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In: KulturPoetik 2003, Heft 2

Autor

Frank Zipfel

Titel

Globalisierung, kulturelle Differenz und Literatur
(1) Norbert Bolz/Friedrich Kittler/Rainmar Zons (Hg.), Weltbürgertum und Globalisierung.
(2) Bernd Wagner (Hg.), Kulturelle Globalisierung. Zwischen Weltkultur und kultureller Fragmentierung.
(3) Reinhard Düssel/Geert Edel/Ulrich Schödlbauer (Hg.),  Die Macht der Differenzen. Beiträge zur Hermeneutik der Kultur. 
(4) Manfred Schmeling/Monika Schmitz-Emans/Kerst Walstra (Hg.), Literatur im Zeitalter der Globalisierung.
(5) Pascale Casanova, La République mondiale des lettres

Kategorie

Rezension

Volltext

Globalisierung ist nach wie vor ein Zentralbegriff und ein Reizthema des politischen und ökonomischen Diskurses: Über Inhalte, Bewertungen, Konsequenzen, ja sogar über die Existenz des Phänomens wird kontrovers diskutiert. In den Geistes- und Sozialwissenschaften trifft diese Diskussion auf ein durch die Postcolonial Studies gewecktes Interesse an den Konzepten vom ›Eigenen‹ und ›Fremden‹, von kultureller Identität und kultureller Differenz, in der Literaturwissenschaft außerdem noch auf die durch die kulturwissenschaftliche Neuorientierung (1) (wieder-)entdeckten Fragen der kulturellen Bedingungen und Bedingtheit von Produktion, Rezeption und Struktur literarischer Texte. Dabei wird deutlich, dass Globalisierungsphänomene, kulturhistorisch gesehen, nicht erst am Ende des 20. Jahrhunderts auftreten und dass bestimmte kulturelle Bereiche, wie z.B. die Literatur, von eigenen Globalisierungs- und Diversifizierungsbewegungen bestimmt werden, die sich unabhängig von der aktuell diskutierten ökonomischen, politischen und kulturellen Globalisierung vollziehen. Die im Folgenden zu besprechenden Veröffentlichungen zeigen zudem, dass einfache Parallelisierungen von ökonomischer und kultureller Globalisierung oder plumpe Gegenüberstellungen von wirtschaftsbezogener Vereinheitlichung und kulturell bzw. künstlerisch geschaffener Differenz nicht zu erhellenden Fragestellungen führen. Eher erweist es sich als fruchtbar, die Komplexität kultureller Globalisierung und Diversifizierung zunächst in Einzelbereichen zu analysieren und damit die Bedeutung dieser Begriffe für Felder wie Kunst oder Literatur zu erfassen; erst dann kann in einem (sicherlich notwendigen) interdisziplinären Dialog die Vergleichbarkeit der Phänomene erörtert werden.

 
Norbert Bolz/Friedrich Kittler/Rainmar Zons (Hg.), Weltbürgertum und Globalisierung. München: Fink 2000. 215 S.

Im Titel des Sammelbandes wird die Konjunktion ›und‹ nicht in verbindender, sondern in rein additiver Funktion verwendet – und man hätte noch einige Elemente hinzufügen müssen (z.B. und Kommunikation und Kunst und so weiter), um der Heterogenität der Beiträge gerecht zu werden. Die Herausgeber formulieren zwar in der Einleitung eine Leitfragestellung, welche die beiden titelgebenden Begriffe miteinander verbinden soll: »Ließen sich […] weltbürgerliche Gedanken für die gegenwärtige Globalisierungsdebatte nutzbar machen«? (S. 7); das Versprechen jedoch, dass sich die versammelten Literatur-, Kunst-, und Musikwissenschaftler, Kultur-, Kommunikations- und Medientheoretiker, Philosophen, Politiker und Ökonomen in ihren Beiträgen mit dieser Frage beschäftigen werden, bleibt uneingelöst.(2) Nun könnte man bereits die Herleitung dieser Leitfrage kritisch diskutieren – die Geschichte, die einen Bogen spannt vom Triumph des weltbürgerlichen Bildungsideals und der Literatur als Universalmedium im 18. Jahrhundert über den Zerfall des Weltbürgertums in nationale Ressentiments und des universalen Mediums »in solch partiale Medien wie Photographie, Film, Typewriter, Grammophon usw.« (S. 7; die Partialität dieser Medien ist den Autoren keine Begründung wert) bis zum Auftauchen des neuen Weltbegriffs Globalisierung und des neuen Universalmediums Computer – aber das hieße die konzeptionelle Bedeutung dieser in den Beiträgen kaum thematisierten Leitfrage überschätzen. Der Band zerfällt in die vier Kapitel: 1. Weltbürgertum, 2. Weltkommunikation, 3. Medien der Künste, 4. Arbeit und Märkte.

