Article Details

In: KulturPoetik 2019, Issue 1

Author

Jasmin Pfeiffer

Title

Bücher, Materialitäten, Praktiken: Literarische Textualität zwischen 1740 und 1830
Carlos Spoerhase, Das Format der Literatur. Praktiken materieller Textualität zwischen 1740 und 1830. Göttingen: Wallstein, 2018. 808 S.

Category

Rezension

Full text

In der jüngeren Vergangenheit hat in der Literaturwissenschaft eine verstärkte Auseinandersetzung mit der lange vernachlässigten Materialität literarischer Texte stattgefunden. In diesem Kontext ist auch Carlos Spoerhases umfassende Monographie Das Format der Literatur zu situieren, in der er sich, wie der Titel programmatisch ankündigt, mit den intrikaten Verflechtungen zwischen der Literatur und ihren Darbietungsformen auseinandersetzt. Spoerhases Ziel ist es, aufzuzeigen, dass literarische Textualität nur unter Berücksichtigung der materialen und praxeologischen Zusammenhänge, in die sie eingebettet ist, adäquat beschrieben werden kann.
Zu Beginn setzt Spoerhase sich kritisch mit Tendenzen der aktuellen Forschung zur Materialität der Literatur auseinander. Er legt dar, dass sowohl in der Medien- als auch in der Literaturtheorie der Begriff des Buchs häufig metaphorisch oder metonymisch benutzt wird und eher auf größere kulturelle oder ästhetische Gegebenheiten verweist als auf die konkreten Objekte: »Interessant ist das Buch als Trope, nicht aber als materielles Artefakt« (25). Weiterhin kritisiert Spoerhase, dass Materialität und Textualität gegeneinander ausgespielt und als einander entgegengesetzte Paradigmen zur Beschreibung kultureller und literarischer Phänomene betrachtet werden. Dies führt ihm zufolge dazu, dass Literaturwissenschaft und Buchgeschichte als separate Wissensbereiche behandelt und kaum zueinander in Bezug gesetzt werden. Die genannten Lücken versucht die Monographie zu schließen, indem sie Erkenntnisse aus beiden Domänen zusammenführt und konkrete Buchobjekte zum Gegenstand ihres Interesses macht. Allerdings betont Spoerhase, dass Materialitäten nie als rein stoffliche Gegebenheiten vorliegen, sondern immer schon in größere soziale und kulturelle Zusammenhänge eingebunden sind. Entsprechend beschränkt er sich, in Abgrenzung zu vielen anderen Forschungsbeiträgen zur Materialität der Literatur, nicht auf die Aufzählung der sichtbaren materiellen Charakteristika eines Objekts, sondern nimmt eine »Perspektive [ein], die die materiellen Eigenschaften textueller Artefakte in ihrer Vermitteltheit durch soziale Praktiken und gesellschaftliche Institutionen rekonstruiert« (36).
Seine Thesen illustriert Spoerhase am Beispiel einer Epoche, die in der Forschung immer wieder als »geistesgeschichtliche Großepoche des Buches« (45) gehandelt wird, nämlich dem Zeitraum von 1740 bis 1830. Wie er betont, war das Buch damals als Format deutlich problematischer und prekärer als von der literaturwissenschaftlichen Forschung häufig angenommen wird. Zwar zirkulierte eine große Zahl an gedruckten ›Büchern‹, was den Eindruck einer Vorherrschaft oder ›Glanzzeit‹ des Mediums erzeugt, jedoch entsteht ein ganz anderes Bild, wenn man die kulturellen und sozialen Praktiken berücksichtigt, in die die Artefakte eingebunden waren.
In den auf seine Einführung folgenden Fallstudien setzt sich Spoerhase sehr detailliert mit der genannten Epoche auseinander. Er geht auf das Verhältnis von Schriftstellern und Philosophen zum geschriebenen und zum gedruckten Wort ein und widerlegt dabei eine Vielzahl von in der Forschung verbreiteten Allgemeinplätzen. Wie seine Ausführungen demonstrieren, resultieren diese häufig aus einer nicht angemessenen Übertragung heutiger Konzepte und Annahmen auf den von ihm analysierten Zeitraum. So zeigt Spoerhase in den beiden ersten Fallstudien, welche sich mit Gleim, Lavater, Fichte, Reinhold, Goethe und Klopstock befassen, dass die häufig angenommene Opposition zwischen dem handgeschriebenen Manuskript als privatem, unfertigem Entwurf und dem gedruckten Buch als öffentlich zugänglichem, abgeschlossenem und mit sich selbst identischem Massenprodukt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch keine Gültigkeit hatte. Die sogenannten ›Manuskripte für Freunde‹ beispielsweise stellen eine etablierte und verbreitete Kommunikationsform dar. Dabei handelte es sich bezeichnenderweise nicht um Handschriften, sondern um Drucktexte, welche