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In: KulturPoetik 2003, Heft 2

Autor

Oliver Lubrich

Titel

Alberto Manguel, A History of Reading. New York: Penguin, London: Flamingo 1997. 372 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

In Buenos Aires hatte er dem erblindeten Jorge Luis Borges als Vorleser gedient. Diese Geschichte vom Lesen aus seiner Jugend erzählt Alberto Manguel im Vorwort zum facettenreichen Großessay A History of Reading (1). Im Nachwort phantasiert er eine fiktive, virtuelle Version des Buches, das dessen Leser gerade zu Ende gelesen haben: eine ungeschriebene und ungelesene, nicht diese, sondern eine ganz andere Geschichte des Lesens. Vom Anfang bis zum Schluss wird so deutlich, dass es sich um einen subjektiven und literarischen ebenso wie um einen essayistischen und historischen Text handelt. Biographische Anekdoten stehen neben geschichtlichen Erzählungen, literarische Interpretationen neben kulturwissenschaftlichem Material. Manguel berichtet aus seiner individuellen Lesebiographie, er eröffnet eine Kulturgeschichte des Lesens, er erzählt Geschichten vom Lesen und von Lesern, und er skizziert einzelne Lektüren (zum Beispiel von Rainer Maria Rilke). A History of Reading hat viele thematische Schichten: Es ist eine Anthropologie des homo legens, die Geschichte einer Kulturtechnik und die Kultur­wissenschaft der Schrift, des Buches, der Drucktechnik und der Brille. Und nebenbei ist A History of Reading auch ein Bilderbuch: mit 140 Illustrationen und (in der Penguin-Ausgabe) mit einer ausfaltbaren Zeittafel.

Es gibt keine strikte Systematik. Im Verlauf einer vagen Chronologie und eines groben Entwicklungs-Narrativs fokussiert jedes der 20 Kapitel jeweils einen Aspekt des Lesens. Die Fülle seines angelesenen Wissens scheint den Autor nicht nur dazu zu veranlassen, seinen Text mit diversen Intertexten zu verweben, sondern ihn dabei auch immer wieder in diese und jene Richtung zu ziehen und zu vielfältigen Exkursen zu verführen. Anders als manche Aufsätze oder Vorträge Alberto Manguels besitzt A History of Reading jedoch durchaus eine konzeptionelle Stringenz und thematische Geschlossenheit und erschöpft sich nicht darin, eine überbordende Belesenheit vorzuführen und eine Selbstfeier der Literatur abzuhalten.

Es gibt keine strikte Systematik. Im Verlauf einer vagen Chronologie und eines groben Entwicklungs-Narrativs fokussiert jedes der 20 Kapitel jeweils einen Aspekt des Lesens. Die Fülle seines angelesenen Wissens scheint den Autor nicht nur dazu zu veranlassen, seinen Text mit diversen Intertexten zu verweben, sondern ihn dabei auch immer wieder in diese und jene Richtung zu ziehen und zu vielfältigen Exkursen zu verführen. Anders als manche Aufsätze oder Vorträge Alberto Manguels besitzt A History of Reading jedoch durchaus eine konzeptionelle Stringenz und thematische Geschlossenheit und erschöpft sich nicht darin, eine überbordende Belesenheit vorzuführen und eine Selbstfeier der Literatur abzuhalten.

Am Anfang steht eine naturwissenschaftliche Frage: Was passiert in unserem Körper, wenn wir lesen? Manguel liefert physiologische, optische, neuronale Antworten. An anderer Stelle wird eine psychologische Perspektive gewählt und der Fetischismus, die Neurotik, die Manie des Lesens untersucht. Ein besonderes Syndrom ist die ›Bibliokleptomanie‹, der Bücherdiebstahl, eine pathologische Besitz- und Sammel-Leidenschaft, die Manguel am kuriosen Fall des Grafen Libri (!) illustriert, der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts aus französischen Institutionen kistenweise Bücher entwendete. In Kapiteln über die Macht der Schreiber und Leser in Babylon, zur Sozialgeschichte der Alphabetisierung oder zur Zensur erkundet der argentinische Essayist, der inzwischen kanadischer Staatsbürger ist, in Frankreich lebt und Englisch schreibt, die soziale und politische Dimension des Lesens. Er beschreibt die Maßnahmen der Mächtigen (amerikanischen Sklaven war es verboten, lesen zu lernen), autoritäre Lektüren (unter der Kirche und in Diktaturen) und das verbotene, subversive, transgressive Lesen von Minderheiten. Was bedeutet es, als Angehöriger einer Gruppe zu lesen, als Frau oder als Homosexueller?

Vor allem aber geht es Alberto Manguel um eine Kulturgeschichte des Lesens. Verschiedene Linien, die sich aus einfachen Fragen ergeben, werden nachgezeichnet: Wie lernen wir lesen? (Manguel umreißt die pädagogischen Methoden der Scholastik und des Humanismus.) Wie lesen wir? (Der allmähliche Übergang von einem lauten zu einem stillen Lesen zog Veränderungen in der Notation der Schrift nach sich.) Wo lesen wir? (Das Lesen wurde ›privatisiert‹, das Schlafzimmer entwickelte sich zu einem Raum intimer Lektüre.) Wie wird öffentlich vorgelesen? (In bürgerlichen Haushalten oder in cubanischen Zigarrenfabriken.) Alberto Manguel führt seine Leser aus der griechischen und lateinischen Antike ins christliche Mittelalter, in den Islam und ins Judentum, in die englische, französische, deutsche, spanische und italienische Moderne – und gelegentlich auch nach Japan und China.