Das erste Kapitel soll zu »einer Klärung der historischen Befunde des Weltbürgertums« (S. 7) dienen, bietet jedoch eine Demontage dieses Begriffs aus unterschiedlichen Perspektiven. R. Zons beschäftigt sich mit dem Weltbürgertum als Kampfbegriff, d. h. als eschatologisches Konzept eines neuen universalen Menschen: ein gut gemeinter Traum »alter Philosophen, von jungen Feuerköpfen blutig vollstreckt« (S. 28). In dem mit dem Weltbürgertum verbundenen goetheschen Bildungsgedanken sieht G. Thiele ein Heilsversprechen, dessen Propagierung die Stilisierung Goethes zum homo perfectus voraussetzt. M. Dabrag schließlich bringt weltbürgerliche Absichten in Verbindung mit den Genoziden des 20. Jahrhunderts. Diese Verbindung leitet der Autor allerdings nur aus »Assoziationen« und »Gleichklängen« (S. 69) einiger Weltbürgertum und Genozid zugrunde liegender Konzepte ab, wie z. B. den universelle Gültigkeit beanspruchenden Identitätskonzeptionen, die bis zur Extermination von Ausgegrenzten führen können.

Im 2. Kapitel ruft N. Bolz die »Zeit der Weltkommunikation« aus, die durch die Verdrängung der Weltwahrnehmung durch Kommunikationswahrnehmung, durch Kommunikation von Kommunikation anstatt von Information und durch Ausgrenzung des Nicht-Kommunizierbaren gekennzeichnet sein soll. M. Faßler diagnostiziert die »Exkommunikation des Bürgers«: die Welt sei nicht mehr in den Kategorien des Bürgertums beschreibbar, ein »neues kulturelles Format menschlichen Denkens und Handelns« (sogenannte »radical active members«, S. 107) werde benötigt. Das 3. Kapitel beschreibt in teilweise durchaus spannend zu lesenden Beiträgen, jedoch ohne Bezug zu den Titelbegriffen, die Auswirkungen der Erfindung des Buchdrucks bis zu dessen Digitalisierung (F. Kittler), die Entdeckung der Zentralperspektive (S. Edgerton) und die mathematische Erforschung der Zwölftonleiter (F. Kittler).

Das 4. Kapitel schließlich widmet sich der Globalisierung (ohne Bezug zum Konzept des Weltbürgertums). B. Priddat beschreibt den regellosen, quasi rechtsfreien Raum, der durch die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der schnellen ökonomischen Globalisierung und der langsamen politischen Entwicklung entsteht, und entwickelt ein politisches Zukunftsmodell, indem die Entscheidungen der nationalen Demokratien mit denen der transnationalen Akteure (Konzerne, Unternehmen, NGOs) abgestimmt werden müssen. H.-P. Spahn und H.M. Trautwein räumen in ihren jeweiligen Artikeln mit einigen von Politik und Medien immer wieder geäußerten Gemeinplätzen zum Zusammenhang von Globalisierung und Arbeitsmarkt auf, so. z. B. mit der Vorstellung, dass geringe Arbeitslosigkeit, ein funktionierender Sozialstaat und gesunde Staatsfinanzen gleichzeitig zu realisieren seien, oder mit dem Gedanken, dass der Fluss von Unternehmenskapital vom Inland ins Ausland die inländische Wirtschaft zwangsläufig schwäche und zu Arbeitsplatzabbau führe, während der umgekehrte Kapitalfluss vom Ausland ins Inland notwendigerweise die inländische Wirtschaft stärke und Arbeitsplätze schaffe. Beide machen deutlich, dass die Zusammenhänge wesentlich komplexer sind, als Politik und Medien sie in der Regel darstellen, dass es Handlungsspielräume auf unterschiedlichen Ebenen gibt, jedoch keine Patentrezepte.

 
Bernd Wagner (Hg.), Kulturelle Globalisierung. Zwischen Weltkultur und kultureller Fragmentierung. Essen: Klartext 2001. 184 S.

Während in Weltbürgertum und Globalisierung kaum eine Verbindung zwischen kulturellen Phänomenen und Globalisierung zu erkennen ist, wird der von Bernd Wagner herausgegebene Sammelband seinem Titel gerecht(er) und versammelt Beiträge zur Untersuchung »globaler Zusammenhänge von Kunst- und Kulturentwicklung« (S. 7) – nach Meinung des Herausgebers ein Bereich, der, verglichen mit ökonomischen, finanziellen oder politischen Aspekten der Globalisierung, bisher vernachlässigt wurde. Aus dem Versuch, dieses Defizit mit grundlegenden Untersuchungen auszugleichen, erklärt sich wohl, dass die größere Anzahl der Beiträge allgemeinen Überlegungen zur Globalisierung in den Bereichen Kultur und Kunst gewidmet ist. Ergänzt werden diese eher theoretischen Untersuchungen durch kleinere Beiträge zu Popmusik, Hip-Hop, Hollywood-Filmen und dem Londoner Notting-Hill-Carnival als globalen bzw. interkulturellen Phänomenen.

