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In: KulturPoetik 2003, Heft 2

Autor

Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer

Titel

Lionel Casson. Bibliotheken in der Antike. Übers. v. Angelika Beck. Düsseldorf, Zürich: Artemis & Winkler 2002. 220 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Originalausgabe: Libraries in the Ancient World. New Haven, London 2001.

Als Marshall MacLuhan vor vierzig Jahren angesichts einer sich ankündigenden ›neuen Mündlichkeit‹ audio-visueller Medien das Ende des Buches voraussagte, begannen die Literatur- und Geschichtswissenschaften auf die nun nicht mehr selbstverständlichen schrift- und buchkulturellen Grundlagen ihrer alteuropäischen Tradition zu reflektieren. Nicht nur wurde der Übergang von mündlichen zu schriftgestützten Überlieferungsformen erforscht; auch die materiale und geistige Ordnung schriftlicher Dokumente und Monumente interpretierte man nun als Ausdruck einer je spezifischen, historisch bestimmbaren Mentalität. Dabei hat die seit den achtziger Jahren zu beobachtende kulturwissenschaftliche ›Erneuerung‹ und ›Erweiterung‹ der ehemaligen Geisteswissenschaften Perspektiven eröffnet, die über eine antiquarisch-kulturgeschichtliche Behandlung der Buch- und Bibliotheksgeschichte hinausführten. Hatte diese sich damit begnügt, die ›Realien‹ der Schreibmaterialien, der Buchherstellung, des Buchhandels und der Aufbewahrung in Archiven und Bibliotheken darzulegen, so läßt sich heute das Aufgabenfeld einer kulturwissenschaftlich verfahrenden Literalitäts- und Buchgeschichte in Anlehnung an Michael Clanchy pointiert als Untersuchung des »making«, »keeping« und »using« von Schriftstücken charakterisieren.(1) Dabei kommt letzterem Priorität zu: Erst die Erforschung des Gebrauchs von Schriftstücken vermag Auskunft über ihre Herstellungsart und besonders ihre Aufbewahrungsweise als Monument oder in Archiven und Bibliotheken zu geben.

So greift man voller Erwartung zur neuesten und (laut Vorwort ersten umfassenden) Bibliotheksgeschichte der Antike(2) aus der Feder des amerikanischen Altphilologen Lionel Casson. Um es gleich vorneweg zu sagen: Casson gelangt über eine antiquarische Kulturgeschichte nicht hinaus. Der Leser erfährt einiges über die Herstellung von ›Büchern‹ und über deren Aufbewahrung in ›Bibliotheken‹, über die Verbreitung von Schreib- und Lesekenntnissen sowie über Buchhändler und Kopisten, wobei der Verfasser neben den sattsam bekannten literarischen Quellen neuere archäologische Forschungen berücksichtigt. Die Dimension der Gebrauchsweisen der so hergestellten und aufbewahrten Bücher kommt dabei, abgesehen von verstreuten Bemerkungen, aber nicht zur Sprache.

