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In: KulturPoetik 2020, Issue 2

Author

Adrian Robanus

Title

»Homo lupo lupus«. Die Wölfe der frühen Neuzeit

Category

Rezension

Abstract

Alexander Kling, Unter Wölfen. Geschichten der Zivilisation und der Souveränität vom 30-jährigen Krieg bis zur Französischen Revolution. Freiburg u. a.: Rombach, 2019. 581 S.

Full text

Zuschreibungen an Wölfe und ihre Existenz als Lebewesen stehen in einem komplexen Wechselverhältnis. Das zeigt Alexander Kling in seiner groß angelegten Dissertation für den Zeitraum des 17. und 18. Jahrhunderts. Sein Korpus umfasst dabei sowohl kanonische Texte der politischen Theorie und Literaturgeschichte als auch eine Fülle eher unbekannter historischer Quellen.
Methodisch-theoretisch verortet sich die Studie im einleitenden Theorieteil in den Cultural and Literary Animal Studies, die sich in den vergangenen Jahren formiert haben. Sie fußt auf diskurshistorischen und dekonstruktivistischen Verfahrensweisen. Deren Erweiterung um Elemente der Actor-Network Theory ermöglicht es Kling, die Wölfe weder als bloße Zeichenwesen noch als ›nur‹ tatsächliche Lebewesen zu interpretieren. Vielmehr erscheinen sie mit Donna Haraway als materiell-semiotische Knoten. (1) Die Beschreibung dieses Wechselverhältnisses fußt auf Max Blacks interaktionistischer Metapherntheorie. (2)
Der inhaltliche Teil der Arbeit setzt ein mit dem zweiten Kapitel: »Zivilisation, Souveränität, Wölfe. Thomas Hobbes‘ politische Theorie« (55). Kling beschreibt anhand fundierender Texte von Paulus Niavis, Giovanni Pico della Mirandola und Thomas Morus, wie Naturaneignung, Selbstformung und politische Gemeinschaft jeweils über das Tier als Bezugsfigur strukturiert werden. Der Mensch wird dadurch charakterisiert, dass er sich seine eigene Ordnung erschafft. Doch dieser Potenz ist von Anfang an eine Krisenhaftigkeit eingeschrieben. Das zeigt sich etwa in Montaignes Apologie de Raimond Sebond (1580), in der die Prekarität der durch den Menschen hergestellten künstlichen Ordnungen herausgestellt wird. Auch bei Machiavelli und Luther wird die Doppelheit von Fortschrittslogik und Destruktionskraft deutlich, die in der Handlungspotenz des Menschen zum Vorschein kommt. 
Im Hinblick auf den 30jährigen Krieg untersucht Kling Descartes und Hobbes. Der Gestus des philosophischen Neuanfangs wird von Descartes auch auf die Politik übertragen. Die Mensch-Tier-Differenz dient ihm zur Betonung der Moralfähigkeit des Menschen. Tiere seien mit Determination, das Spezifische des Menschen sei dagegen mit Autonomie konnotiert. Auch im Gesellschaftszustand kann jederzeit die Tiernatur des Menschen wieder hervortreten. Dennoch ist der Mensch bei Hobbes das einzige wirklich politikfähige Wesen, was gerade über das Differenzkriterium der Sprache begründet wird. Die Sentenz »Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf« diene bei Hobbes der Legitimation der souveränen Schreckensmacht. Anhand des Titelblattes von De cive (1642) arbeitet Kling die Bildpolitik heraus, in der die topische Ordnung zum Ausdruck kommt.
Im dritten Kapitel wird der »Verfall der zivilisatorischen Ordnung im Umfeld des 30-jährigen Krieges« (139) dargestellt. Im Zentrum steht der Zusammenhang zwischen »dem Wolf als Zeichentier« und »dem Wolf als Lebewesen« (143). Zunächst wird die zeitgenössische Lupophobie in Bestiarien, Tierbüchern und Hausväterliteratur nachgewiesen. Anhand von zeitgenössischen Kriegschroniken macht Kling deutlich, dass die bei Hobbes theoretisch formulierte Abwesenheit der souveränen Ordnung im lebensweltlichen Kriegsalltag verankert ist. Den Zusammenhang von Zeichentier und Lebewesen verdeutlichen die Kriegschroniken ebenfalls, in denen der Konnex von Wolf und Krieg aus der zeitgenössischen Erfahrung heraus gefestigt wird.
