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In: KulturPoetik 2020, Issue 1

Author

Ivana Perica

Title

Die Sonderstellung des postimperialen Romans

Category

Rezension

Abstract

Rezension zu: Christine Magerski, Imperiale Welten. Literatur und politische Theorie am Beispiel  Habsburg. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2018. 128 S.

Full text

»Am Beispiel Habsburg« und mit theoretischem Werkzeug von Herfried Münklers politikwissenschaftlicher Narratologie soll die »Sonderstellung des postimperialen Romans« (9) untersucht werden: Christine Magerskis Studie Imperiale Welten stellt einen der seltenen Versuche dar, die literaturwissenschaftliche Methodologie mit Kenntnissen der politischen Theorie anzureichern und daraus Erkenntnisgewinne für beide Disziplinen zu erzielen. Der Gewinn dieses Wagnisses, die Komfortzone der Literaturwissenschaft zu verlassen, resultiert aus der Überzeugung der Autorin, dass die Beobachtung von Imperien als politischen Systemen und mit ausschließlich politisch-theoretischem analytischem Apparat eine Missachtung der Komplexität von ethischen und ästhetischen, rechtlichen und ökonomischen imperialen Zusammenhängen bedingen würde. Und andersherum, da der sprichwörtlich gewordene habsburgische Mythos auch keine ausschließlich literarische Angelegenheit ist, kann man gerade am Beispiel des Habsburgischen Imperiums – als einem »Imperium der besonderen Art« (12) – der komplexen Frage nachgehen, worin die politische Dauerhaftigkeit und symbolische Beständigkeit von Imperien besteht. Und auch wenn die Antwort, scheinbar einfach, in der politischen Mythenbildung liegt, also in der Konstruktion und Dauer der Mythen, denen politische Subjekte Glauben schenken, kann sie sowohl mit politischer Theorie als auch mit einer literaturwissenschaftlich fokussierten Narratologie nur ungenügend präzisiert werden. Denn worin sich der Mythos als sinnstiftende politische Erzählung von Malerei oder Plastik unterscheidet, ist seine narrative Struktur, die über das Präsente und Präsentierte hinaus notwendig auch auf die zeitliche Unbeständigkeit und somit die Änderbarkeit des Gegebenen hinweist. Somit eröffnet die narrative Struktur des Mythos einen Reflexionsraum über die Funktionsweisen des Politischen und zugleich auch die Möglichkeiten der Kritik an demselben.
Die Sonderstellung des postimperialen Romans habsburgischer Art begründet sich dabei darin, dass die Kritik am Mythos post festum, also nach dem Imperiumszerfall, einsetzt. Magerskis in Teil I vorgelegte Lektüre von Robert Musils Mann ohne Eigenschaften führt vor, wie dieser – und hier geht die Autorin von Peter Bürgers Analyse aus (1)  – »erkenntnistheoretische Roman« (22) »die literarisch-intellektuelle Herausforderung der Zwischenkriegszeit« annimmt und damit aufzeigt, »wie Politik funktioniert und was an politischer Gestaltbarkeit beziehungsweise Formung überhaupt denkbar und möglich ist« (22). Musils »responsive« (23) und jeglichem Dezisionismus fernliegende Reflexionen über die »Denkmöglichkeiten« (22) sind dabei als eine Antwort auf die Unsicherheit und die verloren gegangene Stabilität der Moderne zu lesen (28).
Teil II wird eine an Franco Morettis Atlas des europäischen Romans angelehnte Behauptung vorangestellt, wonach »verschiedene literarische Formen unterschiedliche geopolitische Räume benötigen« (30), die wiederum die Bedingungen der Möglichkeit dieser literarischen Formen ausmachen. Magerski entwickelt diesen Gedanken mit der Annahme weiter, dass im postimperialen Raum der Habsburger Monarchie die Tatsache der Möglichkeit (oder »Unmöglichkeit«, 30) des Verschwindens der politischen Räume mit einer bestimmten Romanform korreliert (30): Romane von Robert Musil, Joseph Roth, Hermann Broch und Gregor von Rezzori verkörpern gerade die »Kontingenzerfahrung« (33), das Bewusstsein von einer »Veränderlichkeit« (30) des Politischen, die sich aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs und dem Untergang des Imperiums speist. Die primär analytische und weniger auf Kritik ausgerichtete literarische Veranlagung (35) dieser Romane wird interessanterweise im Vergleich zu den (post-)kolonialen als eine Besonderheit der (post-)imperialen Räume erkannt. 
Der literatursoziologische Blick, der Imperiale Welten in die Nähe von Bürger und Moretti rückt, wird zum einen auf eine bisher ungewohnte Art und Weise systemtheoretisch kalibriert, zum anderen glückt der Autorin, dank ihrem Augenmerk auf literarische Gestaltung von politischer Kontingenz und Veränderbarkeit, auch eine postfundationalistische Perspektivierung (vgl. 40). Die Studie legt nämlich nahe, dass die literarisch-politischen Reflexionen der postimperialen Autoren die Tatsache der »Dauerkrise« mit der Überzeugung koppeln, dass die Krise sich nur dann bewältigen lässt, wenn man den Glauben an die »letzte[n] Gründe« (40) aufgibt. Die zentrale These der Imperialen Welten lautet mithin wie folgt: Die Einsicht in die Fragilität der politischen Ordnungen fördert in literarischer Hinsicht die Entstehung von responsiven Formen, die über diese Fragilität und die sozial-politische Kontingenz des Politischen reflektieren (50). Die postimperiale Literatur, mitsamt dem symbolischen Raum, zu dem sie gehörte und den sie im Gegenzug mitkonstituierte, konnte nicht ex nihilo entstehen. Ihre reflexive Veranlagung lag im realen Herkunftsraum der Autoren, die sie hervorbrachten.
Diese Veranlagung wird in Teil III, mit Bourdieu, als »Disposition« und »Habitus« ausgewiesen (51). Werden »am Beispiel Habsburg« die Tradierung des Imperialen und die daraus hervor-gehenden »responsive[n] Struktur[en]« (23) der literarischen Formen unter die Lupe genommen, dann führt an Robert Musil und Hermann Broch – Autoren, deren politische, soziale Erfahrung sowohl geografisch als auch ideologisch an das Zentrum der imperialen Macht der Habsburger gebunden war – kein Weg vorbei. Um den Fokus auf gerade diese Autoren dennoch stärker zu begründen, greift Magerski nach Helmuth Kiesels Unterscheidung zwischen »eine[r] von Krieg und Revolutionen gezeichnete[n], stark polarisierte[n] und engagierte[n] Zeitliteratur« (62) und der »Literatur einer reflektierten, traditionelle Darstellungsformen und avantgardistische Techniken miteinander verbindenden Moderne« (62). (2) Weshalb also Autorinnen und Autoren, die im postimperialen Raum eine ebenfalls responsive, aber viel mehr intervenierende als reflektierende Zeitliteratur betrieben – zu nennen wären beispielsweise Jura Soyfer und Ernst Fischer – außen vor bleiben, erklärt sich somit von selbst.
Nachdem die Diskrepanz zwischen Zentrum und Peripherie als das strukturierende politische Problem der Imperien erkannt wurde (70), (3) werden in Teil IV wieder Münklers Studien Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten (2005) und Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung (2010) argumentführend. Und auch mit dem letzten, V. Teil von Imperiale Welten wird unterstrichen, in welchem Maße die politische Theorie im Allgemeinen und die Imperienstudien im Besonderen von sowohl systemtheoretisch als auch politisch-theoretisch inspirierten Beobachtungen über die literarischen Dispositionen der unmit-telbaren postimperialen Zeit profitieren können (69). So kann eine entsprechend geeichte Analyse von Joseph Roths Roman Das falsche Gewicht veranschaulichen, dass für die Beständigkeit der Habsburgischen Ordnung nicht nur die Kluft zwischen dem imperialen Zentrum und seinen Peripherien, sondern auch die diese Kluft strukturiererenden Hierarchien sorgten. Der Roman liefert nämlich ausreichend Beweise für die These, dass Imperien keinesfalls auf bloßer Gewalt beruhen, sondern dass sie ihre Macht einem halbreligiösen System des Glaubens und der Moral verdanken. So schreibt Joseph Roth: »Diese Tatsache ist so greifbar deutlich, wie jene gewesen ist, als wir noch ein Reich hatten: daß Österreich mehr war als ein Vaterland, nämlich fast eine Religion«. (4)  
Obwohl Magerski (im Unterschied zu Münkler) die Verweise auf heutige machtpolitische Konstellationen, die möglicherweise eine tagespolitische ›Anwendung‹ der Theorie suggerieren könnten, geschickt vermeidet, (5) werden dem aufmerksamen Leser die impliziten Vergleiche des religiösen Charakters des Habsburgischen Imperiums mit dem ökonomischen Säkularismus der heutigen Europäischen Union nicht entgehen. Die mit diesem ökonomischen Säkularismus einhergehende (post-)imperiale Dialektik des Nationalismus und supranationalen Imperialismus ist – heute wie damals – genauso unmissverständlich wie die Tatsache offenbar ist, dass »das Bewusstsein der Kontingenz von symbolischen und räumlichen Ordnungen« (96) heutzutage zum Basiswissen der Europäer gehört. Das bedeutet mitnichten, »dass die Geschichte stets ein zuverlässiger Führer sei« (116); eher, dass der postimperiale Roman ein Ort des Aushandelns von politischen Relationen war, deren Aktualität im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts keineswegs verblichen ist.
 
