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In: KulturPoetik 2020, Issue 2

Author

Loreen Dalski

Title

Meisterwerke im Konjunktiv. Der Aufschlusswert von »Nicht-Entstehungsgeschichten«

Category

Rezension

Abstract

Andrea Bartl/Corina Erk/Martin Kraus (Hg.), Verhinderte Meisterwerke. Gescheiterte Projekte in Literatur und Film. Paderborn: Wilhelm Fink Verlag, 2019. 395 S.

Full text

Welche mutmaßlich herausragenden Werke wurden aufgrund unglücklicher Umstände nicht realisiert? Diese Frage stellt sich der von Andrea Bartl, Corina Erk und Martin Kraus herausgegebene Band mit dem programmatischen Titel Verhinderte Meisterwerke. In siebzehn Beiträgen widmet er sich der Aufarbeitung von »Nicht-Entstehungsgeschichten« (11), um Formen des Scheiterns in Film und Literatur produktionsästhetisch zu analysieren. 
Mit diesem Fokus folgt der Band einem gegenwärtigen Trend zur Aufwertung des Scheiterns, der sich nicht nur in der Alltagskultur, sondern auch in der Wissenschaft abzeichnet. Filmische und literarische Phänomene standen dabei allerdings eher selten im Fokus. (1)  Die von Annika Hanauska und Martin Kraus verfasste Einführung des Bandes kritisiert zudem treffend die verbreitete Tendenz, das Scheitern als produktives Moment aufzuwerten, ohne dessen Produktivität näher zu spezifizieren. Zugleich distanzieren sich die Autor*innen von ökonomischen Deutungsmustern, welche das Scheitern zu einer Durchgangsstation in Optimierungsprozessen stilisieren. Indem der Band nach Potenzialen jenseits solcher Optimierungszwänge fragt, ermöglicht er eine offene, an Anschlussmöglichkeiten reiche Debatte für den interdisziplinären Diskurs.
Konkret verfolgt der Sammelband drei Ziele. Das erste knüpft an ältere biographische, textkritische und poetologische Studien an, indem es die Gründe für die Werkverhinderung eruiert. (2)  Das zweite fasst in Anlehnung an Martin Mittelmeiers Studie Ungeschriebene Werke (2006) eine »alternative Literatur- und Filmgeschichte des Imaginären« (3) ins Auge. Diese stützt sich auf folgende hypothetische Überlegung: »[W]elche Bedeutung hätten die behandelten Projekte erlangen können, wenn sie nicht verhindert worden wären?« (11). Begrenzt werden die spekulativen Erwägungen, insofern sie sich ausschließlich auf männliche Autoren und Filmemacher beziehen, die bereits kanonisiert sind. Dies hat Konsequenzen für die Diskursivität und die zu erwartenden Ergebnisse. Einerseits setzt der Band starke ästhetische Urteile voraus, die oft implizit bleiben und generell nur bedingt diskutabel sind; andererseits tendiert er weniger dazu, eine alternative Literaturgeschichte zu befördern, als vielmehr den bestehenden Kanon zu festigen. Sicherlich kann, wie die Autor*innen erklären, die Untersuchung verhinderter Meisterwerke den Blick auf realisierte schärfen. Indem aber die entgegengesetzte Möglichkeit einer verhinderten Blamage ausgeblendet wird, sind der Aufschlusswert sowie die zu erarbeitende imaginäre Geschichte tendenziös. Drittens schließlich stellt der Sammelband die sehr ergiebige Frage, in welcher Hinsicht und welcher Form eine gewinnbringende Auseinandersetzung mit verhinderten Werken möglich ist.
Außer Björn Molls einleitendem Aufsatz zu einer Theorie und Praxis des Ungeschriebenen lassen sich die Beiträge in vier von Hanauska und Kraus vorgeschlagene Kategorien ordnen. Mit dieser Kategorisierung entwickeln die Autor*innen implizit ein Modell, das verschiedene Stadien einer verhinderten Werkgeschichte deskriptiv erfasst. Die erste Kategorie beinhaltet unrealisierte Projektideen, die durch Briefe oder Tagebucheinträge des Autors oder allein durch Zeugnisse Dritter überliefert sind, wie z. B. Goethes Italien-Werk (Klaus Vogel) und Heinrich und Thomas Manns Vorhaben zu einem Roman über Friedrich den Großen (Helmut Koopmann). Die zweite Kategorie beschäftigt sich mit unvollendeten Texten oder Entwürfen, zu denen etwa Raabes Erzählung Wer kann es werden? (Natalie Moser) oder Romanfragmente von Erich Kästner (Ines Heiser) und Vladimir