Die diversen Probleme theoretischer Überlegungen zur kulturellen Globalisierung werden von B. Wagner in seinem ausführlichen Einleitungsbeitrag thematisiert. Kulturelle Globalisierung wird aus verschiedenen Blickwinkeln durchaus unterschiedlich beschrieben und bewertet: Die Theorie des ›Kampfes der Kulturen‹ beruht auf einem statischen, an Differenzen ausgerichteten Kulturbegriff und geht oft einher mit Warnungen vor der Vereinheitlichung kultureller Differenzen; die Theorie der ›Glokalisierung‹ (also der lokalen Aneignung und Veränderung globaler Phänomene) sieht diese Gefahr weniger, da sie von einer regionalen Ausdifferenzierung globaler Phänomene ausgeht; die Theorie der ›Hybridisierung‹ und ›Kreolisierung‹ schließlich bewertet die Entwicklung und Vermischung von ohnehin immer bereits durch Hybridität und nicht durch Einheitlichkeit gekennzeichneten kulturellen Formen und Traditionen eher positiv. Die mit diesen Theorien verbundenen Thesen und Hypothesen erschließen bestimmte Aspekte der kulturellen Globalisierung, ohne dass jedoch konkret fassbar wird, welche Phänomene auf welcher Ebene und mit welcher Verbindlichkeit beschrieben bzw. erklärt werden sollen. Wagner schlägt deshalb drei Differenzierungsebenen vor. Es wäre erstens zu präzisieren, welche Ebene der Kultur betrachtet wird: Alltagskultur (z. B. Produkte des täglichen Konsums und Bräuche); die Künste in ihren verschiedenen Formen; die Unterhaltungs-, Massen- und Popularkultur; die kulturell geprägten Werte, Normen und Lebensbilder. Zweitens müsse die Globalisierung nach den verschiedenen Künsten differenziert betrachtet werden, da diese unterschiedlichen Verbreitungsmechanismen unterworfen sind. Drittens sollte die jeweilige Ebene der kulturell-künstlerischen Aktivität unterschieden werden: technische Infrastruktur und materiale Basis, Ebene des Eigentums und der ökonomischen Macht, die Seite der Produktion und des Inhalts und die Seite der Rezeption und der Verarbeitung.

Obwohl sich die einzelnen Beiträger größtenteils einig darüber sind, dass bezüglich der ersten drei Punkte eine Übermacht der USA und der abendländisch-westlichen Zivilisation besteht, zeichnen sie fast ausnahmslos ein positives Bild der kulturellen Globalisierung. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit über die Grenzen von Nationen und Kontinenten hinweg wird als Grundlage für einen fruchtbaren Dialog der Kulturen gesehen. In den regional unterschiedlichen Rezeptionen und Verarbeitungen der weltweit vertriebenen westlichen kulturellen Formen und Inhalte (von Fast Food bis zu Filmen) sehen die meisten Autoren nicht nur die Gefahr einer Amerikanisierung gebannt, sondern sogar eine Chance für die Diversifizierung der Kulturen. Der ›Glokalisierung‹ wird so ein wichtiger Platz im Entstehen von sowohl global wie lokal geprägten Kulturen zugewiesen. Globalisierung wird in dieser Perspektive nicht als Homogenisierung sondern als Diversifizierung, nicht als einseitige kulturelle Vorherrschaft oder Abhängigkeit sondern als wechselseitige kulturelle Durchdringung, nicht als Verwestlichung sondern als ›Kreolisierung‹ angesehen (z. B. im Beitrag von W. Hippe). Man könnte allerdings fragen, ob Beispiele wie die (doch eher marginale) Anpassung des Angebots von McDonalds an die jeweiligen nationalen Essgewohnheiten oder die Erstellung unterschiedlicher nationalsprachlicher Rahmenprogramme bei MTV tatsächlich die damit verbundenen positiven Thesen rechtfertigen – wie z. B. dass die unterschiedliche Interpretation globalisierter Phänomene im jeweiligen lokalen Raum zu einer kulturellen Diversifizierung führt, die zudem die Reflexion auf die eigene Kultur fördern soll (so I. Zugrigl).

Die Untersuchungen zu konkreten Phänomenen zeichnen ein zum Teil differenzierteres Bild. S. Binas hebt zwar positiv hervor, dass in der modernen Popmusik Einflüsse von äußerst unterschiedlicher kultureller Herkunft aufgenommen werden. Sie weist aber auch darauf hin, dass die Warenkultur der Homogenisierung kultureller Mannigfaltigkeit bedarf, um den Tauschwert möglichst vieler Produkte zu realisieren, so dass Verschiedenartigkeit als Rohmaterial, als Ressource interessanter Klänge (Potential des Neuen, Anderen, Fremden) zwar erwünscht ist, aber nur so lange das Material nicht so fremd erscheint, dass es abschreckend wirken könnte. Hickethier sieht den Erfolg des amerikanischen Kinos in seiner Transnationalisierung, die er daraus ableitet, dass die amerikanische Filmproduktion von je her auf ein multi-ethnisches Publikum ausgerichtet sein musste. Zwei Beträge befassen sich schließlich mit der Kritik am Begriff des Multikulturalismus. Mit S. Zizek sieht M. Terkessidis Multikulturalismus als eine Art Rassismus, der seine Position von jeglichem Inhalte frei macht und sich so zum privilegierten Ort stilisiert, von dem aus andere Kulturen bewertet werden. Wagner kritisiert am Konzept der Multikulturalität die Kulturalisierung politischer und gesellschaftlicher Konflikte, die Ethnisierung unter dem Deckmantel essentialistisch verstandener kultureller Identität. Er räumt allerdings ein, dass auch Begriffe wie Inter- oder Transkulturalität mit denselben Mängeln behaftet sind.

 
Reinhard Düssel/Geert Edel/Ulrich Schödlbauer(Hg.), Die Macht der Differenzen. Beiträge zur Hermeneutik der Kultur. Heidelberg: Synchron 2001. 423 S.

