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In: KulturPoetik 2019, Issue 1

Author

Solvejg Nitzke

Title

Zurück zur Gartenlaube
Claudia Stockinger, An den Ursprüngen populärer Serialität. Das Familienblatt »Die Gartenlaube«. Göttingen: Wallstein, 2018. 384 S.

Category

Rezension

Full text

Der anhaltende Erfolg der Serialitätsforschung verdankt sich nicht zuletzt der Popularität ihres Gegenstandes. Insbesondere die Aufmerksamkeit, die das sogenannte ›Quality TV‹ der letzten zwei Jahrzehnte auf sich zieht, scheint auf die Erforschung von Serialität abseits dieses Gegenstandes abzufärben. Claudia Stockingers Monographie An den Ursprüngen populärer Serialität nimmt in diesem Feld eine besondere Position ein. Sie verschiebt nicht nur die Perspektive um etwa 150 Jahre, sondern auch auf einen Gegenstand, der zwar zu seiner Zeit nicht minder erfolgreich beim Publikum war, diese Popularität jedoch mit der Wende zum 20. Jahrhundert relativ schnell einbüßte und seitdem den Nimbus des Muffigen und Altmodischen nicht ganz abschütteln konnte.
Das Familienblatt Die Gartenlaube war ab seiner Gründung im Jahr 1853 ein, wenn nicht das zentrale Organ gesellschaftlicher (Selbst-)Verständigung in den deutschsprachigen Ländern. Während der Einfluss, den die Gartenlaube in nahezu allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens besaß, schon um die Jahrhundertwende kaum mehr vorstellbar war, kann seine Bedeutung als »Aushängeschild einer untergegangenen Epoche« (37) kaum überschätzt werden. Stockinger geht es denn auch nicht um eine wie auch immer geartete Rehabilitation oder Wiederbelebung des aus der Mode geratenen Familienblattes, sondern um die Untersuchung seiner spezifischen Serialität, die – so Stockinger – den Erfolg des Blattes zuallererst begründet (12). Sie legt gleich zu Anfang dar, dass es ihr nicht um ›Kontexte‹ oder Zeitschrifteninhalte geht, sondern um die Verfahren, mithilfe derer die Zeitschrift Popularität sowohl im Sinne eines Verkaufserfolgs als auch im Sinne der letztlich entscheidenden Zugänglichkeit für Leser verschiedener Herkunft produziert. Was jene verbindet, ist ihr Wunsch, zur Gartenlauben-Gemeinschaft zu gehören, ihre Bereitschaft, sich dem aufklärerischen Programm der Zeitschrift zu unterziehen und ein geteiltes Interesse an der Formierung der ›deutschen Heimat‹ als Nation (10).
Damit legt Stockinger eine Studie vor, die die Relevanz ihrer Forschung nicht aus ihrer Aktualität allein begründet, sondern das aktuelle Interesse an (populärer) Serialität von seinen Ursprüngen her nachvollzieht. Stockingers Untersuchung leistet diese Historisierung vollkommen frei von jedem Dünkel gegenüber populären Texten, aber, das zeichnet ihn in besonderer Weise aus, auch von quasi-kompensatorischem Glauben an das Subversionspotenzial populärer Medien. Vielmehr nimmt sie mit Bruno Latour eine Position in der Mitte ein, die die Vernetzung verschiedener Akteure – Produzenten, Konsumenten und Materialität – durch die Zeitschrift als »Transportmittel« (17) beobachtet, ohne sie einem Schema von Hoch- vs. Popkultur zu unterwerfen. Diese Linie verfolgt Stockinger konsequent, indem sie auch die an Genette geschulte Unterscheidung von Haupttext, Peritext und Umfeld zugunsten an Zeitschriften- und Fortsetzungsliteratur entwickelter Begriffe aufgibt.
