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In: KulturPoetik 2004, Heft 1

Autor

Matthias Schöning

Titel

Narrationen und Dinge. Standortbestimmungen zwischen Kulturwissenschaften und Anthropologie
(1) Mieke Bal, Kulturanalyse. Hg. v. Thomas Fechner-Smarsly u. Sonja Neef, übers. v. Joachim Schulte. Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002. 371 S.
(2) Wolfgang Müller-Funk, Die Kultur und ihre Narrative. Eine Einführung. Wien, New York: Springer 2002.
291 S.
(3) Martin Scharfe, Menschenwerk. Erkundungen über Kultur. Köln u. a.: Böhlau 2002. 387 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Wer nach Aufklärung über Kultur und Kulturwissenschaften verlangt, muss nicht nur – wie etwa in den Literaturwissenschaften – zwischen verschiedenen Ratgeberinnen und Ratgebern und den von ihnen präferierten Theorien wählen, sondern erst einmal Rat einholen über die grundsätzlich in Frage kommenden Parameter, die eine solche Wahl begründen können. Es mangelt nicht an Einführungen und Grundrissen unterschiedlichster Provenienz; das Problem ist auch nicht, dass es einfach zu viele Angebote gäbe. Aber es mangelt an anerkannten Koordinaten, die allererst einen orientierenden Raum aufspannten, innerhalb dessen eine geregelte Debatte über Gegenstände, Reichweite und Methoden kulturwissenschaftlicher Arbeit sinnvoll zu führen wäre. Solange nicht geklärt ist, welche Objekte – Narrationen, Dinge, Menschen? – unter dem Dach der Kulturwissenschaften der Beobachtung und Analyse harren, kann über die theoretischen Konzepte nur mit großen Verlusten diskutiert werden. Der stets mitlaufende Verdacht, dass es sich lediglich um eine »modische Umbenennung der Geisteswissenschaften« (1) handeln könnte, belegt diese Ungeklärtheit ebenso wie die Behauptung, die Martin Scharfe seinen »Erkundungen über Kultur« vorausschickt: »Man wird ohnehin sehen, daß die Antworten des Jahres 2002 nicht so sehr viel befriedigender ausfallen als, beispielsweise, solche des Jahres 1770«. (2)

Sicherlich, die Lage ist deshalb weder chaotisch noch unproduktiv: ›Was‹ und ›Wie‹ der Beobachtung interferieren, bestimmte Gegenstände legen bestimmte Methoden nahe, mit denen wiederum Bestimmtes sich zeigen lässt. Doch die Relation zwischen beiden ist nicht so eng, dass man gelassen auf Selbstregulierung rechnen sollte. Theoriewahl allein konstituiert noch nicht das Feld der Einsatzmöglichkeiten. Wenn mit dem Begriff ›Kulturwissenschaften‹ mehr bezeichnet sein soll als ein Konglomerat von Theorieansätzen, denen der ›Geist‹ unheimlich geworden ist, dann muss sein Referenzbereich eigens, d. h. unabhängig von theoretischen Festlegungen (wenn auch nicht unabhängig von theoretischen Einstellungen), diskutiert werden. Und genau dieser Aufgabe stellen sich die Arbeiten von Mieke Bal, Wolfgang Müller-Funk und Martin Scharfe. Sie vertreten auf unterschiedliche Weise – durch einen historischen Überblick über die anthropologische Bestimmung des Verhältnisses von Mensch und Kultur (Scharfe), einführende Überlegungen zur narrativen Konstitution des Kulturellen (Müller-Funk) oder Beiträge zu einem eigenen Forschungsprogramm (Bal) – zugleich methodologische Konzepte und erörtern den Gesamtrahmen der Kulturwissenschaften.