Nabokov (Jessica Maaßen) gehören. In der dritten Kategorie werden Filmvorhaben – bspw. von Rainer Werner Fassbinder (Raphael Rauch) und David Lynch (Sandra Ludwig/David Ziegenhagen) – erfasst, die entweder gar nicht oder anders als geplant realisiert worden sind. Schlussendlich fasst die vierte Kategorie Werke, die zwar fertiggestellt, aber nicht veröffentlicht wurden z. B. G. W. Pabsts Der Fall Molander (Mona Harring). Insgesamt geht es dem Band weniger um einen systematischen Zugang zu einer Poetologie des verhinderten Werks. Vielmehr sollen durch die »Akkumulation von Studien zu ausgewählten Fällen Ansätze für eine weitergehende Erschließung des Themenbereichs« (3) geliefert werden. Aus diesem Grund bildet nicht die eigens vorgeschlagene Kategorisierung das Gliederungsprinzip der Publikation, sondern die Chronologie der analysierten Projekte und Werke. Im Sinne einer bisher unversuchten interdisziplinären Bestandsaufnahme des verhinderten Werks erscheint der Verzicht auf eine starke Systematik und Theoretisierung legitim, zumal die meisten versammelten Beiträge die konzeptionellen Leerstellen der Einleitung füllen und eigene Theorieangebote präsentieren. Drei aufschlussreiche Beiträge seien dabei im Folgenden hervorgehoben.
Felix Lenzʼ Beitrag Terra Verte (1940) und Die Liebe des Dichters (1940) widmet sich der Frage, aus welchen Gründen gescheiterten Projekten überhaupt künstlerische Relevanz beizumessen ist. Seine Analyse gescheiterter Farbfilmprojekte Antonionis und Eisensteins stützt sich auf vier einleuchtende Kriterien: Erstens besitzen diejenigen verhinderten Werke Relevanz, die historische Darstellungskonventionen übersteigen und etwas Neues versuchen. Zweitens nennt Lenz gescheiterte Projekte, die in modifizierter Gestalt dennoch fortgeschrieben wurden und drittens solche, die »als poetologischer Reflexionsraum Paratexte generieren« (183). Letztlich kann sich die Relevanz aber auch daraus ableiten, dass die Verhinderung viertens auf eine historische Krise verweist und diese näher erläutert. Vor dem Hintergrund dieser Kriterien lässt sich auch der Gewinn der übrigen Beiträge des Bandes profilieren. 
Einen instruktiven Beitrag, der bezeichnenderweise den exemplarischen Analysen vorangestellt ist, liefert Björn Molls Phantomliteratur. Theorie und Praxis des Ungeschriebenen. Moll geht sowohl auf produktionsästhetische Reflexionen als auch auf die Inszenierung ungeschriebener Literatur ein, die er unter dem Begriff der Phantomliteratur fasst. Sie wird für ihn von drei unterschiedlichen Typen produziert: Zum ersten Typ gehören die »Verweigerer« und »Aufschieber«, die das werkorientierte Schreiben »verschmähen« (14). Dazu zählen Autoren, die – wie lange Zeit Wolfgang Koeppen – schreiben, ohne tatsächlich ein Werk zu produzieren. Anstatt das ausbleibende Werk als Nicht-Schreiben zu werten, plädiert Moll im Rekurs auf Walter Erharts Koeppen-Studie dafür, »dass dieses Schreiben sich selbst in die Quere gekommen sei, dass das Erzählen-Wollen angesichts des Erzählverlustes der Moderne stets neue Formen und Anfänge heraufbeschwört [sic] habe« (25). Leerstellen und Abbrüche seien daher nicht allein ein Verweis auf das Scheitern am Werk, sondern eigenständige Indikatoren für literarische Modernität. In Anknüpfung an Erharts psychologische Argumentation könnten dann Selbstzweifel und Schweigen hinter der Schreibhemmung als eigentliches Werk verstanden werden. Der zweite Typus ist der des »Projektemachers«. Er entwirft Projekte, ohne diese notwendig zu realisieren. Vielmehr nutzt er sie als Fluchtpunkt, als Ideen- und Materialienpool, aus dem etwas Neues hervorgehen kann. Darin können die Projekte dann in ihrer partiellen Realisierung sichtbar sein, sich überlagern und eine eigenständige Form erhalten. Verdeutlicht wird dies anhand des Gemäldes Belle Noiseuse in Honoré de Balzacs Das unbekannte Meisterwerk. In dieser Erzählung möchte der perfektionistische Frenhofer sein langjähriges in Produktion befindliches Werk durch das Portrait der schönen