Das Lesen setzt etwas voraus, das gelesen wird: die Schrift, das Buch. Dieses erlebte diverse Metamorphosen durch verschiedene Formate: von babylonischen Tontafeln über Papyrusrollen bis zu gefalteten und gebundenen Codices (Folio, Quarto, Octavo) und schließlich zum Buchdruck, von kleinen tragbaren ›Stundenbüchern‹ und großen aufstellbaren Predigttexten bis zum heutigen Taschenbuch. Die Systeme, nach denen die Bücher gesammelt und in Bibliotheken angeordnet wurden, sind signifikant für die jeweilige Wissensform und -organisation einer Kultur oder Gesellschaft. Und auch jeder private Leser erschafft seine eigene arbiträre Systematik, die über die Topographie seines Denkens Aufschluss gibt. (Das neueste Buch von Alberto Manguel, an dem er zurzeit arbeitet, ist ganz dem Thema der Bibliothek gewidmet.)

Neben der kognitiven, praktischen und technologischen Seite des Lesens steht dessen Ikonographie und Metaphorologie: Manguel widmet sich den imaginären Repräsentationen des Buches und des Lesens, beispielsweise in kirchlichen Darstellungen von Maria mit Jesus als Bücherleserin. Das Lesen dient als Metapher: für das Entziffern des ›Buches der Welt‹ oder ›der Natur‹. Umgekehrt wird es selbst in diverse Metaphern übersetzt (wie zum Beispiel ›Verschlingen‹). Als Requisit des Lesens erfuhr die Brille eine ambivalente symbolische Aufladung: als Stereotyp der Masse und als Stigma des vertrottelten Intellektuellen. Manguel wendet das Motiv des ›Lesens‹ nicht nur auf die Schrift, sondern auch auf Bilder an: Reading Pictures (so lautet der Titel seines zweiten großen Essays) – von mittelalterlichen Kirchenfenstern bis zum visuellen Code der Werbung. Malerei wird ›lesbar‹ wie Dichtung: ut poesis pictura.

A History of Reading ist auch eine Geschichte der Lesbarkeit, des Entzifferns von Zeichen und des Verstehens ihrer Bedeutung. Das höchst informative Material, das Manguel zusammenstellt, macht es möglich, einige Positionen der Literaturtheorie konkret nachzuvollziehen. Es eröffnet Verbindungen von der Kulturwissenschaft zu Semiotik und Strukturalismus, Rezeptionsästhetik und Psychoanalyse, Post­strukturalismus und Dekonstruktion, New Historicism und Postmoderne – zu Umberto Eco und Roland Barthes, Wolfgang Iser und Sigmund Freud, Jacques Derrida und Paul de Man, Stephen Greenblatt und Jean-François Lyotard.

Um nur drei Beispiele zu nennen:

(1) In der Antike wurde zunächst grundsätzlich laut gelesen: Der Körper und die Stimme des Lesers wurden dadurch spürbar und hörbar. Als man später dazu überging, leise zu lesen, erschien dieses Verstummen als ein Verlust an Authentizität, an Gewährleistung der Bedeutung, wie sie bis heute in öffentlichen Autorenlesungen wiederhergestellt wird – ein kulturgeschichtliches Indiz für den von Jacques Derrida kritisierten Phonozentrismus, für die Kontrolle einer autoritären Stimme über eine dispersive Schrift (nach der sokratischen Schriftkritik). In Lesungen, deren Ritualität, Etikette und Funktion Manguel analysiert, fungiert der Schriftsteller selbst als eine Art Über-Leser, der dem Publikum zwar die Illusion verschafft, einen direkten Zugang zu seinem dichterischen Schaffen zu erhalten, gleichzeitig aber eine bestimmte Interpretation vorgibt und den Text dadurch in dessen Bedeutungsvielfalt ein­schränkt.

(2) Wenn die scholastische Pädagogik systematisch verschiedene ›Lektüren‹ durchexerzierte – eine grammatikalische, eine buchstäbliche, eine Bedeutung rekonstruierende und eine exegetische –, klingt hier bereits das Axiom der Dekonstruktion im Sinne von Paul de Man an, derzufolge jedweder Schriftsinn prinzipiell uneindeutig ist, weil mindestens zwischen ›literaler‹ und ›figurativer‹ Bedeutung unmöglich zweifelsfrei unterschieden werden kann.

(3) Anhand ›prophetischer‹ Lektüren thematisiert Manguel ein allgemeines rezeptionsästhetisches und hermeneutisches Phänomen: Leser erschaffen den Text immer wieder neu und transponieren ihn in ihre eigene Zeit. Kaiser Konstantins christliche Vergil-Lektüre, die Interpretation der Vierten Ekloge als Vorhersage der Geburt Christi, erscheint auf den ersten Blick absurd, sie deutet jedoch auf ein allgemeines Phänomen: Jeder Leser versteht einen Text anachronistisch, aus seinem eigenen Kontext heraus und vor dem Hintergrund seines spezifischen Vorverständnisses. Jede Lektüre ist eine Projektion. Es ist unmöglich, einen Text wirklich aus dessen historischem Zusammenhang heraus zu verstehen und ihn tatsächlich so zu lesen, wie ihn ein Leser seinerzeit verstanden haben mag. Jeder Text besitzt eine vielfache Lesbarkeit. Keine Lektüre ist definitiv.

Oliver Lubrich,  Dr. des., Freie Universität Berlin, Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Hüttenweg 9, D-14195 Berlin; E-Mail: lubrich@zedat.fu-berlin.de


Anmerkungen

(1) Dt.: Eine Geschichte des Lesens. Übers. v. Christ Hirte. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch 1999. 431 S.; frz.: Une Histoire de la lecture. Übers. v. Christine Le Bœuf. Arles: Actes Sud 1998. 428 S. [zurück]