1. Gattungsbegriff und Disziplinen

Vorläufig muss die Diskussion also auf zwei Ebenen geführt werden. Einerseits sind die äußeren wie inneren Grenzverläufe der Territorien zu diskutieren, deren Erschließung unterschiedliche kulturwissenschaftliche Konzepte vorsehen. Dabei bezeichnen die äußeren Grenzen die intendierte Reichweite programmatisch ausgelobter Kulturwissenschaften, während der Verweis auf die inneren Grenzen daran erinnert, dass das veränderte Selbstverständnis eine neuerliche Justierung der Relationen zwischen den tradierten Fächern untereinander und der je einzelnen Disziplinen zum Gesamtkonzept nötig macht.

Andererseits sind methodologische Fragen im engeren Sinne zu diskutieren. Hier geht es nicht um das weite Feld möglicher Relationierungen von verschieden weit gefassten Objektbereichen und einem Fundus an Theorien, sondern um die Form der je konkreten Relation von Gegenständen und Beobachtern und die mutmaßliche Produktivität eines theoretischen Programms.

Diese Unterscheidung, die zunächst kleinkrämerisch wirken mag, weil sie die unvermeidliche Diskussion verschiedener theoretischer Ansätze entweder verdoppelt oder auf methodologische Fragen reduziert, erscheint mir gleichwohl wichtig, um die Kapazitäten eines Ansatzes abzuschätzen und ihn mit den Leistungspotentialen tradierter Disziplinen vergleichen zu können. Außerdem operieren die meisten Stellungnahmen zum Thema Kulturwissenschaften – die genannten Autor(inn)en, aber auch andere – auf eben genau diesen beiden Ebenen. Es sind immer Fachwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen, die von den Bezugsproblemen ihrer je eigenen Disziplin ausgehend sich für eine kulturwissenschaftliche Erweiterung oder Erneuerung einsetzen und damit zugleich auch für eine Umwidmung der Geistes- in Kulturwissenschaften.(3) Beide Aspekte hängen also zweifellos zusammen, sollten aber analytisch auseinander gehalten werden.

Mieke Bals Plädoyer für »Kulturanalyse« etwa situiert sich in einem Fächerkanon, der nur mit dem Gattungsbegriff ›Kulturwissenschaften‹ überschrieben werden kann, um dann innerhalb dieses Rahmens für »Kulturanalyse« als eine eigenständige Disziplin zu kämpfen, die sich gegenüber den bisherigen Versuchen in cultural studies durchaus kritisch verhält – in mancher Hinsicht kritischer als gegenüber den traditionellen Geisteswissenschaften. Ausdrücklich geht es ihr darum, den geisteswissenschaftlichen Kanon nicht interdisziplinär zu verschleifen, sondern um eine Art disziplinär begrenzte Interdisziplin zu erweitern. Diese würde ihre Nachbardisziplinen weder ersetzen wollen, noch Alleinzuständigkeit für alle Grenzfragen reklamieren, sondern die Konsequenzen daraus ziehen, dass Literatur-, Kunst-, Medien-, Musik u. a. Wissenschaften unverzichtbar sind, aber sie das kulturelle Feld nicht erschöpfen und dass sie diesen ›überschüssigen‹ Dingen und Sachverhalten einen eigenen Ort geben. Weniger weit gehend, aber tendenziell ähnlich nimmt sich die Position von Wolfgang Müller-Funk aus, der für einen mittleren Begriff von Kultur eine »narrative« oder besser narrativistische Theorie nahe legt (dazu unten mehr), die dezidiert nicht unter anderem Namen Literaturwissenschaft betreiben soll, sondern neben diese tritt. (4) Mieke Bal ist es wiederum, die über die Sachdiskussion hinausgeht und auf die Gefahr hinweist, dass »in einer Zeit der wirtschaftlichen Krise [. . .] die den cultural studies innewohnende [. . .] Interdisziplinarität den Verwaltern der Universität ein Mittel zur Zusammenlegung und Abschaffung von Fachbereichen in die Hand« gibt. (5)