Der Sammelband Die Macht der Differenzen kann seine Herkunft aus zwei verschiedenen Veranstaltungsreihen nicht leugnen: ein Teil des Bandes (die Kapitel 1, 2, 5, 6) ist mit Fragen der Konzeption kultureller Differenz im Zeitalter der Globalisierung befasst, der andere (Kapitel 3, 4) mit der Kulturtheorie des französischen, in den USA lehrenden und in Deutschland wenig rezipierten Literaturwissenschaftlers René Girard. Das lose Bindeglied beider Teile liegt allenfalls in der Tatsache, dass es hier wie dort um ›Kultur‹ geht.

Die Artikel des kürzeren Girard-Teils reichen von einer wohlwollenden, konzisen Darstellung von Girards Kulturtheorie über kritische Auseinandersetzungen mit Voraussetzungen und Elementen dieser Theorie bis zu ihrer Anwendung bei der Interpretation literarischer Texte. Die Eckpfeiler der Girardschen Theorie sind – in P. Tijmes Darstellung – die mimetische Struktur des Begehrens bzw. die sog. Dreiecksbegierde (eine Person A begehrt ein Objekt N, weil dieses von B begehrt wird und die Begierde von A steigert wiederum das Begehren von B) und der darauf aufbauende Sündenbock-Mechanismus (die Rivalitäten in einer Gruppe werden durch ihre Fokalisierung auf einen Dritten, den sogenannten Sündenbock und durch dessen Ermordung überwunden), der nach Girard für die Entstehung des Symbolhandelns und damit der menschlichen Kultur verantwortlich ist. Kritisch hinterfragt werden Girards Personalisierung der Gewalt und die Entpersonalisierung des Menschen in seiner Konzeption des Gewalt-Mechanismus sowie seine auf Abstraktionen beruhende und kulturhistorische Zusammenhänge vernachlässigende Ursprungsphantasie der Kultur. W. Braungart deutet die Ermordung der Hauptfigur von Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame mit Girards Sündenbock-Theorie als »gesellschaftsbegründende Gewalt« und damit das Drama sowohl als Ritualspiel wie auch als Spiel über die »moderne, durchkapitalisierte Weltordnung« (S. 216); für M. Kratter kann man »keinen angemesseneren Begleittext« (S. 228) zu René Girards La Violence et le sacré finden als C. Achebes Roman Things fall apart.

In den restlichen Sektionen des Bandes wird ›kulturelle Differenz‹ aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet und untersucht. Im ersten Kapitel (»Was heißt kulturelle Differenz?«) wird eher kritisch mit diesem Konzept umgegangen: V. Raman unterscheidet zwischen einer ästhetischen (Sprache, Kunst, Musik, Feste, Küche etc.), einer moralischen (Wert, Gesetze, Ethos, Traditionen) und einer weltanschaulichen (Vorstellungen und Bilder über die physische Welt wie sie in Mythen, Kosmologien und Wissenschaften dargestellt sind) Dimension der Kultur. Kulturelle Differenz ist nach seiner Ansicht ausschließlich auf der ästhetischen Ebene als »kreative Vielfalt der menschlichen Familie« (S. 27) zu bewahren, die moralische Dimension sei von veralteten Werten zu entstauben, die weltanschauliche den Erkenntnissen der modernen Wissenschaften anzupassen. Diese moralische und weltanschauliche Anpassung sei nicht als Aufoktroyieren westlicher Vorstellungen zu sehen, weil die besten Einsichten der Aufklärung und die moderne Wissenschaftskultur nur von ihrem Ursprung her westlich, ansonsten aber als Menschheitserrungenschaften anzusehen seien, die ebenso im Gegensatz zu der westlichen Tradition vor der Aufklärung stünden wie zu manchen heutigen afrikanischen oder asiatischen Denkweisen. A. Goodson ist sogar der Ansicht, dass inzwischen der Begriff ›Kultur‹ durch seine Verwendung in der Anthropologie und durch Missbrauch im politischen Bereich seine Bedeutung verloren habe und somit auch das Konzept der kulturellen Differenz obsolet geworden sei.

Die Beiträge des zweiten Kapitels (»Strategien der Weltaneignung«) thematisieren die erkenntniskritischen Tatsachen, dass einerseits sowohl der Begriff der ›Kultur‹ (in der Gegenüberstellung mit dem Konzept der ›Natur‹) wie auch alle Konzepte kultureller Differenz selbst kulturelle Konstrukte sind, dass andererseits diesen Unterscheidungen trotz des Konstruktcharakters ihr Wirklichkeitsgehalt innerhalb eines bestimmten Begriffsrahmens nicht abzusprechen ist. In Sektion 5 (»Kultur und Andersheit«) geht es zum einen um die Begründungen der Notwendigkeit von Fremdheitserfahrung zur Konstitution des Individuums in der Kultursoziologie von Alfred Schütz und in der Philosophie von Emmanuel Lévinas, zum anderen um Differenzierungen in der Konzeption des Fremden. Beklagt wird, dass kulturelle Differenz zumeist als unüberwindlicher Graben zum kulturell Fremden konstruiert wird, dass dieses Fremde aber letztlich nur über eine ausgrenzende Typisierung des unvertraut Anderen zustande kommt. Diesen Ausgrenzungstendenzen gelte es mit einer »transzendentalen Rekonstruktion eines universalistischen Kulturbegriffs« (S. 247) entgegenzuwirken, da die Betonung kultureller Differenz mehr politische Gefahren berge, als sie emanzipatorisches Potential enthalte.

