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In: KulturPoetik 2020, Issue 1

Author

Alexander Kling

Title

Vom Handeln der Dinge und dem Wechselspiel von Literatur und Theorie

Category

Rezension

Abstract

Rezension zu: Charlotte Jaekel, Vive la Bagatelle. Animismus und Agency bei Friedrich Theodor Vischer. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2019. 332 S.

Full text

Die Literaturwissenschaft hat häufig Methoden und Theorien aus anderen Disziplinen importiert und für die Analyse literarischer Texte nutzbar gemacht – man denke an die Psychoanalyse, die Diskursanalyse, die Dekonstruktion oder auch die Systemtheorie. In den vergangenen Jahren war zu beobachten, dass auch die Schriften des Technikphilosophen und Soziologen Bruno Latour zunehmend in der Literaturwissenschaft rezipiert wurden und vereinzelt in die methodischen Lehrbücher des Faches Eingang gefunden haben. (1) Zusammen mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hat Latour seit den 1980er Jahren die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) entwickelt. Die ANT beschreibt u. a. das Zusammenspiel von menschlichen und nichtmenschlichen Akteuren. Aufgehoben wird auf diese Weise eine spezifische Verteilung von Handlungspotentialen, die allein den Menschen als aktives Subjekt anerkennt, wohingegen die nichtmenschlichen Wesen – z. B. Tiere und Dinge – auf den Status von passiven Objekten reduziert werden. Latour versteht diese asymmetrische und anthropozentrische Verteilung als Kernelement der ›modernen Verfassung‹, die durch eine Reinigungsarbeit entstanden sei, mittlerweile aber – unter dem Druck der sich vermehrenden nichtmenschlichen Entitäten – an Geltung verliere. Vonseiten der Literaturwissenschaft interessieren auf der Grundlage der ANT besonders Texte, die das Handeln der nichtmenschlichen Wesen in Szene setzen und so – ausgestattet mit den Lizenzen der Fiktion – alternative Ontologien entwerfen. Ein prominenter Text, der von der Eigenmacht der Dinge erzählt, ist Friedrich Theodor Vischers Roman Auch Einer (1879), der in den vergangenen Jahren intensiv erforscht wurde. Im Zentrum standen dabei ein dingtheoretischer Zugriff sowie die Analogien zur ANT. Zudem wurde der Roman mehrfach historisch in eine Linie eingeordnet, die von der Romantik (z. B. E.T.A. Hoffmann, Stephan Schütze) bis in die Moderne (z. B. Franz Kafka, Heimito von Doderer) reicht. 
Charlotte Jaekels Monographie, die 2017 als Doktorarbeit eingereicht wurde, reiht sich in das beschriebene Forschungsfeld ein. Auch ihr geht es um die Bezüge zwischen Vischer und Latour, ebenso wird auf Schütze, Kafka und Doderer referiert. Ohne Frage stellt aber Jaekels Untersuchung die derzeit genaueste Untersuchung zu Vischer dar, schon allein deshalb, weil nicht nur der Roman, sondern auch Vischers theoretische Schriften, insbesondere seine monumentale Ästhetik oder Wissenschaft des Schönen (1846), einer ausführlichen und differenzierten Analyse unterzogen werden. Vor allem die sich durch die gesamte Arbeit durchziehende Kontrastierung der Texte Vischers auf der einen, der philosophischen und ästhetischen Schriften von Georg Wilhelm Friedrich Hegel auf der anderen Seite sind erhellend und fördern immer wieder überzeugende Beobachtungen zutage. Neben der Gegenüberstellung zu Hegel befragt Jaekel die Texte Vischers in Hinsicht auf deren Bezugspunkte zum Animismus. Dabei weist ihre Argumentation in zwei Richtungen: Zum einen wird der Animismus anhand von Edward Burnett Tylors Studie Primitive Culture (1871) hergeleitet – hier geht es um eine historische Kontextualisierung von Vischers Schriften. Zum anderen verknüpft Jaekel Vischers Texte mit der Animismustheorie von Latour, wobei vor allem das Handeln bzw. die Agency nichtmenschlicher Entitäten im Vordergrund steht – hier zielt die Argumentation demnach auf ein aktualisierendes Moment, das der Literatur einen eigenen theoretischen und philosophischen Status zuweist. 