Die Positionierung von Martin Scharfes Buch ist demgegenüber vergleichsweise schlicht und verfolgt keine den Fächerkanon erweiternde Absicht. Die eigentlich fachwissenschaftliche Adresse des Buches ist die »Kulturwissenschaft Volkskunde«, wie es durchgängig heißt; in ihrer Zielsetzung, »denkkollektive« Berührungsverbote zu lockern, ist die Arbeit allerdings für sämtliche Kulturwissenschaften von Belang. (6) Ob die Lockerungsübung gelingt, ist schwer zu sagen. Zwar ergeben sich immer wieder interessante Konstellationen – etwa wenn neben Karl Popper, den Scharfe den Fachkollegen als neu zu adoptierenden »Vater« empfiehlt, (7) Ernst Bloch (8) zu stehen kommt –, im Allgemeinen aber verhindert die durchgängige Skepsis gegenüber Systematisierungen (9) eine mehrstimmige Entfaltung der Problemlagen.
 

2. Textualismus und Kulturalismus

Für disziplinäre wie auch für methodische Fragen ist eine weitere Unterscheidung wichtig, zu deren Skizzierung zwei zunächst divergent erscheinende Aussagen herangezogen werden können. Beide referieren auf Clifford Geertz und die von ihm prominent vertretene These vom Textcharakter der Kultur, die sowohl Plädoyers für kulturwissenschaftliche Erweiterungen als auch für eine generelle Umwidmung der Geisteswissenschaften inspiriert hat. Die erste Aussage stammt von Klaus R. Scherpe, der in der »Attraktivität des Geertzschen Deutungs-und Darstellungskonzepts für die Literaturund Kulturwissenschaften« zugleich das kardinale Problem sieht: nämliche »eine methodische Selbstermächtigung« zur grenzenlosen Ausdehnung der Literaturwissenschaften, welche den Bedeutungsverlust des angestammten Gegenstandes(10) übertönt und »dadurch gekrönt wird, daß das kulturelle Lesen sich auf soziale und kulturelle Handlungen direkt beziehen soll«.(11) Die andere Aussage stammt von Geoffrey Hartman, der dieselbe Selbstermächtigung als ein für die Literaturwissenschaften im Effekt beschränkendes Manöver begreift:

Ironischerweise scheint gerade die Übernahme der ›Textmetapher‹ (Clifford Geertz) in Anthropologie und Kulturtheorie – die dort eine ›dichtere‹ Beschreibung der religiösen und sozialen Riten von Gesellschaften ermöglichen soll – die akadmische Literaturbetrachtung nicht erweitert, sondern eingeschränkt zu haben.(12)

Hartman wie Scherpe betonen die Verluste, die der Pantextualismus den Kulturwissenschaften beibringt. Beide wollen den »selbstzufriedenen Kulturalismus in Frage« stellen,(13) ohne deshalb »auf den Stand einer Dichtungswissenschaft mit nationalem Lektürekanon« zurückzufallen(14) – operieren dabei aber auf gegenläufigen Bahnen.

