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In: KulturPoetik 2003, Heft 1

Autor

Frank Zipfel

Titel

Margit Sutrop, Fiction and Imagination. The Anthropological Function of Literature. Paderborn: mentis 2000. 243 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Magrit Sutrops interessante, anregende und materialreiche Untersuchung zum Verhältnis von Fiktion und Imagination (1) nähert sich der Frage nach der anthropologischen Funktion literarischer Texte aus einer rezeptionsorientierten Perspektive. Sutrop versucht dabei der Einseitigkeit ausschließlich rezeptionsorientierter Fiktionstheorien zu entgehen, indem sie - meines Erachtens sehr zu Recht - davon ausgeht, dass man über Rezeption und Funktion von literarischer Fiktion keine Aussagen machen kann, ohne den fiktionalen Charakter des Textes und die Bedingungen der Fiktions-Produktion zu berücksichtigen. So diskutiert Sutrop vor der Frage »Was ist die spezifische Reaktion des Lesers auf literarische Fiktionen?« (Teil 3) das Problem »Was ist überhaupt literarische Fiktion?« (Teil 2). Um die Verbindung zwischen diesen Fragen mit der eigentlichen Ausgangsfrage der Arbeit (»Was ist die anthropologische Funktion von Literatur?«) herzustellen, braucht Sutrop jedoch eine zweifelhaftere Prämisse, nämlich die Ineinssetzung von Literatur und Fiktion. Sutrop mag durch ihre Beschäftigung mit Wolfgang Iser diese in der Konstanzer Schule üblich gewordene Identifikation als Gemeinplatz ansehen (»it is today commonplace that literary works are fictional in character«, S. 223), sie ist jedoch aus guten Gründen in der Literaturtheorie gerade nicht unangefochten (2) und wird sich negativ auf Sutrops Ergebnisse auswirken.

Im ersten Teil (Kap. 1 u. 2) vergleicht Sutrop die Ansätze von Wolfgang Iser und Kendall L. Walton als Beispiele einer anthropologischen Fiktionstheorie. Ihre Analysen erfassen dabei sowohl das Anregende, wie das Problematische an den Werken beider Autoren. Sutrop zeigt, dass Isers Umschwenken von der Rezeptionstheorie zur Anthropologie (in: Das Fiktive und das Imaginäre, 1993) ihn von einer leserorientierten zu einer autor- und textorientierten Theorie bringt, mit dem paradoxen Ergebnis, dass Isers Anthropologie der Literatur - unter Vernachlässigung der von ihm selbst formulierten Einsichten der Rezeptionstheorie - die Natur literarischer Fiktion über das (vom Autor?) im Text veranstaltete Spiel von Imaginärem und Fiktivem zu erklären versucht und so fast gänzlich ohne Subjekte auskommt (Kap. 1). Waltons Bemühungen, Fiktion im Sinne eines make-believe-Spiels als eigenständig zu begreifen und nicht als ein vom normalen (Sprach-)Handeln abweichendes Sekundärphänomen (in: Mimesis as Make-Believe, 1990) werden gewürdigt; seine Vernachlässigung der Bedeutung des Kontextes sowie seine Leugnung der Bedeutung der Produzenten-Intention und die daraus resultierende Ununterscheidbarkeit von Fiktion und Nicht-Fiktion werden kritisiert (Kap. 2). Besonders problematisch erscheint Sutrop, dass Walton die von ihm postulierte Funktion von Fiktionen, nämlich ›Vorstellungen vorzuschreiben‹ (»prescribing imaginings«) nicht für erläuterungsbedürftig hält und damit Vorstellung, der zentrale Begriff seiner Theorie, ungeklärt bleibt.