Dr. Ivana Perica, Graduiertenkolleg »Funktionen des Literarischen in Prozessen der Globalisierung«, Ludwig-Maximilians-Universität München, Schellingstraße 33, Raum 1025, D-80799 München; E-Mail: ivana.perica@lrz.uni-muenchen.de

Anmerkungen

(1) Peter Bürger, Literarische Form als Denkform: Musils »Mann ohne Eigenschaften«. In: Ders., Prosa der Moderne. Frankfurt/M. 1988, S. 422-437; hier S. 423 f. [zurück]
(2) Vgl. Helmut Kiesel, Geschichte der deutschen Literatur 1918–1933. München 2017. [zurück]
(3) Vgl. hierfür Magerskis Rückgriff auf Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft. Bd. 2. Frankfurt/M. 1998. [zurück]
(4) Joseph Roth, Schwarz-Gelbes Tagebuch. In: Die österreichische Post 1 (1939) 5, S. 5; zit. nach: Magerski, S. 94. [zurück]
(5) Magerski verweist darauf (27), dass Münkler vergleichsweise vor einer möglichen »Balkanisierung« der Europäischen Union warnt; vgl. Herfried Münkler, Imperium und Imperialismus. In: Docupedia-Zeitgeschichte, 11. Februar 2010, https://docupedia.de/images/a/a4/Imperium.pdf (abgerufen am 09.12.2019). [zurück]