Klaus Scherpe stellt das innere wie äußere Grenzregime ausschließlich textzentrierter Kulturwissenschaften in Frage, weil damit »eine Art Sicherheitsverwahrung des Fremden im Textgehäuse« betrieben wird, die weder der Differenz der Kulturen (Wissenschaftskulturen eingeschlossen) gerecht wird, noch der differenten medialen Konstitution verschiedener Artefakte einer Kultur.(15) Scherpe warnt vor einer Einheitswissenschaft der Kultur, die alles gleichermaßen interpretabel macht, deren erfolgreiche Extensivierung ihrer Zuständigkeiten aber in Unterschiedslosigkeit umschlägt. – Zur selben Diagnose, allerdings aus der Gegenrichtung, kommt auch Geoffrey Hartman. Er fragt nach den Folgen uferloser Kulturalisierung für das Verstehen eminenter literarischer Texte – ehemals ›Werke‹ genannt. Dabei geht es nicht um die Gefahr eines Nivellements hinsichtlich der Wertschätzung hoher Kunst, sondern um die Gefahr einer theoretisch induzierten Blindheit für die Verschiedenheit der Dinge und ihre Repräsentation. Nicht nur leidet das Verständnis für den spezifischen Kunstcharakter einiger besonderer Artefakte; der Pantextualismus verschleiert zugleich das Fortwirken anderer Differenzierungsstrategien, etwa der topographischen Ordnung, wie Mieke Bal es an New Yorker Museen detailliert herausgearbeitet hat.(16) Will man Scherpes und Hartmans solidarische, aber unterschiedliche und folglich auch zu unterscheidende Einwürfe formelhaft gegenüberstellen, so lässt sich sagen, dass Scherpe die textualistische Kolonisierung der Kulturen kritisiert, Hartman die kulturalistische Kolonisierung der Texte.

Sieht man hinter beiden Einwürfen ernst zu nehmende kulturwissenschaftliche Probleme, so ist die Position von Wolfgang Müller-Funk alles andere als komfortabel. Auch er wendet sich ausdrücklich gegen »einen holistischen Kulturalismus« im Medium des Textes,(17) der »als heimliches Versprechen die absolute Form- und Verfügbarkeit des ›Zuhandenen‹ (Heidegger)« impliziert (S. 12), schlägt dann aber vor, »Kultur als ein mehr oder weniger geordnetes, aber nicht zwangsläufig hierarchisches System von Erzählungen zu begreifen« (S. 172). Der Vorschlag ist in jeder Hinsicht weich, er lässt mehr oder weniger Ordnung zu, flache und steile Hierarchien– hart und unflexibel aber ist er in seiner Festlegung auf ›Erzählungen‹ als den Konstituentien von Kultur.

Nun sind Erzählungen von Texten kategorial nicht all zu weit entfernt, doch mit Walter Benjamin – und des Hofmannsthalschen Lords eingedenk – lässt sich eine interessante Wendung vollziehen: »Erzählen, das heißt: von der Konkretheit der Dinge eingeholt zu werden« (S. 21). Während die Rede von Kultur als Text die Eigenheiten der Phänomene enteignet, soll die narratologische Umstellung der Kulturtheorie einen »Ort der Vergegenwärtigung« (S. 72) bieten, an dem »gelebtes Leben« (S. 146) nachvollzogen werden, wenigstens aber die Erinnerung an die lebendige Abkunft des »erzählten Geschehens« (ebd.) bewahrt werden kann.

Kritisiert an der Benjaminschen Position, der Müller-Funk den ersten Richtungsimpuls verdankt, bevor er Erzähltheorien und Philosophien des Narrativen nachzeichnet (S. 43–85), wird einzig die kulturkritische Diagnose vom Ende des Erzählens, die sich dem Beharren auf einer einzig möglichen Form verdankt, während doch – so Müller-Funk – die »Menschen heute, unter zunehmendem Identitätszwang, mehr erzählen als je zuvor in anderen, zum Beispiel oralen Gesellschaften« (S. 28). Man kann dahingestellt sein lassen, wie stichhaltig diese Diagnose ist. Entweder haben wir es massenhaft mit Narrationen zu tun, die durchaus anderen Produktionsbedingungen gehorchen als denen eigensinniger Lebendigkeit, oder das Verhältnis zu oralen Gesellschaften muss anders als quantitativ bestimmt werden.

