Article Details

In: KulturPoetik 2020, Issue 2

Author

Salvatore Martinelli

Title

Diagrammatische Potenz in neuer Perspektive mit Linie und Punkt

Category

Rezension

Abstract

Georg Gremske, Prozesse abbilden. Genese, Funktion und Diagrammatik der Punktlinie. Bielefeld: transcript, 2019. 448 S.
 

Full text

Seit der Proklamation des »diagrammatic turns« (1) durch Steffen Bogen und Felix Thürlemann begann ein regelrechter Siegeszug des Diagramms in den Geistes- und Kunstwissenschaften. Seither ist es zur Geheimwaffe der Wissensmodellierung avanciert. Dies belegen einschlägige Publikationen zum Thema, die in den letzten Jahren erschienen sind, (2) sowie zahlreiche Forschungsprojekte, die derzeit durchgeführt werden. (3) Die Auseinandersetzung mit Diagrammen ist mit erkenntnistheoretischen Bild- und Denkformen sowie Struktur und Organisation verbunden. Diagramme repräsentieren nicht nur das Sichtbare, sondern rücken unsichtbare Zusammenhänge, Räume oder Phänomene in das Bewusstsein des Rezipienten. Dies trifft auch für die Abhandlung von Georg Gremske zu, die sich mit Punktlinien befasst und als interdisziplinäre Verbindung von Bildwissenschaft und Semiotik einzuordnen ist. Seine Studie zeichnet sich durch vielseitige Einblicke in den zentralen Gegenstand der Punktlinie aus und bietet gemäß dem diagrammatischen Ansatz ein Instrument zur Analyse und Interpretation von Bildern. 
Gremske verfolgt diese spannende Untersuchung in sechs Kapiteln, sowohl theoretisch als auch historisch: Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit Punkt und Linie in geometrischen Grundformen und -funktionen sowie deren Kombination. Daran schließt sich eine theoretische Erörterung von Punktlinien unter Berücksichtigung von Licht- und Sichtstrahlen an. Im Mittelpunkt des dritten Abschnitts steht die Bestimmung des Ursprungs und der Funktion von immer komplexeren Punktlinien in wissenschaftlichen Bildern, unter Verwendung der Visualisierungsstrategie der Zentralperspektive. Im vierten Abschnitt wird gezeigt, dass Punktlinien als Ausdruck medialer Wandlung wahrgenommen werden können. Die Eigenschaften der Linie als Abgrenzung und des Punktes als Marker sind im fünften Abschnitt als Identifikation in Wissenschaft und Kunst behandelt. Im letzten Abschnitt geht es um die pragmatische Potenz der Punktlinien im Diagramm.
Das Hauptaugenmerk des ersten Kapitels liegt auf einer inhaltlichen Betrachtung, die eine solide theoretische Grundlage schafft, indem sie die Genese und Funktion zwischen Punkt und Linie zu deren Verständnis illuminiert. Die thematische Erörterung eröffnet erwartungsgemäß zunächst mit der Abhandlung des griechischen Mathematikers Euklid zu den Elementen. Im Fokus stehen allerdings weniger die axiomatischen Grundlagen, die seit jeher den Ausgang zahlreicher Forschungsarbeiten markieren. Stattdessen vitalisiert Gremske diese mit einem innovativen Denkansatz und analysiert weitgehend Traktate des 16. Jahrhunderts, die sich mit euklidischer Punkt- und Linienführung befassen. Eine wesentliche Beobachtung dieses Überblicks ist, dass Punkt und Linie eigenständige und voneinander abhängige Elemente sind. In einer konsequenten Vorgehensweise vertieft Gremske sukzessiv das Verständnis von Punkt und Linie, verdeutlicht Gemeinsamkeiten, Unterschiede und erläutert, was grafische Elemente leisten und wo ihre Grenzen liegen. Dies wird durch zahlreiche Illustrationen und Exkurse wie Knotenschnur, Rechenseil und Abakus anschaulich bekräftigt und führt stufenweise zur Bedeutungsgenese zwischen Punkt und Linie, die als Punktlinien geometrische Grundformen zusammenbinden. Bemerkenswert ist ferner, dass im 17. Jahrhundert die Punktlinien als visuelle Strahlen fungieren, womit Gremske ihre Funktionspluralität veranschaulicht sowie ihre visuelle Wahrnehmung präzisiert. Im vorläufigen Resümee sind vier grundlegende Merkmale der Punktlinien übersichtlich zusammengefasst, welche die Ausgangsbasis der folgenden Kapitel bilden.
Der zweite thematische Schwerpunkt ist die konzeptionelle Hinterfragung der Darstellung von Licht- und Sehstrahlen in der bildenden Kunst. Dabei wird der enge Zusammenhang zwischen perspektivischer Darstellung, neuen geometrischen Formen sowie den Wurzeln der diagrammatischen Punktlinien im Buchdruck aufgezeigt. Ausgangsbasis ist die Repräsentation der Punktlinien als Gotteszeichen, die mit drei Bildbeispielen und ihren Textbezügen verdeutlichen, dass Prozesse zeitliche Dimensionen aufweisen, die durch Strich- und Punktlinien veranschaulicht werden. Damit postuliert Gremske, dass Gemälde des 15. Jahrhunderts bereits Vorformen von Punktlinien aufweisen. Anschließend folgt eine Zuwendung zur diagrammatischen Formsprache, die sich von der Textmetapher abwendet und mit geraden, ungeraden, breiten, schmalen, dünnen, durchgehenden und begleitenden Punktlinien vielversprechende Resultate bereitstellt, welche durch aufwändige Recherchen erzielt wurden. Daraus folgt die Betrachtung von Vorgängen im Bild, womit Gremskes Ausführungen konkretisieren und eindrucksvoll demonstrieren, dass Linien und Punkte eine Beziehung zwischen irdischer sowie göttlicher Sphäre visualisieren. Diese fortlaufenden Ausführungen aus dem vorangegangenen und aktuellen Abschnitt leisten einen wichtigen Beitrag zu einem erweiterten Prozessverständnis von Punktlinien.