allerdings konzeptuell und funktional eher an die handschriftliche Kopie angelehnt waren: Sie wurden in sehr kleiner Auflage produziert und von den Autoren an einen exklusiven Rezipientenkreis, meist Freunde und Freundesfreunde, verteilt. Dabei wurde der gedruckte Text durch handschriftliche, zum Teil personalisierte Hinzufügungen unikalisiert. Die explizite Bezeichnung als Manuskript betonte zudem den provisorischen Charakter der Texte: Sie wurden als sich noch in Bearbeitung befindliche Entwürfe betrachtet, die nicht an eine breite Öffentlichkeit gerichtet waren und entsprechend auch »nicht den Erfordernissen einer öffentlichen Kritik genügen sollen und somit auch nicht müssen« (81). Gewissermaßen das Gegenstück zu den ›Manuskripten für Freunde‹ stellten die ebenfalls verbreiteten Handschriftenbücher dar. Diese setzten sich aus säuberlichen Abschriften verschiedenster Texte zusammen, welche diverse materiale und typographische Merkmale gedruckter Bücher, wie etwa Titelblätter oder Inhaltsverzeichnisse, aufwiesen.
Spoerhases Ausführungen zu Manuskriptdrucken und Handschriftenbüchern demonstrieren auf anschauliche Weise, dass Handschrift und Druck, die in der heutigen Forschung häufig dichotomisch einander gegenübergestellt werden, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in einem komplexen Wechselverhältnis zueinander standen. Um die Formate des ›Manuskripts für Freunde‹ und des Handschriftenbuchs adäquat beschreiben zu können, ist es folglich nicht ausreichend, sich auf die Aufzählung formaler oder materialer Charakteristika zu beschränken, sondern es muss vielmehr auch deren Einbindung in bestimmte kulturelle Zusammenhänge und kommunikative Praktiken Berücksichtigung finden.
Ein bedeutender wissenschaftlicher Mehrwert von Spoerhases Monographie besteht darin, dass er überzeugend demonstriert, inwiefern Materialitäten nicht nur als rein stoffliche Gegebenheiten betrachtet werden sollten. Dass diese keine prädiskursiv fassbaren Stoffe darstellen, sondern immer nur als Bestandteile bestimmter Kontexte beschreibbar sind, wurde in der jüngeren Vergangenheit bereits mehrfach konstatiert. [1] Spoerhases präzise historische Analysen machen dies jedoch sehr konkret nachvollziehbar. Auch aus philologischer Sicht leistet Das Format der Literatur einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der analysierten Epoche – die minutiösen Auseinandersetzungen mit den materialen Grundlagen der Literatur und den daran gekoppelten kommunikativen Praktiken erschließen vielfach neue Blickwinkel und laden dazu ein, einige gängige Annahmen über eine viel beachtete und gut erforschte Epoche und ihre Akteure zu hinterfragen.
Sein Vorgehen bezeichnet Spoerhase explizit als »explorativ« und »induktiv« (vgl. 47), wodurch seine Argumentation sehr überzeugend wirkt, da er keine vorgefertigten Thesen an seine Untersuchungsgegenstände heranträgt. Jedoch fällt die Rückführung der gewonnenen Erkenntnisse zum theoretischen Rahmen teilweise etwas zu knapp aus. So wäre beispielsweise ein ausführlicheres Fazit wünschenswert gewesen, in dem die Ergebnisse der historischen Betrachtungen gebündelt zur Problemstellung der Monographie in Bezug gesetzt werden. Insbesondere wird verhältnismäßig wenig darauf eingegangen, welche Konsequenzen sich für die von Spoerhase zu Beginn ins Spiel gebrachten Begriffe, wie etwa für den der ›literarischen Textualität‹, ergeben.
Weiterhin findet in manchen Fallstudien der Inhalt der analysierten Texte relativ wenig Beachtung – hier ließe sich ein weiteres Desiderat für die Materialitätsforschung formulieren, die Inhalt und materiale Darbietung häufig gegeneinander ausspielt, obwohl auch hier von einem komplexen Wechselverhältnis ausgegangen werden kann. Nichtsdestoweniger handelt es sich bei Das Format der Literatur um eine bereichernde Studie, die wichtige Forschungsarbeit leistet und spannende Denkansätze jenseits vorschneller Allgemeinplätze bietet.

Jasmin Pfeiffer, MA, Universität des Saarlandes, FR Germanistik, Gebäude A2 2, Zimmer 0.20, D-66123 Saarbrücken, E-Mail: jasmin.pfeiffer@uni-saarland.de

 
 
Anmerkungen:
[1] Vgl. z. B. Thomas Strässle, Einleitung. Pluralis materialitatis. In: Ders./Christoph Kleinschmidt/Johanne Mohs (Hg.), Das Zusammenspiel der Materialien in den Künsten. Theorien – Perspektiven – Praktiken. Bielefeld 2013, S. 7-26. [zurück]