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In: KulturPoetik 2019, Issue 2

Author

Silvio Bär

Title

Von Texten und Bildern
Jonas Grethlein, Aesthetic Experiences and Classical Antiquity. The Significance of Form in Narratives and Pictures. Cambridge: Cambridge University Press, 2017. xiv, 301 S.

Category

Rezension

Full text

Jonas Grethlein ist in der Klassischen Philologie (und darüber hinaus) hauptsächlich als Erzählforscher bekannt, der sich u.a. intensiv mit der Bedeutung und Interaktion von Zeit und Raum in der Narration beschäftigt hat. Ferner hat er sich in den letzten Jahren auch vertieft Fragen nach der Beziehung zwischen Text(en) und Bild(ern) zugewandt. Seine neueste Monographie Aesthetic Experiences and Classical Antiquity stellt in mancher Weise eine Synthese von Grethleins bisherigen Forschungsarbeiten und -schwerpunkten dar. Die erzähltheoretischen Kategorien von Zeit und Raum bekommen in diesem aus sieben Kapiteln bestehenden (und von einem Prolog bzw. einem Epilog eingerahmten) Buch gewissermaßen eine in zweifacher Weise metaphorische Bedeutung, insofern als sie sowohl für den Brückenschlag zwischen den Klassischen Altertumswissenschaften und der Ästhetikforschung als auch für die holistische Sicht auf Text(e) und Bild(er) stehen. Nichts weniger als »a new dialogue between the fields of Classics and Aesthetics« wird auf dem Klappentext versprochen. Dies mag freilich rhetorisch ein wenig übertrieben erscheinen, denn allzu genuin neu sind die Überlegungen und Thesen des Autors zu weiten Teilen dann doch wieder nicht. (1) Dennoch ist das Buch dank seines weiten Horizontes und des packenden, pluridisziplinären Zugriffs die Lektüre absolut wert.
Das methodologische und intellektuelle Terrain wird in einem als »Introduction« titulierten Eingangskapitel abgesteckt (Kap. 1, 18–38). Ästhetische Erfahrungen, so Grethlein, seien ›als-ob‹-Erfahrungen (»as-if experiences«), denen eine Kluft zwischen dem Wissen um die ›Irrealität‹ des künstlerischen Objektes (also des Textes, Bildes, Films usw.) und der darin agierenden bzw. dargestellten Figuren und Charaktere und der gleichwohl als ›real‹ empfundenen bzw. dementsprechend geäußerten emotionalen Reaktion darauf zu eigen sei. Das »as-if« bezieht sich also nicht auf die mimetische Gestalt von Kunst, sondern auf die Reaktion des Rezipienten, welcher Kunst wider besseren Wissens auf eine Weise rezipiert, ›als ob‹ diese ›echt‹ wäre. Der maßgebende Unterschied zwischen der Rezeption von Text vs. Bild liegt sodann, gemäß Grethlein, in der Differenz zwischen den Kategorien von Zeit und Raum. Es handelt sich dabei um eine Modifikation (bzw. Verschiebung) der von Gotthold Ephraim Lessing in seiner Schrift Laokoon Oder über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766) postulierten Dichotomie zwischen den beiden von diesem so benannten Kunstformen der »Poesie« und der »Malerei«:

I […] suggest transferring the time-space dichotomy from the signs and objects to which Lessing applies it to the ›as-if‹ of aesthetic experience. I will argue that the ›as-if‹ on which our reception of narrative is predicated is primarily temporal, and that the ›as-if‹ involved in our response to paintings is essentially spatial (35).