Die pragmatischen Unterscheidungen, welche Nicola Kaminski, Nora Ramtke und Carsten Zelle in Zeitschriftenliteratur/Fortsetzungsliteratur (2014) entwickelten, dienen Stockinger nicht zuletzt dazu, programmatisch jegliche »Beschreibungsangebote [abzulehnen], die auf Ganzheitsphantasmen klassischer Werkhaftigkeit zurückgehen« (23). Solche verfehlen, so Stockinger, »die ganz eigene Komposition eines periodisch erzeugten, heterogenen Konvoluts« und seien somit für dessen Untersuchung »schlicht nicht zu gebrauchen« (ebd.). So einleuchtend diese Feststellung ist, so entscheidend ist sie sowohl für Stockingers Studie als auch für Serialitätsforschung insgesamt: Denn Stockinger geht gerade nicht den Weg den gewählten Gegenstand ›aufzuwerten‹, um seine Untersuchung (und den damit einhergehenden Aufwand an Zeit und Geld) zu rechtfertigen, sondern unterläuft diese Wertung, um kulturwissenschaftlich weitreichende Einsichten über seine Funktion innerhalb eines Netzwerks menschlicher und nicht-menschlicher Akteure zu gewinnen. Diese in der Einleitung klar und plausibel herausgestellte Herangehensweise führt zu einer Perspektive, die die Analyse populärer Serialität ins Zentrum stellt. Diese wird somit nicht im Dienst einer anderen Frage untersucht, sondern steht als Praxis selbst im Fokus. Somit folgt die Anlage der Studie dem Programm der DFG-Forschergruppe Ästhetik und Praxis populärer Serialität, aus deren Teilprojekt »Serielles Erzählen in populären deutschsprachigen Periodika zwischen 1850 und 1890« die Gartenlauben-Studie hervorgegangen ist. [1] Die Ergebnisse dieser Studie demonstrieren auf beeindruckende Weise die Produktivität serieller Praktiken – und zwar nicht nur in Hinblick auf die jahrzehntelange Erfolgsgeschichte der Gartenlaube, sondern auch auf ihre Rolle in der Produktion derjenigen Narrative und Denkmodelle, die das politische Leben des 19. Jahrhunderts prägten. Als »Organ, das Heimat stiftete« (38), produziert und verbreitet die Gartenlaube jenen »spezifischen Beziehungssinns« (10), der für die »epochale Ambivalenz« zwischen Industriegesellschaft und Heimat im 19. Jahrhundert entscheidend ist. Da diese Ambivalenz in Form zunehmender politischer und gesellschaftlicher Polarisierung im Moment wiederauflebt, steht außer Frage, wie wichtig es ist, jene Verfahren zu verstehen, die diesen Beziehungssinn – und Heimat als seinen Bezugspunkt – entwickeln und produktiv machen.
Im von Stockinger untersuchten Zeitraum zwischen 1853 und den 1880er Jahren entwickelt die Redaktion der Gartenlaube Strategien, um ihre Leser an sich zu binden. Damit folgt sie nicht allein kommerziellen Interessen, sondern etabliert eine Form der Teilhabe, die ihre zentrale Position begründet. Einerseits geht es um die Teilhabe der Gartenlaube am Familienleben ihrer Leser – ikonisch verewigt in der Gartenlaubenabbildung auf dem Titelbild sowie der Absichtserklärung im Editorial (47 f.) – andererseits geht es um die Einbindung der Leser in den Produktionsprozess des Blattes selbst. Das »interaktive Potential des Organs« (20) rückt dementsprechend immer wieder in den Fokus der Untersuchung (v. a. Kapitel 8 »Der Beitrag der Leser zu den Formatierungspraktiken«, 189-218). Dabei geht es nicht um eine Publikation von Leserbeiträgen um jeden Preis. Ganz im Gegenteil: Die Redaktion lehnte Beiträge, die den hohen Ansprüchen nicht genügten, quasi-öffentlich, d. h. für alle Leser der Gartenlaube sichtbar, und zum Teil durchaus harsch ab. Genau dadurch generiert sie aber für die Leserbeiträge, die schließlich veröffentlicht werden, eine umso größere Anerkennung – diese wiederum wird auch den anderen Lesern zuteil, die ja potentielle Beiträger sind. In diesem Moment wird die Unterscheidung zwischen Lesern und Produzenten, zwischen professionellen und nicht professionellen Autoren durchlässig. Die geschickte Vernetzung und Anordnung von Texten in der Gartenlaube erzeugt einen ähnlichen Effekt der Durchlässigkeit (230-235). Stockinger verfolgt an verschiedenen Beispielen die Erzeugung von Interferenzen zwischen fiktionalen und nicht-fiktionalen Texten im Rahmen »textsortenübergreifende[r] Zopfdramaturgien« (137). Spannend ist dabei insbesondere, wie die Redaktion der Zeitschrift serielle Praktiken erprobt und gleichzeitig ihre Leser im seriellen Lesen schult und über mehrere Ausgaben und z. T. über Jahrgänge hinweg Aufmerksamkeit und Erinnerungsvermögen von ihnen einfordert. Die dadurch entstehende Intimität (»Die Liebe der Leser«, 190-198) bereitet den Boden für die Verflechtung der oft nur lose verbundenen Texte und Illustrationen, welche durch die konsekutive und regelmäßige Lektüre der Gartenlaube ein Gesamtbild ergeben. Dieses, das erweist sich hier einmal mehr, kann nur bei einer Lektüre der Texte im Zeitschriftenzusammenhang nachvollzogen werden. [2]