Die Probleme dieses Versuchs, die Kulturwissenschaften – bei allen Vorbehalten im Einzelnen (vgl. etwa S. 147) – auf eine narrativistische Basis zu stellen, ohne sich die gegen den Textualismus erhobenen Einwände zuzuziehen, liegen vor allem in der Kopplung eines engen Begriffs von Kultur mit einem weiten Begriff von Erzählen:

Das Naheliegende ist stets in Gefahr, übersehen zu werden. Naheliegend wäre es, die konstitutive Bedeutung von Narrativen für Kulturen ins Auge zu fassen und Kulturen womöglich als mehr oder weniger (hierarchisch) geordnete Bündel von expliziten und auch impliziten, von ausgesprochenen, aber auch verschwiegenen Erzählungen zu begreifen. Denn zweifelsohne sind Narrationen zentral für die Darstellung von Identität, für das individuelle Erinnern, für die kollektive Befindlichkeit von Gruppen, Regionen, Nationen, für ethnische und geschlechtliche Identität (S. 17).

Schaut man sich die Beispiele näher an, die als konstitutive Elemente von Kultur angeführt werden, so findet man nur sekundäre Phänomene, die unweigerlich von einem weiten Begriff von Erzählung umschlossen werden können, der Ausgesprochenes und Verschwiegenes beinhaltet. Wenn es darum geht, die »unverzichtbare Funktion« von Narrativen zu belegen, kommt Müller-Funk immer wieder auf Kommunikationen zurück, die zwar eindeutig kulturell sind, ebenso eindeutig aber Kultur nicht erschöpfen, weil sie reflexiv, nachträglich, sekundär sind: Narrative »legitimieren, das, was kulturell jeweils selbstverständlich ist, Wissenschaft zum Beispiel« (S. 66).(18)

Müller-Funks Konzentration auf die reflexive Dimension des Kulturellen im Medium von Narrationen wäre vielleicht keine erschöpfende Kulturtheorie, aber doch ohne Mangel, wenn sie statt der insistierenden Dinge, die ihr aus dem Blick geraten, die eigene Sozialdimension kultureller Kommunikationsofferten beobachten würde. Wenn Narrative einerseits unverzichtbar sind, andererseits aber nachträglich, dann stellt sich die Frage, wie sie sich sozial ins Spiel bringen, wie kommunikative Adressen konstituiert werden und Adressanten sich autorisieren. All das aber bleibt ausgeblendet, weil Müller-Funk – etwa im schwerwiegenden Fall des Nationalismus (S. 223–247) – sich unumwunden auf die Ebene der Narration begibt, um dort ein historisch stabiles Basisnarrativ zu identifizieren und verblüfft die Austauschbarkeit der je adressierten Kollektive festzustellen:

Worum es hier geht, ist aufzuzeigen, daß all diese Nationalismen, die [am] Anfang der Nationswerdung stehen, eine gemeinsame Struktur haben und daß zwischen dem scheußlichen Nationalismus eines SA-Mannes oder eines Tschetniks und dem noblen Nationalismus eines risorgimento-Nationalismus, wohl ein moralischer, aber kein ›diskurslogischer‹ Unterschied besteht. Was Ypsilanti und Karadzic trennt, sind nicht zuletzt: 175 Jahre (S. 229).

Zu fragen wäre hier, ob die genannten moralischen Unterschiede noch in den Bereich des Kulturellen fallen oder ob es für eine narrativistische Kulturtheorie über die Verschiedenheiten der Kulturen des Terrors nichts zu sagen gibt.

 
3.»Als Subjekte begriffene Objekte«

Auch Mieke Bals Aufsatzsammlung verhält sich kritisch zur bisherigen Arbeit der Kulturwissenschaften, wenngleich sie ausdrücklich betont, dass alles Kritische, was sie »über die cultural studies zu sagen habe [. . .], als Fußnote [zur] übergeordneten Anerkennung« der durch sie bewirkten »unerläßlichen Öffnung der geisteswissenschaftlichen Fächerstruktur« zu verstehen sei.(19) Sie sieht vor allem zwei sachliche Problemfelder, zu deren Abhilfe sie mit ihrer »Idee der ›Kulturanalyse‹« beitragen will: (1) eine mangelhaft entwickelte Methodologie, die durch »Parteigängertum« kompensiert würde; (2) eine »destruktive Kluft zwischen les anciens und les modernes« (S. 8).