Gillette beenden. Zur Irritation der Betrachter sind auf dem Gemälde allerdings nur unzählige Pinselstriche zu sehen, die ein Frauenportrait überdecken, von dem einzig ein eleganter Fuß noch erkennbar ist. In Belle Noiseuse werden somit zugleich darstellbare und undarstellbare Elemente in einer neuen Form sinnlich erfahrbar. Der letzte Typus, der »Vollender«, verfolgt primär das Tilgen und Löschen von verhinderten Projekten. Es geht um Ideen und Entwürfe, die in ihrer ursprünglichen Form nicht realisiert wurden und restlos in andere Werke eingegangen sind. Zwar existieren die verhinderten Werke in diesem Fall noch in fiktionaler Form, aber ihr Deutungsspielraum ist wesentlich begrenzt worden (vgl. 35). Die Verweigerer und Projektemacher unterscheiden sich von diesem letzten Typus, insofern sie das Unvollendete ausstellen und somit Sinnmöglichkeiten und etwaige Anschlusshandlungen in Form von Werkkommentaren, Fortsetzungen, Adaptionen etc. potenzieren. Damit liefert Moll zugleich ein Kriterium dafür, worin das Gelingen jenseits des Genieverdachtes bestehen könnte. Mit Bezug auf Michel Serres Genesis ließe sich dann sagen, dass »die Meisterrepräsentation eine Repräsentation für die Vielfalt an Möglichkeiten« ist (29), die gerade im verhinderten Werk eine maximale Steigerung erfährt. Über diese modellbildenden Typen hinaus kann Moll plausibilisieren, inwiefern Elemente eines verhinderten Projekts eine werkstiftende Funktion besitzen können. Zudem gelingt es Moll, die Schlüsselbegriffe des Sammelbandes weiter zu differenzieren. Titel und Untertitel des Bandes legen nämlich nahe, dass ein verhindertes Werk zugleich ein gescheitertes Projekt ist. Eine weitere Differenzierung wird auch in der Einleitung nicht getroffen. Mit Molls Beitrag lässt sich dagegen auf die unterschiedliche Ausrichtung von Projekten und Werken abheben. Das Projektieren zielt gerade auf die Auflösung einer geschlossenen, einheitlichen Form, um eine dynamische Materialbasis zu gewinnen, die für weitere Produktionen offen ist. Die Kriterien des Gelingens sind also verschieden gelagert.
Generell lässt sich zudem fragen, ob die Prädikate verhindert und gescheitert wirklich gleichzusetzen sind. Neben einer materialen besitzt das Scheitern nämlich auch eine evaluative Dimension. So wie Hanauska und Kraus das Prädikat meisterhaft als Zuschreibung bestimmen, kann auch das Urteil gescheitert als Zuschreibung verstanden werden. Insofern Projekte unvollständig realisiert worden sind, kann man sie zwar als verhindert bezeichnen, wenn sie aber ästhetisch überzeugen, können sie durchaus als gelungen gelten. Ein anschauliches Beispiel für diese Peripetie liefert Alena Diedrichs Beitrag Ironische Wendigkeit und poetische Notwendigkeit. Sie zeigt, wie Hans Magnus Enzensberger das Scheitern zum poetischen Motiv seines Werks erhebt und dieses als Strategie der Autorinszenierung nutzt. In exemplarischen Analysen weist sie überzeugend nach, dass Enzensberger das Scheitern vorrangig als produktiven und lehrreichen Wendepunkt bestimmt. Dieser könne sogar mit Freiheitserfahrung einhergehen, sofern man nämlich eine ironische Welthaltung vertrete. Diese Überlegungen erhebt Enzensberger in Meine Lieblings-Flops zum poetologischen Prinzip, indem er die Ideen und Entwürfe seiner verhinderten Werke bündelt und ironisch rahmt. Die verhinderten Projekte werden dadurch zu einem eigenständigen Werk, das zumindest in der Rezeption als erfolgreich ausgewiesen werden kann. 
Insgesamt bedarf es weiterer theoretischer Begründungen und Überprüfungen an einem erweiterten Korpus, um den Mehrwert einer alternativen Literatur- und Filmgeschichte über den Spezialfall des verhinderten Meisterwerks zu plausibilisieren. Den epistemischen Gewinn einer allgemeinen Untersuchung verhinderter Werke und Projekte stellt der Band aber in jedem Fall unter Beweis. Er erschließt nicht nur eine beachtliche Zahl weitgehend unbekannter Exempel, sondern enthält auch Methoden- und Theorieangebote, an die es sich anzuschließen lohnt. 
 