Vereinfacht ausgedrückt ist also – so Grethleins sich durch das ganze Buch ziehende Hauptthese – die Phänomenologie des Lesens (bzw. Hörens) eine temporale, diejenige des Sehens eine räumliche. Das Betrachten beispielsweise eines Gemäldes führe dem Betrachter primär das räumliche ›als ob‹ des Anschauens vor Augen (das auf dem Gemälde Dargestellte ist an einem anderen Ort gedacht als an dem, an dem der Betrachter sich befindet – z. B. am Fuße der Ida, nicht im Museum); das Lesen etwa eines Romanes dagegen insinuiere in erster Linie ein zeitliches ›als ob‹, indem der Leser in eine andere Zeit versetzt wird (z. B. in die Zeit des Parisurteils, während man lesend auf dem Sofa sitzt). Dass es sich bei dieser Unterscheidung nicht um eine scharfe Dichotomie handeln kann, zeigen schon die beiden (hier erfundenen) Beispiele; gemäß Grethlein ist jedoch der Primat der jeweiligen Dimension das Entscheidende.
Soweit, in aller geforderten Knappheit und Verkürzung, der erste Grundpfeiler von Grethleins Studie. Ein zweiter Grundsatz, den der Autor zu implementieren sucht (und der auch im Untertitel des Buches verankert ist), ist die Forderung nach einem Primat der Form über den Inhalt. Im Blick ist »a function of narratives and pictures that is largely independent of content« (38), und vorgeschlagen wird schlicht und ergreifend »a new formalism, a formalism that finds in the form of narrative an important aspect of its existential dimension« (66). Die Verzahnung dieser beiden Grundpfeiler (die Trennung des Räumlichen und des Zeitlichen unter gleichzeitiger Fixierung auf das Formale) wird im Hauptteil der Monographie in zwei übergeordneten Sektionen durchexerziert: Die ersten drei Kapitel (2–4) stehen unter dem Fokus des Erzählerischen, während die darauf folgenden drei Kapitel (5–7) sich der Ikonographie widmen. Beide Sektionen sind analog aufgebaut: Ein jeweils einleitendes Kapitel widmet sich der Phänomenologie des Lesens/Hörens (Kap. 2, 41–73) bzw. des Sehens/Betrachtens (Kap. 5, 149–190). Darauf folgt jeweils die ausführliche Analyse und Diskussion eines antiken Fallbeispiels: Für den Bereich des Narrativen hat Grethlein den spätantiken Liebesroman Aethiopica des Heliodor gewählt (Kap. 3, 74–130), für den der Ikonographie die klassische griechische Vasenmalerei (Kap. 6, 191–248). Zum Abschluss beider Sektionen folgt sodann ein jeweils kürzeres Kapitel, das den Blick in die Moderne öffnet und zugleich die Grenzen zwischen dem Narrativen und dem Ikonographischen über den Sprung in das Medium Film auflöst: Überlegungen zu François Ozons DANS LA MAISON stehen am Ende der Sektion über das Erzählerische (Kap. 4, S. 131–145); eine Analyse von Rabih Mroués Videoinstallation The Fall of a Hair, bestehend aus Filmmaterial vom syrischen Bürgerkrieg (Kap. 7, 249–262), beschließt den ikonographischen Teil.
Die Stärken von Grethleins Buch liegen in vielen, vor allem aber in zwei Bereichen: zum einen im close reading von (Ausschnitten aus) Texten, Bildern und Filmen (der Begriff des ›Lesens‹ ist hier, ganz im Sinne des vertretenen pluridisziplinären Ansatzes, nicht ausschließlich auf das Medium der Schrift gemünzt zu verstehen); zum anderen in dem immer wieder geglückten Brückenschlag zwischen Antike und Moderne. Zitiert sei exempli gratia der Vergleich zwischen antiken Vasenbildern und Rabih Mroués The Fall of a Hair:

It is striking that, despite the differences in medium and context, The Fall of a Hair and depictions on ancient Greek vases converge in their reflection on what it means to view a picture. The co-presence of represented object and medium of representation in the act of perception is not bound to a specific culture or historical epoch. It applies to the decorative paintings on ancient commodities as well as to objects of art in the modern sense. The visual meditation for which I have argued extends the reflexivity of pictorial seeing on which it focuses. Pictures not only let us ›see-in‹ and thereby free vision from its pragmatic constraints, but they can also contemplate this pictorial detachment through such motives as Polyphemus, Gorgo, and Syrian snipers. This reflection highlights the fact that, in putting vision into the frame of ›as-if‹, pictures allow us to come to grips with a crucial activity of everyday life (261).