Zur Untersuchung der Darstellung kultureller Differenz in literarischen Texten (6. Kapitel: »Ästhetische und kulturelle Differenz«) sagen die drei hier versammelten Beiträge leider nur wenig. Neben dem Nachweis des Einflusses von Wagners Musik und Leitmotiv-Technik auf Prousts À la recherche du temps perdu (R. Perlwitz) und der These, dass Artaud in seinen Schriften über das balinesische Theater das Fremde lediglich als Projektionsfläche für seine eigene ästhetische Vorstellungswelt verwendet (D. Harth), thematisiert lediglich der Beitrag von M. Schmitz-Emans die Facetten der Darstellung kultureller Differenz in El hablador von Mario Vargas Llosa, eine Darstellung die durch ihre vielfältigen Brechungen diverse Interpretationen zur (Un-)Möglichkeit des Verstehens fremder Kulturen zulässt.

 
Manfred Schmeling/Monika Schmitz-Emans/Kerst Walstra (Hg.), Literatur im Zeitalter der Globalisierung. Würzburg: Könighausen und Neuman 2000. 318 S.

Auch die Herausgeber des aus einer komparatistischen Tagung an der Universität Saarbrücken im Juni 1998 hervorgegangenen Bandes stellen ein Defizit in der Untersuchung der Globalisierung im Hinblick auf kulturelle und literarische Phänomene fest und fragen: »Wie aber verhält es sich […] mit der Literatur im Zeitalter der Globalisierung? Welches sind die Bedingungen ihrer Partizipation und Reaktion«? (S. 6). Die Antwortversuche auf diese Fragen sind in vier Kapitel gegliedert, die auf intermediale (Kap. 2: Globalisierung, Literatur und Neue Medien), literaturtheoretische (Kap. 3: Globalisierung in der literatur­wissen­schaft­­lichen Theoriebildung), interkulturelle (Kap. 4: Globalisierung und Interkulturalität) und ästhetisch-praktische (Kap. 5: Globalisierung im Spiegel der Literatur) Aspekte eingehen.

Vorgeschaltet ist ein »Globalisierung interdisziplinär« benanntes erstes Kapitel, das exemplarisch den »›globalen‹ Charakter des Globalisierungsdiskurses« verdeutlichen soll. Die Rolle dieses Kapitels ist nicht ganz nachvollziehbar, denn auch 1998 musste wohl nicht erst erwiesen werden, dass das Schlagwort ›Globalisierung‹ in politischen, historischen, ökonomischen und philosophischen Diskursen präsent ist. Die einzelnen, durchaus interessanten Ausführungen – zur Konstituierung der Region Saar-Lor-Lux in einem globalisierten Europa (J. Leinen); zur Globalisierung als einem bereits mit der Kolonialisierung einsetzenden Prozess, der sich nicht immer nur zum Vorteil der Zentren vollzieht (R. Hudemann); zur Globalisierung als einer mit Entgrenzung, Heterarchie, Mobilität, Legitimitätserosion und Flexibilisierung verbundenen ökonomischen Denkweise, die kaum als empirisches Phänomen statistisch nachzuweisen ist (C. Scholz); zur auf analogischer Hermeneutik und dem Bewusstsein der eigenen Standortgebundenheit basierenden interkulturellen Philosophie (R. A. Mall) – bleiben mit dem Wunsch nach einer hybridisierten Weltliteratur und nach einem Beitrag von Kunst und Literatur zum besseren Verständnis der globalisierten Welt in ihren Erträgen für die Frage des Zusammenhangs zwischen Globalisierung und Literatur eher mager.

Das zweite Kapitel zielt auf die Interdependenz von Globalisierung, Informationsgesellschaft und literarischer Produktion, wobei Letztere in den drei Beiträgen eher am Rande erwähnt wird. Obwohl die digitale Kultur die Schriftkultur nicht vollständig ersetze, postuliert H. Rotermund einen Bedeutungsverlust der Literatur als Trägermedium, da sowohl die Informations- wie die Unterhaltungserwartung der Rezipienten auf andere (größtenteils bildgestützte) Medien übergehe. Als direkte Auswirkungen auf die literarische Produktion erwartet er u.a. eine Veränderung der Dramaturgie auf in kürzerer Zeit rezipierbare Geschichten hin. J. Black diagnostiziert die Faktualisierung und Trivialisierung von Literatur, da Nachrichten zur bevorzugten Narration geworden seien und gleichzeitig das Nachrichtenwesen sich immer mehr mit Klatsch befasse. Für K. Walstra ist das Internet das ideale Medium für den Austausch und die Verbreitung von Verschwörungstheorien (wie sie bei der Ermordung großer Politiker wie Kennedy entstehen). Diese Alltagstheorien der Volkskultur fungieren als Mythenersatz, der eine durch Narration erzeugte Sinnstiftung vermittelt und dem Einzelnen eine Reduktion der Komplexität der Wirklichkeit ermöglicht.