Loreen Dalski, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutsches Institut, Jakob-Welder-Weg 18, D-55128 Mainz; E-Mail: ldalski@uni-mainz.de


Anmerkungen:
(1) Vgl. dazu aber: Chris Gore, The 50 Greatest Movies Never Made. New York 1999; Walter Erhart, Wolfgang Koeppen. Das Scheitern moderner Literatur. Konstanz 2012; Inge Kirsner, Auch nur Menschen? Vom Scheitern protestantischer Geistlicher im Film. In: Gabriele Gien/Bernhard Sill (Hg.), Scheitern. St. Ottilien 2013, S. 163-192; Jörg Wesche, Glücksschmied und Schiffsbruch. In: Stefan Brakensiek/Claudia Öhler (Hg.), Fiasko – Scheitern in der Frühen Neuzeit. Beiträge zur Kultur-geschichte des Misserfolgs. Bielefeld 2015, S. 197-220; Agnieszka Komorowska/ Annika Nickenig (Hg.), Poetiken des Scheiterns. Formen und Funktionen unökonomischen Erzählens. Paderborn 2018. [zurück]

(2) Vgl. dazu: Michael Kämper-van den Boogart, Ästhetik des Scheiterns. Studien zu Erzähltexten von Botho Strauß, Jürgen Theobaldy, Uwe Timm u.a. Stuttgart 1992;  Alexandra Pontzen, Künstler ohne Werk. Modelle negativer Produktionsästhetik in der Künstlerliteratur von Wackenroder bis Heiner Müller. Berlin 2000; Daniel Kazmaier, Poetik des Abbruchs. Literarische Figurationen von Negativität im 17. und 18. Jahrhundert. Würzburg 2016. [zurück]