Gegenstand des dritten Kapitels ist die Beschäftigung mit Punkten und Linien im naturwissenschaftlichen Zeitalter und daraus resultierenden neuen Anforderungen. Hierzu sind Abhandlungen von René Descartes, Simon Stevin und anderen ausgewertet worden, aus denen Gremske folgert, dass sie den Beginn einer analytischen Geometrie darstellen, da Zahlen und geometrische Elemente in einem geometralen Raum eine Genese durchlaufen. Als Visualisierungsmittel erfüllen Punkte und Linien eine entscheidende Funktion, um die scheinbar ungeordnete, sichtbare Welt mathematisch einzugrenzen, mit Hilfe eines Koordinatennetzwerks zu lokalisieren und damit den Dingen eine geordnete Struktur vorzugeben. Hier wählte Gremske eine quantitative Analyse mit 67 Fallstudien aus der Periode von 1500 bis 1650 in Zentraleuropa, was eine detaillierte Betrachtung von Punktlinien innerhalb wissenschaftlicher Traktate erlaubt. Seine arbeitsintensive Studie leidet unter unscharfen Detailgrafiken, wodurch die Nachvollziehbarkeit unnötigerweise erschwert wird. Auf Basis dieser reichhaltigen Materialgrundlage war eine zügige Etablierung von Linienformen in wissenschaftlichen Abhandlungen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts zu konstatieren, was Gremske zu Recht dazu bewog, eine weitergehende Spurensuche zur Identifikation dieser Erscheinung einzuleiten.
Dies mündet in den vierten Teil der Arbeit, der sich mit Produktionsmethoden und medialem Wandel der Druckerzeugnisse sowie zeichentheoretischen Überlegungen zu Punktlinien auseinandersetzt. Darauf folgt eine Beschäftigung mit den eingesetzten Druckwerkzeugen, die zeigt, mit welchen Verfahren sie Leer- oder Zwischenräume schaffen, sodass eine Gleichmäßigkeit der Abstände gewährleistet ist. Diese sind nicht nur Punktlinien, sondern transformieren den Raum des Sichtbaren sowie des Verschwindens, sie stellen nachvollziehbare Übergänge, aber auch deren Doppelfunktion dar. Gremske sieht diesen bewussten Umgang mit der Punktlinie als Ausdruck des Medienwandels, der angesichts neuer drucktechnischer Voraussetzungen zur Etablierung und raschen Verbreitung von Diagrammen geführt hat. In diesen sind Punktlinien relevant geworden, da diese Anforderungen als ›Gehirnwissenschaften‹ verankert werden konnten. 
Damit gingen, so Gremske, fundamentale Konsequenzen im 17. Jahrhundert einher, die zum Gegenstand seiner Analyse des fünften Kapitels werden. Auf diese Weise zeigt sich, dass Linienformen, insbesondere in der Architektur, Medizin, Kartographie sowie Ballistik, sich zunehmend als grundlegende geometrische Formen etablierten, was er anhand von graphischen Beispielen demonstriert. Ihr gemeinsamer Nenner besteht in der Verknüpfung von Wissen mit dynamischen Prozessen, was zur Verankerung der Linienformen beiträgt und dem zunehmenden Bedürfnis entgegenkommt, Prozesse in Wissensbildern darzustellen. Die Linienform erwies sich in medizinischen Bildern als äußerst fruchtbar, da sie sowohl einen erweiterten Blick auf die Anatomie des Körpers als auch einen imaginären Zugang zu Körperoberflächen ermöglicht. Mit diesen Beispielen demonstriert Gremske anschaulich die Funktionen der Punktlinien als perspektivische Darstellungen in Bildprozessen, die Ausdruck gebundener Zeit- und Raumgegebenheiten sind, und formuliert zugleich erkennbare Desiderata, die Impulse für weiterführende Forschungen bereitstellen.
Nachdem Gremske die Punktlinie als vielversprechendes Analyseinstrument für den Wissenskörper hervorgehoben hat, widmet er sich dem letzten Kapitel seiner Arbeit, das sich mit der pragmatischen Potenz von Zeit und Raum befasst. Darin wird eine zentrale Eigenschaft von Linien in den Vordergrund gestellt: dass sie verbinden, überbrücken oder verknüpfen, aber auch unterscheiden, trennen oder abgrenzen können und somit ein diagrammatisches Grundprinzip bilden. Punkt und Linie erhalten in Gremskes Werk folglich einen doppelten Zeichenstatus: Einerseits sind sie materiell präsent, andererseits verlieren sie auf epistemischer Ebene ihre Objektivität. Durch ihre Genese als Punktlinie bleiben sie als geometrische Grundform immer sichtbar und werden so zu Meta-, Zeit- und Prozesszeichen. Dies entwickelt sich dadurch zu einem Analyseinstrument, das wichtige Rückschlüsse auf Struktur und zeitlichen Kontext zulässt, in welchem diagrammatische Illustrationen entstanden sind. 
Unauffällig, unbemerkt, doch zugleich omnipräsent sind Punkte und Linien, die in Gremskes Werk in die aktive Wahrnehmung des Lesers rücken. So bleibt dies ein höchst ungewöhnliches und inspirierendes Thema, das viele neue Einsichten gewährt, die weder bekannt waren noch erwartet wurden. Bedauerlicherweise fehlt ein Sach- und Personenregister, das dem Leser die selbständige Recherche sicherlich erleichtern würde, hervorragend ist jedoch das hundertseitige Abbildungsverzeichnis, das es ermöglicht, sich in Eigenregie einen Überblick zu verschaffen und den Überlegungen des Autors in visueller Form nachzugehen. Die zahlreichen Exkurse und Analysen verwandeln das Thema sukzessiv in einen Wissenskreislauf und wecken die Neugierde, das facettenreiche Feld auf eigene Faust weiter zu erforschen. Die Arbeit richtet sich in erster Linie an ein Fachpublikum, eröffnet methodische Zugänge zur Analyse und ist zweifellos ein unverzichtbarer Bestandteil für die Erforschung diagrammatischer Prozesse. 
 
