragen, denn ›Ende der Welt‹ ist im Roman eine ›computergestützte Simulation‹ des sogenannten ›Psychokerns‹ des Protagonisten Watashi und wäre als solche Produkt der ersten Welt W1 und von dieser abhängig. Wenn Leiß hingegen für die unabhängige Existenz der zwei Welten argumentiert, dass das letzte Kapitel des Romans nach Watashis Tod von ›Ende der Welt‹ aus erzählt würde, dann spricht das nicht zwangsläufig für die Unabhängigkeit der zwei Welten, die eine Widerstreitsituation rechtfertigen könnte. Denn diese ließen sich zumindest auf der Erzählebene synthetisieren und mit Verfahren des unzuverlässigen Erzählers, der Narration von Traumsequenzen oder mit postmortalem Erzählen kurzschließen, mit denen der Widerstreit der zwei Welten geschlichtet werden könnte. Hier hätte eine erzähltheoretische Fundierung die Arbeit stichhaltiger machen können, was die Autorin bei der Auseinandersetzung mit Thetis. Anderswelt zumindest in Ansätzen leistet.

In den vier kleineren Kapiteln zu von Leiß betitelten »Grenzfällen«, weist die Autorin nach, dass es sich bei den nun behandelten Texten jeweils nicht um Heterotopien handelt, weil entweder alle Widerstreitsituationen in eine Einheit überführt seien, wie in Samuel Delanys Trouble on Triton, oder die Grundanlage des Textes zu didaktisch und damit auf Einheitlichkeit ausgerichtet sei, wie bei Lanark von Alasdair Gray. Für Thomas Lehrs 42 gilt: Der Roman ist zwar postmodernistisch aber nicht utopisch, insofern der Rückbezug von der zweiten zur ersten Welt fehle. Und die Erzählung der Syks aus Botho Strauß? Der junge Mann mag zwar utopisch aber nicht widerstreitend sein. Aus der Lektüre dieser Grenzfälle heraus kann Leiß den zuvor erstellten Kriterienkatalog leicht modifizieren, in dem Sinne, dass nun diejenigen Inszenierungen des Widerstreits aus der Zuordnung zur Heterotopie exkludiert werden, die rein oder vornehmlich als eine literarisch-spielerische Umsetzung von Widerstreitsituationen und als »Oberflächenphänomen« (S. 279) zu bezeichnen sind. Aber wer entscheidet, wo das Spiel aufhört und der Ernst anfängt?

Es gibt sie also, die Utopien mit postmodernistischem Gestus. Das ist das ebenso simple wie einleuchtende Ergebnis der Studie. Der Wert des Heterotopie-Konzepts, so Leiß zusammenfassend, bestehe darin, »die konsequente Verweigerung von Einheit, welche in vielen utopischen Romanen der letzten drei bis vier Jahrzehnte beobachtet werden kann, gattungshistorisch und problemgeschichtlich zu verorten« (S. 283). Ob die vier von Leiß eindeutig diesem Subgenre zugeordneten Beispiele jedoch schon die Einführung eines neuen Etiketts rechtfertigen, wird sich langfristig zeigen.


Torsten Erdbrügger, Universität Leipzig, GC Geistes- und Sozialwissenschaften, Emil-Fuchs-Str.1, D-04105 Leipzig; E-Mail: torsten.erdbruegger@studserv.uni-leipzig.de



Anmerkung

[1] Vgl. Jean-François Lyotard, Der Widerstreit. München 2. Aufl. 1989, S. 11 f. [zurück]