Anschließend werden im dritten Kapitel Grimmelshausens Simplicissimus (1668/69) und dessen Springinsfeld (1670) in Episodenlektüren erschlossen. Nach Klings Interpretation ist im Simplicissimus der Auftritt des Wolfes Auslöser dafür, dass der anfangs als sehr naiv dargestellte Protagonist abstraktes Denken entwickelt. Der Wolf als »der erste referenzlose Signifikant« erscheint als »von außen kommender Eindringling, der in der Welt des bäuerlichen Hofes über keinen Platz verfügt« (185–186). So wird er zum Mastersignifikanten für alles Nichthöfische, Fremde. Der Einbruch von Soldaten in Simplicissimus’ kindliches Paradies wird deswegen von ihm zunächst als Überfall von Wölfen interpretiert. Der weitere Verlauf zeigt, dass im Roman die Verortung der Gewalt im Innen der Zivilisation über die Wölfe codiert wird. In Springinsfeld wird ebenfalls der Zeichenbildungsprozess reflektiert, der die antizivilisatorische Codierung der Wölfe hervorbringt. Kling interpretiert Springinsfeld als decodierenden Leser, der aus der Zeichenhaftigkeit der Wölfe allerdings falsche Schlüsse zieht. Gerade dadurch werde eine moraldidaktisch angemessene Interpretation der Wölfe durch die Leser*innen angestoßen. In einer kleinen Passage zu Grimmelshausens Rathstübel Plutonis (1670) wird schließlich eine integrative, versöhnliche Utopie interpretiert, in der die Wölfe als Zeichen des Krieges den Hunden als Zeichen der Zivilisation gewichen sind. Die Soldaten müssen sich in diesem Text daher dem Gastrecht des Friedens unterwerfen und ihre Wolfsnatur ablegen.
Das vierte Oberkapitel handelt von »Ordnen, Ordnung. Zivilisierungsprozesse von 1680 bis 1750« (245). Es geht um die Jagd als ordnungsherstellende Praxis. In zeitgenössischen Jagdtraktaten wird das Projekt einer totalen Ausrottung der Wölfe konturiert, das auch performativ durch Wolftötungsrituale vollzogen wird. Diese Ausrottung steht im größeren Kontext zeitgenössischer Sinnmodelle. Die Wölfe auszurotten, bedeutet etwa in Johann Friedrich von Flemmings Der vollkommene Teutsche Jäger (1719/1724), dem Paradies wieder ein Stück näher zu kommen. Zudem wird deutlich, dass die Beschränkung des Jagdrechtes auf den Adel nicht für Bären und Wölfe gilt und diese daher zunächst als allgemein tötbar gelten. Anhand der Ambivalenzen im Jagdrechtsdiskurs zeigt sich aber, dass auch das Recht auf die Wolfsjagd ein Politikum ist, in dem die Herrschaftsrechte auf dem Spiel stehen. Denn es besteht ein enger Konnex zwischen Jagd und Herrschaftsrepräsentation: »Die mit der Jagd vollzogene Tiertötung ist zeichenhafter Verweis auf die thanatokratische Potenz der Souveränität« (287). Der Kampf gegen den Wolf als Zeichen der Gegenzivilisation ermöglicht es somit dem Souverän, »sich als zivilisatorische Schutzinstanz [zu] inszenieren« (298). In der folgenden Interpretation von Defoes Robinson Crusoe (1719) stellt Kling zunächst die materielle und imaginäre Errichtung von kultureller Ordnung dar, etwa den Zaun, der wilde von gezähmten Tieren trennt oder die Art, wie Robinson ein monarchisches Herrschaftsverhältnis auf die Inseltiere projiziert. Die Wölfe sind zwar im Verlauf des Romans abwesend, dieser kulminiert aber in einer Wolf- und Bärenepisode. Anschließend an die Rückkehr nach Europa werden Robinson und seine Gruppe in den Pyrenäen von 300 Wölfen und einem Bären attackiert. Im Grenzbereich des europäischen Kulturraums begegnen sich die Menschen und die Wölfe als Armeen der Zivilisation und der Antizivilisation. Robinsons Gruppe siegt, aber die Episode zeigt, dass der Verlauf der »zivilisatorische[n] Grenze […] permanent ausgefochten werden« (344) muss. Die Massierung der Wölfe verweist auf deren Zusammenrottung in den letzten Räumen unerschlossener Wildnis, in denen sich das »als destruktiv wahrgenommene[] Andere« (345) der Zivilisation buchstäblich und metaphorisch zusammenrottet.
Anhand einer Bild-Gedicht-Kombination zu den Wölfen, die in Kooperation von Johann Elias Ridinger und Barthold Heinrich Brockes entstanden ist, wird die Position der Wölfe in der Physikotheologie des frühen 18. Jahrhunderts dargestellt. Die Rechtfertigung des Daseins der Wölfe in der Welt ergibt sich darin zunächst bloß aus der Möglichkeit ihrer meisterhaften bildlichen Darstellung durch den Menschen. Das Wolfsgedicht aus Brockes’ Irdischem Vergnügen in Gott (1748) operiert anders: Da der Wolf unmoralisch, unzivilisiert und unästhetisch ist, fällt es schwer, ihn in die sinnhafte Weltordnung einzugliedern. Seine Daseinsberechtigung kann nur durch die Begrenztheit des menschlichen Verstandes, der nicht alle Pläne Gottes erfasst, hergeleitet werden. Insgesamt zeigt sich in Brockes’ Gedichten eine Verschiebung im Hinblick auf Wissen und Weltordnung. Mit dem Verschwinden der Wölfe ergibt sich außerdem eine einsetzende memorierende Funktion.