Ähnlich wie Wolfgang Müller-Funk, der sich an einer Stelle kurz auf sie bezieht,(20) greift die ausgewiesene Narratologin zu diesem Zweck auf Bausteine der Erzähltheorie zurück, anders als dieser aber stellt sie nicht die Narration in den Mittelpunkt, sondern den von ihr eigens konturierten Begriff der Exposition. Die Autorin, die gerne pro domo spricht, führt dazu im 2. Kapitel, »Das Subjekt der Kulturanalyse«, Folgendes aus:

Der Begriff ›Exposition‹ beschäftigt mich, seit ich mit der Arbeit an der Studie Double Exposures begonnen habe, die für mich ein Programm der Kulturanalyse geworden ist. In diesem Buch habe ich versucht, drei Bedeutungen des Verbs ›exponieren‹ [. . .] miteinander zu verbinden. [. . .] Dieses Verb bezieht sich auf den ›Vollzug einer öffentlichen Vorführung‹ oder eine ›öffentliche Demonstration‹ [Exposition]; es läßt sich mit einem Substantiv verbinden, das soviel bedeutet wie ›Meinungen‹ oder ›Urteile‹ und sich auf die öffentliche Präsentation der Anschauungen einer Person bezieht [Exposé]; außerdem kann es den Vollzug jener Handlungen bezeichnen, die es verdienen, öffentlich vorgeführt zu werden [sich exponieren] (S. 31 f.).

Der bewusst mehrdimensional angelegte Begriff der ›Exposition‹ erlaubt es, sowohl »Gesten des Exponierens« (S. 33, 39) und Strategien der Autorisierung zu untersuchen,(21) als auch die Widerständigkeit der Dinge im Blick zu behalten, über die keine »Exposition« gänzlich verfügen kann. Gäbe es nicht diesen »Raum zwischen Ding und Aussage«, in den sich abweichende Diskurse »einschleichen können« (S. 37), dann wäre keine »Kulturanalyse« möglich. Grundstruktur und Spielraum der als »erzkulturelle Praxis« (S. 39) begriffenen Exposition sieht etwa so aus (vgl. S. 36): Jemand exponiert sich gegenüber seinen Adressaten, indem er im Rahmen einer öffentlichen Kommunikationsofferte (Exposition) etwas exponiert, von dem er eine dezidierte Meinung hat (Exposé). Er reklamiert für seine Sicht der Dinge Autorität – das wäre an der Form der Exposition (ihrer Geste) einerseits und der Aussage des Exposés andererseits vergleichend zu analysieren – und setzt sich zugleich der Möglichkeit einer Gegenoffensive alternativer Lesarten aus, weil seine Exposition das ausgestellte Ding notwendig anderen Beobachtern aussetzten muss. Soweit die Struktur von »Exposition, Exposé und (sich) exponieren« (S. 31). Wendet die Kulturanalyse das inhärente Wissen nun reflexiv, so antizipiert sie nicht nur, dass andere anders beobachten werden, sondern kann die Vielfalt der Möglichkeiten als Qualität der Objekte ausweisen und sich selbst »als eine interdisziplinäre, ihre als Subjekte begriffenen Objekte untersuchende Praxis« (S. 28) exponieren. Von daher jedenfalls sind die grammatische Subjektstellung des Kulturellen, die etwa »Bilder [. . .] in visueller Form ›denken‹« lässt (S. 189), und das Pathos einer »Gegenwärtigkeit der kulturellen Objekte« (S. 36) zu verstehen, die Konstruktivisten ziemlich erstaunen dürften. Zugleich aber ist das der Grund dafür, dass Bals Analysen trotz narratologischer Grundbegrifflichkeit keineswegs zur Privilegierung von Texten führen wie ein (unvollständiger) Katalog ›ihrer Objekte‹ schnell zeigt: ein Graffito, das American Museum of Natural History, die Tätigkeit des Sammelns, Video-Installationen, barocke und moderne Skulpturen, Prousts Recherche, Bilder der eigenen Familie und anderes mehr.