Das Werk, dessen korrekter Titel »Bücher und Bibliotheken im Altertum« lauten müsste (der Begriff ›Antike‹ bezieht sich nun einmal auf das ›klassische Altertum‹ der Griechen und Römer), ist in neun Kapitel untergliedert, deren thematische Schwerpunkte von der literarischen und archäologischen Überlieferung vorgegeben sind. Casson beginnt mit der ersten archäologisch durch Schrifttafeln belegten ›Palastbibliothek‹ des Alten Orients, der des Assyrerkönigs Assurbanipal aus dem 7. Jahrhundert v. Chr., übergeht die Nachrichten Diodors zu den ägyptischen Bibliotheken, besonders derjenigen im Tempel Ramses II. (Kap. 1), berichtet dann über die Gelehrtenbibliothek des Aristoteles aus dem späten 4. (2) und die der ptolemäischen Könige im Mouseion von Alexandria aus der Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. (3), die beide literarisch gut bezeugt sind. Archäologisch nachweisbar ist dann wieder die Bibliothek der Könige von Pergamon im dortigen Athenatempel, inschriftlich belegt einige Bibliotheken in den griechischen Städten der Mittelmeerwelt (4). In der Zeit der römischen Republik gibt es zunächst nur aus Griechenland geraubte Bibliotheken einiger römischer Senatoren, später auch gezielt angelegte Gelehrtenbibliotheken wie die Ciceros und seines Freundes Atticus (5), bevor die ersten stadtrömischen Bibliotheken unter Caesar und Augustus eingerichtet werden. Der Typus der zweigeteilten griechisch-lateinischen Bibliothek der Kaiserzeit prägt die Hauptstadt Rom und später Konstantinopel, wobei neben Tempeln und Kaiserforen seit dem 2. Jahrhundert auch Thermen die Büchersammlungen beherbergen (6).(3) Die in Kapitel 4 erwähnten städtischen Bibliotheken finden sich auch in den Provinzstädten während der Kaiserzeit; sie sind von örtlichen Honoratioren gestiftet wie die restaurierte Celsus-Bibliothek in Ephesos (7). Bevor sich Casson im letzten Kapitel dann »auf den Weg ins Mittelalter« begibt, das heißt kurz auf die Bibliotheken der Kirchenväter (Pamphilos in Caesarea), Päpste und Klöster (Cassiodors Vivarium) eingeht, wird in Kapitel 8 der Übergang vom Gebrauch der Papyrusrolle zum Pergamentcodex als bevorzugter Buchform der Christen nachgezeichnet.

Neben der – in der Forschung häufig umstrittenen – archäologischen Rekonstruktion von (möglichen) Bibliotheksräumen oder Bibliotheksbauten und ihrer Einbettung in größere Bauensembles (Palast, Tempel, Gymnasion, Thermen, Foren), deren inschriftlich oder literarisch belegten Organisationsformen (Bibliothekspersonal, Kataloge, Ausleihe) und ihrer Ausstattung (Säulengänge, Exedren, Regale und Schränke in Nischen, Büsten und Porträts von Dichtern, Statuen von Gottheiten) widmet sich der Verfasser auch den Voraussetzungen für solche Büchersammlungen, nämlich der Verbreitung dafür nötiger Schreib- und Lesekenntnisse, der Papyrus- und Codexherstellung, dem Kopieren von Handschriften und dem Handel mit ihnen. Besonders anschaulich beschreibt Casson die Phänomene, mit denen er sich als Philologe gut auskennt: den Gelehrtenbetrieb im Mouseion von Alexandria und den gelehrten Freundeskreis im Umfeld Ciceros. Insofern ist die Darstellung Cassons eine leicht lesbare, quellennah geschriebene Einführung ins Thema, in antiquarischer Manier verfasst für ein Laienpublikum. Doch möchte sich der Verfasser nicht nur an ein solches wenden, sondern hat erklärtermaßen auch ein wissenschaftliches Publikum im Blick (S. 7). Und spätestens hier beginnen die Probleme.

Casson geht medias in res, freilich ohne diese res vorzustellen: Es fehlt jede Bestimmung dessen, was unter ›Bibliothek‹ zu verstehen sei bzw. was die antiken Zeitgenossen darunter verstanden haben. Dieses fraglose Vorverständnis eines Gegenstandes ist aber der sicherste Weg, wo nicht in die Irre zu gehen, so doch die historische Eigentümlichkeit des Phänomens zu verfehlen. Eine Definition, die den impliziten Bibliotheksbegriff des Verfassers trifft, findet sich erst in einem dürren Lemma des frühmittelalterlichen Auszuges aus dem römischen Lexikon des Pompeius Festus: ›Bibliothek‹ werde bei den Griechen wie bei den Römern sowohl eine große Anzahl Bücher als auch deren Aufbewahrungsort genannt.(4) Diese ebenso schlichte wie verkürzte Definition umfasst aber nur einen geringeren Teil dessen, was die Griechen und Römer als ›Bibliothek‹ bezeichneten: Das Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. zum ersten Male belegte Wort ›biblioth?k?‹ meinte zunächst eine Kiste für Papyrusrollen, dann eine Büchersammlung, im griechisch-römischen Ägypten den Aufbewahrungsort von Urkunden,(5) aber auch eine Schrift, die den Anspruch enzyklopädischer Kompilation erhob, wie die Mythologische Bibliothek des Apollodor oder die Historische Bibliothek des Diodor. Und das lateinische Lehnwort ›bibliotheca‹ konnte neben Bibliotheksgebäuden wie der Bibliotheca Palatina des Kaisers Augustus oder der Bibliotheca Ulpia des Kaisers Trajan ein Corpus kanonischer Schriften bezeichnen.(6)