Dies führt zum fünften Kapitel »Kritik, Revolution. Positionen gegen die Zivilisation und die Souveränität (1750-1800)« (388). Ging es im vorigen Kapitel vor allem um die Rolle der Wölfe für die Transformation von ungeordneten in geordnete Zustände, so werden jetzt deutliche »Risse im Zivilisationsnarrativ« (389) aufgewiesen. Anhand von der Unterscheidung von Hund und Wolf bei Buffon (3) zeigt sich die Ambivalenz der damit einhergehenden Unterscheidung von ›wild‹ und ›zivilisiert‹ daran, dass in der Histoire Naturelle neben der strikten Dichotomie auch ein gemeinsamer Ursprung der beiden Tiere in einem vorzivilisatorischen, nicht ›entarteten‹ Naturzustand erwogen wird. Bei Rousseau wird die ambivalente Referenz auf den Wolf zwischen Lupophobie und Lupophilie herausgestellt. Dem folgt die Untersuchung einer Neubestimmung der wölfischen Position in Goethes Drama Götz von Berlichingen mit der eisernen Faust (1773). Klings Lektüre differenziert dabei die bisherigen eher holzschnittartigen Wolfslektüren der Forschung: Die Tragik von Götz liege darin, dass er die Parallelisierung des Verschwindens seiner eigenen Existenz und derjenigen der Wölfe verkennt. Weiterhin verwiesen Ritter, Zigeuner und Wölfe metaphorisch wechselseitig aufeinander, da diese sämtlich als Störungselemente der Zivilisation bekämpft und für tötbar erklärt würden – aber sich auch Autonomie gegenüber der zivilisatorischen Ordnung bewahrten. In der Memoria des untergegangenen Modelles von Autonomie, wie es Götz verkörpert, seien implizit auch die Wölfe mitmemoriert.
Anhand verschiedener Wölfe in Lessings Fabeln und Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre (1786) wird sodann die »Depotenzierung« (488) der Wölfe beschrieben. Gemeint ist damit, dass den metaphorischen Wölfen nun die Möglichkeit eingeräumt werden soll, sich zu resozialisieren. Neu ist dabei, dass die ihnen zugeschriebene Gewalt gerade auf ihren absoluten Ausschluss aus dem Ordnungsgefüge zurückgeführt wird. Andererseits gibt es mit der »Bestie des Gévaudan« in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch ein Beispiel dafür, wie die Wölfe zu monströsen Bestien potenziert werden. In der Publizistik im Umfeld der französischen Revolution, in der sich die Raubtiersemantik gegen die monarchische Souveränität wendet, ist schließlich der Wolf nur noch eine Nebenfigur.
Die Studie überzeugt durch die akribische Genauigkeit der Einzelanalysen, die immer auf die konsequent durchgeführte Gesamtthese bezogen bleiben. Nur an manchen Stellen wirken die Übergänge zwischen den Untersuchungsfeldern etwas abrupt, etwa zwischen dem Abschnitt zu Robinson Crusoe und demjenigen zu Brockes. Die ausführliche toposgeschichtliche Einordnung der Wolfssentenz trägt wesentlich zu deren Historisierung und Entmystifizierung bei und bildet einen Meilenstein der kulturwissenschaftlichen Hobbes-Forschung. Auch für andere Felder, etwa die Simplicissimus-Forschung oder die Götz von Berlichingen-Philologie werden innovative Lektüren offeriert. Die an verschiedenen Stellen des Buches genutzte Kategorie des Mikronarrativs kann sehr überzeugend Formen der Narrativierung vom Lebewesen zum Zeichentier deutlich machen. Plausibel ist auch, wie der Zusammenhang der generellen anthropologischen Differenz und der dem Wolf eigenen Semantik in kulturellen Ordnungsmodellen beschrieben werden. Präzise Beschreibungssprache, klare Begrifflichkeit und leseführende Passagen machen die Arbeit trotz ihrer Argumentationsdichte und breiten Anlage zudem auch für eine breitere Leser*innenschaft gut zugänglich. 
 
Dr. Adrian Robanus, Universität zu Köln, Internationales Kolleg Morphomata, Weyertal 59, D-50937 Köln; E-Mail: adrian.robanus@uni-koeln.de
 
 
Anmerkungen:
(1) Vgl. Donna Haraway, When Species Meet. Minneapolis, London 2008. [zurück]
(2) Vgl. Max Black, Die Metapher. In: Anselm Haverkamp (Hg.), Theorie der Metapher. Darmstadt 1983, S. 55–79. [zurück]
(3) Vgl. Georges-Louis Leclerc de Buffon, Herrn von Büffons Naturgeschichte der vierfüßigen Thiere. Mit Vermehrungen aus dem Französischen übers. v. Friedrich Martini. Bd. 1. Berlin 1772, S. 3–5. [zurück]