In den sechs Beiträgen, die sich in Kapitel 3 den literaturtheoretischen Auswirkungen der Globalisierung widmen, werden die Schwierigkeiten der Suche nach einem Zusammenhang zwischen Globalisierung und literarischen Phänomenen deutlich. P. Corneas These, dass die Globalisierung eine Vermittlung zwischen den essentialistisch-universalistischen Konzepten der menschlichen Natur und den relativistischen Konzepten der kulturellen Differenz erfordert, berührt ausschließlich erkenntnistheoretische Fragestellungen (auch wenn sie an Äußerungen des Literaturtheoretikers S. Fish gewonnen wurde). J. Bessière findet mit Hilfe assoziativer Ausführungen in einem Literaturkonzept, das seine Alteritätsfunktion zugunsten des Anspruchs auf Universalität aufgibt, ein Analogon zur ökonomischen Globalisierung. Erstaunlich ist wie Z. Siaflekis die Parodie als Gattungsintermedialität (was immer das sein mag) radikal interkulturell als universelle Art des literarischen Ausdrucks, der Sprach- und Kulturgrenzen überwindet, interpretiert und sie so zu einem wichtigen Faktor der literarischen Globalisierung stilisiert. W. Krysinskis kritische Beleuchtung der Frage »Wo begegnen sich Globalisierung und Literatur«? kommt zu dem Schluss, dass der universelle Status einer Literatur nicht von der Thematisierung multikultureller Phänomene abhänge und dass auch eine auf Lokales und Identitätssuche zentrierte Literatur wie die deutsche weltliterarische Geltung erlangen könne. P. Mildonian sieht, relativ konventionell, die Dialektik zwischen ›global‹ und ›lokal‹ in der Literatur durch die klassischen abendländischen Stoffe wie ›Faust‹ und ›Don Juan‹ vermittelt. Anregend hingegen sind die Ausführungen von H. Steinmetz über den literarhistorischen Zusammenhang zwischen Globalisierung und Literatur. Es sieht in der Moderne (eines Kafka, Beckett, Eliot, Joyce oder Ionesco) eine Phase der Vereinheitlichung der Literatur, die unter Akzentuierung der Universalität und unter Verzicht auf nationale und kulturelle Fundamente die Darstellung der ›condition humaine‹ bevorzugte, in der Postmoderne hingegen eine Diversifizierung, die sich von diesen allgemeinen Zusammenhängen distanziert und auf eine Rekonstitution des Einzelnen, des Besonderen und des Lokalen hinarbeitet (das jedoch im Sinne einer Glokalisation immer auch vom Globalen durchsetzt ist).

Für den Bereich von Globalisierung und Interkulturalität (Sektion 4) eröffnen die Beiträge von H.-J. Lüsebrink und D. Lamping interessante Perspektiven. Lüsebrink sieht vor dem Hintergrund einer Geschichte der Globalisierung seit dem Kolonialismus die für Haiti entworfene Kreolisierung, die Glissant als hybride Mischung heterogener Elemente konzeptualisiert (im Gegensatz zur synthetischen Auflösung der Unterschiede im ›métissage‹), als Paradigma einer interkulturellen Poetik. Diese führe, bei gleichzeitiger Ablehnung der medialen, ökonomischen, politischen Globalisierung und Öffnung für das Andere, zu transkulturellen Konstellationen, die weniger in einer Uniformisierung als in einer multikulturellen Fragmentierung münden. D. Lamping beschreibt jüdische Kultur und Literatur als einen Modellfall für Internationalismus und Interkulturalität, die unabhängig von den Globalisierungstendenzen des späten 20. Jahrhunderts auf der historisch begründeten Zwei- bzw. Mehrsprachigkeit jüdischer Autoren beruhen. Jüdische Literatur ist in ihrer Mehrsprachigkeit und Thematisierung kultureller Differenz zudem ein Beispiel dafür, dass Internationalismus nicht zu Anpassung und Vereinheitlichung führen muss, sondern helfen kann, Unterschiede zu bewahren und eigene Identität neu zu definieren. Die Ausführungen von M. Calle-Gruber hingegen bleiben der antagonistischen Vorstellung verhaftet, dass es sich bei Literatur und Globalisierung um grundlegend gegensätzliche Phänomene handele: Während Globalisierung auf Uniformisierung von Konsum und Produktion aus sei und damit Differenzen überdecke, sei Literatur ein intellektuell auto-reflexives Verfahren, das Differenzen sichtbar mache.

Unter den Betrachtungen zu ästhetisch-praktischen Auswirkungen der Globalisierung auf die Literatur (Sektion 5) ist M. Ambrosinis theoretische ›Globalisierung‹ des Exils wenig hilfreich. Die These, dass die Grenzen auflösende und Kulturen nivellierende Globalisierung unterschiedlichste Autoren wie C. Milosz, S. Heaney, M. Tournier und P. Auster in ein globales Exil projiziere, weitet den Exilbegriff bis zur Bedeutungslosigkeit und wird den Autoren mit tatsächlichen Exilerfahrungen nicht gerecht. H. Meter sieht den Preis der internationalen Rezipierbarkeit der italienischen Literatur der 90er Jahre in ihrer Abkopplung von der einzelliterarischen Tradition, die einhergeht mit Vereinheitlichung und Einförmigkeit der Darstellungscodes, so dass kulturelle Spezifika nur noch als Dekoration verwendet werden. Was M. Schmitz-Emans als literarische Reaktionen auf Globalisierung ansieht, ist nur unter einer sehr weiten Definition dieses Begriffs zusammenzubringen: Konkrete Poesie wird als globales Projekt gesehen, das nationalsprachliche Grenzen durch weitgehende Reduktion auf das Visuelle überwindet, Handkes Beschreibung des Flughafens als Ort »dazwischen« wird als Thematisierung der Einebnung kultureller Differenz interpretiert, und bei M. Serres entdeckt die Autorin den modellbildenden Charakter der Literatur durch den Brückenschlag zwischen traditionsreichen Themen und Bildern der Gegenwart.