Jaekels Studie gliedert sich in drei Untersuchungskapitel. Im ersten und kürzesten Kapitel werden drei Texte analysiert, um so den Animismusdiskurs des 19. Jahrhunderts kenntlich zu machen. Ausgewählt wurden hierfür Oskar Ludwig Bernhard Wolffs Die kleinen Leiden des menschlichen Lebens (1842), Karl Immermanns Die Epigonen (1836) und Gustav Freytags Soll und Haben (1855). Gelungen ist diese etwas überraschende Auswahl insofern, als sie auf unbekanntere Texte (Wolff) aufmerksam macht und den Animismusdiskurs dort nachweist, wo man ihn nicht erwarten würde (Freytag). Zu überlegen wäre sicherlich, ob die Textauswahl nicht noch etwas breiter hätte ausfallen können. Vor allem das Handeln der Dinge in Texten der Romantik bleibt unberücksichtigt. Jaekel weist in diesem Zusammenhang legitimierend darauf hin, dass romantische Texte auf einem anderen »Grundverständnis der Natur« (19) basieren – deshalb werden sie an dieser Stelle nicht eigens diskutiert, bilden aber über die ganze Studie verteilt eine Kontrastfolie zu Vischers Texten. 
Das zweite Kapitel gilt vor allem der Betrachtung von Vischers Ästhetik. Jaekel zeigt zunächst, wie Vischer mit dem Versuch, das Naturschöne und den Zufall in die Ästhetik zu integrieren, gegen Hegel opponiert. Vischers ›Verunreinigunsarbeit‹ stehe Hegels Reinigungsarbeit gegenüber. Außerdem wird in einem Exkurs ein Abschnitt aus dem Roman Auch Einer analysiert, in dem ein philosophischer Entwurf des Protagonisten Albert Einhart wiedergegeben wird, der systematisch die von nichtmenschlichen Wesen ausgehenden Störungsquellen erfassen soll und dabei für den Erzähler chaotische, d. h. nicht mehr lesbare Züge annimmt. Nach Jaekel werde mit dieser Passage nicht nur das Scheitern der Systemphilosophie vorgeführt, zudem entwerfe der Roman auf diese Weise die Grundzüge einer neuen Epistemologie, nämlich der des Netzwerks. Im weite-ren Verlauf des Kapitels beschreibt Jaekel Vischers für den Animismus wichtige Theorie des Leihens, die er in späteren Texten zu einer Einfühlungsästhetik weiterentwickelt. Der zweite Exkurs des Kapitels ist sodann literaturtheoretisch ausgerichtet: Ausgehend von Latours Überlegungen zu Literatur und Fiktion wird eine Theorie entworfen, die gegen den Verdacht der »Bagatellisie-rung und Verharmlosung« (156) die Welthaltigkeit und erkenntnistheoretische Relevanz von Literatur und Fiktion unterstreicht. Jaekels Argumentation wird sich produktiv auf die weitere literaturwissenschaftliche Operationalisierung der ANT auswirken. Es hätte sich allerdings als ergiebig erweisen können, die Vielzahl der angeführten Latour-Zitate mit dezidiert literaturtheoretischen Positionen ins Gespräch zu bringen, um so auch Latours Textverfahren einer Prüfung zu unterziehen. Eine von der Literatur und der Literaturwissenschaft ausgehende kritische Befragung von Latours Texten findet sich in Jaekels Studie jedoch nicht. 
Das dritte Kapitel ist insbesondere der Analyse des Romans Auch Einer gewidmet. Zunächst wird die Figur Albert Einhart mitsamt seiner misogynen Mythologie vorgestellt, in deren Zentrum die tückische, gegen den Mann und seine Vernunft gerichtete Eigenmacht der Dinge steht. Anschließend richtet Jaekel den Fokus auf die im Roman thematisierten Schreibszenen und Schreibdinge. Dieser Aspekt ist für die Beziehung von Literaturwissenschaft und ANT besonders wichtig. Die ANT geht von einer Eigenmacht der Dinge aus, die dem Handlungsprimat des Menschen entgegensteht; literarische Texte erzählen von Dingen und veranschaulichen ihre Handlungsmacht. Verkompliziert wird diese Konstellation aber dadurch, dass die Textproduktion – in der Regel – von einem menschlichen Subjekt ausgeht, das souverän die erzählten Dinge überblickt. Die Betrachtung, wie Dinge – z.B. Papier, Feder, Tinte – am Schreibprozess beteiligt sind, bietet in diesem Zusammenhang einen Ausweg, da auf diese Weise der Souveränität des Autorsubjekts ein aus menschlichen und nichtmenschlichen Wesen bestehendes Kollektiv der Textproduktion gegenübergestellt werden kann. Möglicherweise erklärt sich auf dieser Grundlage die Konjunktur von Forschungsprojekten, die sich mit der Eigenmacht der Schreibmaterialien befasst haben. 