Bei all den genannten Meriten stellt sich jedoch, wie bereits angedeutet, im Einzelnen auch die Frage nach der Originalität bzw. Plausibilität von Grethleins Thesen. Das Postulat eines ›neuen Formalismus‹ scheint mir bei genauerer Betrachtung so neu nicht zu sein (immerhin entstand der Russische Formalismus vor gut hundert Jahren), und auch im Bereich der Narratologie ist vieles von dem Gesagten eigentlich recht traditionell (so etwa die mehrfach bemühte Unterscheidung zwischen ›Erzählzeit‹ und ›erzählter Zeit‹, die aber doch wohl schlichtes narratologisches Einmaleins ist). Fernerhin lässt sich m. E. die Unterscheidung zwischen einer Phänomenologie des Lesens/Hörens als eines temporalen Vorgangs und des Sehens/Betrachtens als eines räumlichen Prozesses höchstens (wenn überhaupt) als Tendenz aufrechterhalten; Grethlein selber dekonstruiert die oben zitierte Dichotomie im Laufe seiner Heliodor-Analyse im Unterkapitel zur »spatial form« des Romans (Kap. 3.4, 92–107).

Zum Formalen: Grethleins Buch ist packend und elegant geschrieben; die Schwerfälligkeit deutschsprachiger Wissenschaftssyntax ist nur in Ausnahmefällen als Hintergrundrauschen zu vernehmen. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist die reiche Bebilderung: Insgesamt fünfundfünfzig Reproduktionen von Vasenbildern, Gemälden, Filmausschnitten und weiteren Kunstgegenständen sind zu finden (hauptsächlich – naheliegenderweise – in der zweiten Sektion). Eine umfangreiche Bibliographie (271–292) sowie ein Schlagwortverzeichnis (293–298) und ein Stellenindex (299–301) tragen zur Benutzerfreundlichkeit bei.
In den »Acknowledgements« gibt Grethlein seiner Befürchtung Ausdruck, sein Buch dürfte die an den Grenzen der Fachwissenschaften ›patroullierende Polizei‹ auf den Plan rufen (»call into action the police patrolling disciplinary boundaries«, S. xiii). Aber es müsste ein wahrhaftig engstirniger und autoritärer ›Wissenschafts-Staat‹ sein, der sich durch fächer- und epochenübergreifende Gedanken und Thesen derart provozieren ließe, anstatt diese dankbar aufzunehmen (und allenfalls mit sachlichen, nicht jedoch mit ideologischen Argumenten zu widerlegen). Sollte allerdings die befürchtete ›Polizeikontrolle‹ hier schlichtweg ausbleiben, so dürfte dies möglicherweise auch damit zusammenhängen, dass die disziplinäre Grenzüberschreitung vielleicht so groß gar nicht war.

Prof. Dr. Silvio Bär, Universitetet i Oslo, Institutt for filosofi, idé- og kunsthistorie og
klassiske språk, Georg Morgenstiernes hus, Blindernveien 31, NO-0313 Oslo;
E-Mail: silvio.baer@ifikk.uio.no

Anmerkungen:
(1) Dies zeigt sich auch daran, dass der Autor Material und Gedanken aus verschiedenen seiner früheren Publikationen wiederverwendet hat, was in den »Acknowledgements« sauber ausgewiesen wird (xiv). Die Bibliographie verzeichnet sechzehn von Grethleins zwischen 2006 und 2017 erschienenen Publikationen (276–277). (zurück)