Auch Martin Scharfe – und das ist vielleicht das Überraschendste in der Konstellation der hier besprochenen drei Publikationen – betreibt eine »Rehabilitation der Dinge, ja mehr: der kulturellen ›Güter‹ der kulturellen Objektivationen«.(22) Von daher rührt auch seine Empfehlung Karl Poppers als Kulturtheoretiker, denn dieser hatte in seinem Buch Objective Knowledge von 1972 eine Drei-Welten-Lehre vorgelegt, deren »Welt 3« all jenes umfasst, »was objektiv aus den geistigen Tätigkeiten der Menschen hervorgeht, und was sich dann von den Menschen trennt und fürderhin losgelöst von ihnen existiert« (S. 17) – während »Welt 2« die Praxis des Handelns, Denkens, Fühlens bezeichnet (den Vollzug der Praktiken also, nicht ihre bedeutungsschweren Objektivationen) und »Welt 1« das Rohmaterial, den Bereich des »Physischen und Physikalischen« (S. 16).

Folgt man Poppers Reflexionen, dann bildet sich bald der Gedanke, die Theorie der drei Welten für eine neue Bestimmung und Definition von Kultur zu nutzen: in einem engeren Sinne ist dann Welt 3 identisch mit Kultur, und in einem weiteren Sinne gehört zu Kultur alles, was die Beziehungen der [. . .] Welt 3 zu den Welten 2 und 1 betrifft samt Wirkungen und Resultaten. Aufgabe einer Kulturwissenschaft im allgemeinen wäre es dann, Welt 3 samt ihren Zusammenhängen mit Welt 2 und 1 zu untersuchen (S. 21).

Scharfe räumt ein, dass es sich hier um eine ausgesprochen weite – ja ausdrücklich weltweite – Kulturdefinition handelt, deren wissenschaftliche Untersuchung in dieser Totalität kaum zu operationalisieren sein dürfte und reduziert die Welt 3 deshalb zum »Fond für eine ausgeprägt auf die Analyse der Kulturproduktion selbst ausgerichtete Kulturwissenschaft« (S. 22). Und aus diesem Fundus bedient sich Scharfe, dessen (das gilt im Übrigen auch für die Werke von Bal und Müller-Funk) ansprechend gestaltetes Buch reich illustriert ist, dann auch fleißig; auf Fragen kulturwissenschaftlicher Methodik kommt er allerdings nicht mehr eigentlich zurück.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass er die Relevanz des Objekthaften primär anthropologisch begründet:

Reflexion aufs Werk ist also der Aspekt, der stärker als bisher zur Geltung gebracht werden soll, weil das Werk, kulturanthropologisch gesehen, vielleicht die eigentliche Pointe der menschlichen Existenz ist – einmal als Differenz zum Tier, zum anderen als mögliche Überdauerung des Todes: menschenspezifisches Werk (S. 8).

Es scheint die sich von Anfang an gegenüber der Horizontale vielfältiger Werke in den Vordergrund schiebende anthropologische Achse zu sein, die eine eigentliche Analyse des Fungierens der Kulturdinge unablässig aufschiebt, um stattdessen der generalistischen Frage Raum zu geben »Was ist Kultur?«. Kann die Frage auch nicht abschließend geklärt werden, so sind doch die Antworten die Scharfe mit Schiller, Kant, Herder, Gehlen, Scheler, Feuerbach, Marx und Engels, Schopenhauer, Nietzsche, Freud u. a. gibt, mit Gewinn zu lesen. Und das selbst, obwohl sie – daran ist Scharfe nicht ganz unschuldig – immer gleich lauten: Die Kultur kompensiert den Abfall vom Instinkt, den man bei gleicher Struktur als adamitische Tat, Natur oder Schicksal deuten und ganz unterschiedlich historisieren kann. – Allerdings: Bei Marx’ Thesen über Feuerbach – und nicht nur dort – wäre ein Absprung von der anthropologischen Stufenleiter in die kulturwissenschaftliche Horizontale möglich gewesen, der das Buch mehr hätte sein lassen als eine sympathische Erkundung über Kultur.