Besonders eindrücklich gelingt diese Lektüreform im Kapitel »Das Dorf in Serie« (273-298), in dem Stockinger die Fäden aus vorangehenden Kapiteln zusammenführt. Sie demonstriert, dass das Dorf nicht nur als Thema und Motiv prominent das Zeitschriftengeschehen bestimmt, sondern »dass das Organ selbst […] als Dorfgeschichte in Serie ging« (273). Auch hier zeigt sich, dass die Zeitschrift aus der Spannung zwischen ihrer familiären (heimatlichen) Intimität und ihrer globalen Reichweite ein Programm entwickelt, dass die Nation als sozialen Nahraum inszeniert. Die »Anlage des Familienblatts als einer Art Global Village im Zeitschriftenformat« (299) wird erst, so zeigt diese Studie, aufgrund ihrer spezifischen Serialitätspraktiken denkbar und plausibel. Die Gartenlaube erzeugt durch diese Praktiken Popularität auf allen Ebenen: Sie sichert dadurch ihren Verkaufserfolg und erzeugt eine Gemeinschaft, die den Anspruch erhebt, eine Nation zu begründen. Die Gartenlaubenleser können sich also als repräsentative Gruppe, als Deutsche, begreifen. Populäre Serialität erweist sich demnach gleichermaßen als ökonomisches wie politisches Programm.
Ihre Mechanismen und Entwicklungsformen gründlich zu untersuchen, ohne sie einer Theorie oder einem spezifischen Thema unterzuordnen, sondern sie stattdessen ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, zeichnet An den Ursprüngen populärer Serialität aus. Die Untersuchung beruht auf einer umfassenden Lektüre der Gartenlaube von nahezu vierzig Jahrgängen mit verschiedenen Lektüretechniken, die den jeweiligen Fragestellungen angepasst sind. Dabei geht Stockinger offensiv auf Grenzen ihrer Studie ein: Sie stellt z. B. aus, dass sie gerade keine empirische Arbeit vorlegt, sondern die Grundlage für eine korpusanalytische Untersuchung. Das gründliche Vorgehen führt auch dazu, dass Vergleiche mit anderen Zeitschriften schon aus Platzgründen »weiterführenden Studien vorbehalten bleiben« (19 f.). Für diese Vergleiche bietet Stockingers Untersuchung jedoch nicht nur eine unverzichtbare Grundlage, sie regt sie auch an. Die Argumentation ist an jeder Stelle nachvollziehbar und plausibel ausgeführt. Zuweilen entsteht beim Lesen der Eindruck, Stockinger habe Einiges von den von ihr untersuchten Leserbindungsstrategien gelernt – insbesondere was die interne Vernetzung und mnemotechnische Strategien anlangt. Zumindest gelingt es ihr, durch Wiederholungen Anschlüsse her- und auszustellen, ohne dabei je in den teilweise bevormundenden Gartenlauben-Ton zu verfallen oder Redundanzen Überhand nehmen zu lassen. Nicht zuletzt aufgrund dieser internen Vernetzung lassen sich die Kapitel auch einzeln lesen, was der Arbeit mit der Studie entgegenkommt. Schon aufgrund dieser Verbindung von umfassender Lektüre und Übersichtlichkeit ist An den Ursprüngen populärer Serialität ohne Zweifel ein grundlegender Text mit dem Potential zum Standardwerk.

Dr. Solvejg Nitzke, Technische Universität Dresden, Institut für Germanistik, Professur für Medienwissenschaft und Neuere deutsche Literatur, D-01062 Dresden; E-Mail: solvejg.nitzke@tu-dresden.de


Anmerkungen:
[1] Vgl. http://www.popularseriality.de/projekte/aesthetik/index.html (abgerufen am 12.10.2018). [zurück]
[2] Diese Feststellung ist u. a. für die Forschergruppe Journalliteratur. Formatbedingungen, visuelles Design, Rezeptionskulturen  grundlegend; siehe: https://journalliteratur.blogs.ruhr-uni-bochum.de/ueber-die-forschergruppe/ (abgerufen am 12.10.2018). [zurück]