Schon der antike Sprachgebrauch macht also deutlich, dass ›Bibliothek‹ als architektonisches Gebilde oder als beliebige Ansammlung von Büchern zwei eher späte und auch marginale Aspekte des Phänomens bezeichnet. Dies bestätigt sich, wenn man Cassons Leitbegriff ›Bibliothek‹ historisiert. Denn nicht jede Sammlung von Büchern ist auch eine Bibliothek. Zugespitzt formuliert: Die Bibliothek ist eine griechische ›Erfindung‹. »Soweit wir wissen«, schreibt Strabon, »war Aristoteles der erste, der Bücher sammelte (synag?g?n) und die ägyptischen Könige über die Organisation (syntaxis) einer Bibliothek belehrte«.[7] Die Bibliothek des Aristoteles und seiner Schule im Gymnasion des Apollon Lykeios in Athen und die Bibliothek der ptolemäischen Könige im Mouseion von Alexandria, die der Aristoteles-Schüler Demetrios von Phaleron eingerichtet hatte, waren demnach die ersten Bibliotheken im eigentlichen Sinne – und sie bildeten zugleich zwei antike Paradigmata der Bibliothek: Philosophenbibliothek und monarchische Bibliothek, die beide nur gelehrten Gemeinschaften (philologoi andres)[8] dienten. Die Geburt der Bibliothek aus dem Geiste der Philosophie als universaler Wissenschaft geht der Bibliothek aus dem Geiste universaler Herrschaft, einer Herrschaft über die Oikumene, voraus. Alexanders Erben wollten in seiner neuen ›Hauptstadt‹ »alle Bücher der ganzen Welt (oikumen?)« zusammen- und ins Griechische übertragen.[9] Die Bibliothek tritt also von Anfang an als Universalbibliothek auf, als schriftlicher Kosmos, der die Gesamtheit des überlieferten Wissens ebenso repräsentiert wie die überlieferten Traditionen aller Völker. Sie wird von Gelehrten benutzt, die ihr Leben und Arbeiten gemeinschaftlich rituell gestalteten.

Demgegenüber sind die Gelehrtenbibliotheken späterer Zeit – sei es die des epikureischen Philosophen Philodemos, die man in Herculaneum ausgegraben hatte, seien es die Bibliotheken Ciceros in seinen verschiedenen Villen – individualisiert in der Benutzung und selektiv im Bestand. Die kaiserlichen Bibliotheken Roms, deren »bibliotheca graeca« und »bibliotheca latina« die beiden maßgeblichen Kulturkreise und ihre Tradition repräsentieren, werden nun zu ›öffentlichen‹ Bibliotheken in dem Sinne, dass sie in öffentlichen Bauten untergebracht und den dort verkehrenden Gebildeten zugänglich waren. Welches schriftliche Wissen dort aufbewahrt wurde und wie es klassifiziert war, entzieht sich ebenso unserer Kenntnis wie die Bestände munizipaler Büchersammlungen.

Dass Bibliotheken nicht notwendig eines Gebäudes bedurften, zeigen diejenigen antiken Bibliotheken, die in einem Opus enthalten waren: Ob Diodors und Apollodors Bibliotheken oder die kanonische Tradition fundierender Texte der Griechen, Juden und Christen, sie bildeten das dritte antike Bibliotheksparadigma, nämlich die Vorstellung vom Buch der Bücher, der eine lange Tradition beschieden war, in theologischer Hinsicht (Torah oder Bibel) wie in philosophischer (die Enzyklopädie) oder praktischer (der Katalog).