Mit Blick auf Vischers Roman ist indessen zu bedenken, dass es sich bei der Thematisierung des Schreibens und der Schreibdinge um Geschriebenes handelt. Jaekels Befund, dass der Roman »durch die Reflexion literarischer Produktionsprozesse zur Darstellung [bringt], dass nicht-menschliche Akteure bei Produktion wie Edition ihre Handlungsmacht geltend machen« (253), ist daher einerseits vollkommen zuzustimmen. Andererseits bleibt offen, inwiefern Schreibdinge in Vischers eigene Textproduktion eingegriffen haben, sie also nicht nur im Zentrum des erzählten Inhalts stehen, sondern auch am Akt des Erzählens beteiligt waren. Hier könnte allenfalls die Analyse von Originalmanuskripten oder die Betrachtung von Schreibreflexionen in Tagebüchern und Briefen weiterhelfen. 
Die weiteren Abschnitte des Kapitels gelten der in den Roman eingelagerten Pfahldorfnovelle, wobei Jaekel insbesondere die Aspekte der Modernisierung sowie der Zeitlichkeit der Dinge untersucht. Abschließend wird die Thematik der »Ansteckung« (279) betrachtet. Hier kann Jaekel nachweisen, dass der im Roman dargestellte Animimus mitsamt der Handlungsmacht der Dinge nicht auf die pathologische Figur des Albert Einhart beschränkt bleibt. Vielmehr greift der Animismus auf andere Figuren der Diegese sowie in der Rezeption des Romans auf andere Texte über. So wurde beispielsweise die im Roman geprägte Rede von der »Tücke des Objekts«, die in knapper Form ein zentrales Element von dingtheoretischen Ansätzen auf den Punkt bringt, sprichwörtlich.
Jaekels Studie stellt nicht nur für die Vischer- und die Ästhetikforschung einen Gewinn dar. Die ausführliche und präzise Auseinandersetzung mit der Konstellation Vischer/Latour wird auch für die literaturwissenschaftliche Rezeption der ANT neue Impulse setzen. Im Zentrum der weiteren literaturwissenschaftlichen Forschung könnte die von der ANT vertretene Handlungsmacht der Dinge stehen, die sich in ihrer Spontanität zwar in der Literatur darstellen lässt, dabei aber an die (menschliche) Textproduktion gebunden bleibt. Jaekels Ausführungen zu Latours »zirkulierender Referenz« scheinen mir hier auf der richtigen Spur zu sein (vgl. 158-172), geht es Latour doch mit diesem Theorem um die Rekonstruktion des kleinschrittigen Prozesses, wie die Welt der Dinge in Zeichen und Papier überführt wird. Gerade auf der Grundlage dieses Theorems könnte es für die weitere Forschung allerdings sinnvoll sein, weniger die literarischen Gegenstände in Hinsicht auf Analogien zu theoretischen Positionen zu untersuchen, sondern vielmehr die Handlungsmacht der Dinge mittels historischer Kontexte zu erfassen. Ansätze in diese Richtung liegen bei Jaekel mit Blick auf Tylors Animismustheorie vor, der häufige Verweis auf die Vermehrung der Dinge im 19. Jahrhundert im Zuge einer industriellen Fertigung bedürfte aber einer tiefergreifenden Analyse. Hier können weitere Forschungsbeiträge ansetzen – das theoretische Design liegt in seinen Grundzügen auf dem Tisch, die historischen (Text-)Materialien warten dagegen noch auf eine ausgiebige Erkundung.
 
Dr. Alexander Kling, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Institut für Germanis-tik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, Am Hif 1d, D-53113 Bonn; E-Mail: akling@uni-bonn.de
 
Anmerkungen

(1) Vgl. exemplarisch zur Rezeption von Dingtheorien wie Latours Akteur-Netzwerk-Theorie im literaturwissenschaftlichen Kontext Susanne Scholz/Ulrike Vedder (Hg.), Handbuch Literatur & Materielle Kultur. Berlin, Boston 2018; sowie den Forschungsüberblick in Martina Wernli/Alexander Kling, Von erzählten und erzählenden Dingen. Zur Einleitung. In: Dies./Ders. (Hg.), Das Verhältnis von res und verba. Zu den Narrativen der Dinge. Freiburg 2018, S. 7-31; hier S. 20-27. Vgl. des Weiteren zur Konzeptualisierung der ANT als literaturwissenschaftliche Methode Waldemar Fromm, Akteur-Netzwerktheorie (ANT). Zur sozialen Praxis fiktionaler Wesen im Sandmann. In: Oliver Jahraus (Hg.), Zugänge zur Literaturtheorie. 17 Modellanalysen zu E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann. Stuttgart 2016, S. 283-296. [zurück]