 
Pascale Casanova, La République mondiale des Lettres. Paris: Seuil 1999. 493 S.

Diese Monographie spricht explizit weder von Globalisierung (im heute geläufigen Sinn) noch von kultureller Differenz; beide Konzepte sind jedoch implizit in ihren Überlegungen enthalten. So ist das Ziel der Arbeit eine Veränderung der Perspektive bei der Betrachtung von Literatur: weg von dem nach Ansicht der Autorin immer noch vorherrschenden Monadismus der Literaturkritik (die ein literarisches Werk als Einzelnes und einzigartiges zu interpretieren sucht) hin zu einer globalisierten, die Interdependenzen zwischen (National?)Literaturen und zwischen literarischen und historisch-politischen Phänomenen berücksichtigenden Vorgehensweise. Dazu sollen die Regeln, welche die sogenannte Welt-Republik der Literatur regieren, offen gelegt und ihr Beitrag zur Interpretation literarischer Texte herausgearbeitet werden. Systematisch geht es Casanova also um die Beschreibung des Weltsystems der Literatur. Dieses System und der Standort des einzelnen Werks in ihm bliebe unsichtbar, wenn man an der Fiktion festhalte, dass alle der Autoren in einem Raum der kreativen Freiheit und Gleichheit schreiben und von der literarischen Weltgemeinschaft unabhängig von ihrem jeweiligen (literar-)politischen Standort bewertet werden. Historisch geht es Casanova – angeregt durch die Bemühungen des zur französischen Annales-Schule gehörenden Historikers Fernand Braudel um eine umfassende Sozialgeschichte im Weltmaßstab – um eine Weltgeschichte der Literatur.

Im Hinblick auf diese Weltgeschichte unterscheidet die Autorin drei große Entwicklungsschritte. Die erste Etappe und damit den Beginn der Weltliteratur (»espace littéraire mondial«) verbindet Casanova mit der französischen Dichtergemeinschaft Pléiade und mit Joachim du Bellays Manifest La Defence et Illustration de la langue françoyse (1549). Damit gelinge es in Europa, die gesprochene Sprache (das Französische) gegen das Latein der Gelehrten und der Kirche durchzusetzen. Trotz ähnlicher Bestrebungen im Italien des 14. Jahrhunderts (Dante, Petrarca, Boccaccio) und in der luthersche Bibelübersetzung sei die Einführung der Vulgärsprache nur in Frankreich gelungen, weil sie durch einen sich gleichzeitig entwickelnden Nationalstaat gestützt wurde. So sei im Laufe der folgenden drei Jahrhunderte Französisch die Weltsprache der Zivilisation und der Literatur geworden und Paris deren Hauptstadt. Die zweite Etappe geht einher mit der Entwicklung des Nationalismus in Europa am Ende des 18. und im 19. Jahrhundert. Casanova beschreibt diese Stufe als den ›Herder-Effekt‹; gemeint ist damit die zuerst in Deutschland, dann in anderen europäischen Ländern unter dem Einfluss von Herders Schriften propagierte Wertschätzung der eigenen Sprache und Literatur aus der Volkstradition, die in ihr aufscheint. Die dritte Etappe beginnt mit der in der Dekolonialisierung nach dem zweiten Weltkrieg begründeten Erweiterung der literarischen Welt durch das Eingreifen von bis dahin auf der literarischen Weltkarte nicht vorhandenen Sprachen und Literaturen in den internationalen Kampf um künstlerische Anerkennung.