Salvatore Martinelli, Bibliotheca Hertziana, Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte, Abteilung III, Via Gregoriana, 28, IT-00187 Rom; E-Mail: Martinelli@biblhertz.it

Anmerkungen:
(1) Steffen Bogen/Felix Thürlemann, Jenseits der Opposition von Text und Bild. Überlegungen zu einer Theorie des Diagrammatischen. In: Alexander Patschovsky (Hg.), Die Bildwelt der Diagramme Joachims von Fiore. Zur Medialität religiös-politischer Programme im Mittelalter. Ostfildern 2003, S. 1-22. [zurück]

(2) Matteo Nanni (Hg.), Von der Oralität zum Schriftbild. Visuelle Kultur und musikalische Notation (9.-13. Jahrhundert), Paderborn 2020; Caroline Smout, Allegorische Diagrammatik und diagrammatische Allegorisierung. Erkenntnisprozesse in einem allegorischen Ikonotext der ‚Regia Carmina‘ des Convenevole da Prato, in: Das Mittelalter, Perspektiven mediävistischer Forschung (2017), S. 392-407. [zurück]

(3) Siehe z.B. das Projekt »Visuelle Logik musikalischer Notation zwischen Mittelalter und Früher Neuzeit« an der Justus-Liebig-Universität Gießen; https://www.uni-giessen.de/fbz/fb03/institute/musikpaedagogik/Einrichtungen/Projekt_hist_theory_musNot (abgerufen am 02.06.2020). [zurück]