Dr. Matthias Schöning,  Forschungszentrum und Fachbereich Literaturwissenschaften, Universität Konstanz, PF 5560 D 164, D-78457 Konstanz, E-Mail: Schoe-ning@uni-konstanz.de


Anmerkungen

(1) Wolfgang Müller-Funk, Die Kultur und ihre Narrative. Eine Einführung. Wien, New York 2002, S. 4.  [zurück]

(2) Martin Scharfe, Menschenwerk. Erkundungen über Kultur. Köln u. a. 2002, S. XIV. [zurück]

(3) Vgl. Müller-Funk (Anm. 1), S. 52 f.  [zurück]

(4) Vgl. Müller-Funk (Anm. 1), S. 12–22, hier S. 199.  [zurück]

(5) Mieke Bal, Kulturanalyse. Hg. v. Thomas Fechner-Smarsly u. Sonja Neef. Frankfurt/M. 2002, S. 8. [zurück]

(6) Vgl. etwa Scharfe (Anm. 2), S. 126. [zurück]

(7) Ebd., S. 11–27.  [zurück]

(8) Ebd., S. 20. Nebenbei bemerkt, hat Bloch auch bei Müller-Funk (Anm. 1) einen Auftritt, wo er als »Begründer einer spezifisch und programmatisch unorthodoxen, marxistischen Kulturwissenschaft« gilt (S. 21). [zurück]

(9) Vgl. Scharfe (Anm. 2), S. 144: »so wie das Leben sich letztlich einer exakten begrifflichen Eingrenzung entzieht, ist auch Kultur, wenn man sie in vermeintlich immer und überall gültige Schemata pressen will, schon längst wieder durch die akademischen Finger geglitten«. [zurück]

(10) Vgl. Klaus. R. Scherpe, Stadt – Krieg – Fremde. Literatur und Kultur nach den Katastrophen. Tübingen, Basel 2002, S. 345.  [zurück]

(11) Ebd., S. 227. [zurück]

(12) Geoffrey Hartman, Das beredte Schweigen der Literatur. Über das Unbehagen an der Kultur. Übers. v. F. Jakubzik. Frankfurt/M. 2000, S. 14.  [zurück]

(13) Ebd., S. 15.  [zurück]

(14) Scherpe (Anm. 3), S. 343. [zurück]

(15) Ebd., S. 199.  [zurück]

(16) Bal (Anm. 2), S. 72 ff.  [zurück]

(17) Müller-Funk (Anm. 1), S. 10 (die folgenden Seitenangaben im Text beziehen sich durchweg auf dieses Buch). [zurück]

(18) Vgl. auch ebd., S. 200. [zurück]

(19) Bal (Anm. 5), S. 7 (alle weiteren Seitenangaben im Text beziehen sich auf diesen Band).  [zurück]

(20) Müller-Funk (Anm. 1), S. 61 f. [zurück]

(21) Bal (Anm. 5), S. 39: »Nur wer über kulturelle Autorität verfügt, kann ein expositorischer Akteur sein. Nur ein solches Subjekt ist dazu imstande, ein zahlreiches und für den Akteur anonymes Publikum standardmäßig anzureden«.  [zurück]

(22) Scharfe (Anm. 2), S. 8 (alle folgenden Seitenangaben im Text beziehen sich auf dieses Buch).  [zurück]