Diesen Mangel will Sutrop im zweiten Teil ihrer Arbeit durch die Untersuchung der Fragen »Was ist der spezifische Akt der Fiktions-Produktion?« (Kap. 3) und »Was ist Imagination?« (Kap. 4) beheben. Nach Darstellung und Kritik einschlägiger produktionsorientierter Fiktionstheorien (u. a. von M. Beardsley, R. Ohmann, J. Searle, G. Currie, G. Genette) kommt Sutrop zu der These, dass der Produktion fiktionaler Erzähl-Texte ein spezifischer intentionaler Akt zugrunde liegt, der durch drei Merkmale gekennzeichnet ist: die Ehrlichkeitsbedingung des Sprechaktes ist die Imagination des Sprechers, die Ausrichtung ist Null (d. h. die Beziehung zwischen den Wörtern und der Welt ist nicht relevant) (3) und der Zweck des Sprechaktes ist der Ausdruck des mentalen Zustands des Sprechers. So fällt die Fiktions-Produktion unter die sog. expressiven Sprechakte, die mentale Zustände des Sprechers ausdrücken. (4) Eine Kommunikationsintention kann zu der Ausdrucksintention hinzukommen, ist aber nicht notwendig - so wird die Theorie gegen alle auf Kommunikation beruhenden Fiktionstheorien abgegrenzt. Die These, dass Fiktion auf dem Ausdruck der Imagination des Autors beruht, wird dann durch eine Theorie der Imagination präzisiert (Kap. 4). Die Diskussion entsprechender Theorien von J.-P. Sartre, G. Ryle, L. Wittgenstein, E. Husserl, Z. Vendler und R. Scruton nutzt Sutrop zum einen für den Versuch, die These, Imaginieren sei notwendigerweise mit Vorstellungsbildern verbunden, zu widerlegen, und zum anderen dazu ihre Theorie der Imagination als die Fähigkeit, eine Proposition unbehauptet ›vor sich zu stellen‹, (5) zu entwickeln. Auf der Grundlage von Searles Theorie der Intentionalität wird Imaginieren so als mentaler Akt ohne Ausrichtung bestimmt mit einem intentionalen Gehalt, der jedoch seine eigenen Erfüllungsbedingungen nicht festlegt. Es stellt sich allerdings die Frage, ob der Imaginationsbegriffs so nicht seiner Bedeutung entkleidet und auf reines, Referenz ignorierendes Textverstehen reduziert wird. Mit der Unterscheidung zwischen einfachem Imaginieren (Imaginieren, dass p) und dem Imaginieren zweiter Ordnung, ein Imaginieren von Überzeugungen (Imaginieren zu glauben, dass p) versucht Sutrop schließlich, die Handlungen des Autors fiktionaler Erzähl-Texte zu erläutern, da dieser sich als Erzähler mit entsprechenden Überzeugungen imaginiere.