Die Bibliothek als Repräsentant eines als universal konzipierten Wissens ist aber nur die eine Seite der Medaille, nämlich die des gelehrten Büchernutzers, der – mit Seneca zu sprechen – Bücher als »instrumenta« für sein »studium« nutzte. Auf der anderen Seite aber war die Bibliothek Repräsentant politischer Macht oder eines gesellschaftlichen Lebensstils; sie war ein »spectaculum«, dem die Bücher als »ornamenta« dienten.[10] Auch dieser Aspekt, die Funktion der Bibliotheken aus der Sicht ihrer Stifter, hat Casson nicht systematisch untersucht. So bleibt als Fazit, dass eine kulturwissenschaftlichen Ansprüchen genügende Geschichte der antiken Bibliotheken erst noch geschrieben werden muss.

 

PD. Dr. Eckhard Meyer-Zwiffelhoffer; FernUniversität in Hagen, Historisches Institut, Geschichte und Gegenwart Alteuropas, Universitätstr. 21, D-58084 Hagen; E-Mail: eckhard.meyer-zwiffelhoffer@fernuni-hagen.de

    


Anmerkungen

[1] Michael T. Clanchy, From Memory to Written Record. England 1066-1307. Oxford, Cambridge (Mass.) 2. Auflage 1993 [zuerst 1979].[zurück]

[2] Vgl. allerdings das gleichfalls in antiquarisch-kulturgeschichtlicher Art verfasste Werk von Horst Blanck, Das Buch in der Antike. München 1992 (S. 133-222 ausführlich zu den Bibliotheken). [zurück]

[3] Der Kritik Senecas kann man entnehmen, dass auch in den Villen Bibliotheken neben Bädern und Thermen als »necessarium domus ornamentum« dienten, »in speciem et cultum parietum«; Seneca, De tranquillitate animi 9,7. [zurück]

[4] Sextus Pompeius Festus, De verborum significatu quae supersunt cum Pauli epitome. Hg. v. Wallace M. Lindsay. Leipzig 1913, S. 31 (Epitome des Paulus Diaconus aus dem 8. Jh.): »Bibliothecae et apud Graecos et apud nos tam librorum magnus per se numerus, quam locus ipse, in quo libri conlocati sunt, appellatur«. [zurück]

[5] Störend ist auch die fehlende Abgrenzung zum Begriff des ›Archivs‹. Gerade das erste Kapitel über die altorientalischen Bibliotheken zeigt nämlich, dass diese uns vertraute Trennung dort kaum anwendbar ist, weil nicht die Gattungen (etwa Verträge oder Urkunden einerseits, Hymnen, Prophezeiungen oder Schöpfungsmythen andererseits) über die Zugehörigkeit zum ›Archiv‹ oder zur ›Bibliothek‹ entscheiden, sondern die Funktion ihrer Aufbewahrung. [zurück]

[6] So behandelt Isidor von Sevilla an der Wende zum 7. Jahrhundert unter dem Lemma »De bibliothecis« die von dem Schriftgelehrten Ezra nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil 458 v.Chr. verfasste Bibliotheca Veteris Testamentis in 22 Büchern (entsprechend der Anzahl der hebräischen Buchstaben) und die erste griechische Bibliothek des athenischen Tyrannen Peisistratos aus der Mitte des 6. Jahrhunderts v.Chr., der die beiden Epen Homers in jeweils 24 Büchern (der Anzahl der griechischen Buchstaben) zusammengestellt haben soll; Isidorus, Etymologiae sive Origines VI 3. [zurück]

[7] Strabon, Geographie XIII 1,54. [zurück]

[8] Strabon, Geographie XVII 1,8 (in Bezug auf Alexandria). [zurück]

[9] André Pelletier, Lettre d’Aristée à Philocrate. Introduction, texte critique, traduction et notes. Paris 1962 (Sources Chrétiennes 89), II 9. Zur Bibliothek von Alexandria vgl. Christian Jacob, Lire pour écrire: navigations alexandrines. In: Marc Baratin/Christian Jacob (Hg.), Le Pouvoir des bibliothèques. La Mémoire des livres en Occident. Paris 1996, S. 47-83. [zurück]

[10] Seneca, De tranquillitate animi 9,4-7; er nennt die Bibliothek von Alexandria »pulcherrimum regiae opulentiae monumentum«. [zurück]