Dieser Kampf um literarische Anerkennung manifestiert sich nach Casanova vor allem in der Rivalität zwischen den Nationalliteraturen und in den Bedingungen der Entstehung neuer Literaturen. Die Konstitution eines literarischen Raumes unterliegt einer Reihe von Gesetzmäßigkeiten, die aus verschiedenen Perspektiven und für unterschiedliche Beispiele beleuchtet werden. Am Beginn einer Nationalliteratur steht nach Casanovas verallgemeinernden Darstellungen eine enge Verschränkung zwischen Sprache, Nation, Literatur und Volk. Die Literatur des eigenen Landes oder Raumes wird von den Autoren zur Volksliteratur stilisiert und als aus dem ›Volk‹ (einer eher von den Autoren konstruierte als empirisch nachprüfbare Größe) entstanden legitimiert. Charakteristisch hierfür ist die Sammlung und Aufbereitung von Märchen, Legenden und Erzählungen aus der sogenannten Volkstradition sowie die Verwendung von Drama und Theater als Bindeglied zwischen einer mündlichen Volkskultur und einer mit literarischem Anspruch auftretenden Schriftlichkeit. Zudem kann es in der Gründungsphase zu einer gegenseitigen Verstärkung zwischen der Konstitution der politischen und der literarischen Nation kommen: Oft ist die Literatur für die Standardisierung der politische Einheit stiftenden Nationalsprache verantwortlich. In der Konsolidierungsphase wird dann allgemein anerkanntes, fremdes literarisches Erbe durch Übersetzung in die eigene Literatur aufgenommen und deren Bedeutung dadurch gesteigert – beispielhaft hierfür ist die Einverleibung der antiken griechischen und römischen sowie der schon klassisch gewordenen europäischen Literatur (Shakespeare, Cervantes, Dante etc.) durch die um 1800 einsetzende rege Übersetzungstätigkeit in Deutschland. In einer späteren Phase wird das enge Verhältnis zwischen Nation und Literatur aufgebrochen. Neue Autorengenerationen versuchen, sich von der nunmehr als künstlerisch zu eng empfundenen Bindung an die nationale Tradition zu lösen, die Literatur als autonome Instanz zu etablieren und sie in einen internationalen Zusammenhang zu stellen. Bei diesem Versuch der Emanzipation kommt die Dialektik von kultureller bzw. literarischer Identität und Differenz ins Spiel. Texte aus kleinen Ländern, die in einem literarischen Zentrum Aufmerksamkeit erregen wollen, müssen unterscheidbar sein, sie müssen eine spezifische Differenz aufweisen, aber diese Differenz darf nicht zu groß sein, sie muss eine Rezeption nach den Maßstäben des Zentrums zulassen. Anerkennung auf internationalem Niveau ist deshalb immer mit einem Assimilationsprozess verbunden, sei es dass die Autoren ihre Produktion bereits nach den Wertungsmaßstäbe des jeweiligen Zentrums ausrichten – sei es dass die globalisierende Rezeption die Texte unter Vernachlässigung ihrer kulturellen Besonderheit auf diese Wertungskriterien reduziert. Ob und wie sich Autoren aus relativ neuen oder kleinen Literaturen auf dem literarischen Weltmarkt durchsetzen können, hängt jedoch von den dort herrschenden Machtverhältnissen ab. Hierzu gehören das Prestige, das die eigene Sprache im weltliterarischen Kontext genießt, sowie die Stellung der eigenen Literatur und Nation im Gefälle zwischen dem/n weltliterarischen Zentrum/en und der Peripherie. Kann der eigenen Sprache in den literarischen Zentren kein Gehör verschafft werden, greifen international orientierte Autoren zu den verschiedenen Möglichkeiten des Sprachwechsels: vom Versuch, Übersetzer zu finden, über die Eigen-Übersetzung bis hin zum Wechsel der Literatursprache (z. B. Strindbergs temporärer Übergang zur französischen Sprache oder Nabokovs endgültiger Wechsel zum Englischen). Das Schreiben in einer Sprache der literarischen Zentren ist jedoch keine Garantie für die Aufnahme in die jeweilige literarische Welt: Während London und New York englisch-schreibende Autoren aus Asien oder Afrika relativ bereitwillig in ihre Sphäre aufnehmen, interessiert Paris sich kaum für frankophone Autoren. So finden sich diese Autoren in der tragischen Position, dass sie in der Sprache des nach Casanova bedeutendsten literarischen Zentrums der Welt schreiben und trotzdem von diesem nicht beachtet, geschweige denn anerkannt werden.

Der herausragenden Rolle der französischen Hauptstadt – Casanova bezeichnet Paris als das Zentrum des literarischen Universums – widmet sich die Autorin ausführlich: kaum ein Autor insbesondere des 20. Jahrhunderts, dessen Weltruhm nicht in der einen oder anderen Weise durch Paris vermittelt gewesen wäre. Die Aufzählung dieser Autoren wirkt in der Tat beeindruckend (Faulkner, Borges, Kiš u.a.), ebenso die der in Paris zuerst veröffentlichten Werke (von Joyces Ulysses über Nabokovs Lolita zu Burroughs Naked Lunch). Aber der Eindruck entsteht wohl durch den konzentrierten Blick auf Paris, der nicht durch entsprechende Betrachtungen anderer Städte relativiert wird. Hier muss wohl auch die grundsätzliche Kritik an Casanovas Arbeit ansetzen. Während die Beschreibung von Paris als Zentrum der Literatur und der Entstehung der Weltliteratur aus der französischen Pléiade vielleicht noch mit einem gewissen französischen Nationalstolz zu erklären ist, so verwundert doch der relativ konservative Blick Casanovas auf die Weltliteratur. Trotz der durchaus aufschlussreichen Ausführungen und diskussionswürdigen Thesen zur Konstitution von Nationalliteraturen, zu ihrem Verhältnis untereinander, zu den Mechanismen der literarischen Wertung im Spannungsfeld zwischen Zentrum und Peripherie bleibt das Konzept der Weltliteratur in unreflektierter Weise auf Europa zentriert. Die Globalisierung der Weltliteratur scheint die Autorin sich nicht anders denn als Aufnahme der sogenannten kleinen oder peripheren Literaturen in den Bereich der abendländischen Zentren vorstellen zu können. Erstaunlich erscheint, dass trotz der Bemühungen um eine Beschreibung des Literatursystems in seiner Globalität die Autorin den Standort ihrer Betrachtungen und Schlussfolgerungen im und aus dem Zentrum in keiner Weise reflektiert.
 
Dr. Frank Zipfel, Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität, D-55099 Mainz; E-Mail: fzipfel@mail.uni-mainz.de

 
Anmerkungen

[1] Vgl. Manfred Engel, Kulturwissenschaft/en – Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft – kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft. In: KulturPoetik 1 (2001), 8-36. [zurück]

[2] Die sonst übliche, hier leider fehlende Vorstellung der Beiträger würde gerade wegen der Heterogenität des Bandes die Verortung der einzelnen Aufsätze erleichtern. [zurück]