Der dritte und letzte Teil behandelt die Frage, warum der Leser Emotionen an Personen, die nicht existieren, und an Situationen, die so nie stattgefunden haben, verschwendet. Nach einer argumentierten Ablehnung der literaturwissenschaftlichen Theorien der Illusionsbildung (E. Lobsien) und der Identifikation (H.R. Jauß) und einer Kritik der sprachanalytischen Theorie der Pseudo-Emotionen (C. Radford, E. Schaper, B. Novitz, K. Walton) entwickelt Sutrop - ausgehend von Adam Smiths Theorie der Sympathie in The Theory of Moral Sentiments (1759) - ihre These, emotionale Anteilnahme entstehe, weil der Leser imaginiere in der Situation der Figur zu sein (»imagining being in a character's shoes«, Kap. 5.6). Der Leser von Anna Karenina entwickelt Gefühle, nicht weil er spielerisch die erzählte Geschichte für wahr hält - also nicht weil er sie von außen, in der dritten Person imaginiert -, sondern weil er sie von innen in der ersten Person imaginiert, weil er aus der Perspektive der Figur ihre Gedanken, Wünsche und Vorstellungen imaginiert. Dieses Imaginieren von innen soll sich nach Sutrop vom Identifizieren dadurch unterscheiden, dass man nicht sich selbst als Anna Karenina imaginiert, sondern die Geschichte Annas aus ihrer eigenen Perspektive. Und hierin besteht dann auch die anthropologische Funktion fiktionalen Erzählens: Es gibt dem Leser die Möglichkeit, sich durch Imagination in die Situation anderer zu versetzen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu sehen und so in der eigenen Realität nicht zugängliche Erfahrungen zu machen. An dieser Stelle stößt die Arbeit an ihre (literaturwissenschaftlichen) Grenzen, da nicht reflektiert wird, auf welche Art Texte diese anthropologische Funktion der Literatur zutrifft. Das Argument, dass sich fiktionale Erzählungen für solche Imaginationen besonders eignen, weil sie uns Zugang zur Gedankenwelt der Figuren verschaffen, schränkt den Gültigkeitsbereich der Theorie auf heterodiegetische fiktionale Erzählungen mit all- bzw. vielwissendem Erzähler ein - und Sutrop hat bei ihrer Konklusion wohl ausschließlich solche Texte im Auge. Bei einer anderen Interpretation könnte der Geltungsbereich auf jegliches homodiegetisches Erzählen, sei es fiktional oder faktual ausgeweitet werden, dann wäre die Funktion jedoch nicht mehr spezifisch für fiktionales Erzählen. (6)

Trotz der erwähnten Kritikpunkte ist Sutrops Fiction and Imagination ein interessantes Buch, nicht zuletzt deshalb, weil die Thesen klar formuliert, die Gedankengänge und Argumentationen zu jeder Zeit dem Leser nachvollziehbar gemacht werden - hilfreich sind auch die Zusammenfassungen der Ergebnisse am Ende jedes Kapitels - und der Leser so, unabhängig davon, ob er mit den Schlussfolgerungen der Autorin übereinstimmt, zum Nachdenken über grundlegende Fragen der Literaturtheorie angeregt wird.


Dr. Frank Zipfel, Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität, D-55099 Mainz; E-Mail: fzipfel@mail.uni-mainz.de

 
 
Anmerkungen

(1) Ich übernehme den Begriff der ›Imagination‹, um Sutrops in der englischsprachigen Tradition verankerten Begriffsverwendung Rechnung zu tragen und diese nicht mit den vielfachen Bedeutungen der deutschen Übersetzungen ›Einbildung(skraft)‹ und ›Vorstellung(skraft)‹ zu überlagern. [zurück]

(2) Als einer von vielen möglichen Zeugen sei hier Genette mit seiner Unterscheidung zwischen Fiktionalität und Poetizität genannt; vgl. Gérard Genette, Fiction et diction. Paris 1991; dt.: Fiktion und Diktion. Aus dem Franz. von Heinz Jatho. München 1992. [zurück]

(3) Vgl. die Ausführungen in John Searle, Intentionality. An Essay in the Philosophy of Mind. Cambridge 1983; dt.: Intentionalität. Eine Abhandlung zur Philosophie des Geistes. Übers. v. Harvey P. Gavagal. Frankfurt/M. 1987. [zurück]

(4) Nach der Searleschen Klassifizierung der Sprechakte in John Searle, Expression and Meaning. Studies in the Theory of Speech Acts. Cambridge 1979; dt.: Ausdruck und Bedeutung. Untersuchungen zur Sprechakttheorie. Übers. v. Andreas Kemmerling. Frankfurt/M. 1982. [zurück]

(5) Diese Übersetzung von »to entertain a proposition unasserted« benutzt den Begriff des Vorstellens allerdings in der nicht konventionellen Bedeutung des ›etwas zu Betrachtung vor sich hinstellen‹. [zurück]

(6) Das Problem, dass Leser auch bei der Rezeption faktualer Erzählungen imaginieren können, in der Situation des Protagonisten zu sein, wird im Text zwar beiläufig eingeräumt (S. 212), aber nicht weiter verfolgt. [zurück]