Article Details

In: KulturPoetik 2019, Issue 1

Author

Nicole Häffner

Title

Eine umfangreiche Collage zu Schlaf, Traum und weiteren Aspekten in der Vielzahl der »Autos sacramentales« von Calderón
Françoise Gilbert, El sueño en los autos sacramentales de Calderón. Kassel: Reichenberger, 2018. 475 S.

Category

Rezension

Abstract

Full text

Françoise Gilberts Studie El sueño en los autos sacramentales de Calderón ist eine ambitionierte Gesamtdarstellung zahlreicher Aspekte von Schlaf und Traum im Gesamt-Korpus der (rund 80) religiösen »autos sacramentales« des berühmten Dramatikers Pedro Calderón de la Barca, die im Siglo de Oro entstanden sind. Bei diesem Genre handelt es sich um ein geistliches Spiel mit allegorischer Struktur und meist in einem Akt. In dieser Anlage wird durchaus der Polysemie des spanischen Begriffs sueño entsprochen, der sich als Schlaf, aber auch als Traum übersetzen lässt.
Gleich zu Beginn des ersten Kapitels fällt auf, dass die Autorin beeindruckend umfangreiche Recherchen angestellt hat: Auf wenigen Seiten wird eine Vielzahl verschiedener Quellen aufgearbeitet. Die Autorin hat sich offenbar tiefgehend mit vielen unterschiedlichen Aspekten der Stücke befasst, wie an dem langen Inhaltsverzeichnis deutlich wird: mit theoretischen Konzepten von Schlaf und Traum, auslösenden Elementen beider Phänomene, Methoden der Bühnendarstellung, Musik, Raum, Figuren, allegorischer Deutung, Referenzen an Bibelstellen, Versionsunterschieden, aber auch der Nähe zu Drogenerlebnissen und Tod, Konzepten wie Schuld und Sünde etc.
Der wesentlichen Problematik, wie ein solches Mammutwerk zu strukturieren sei, wurde zunächst mit einer sehr kleinschrittigen Kapiteleinteilung auf bis zu fünf Ebenen begegnet. Unter dieser Kleinteiligkeit leidet jedoch die Übersichtlichkeit der Studie. Die Benennungen der einzelnen Kapitel erscheinen mitunter nicht ganz trennscharf. So kann beispielsweise die Kategorie des Traums als Vehikel des Übernatürlichen (Kap. 3.II.3.) ohne Weiteres eine Interpretation erfordern (Kap. 3.II.5).
Verwirrend ist auch, dass einige Begriffe und Kategorien benutzt werden, ohne dass sie klar definiert oder voneinander abgegrenzt würden. So insinuiert die Unterscheidung zwischen natürlichen und nicht-natürlichen auslösenden Faktoren für Schlaf, dass es sich bei Letzteren womöglich um übernatürliche oder künstliche handele. Im Folgenden werden diese nicht-natürlichen Faktoren dann wiederum lediglich als externe identifiziert (Kap. 2.II.3). Ebenso werden beispielsweise Träume auslösende Personen in allegorische, wohlwollende und dämonische eingeteilt, was in den dargebotenen Textstellen nicht trennscharf erscheint und mitunter auch nicht eindeutig zu bestimmen ist (Kap. 2.II.3.D).
Verbindungen von Traum und Tod, Räuber der Lebenszeit, Schuld, Gift, Sünde, Nacht und Kerker werden jeweils in einem eigenen Kapitel dargestellt, was den Eindruck erweckt, dass hier eine schematische Einteilung vorgenommen wird (Kap. 2.III.2). Diese extrem kleinschrittige Einteilung in Aspekte wirkt in der Folge problematisch, da diese Aspekte in Calderóns Texten zwangsläufig ineinander übergehen. Die folglich auch nachvollziehbare assoziative Entwicklung der, wenn auch kurzen, Kapitel führt teils vom Inhalt der Überschrift des Kapitels weg. Der rote Faden des eigentlichen Themas ist oft schwer zu finden. Auch die Überfülle an Fußnoten und die weitschweifigen Anmerkungen und Literaturangaben fördern nicht unbedingt die Lesbarkeit der Studie. 
Es werden umfangreiche Informationen aufgearbeitet und Quellen dargelegt, allerdings fehlt mit Hinblick auf die literarische Traumforschung ein klarer Fokus. Kurz hintereinander werden lange Zitate aus vielen verschiedenen Stücken aneinandergereiht, die nur spärlich interpretiert werden. So besteht zum Beispiel in den Kapiteln 2.II und 2.III auf insgesamt 57 Seiten der Textumfang ca. zur Hälfte aus Zitaten und Fußnoten und die Hälfte aus dem Text der Darstellung. Auf den ersten sieben Seiten des Kapitels 2.II werden zudem 16 verschiedene Stücke zitiert. Das erschwert die Orientierung und die Nutzbarkeit der Studie für Leser, die nicht mit der Thematik und dem Korpus vertraut sind. Die Studie erinnert in Teilen folglich mehr an eine Anthologie als an eine wissenschaftliche Untersuchung. Auch die Beweggründe für die entsprechende Auswahl von Zitaten und deren argumentative Anwendung bleiben oft im Dunkeln.
Eine inhaltliche Einführung in oder ein Überblick über die verschiedenen »autos sacramentales« erfolgt nicht. Das macht es ungleich schwieriger, sich in der Fülle der ständig wechselnd dargebotenen umfangreichen Zitate zurechtzufinden. Es entsteht der Eindruck, dass hier mehrere Forschungsprojekte in einer Studie zusammengeführt werden sollten, z.B. zu Schlaf und Traum, verschiedenen Versionen der beiden »autos« und des gleichnamigen Langstücks La vida es sueño sowie intensivere Analysen einzelner Stücke wie Sueños hay que verdad son und Los encantos de la culpa.
Die Neuheit eines solch umfangreichen Unterfangens der Betrachtung verschiedener Aspekte anhand des kompletten Korpus dieses Genres bei Calderón erklärt sich wohl auch aus den dargelegten Problematiken. Es finden sich auch interessante, auf den Punkt gebrachte Beobachtungen aus der intensiven Arbeit mit diesem umfangreichen Korpus, wie etwa der Überblick über die unterschiedlichen träumenden Figuren in Kapitel 3.II.1. Mit Blick auf die Verwendbarkeit der Studie scheint die minutiöse Einteilung in einzelne thematische Aspekte jedoch gleichzeitig Redundanz und Lücken zu erzeugen: Wenn jeweils Einzelaspekte mit zahlreichen unterschiedlichen Versatzstücken veranschaulicht werden, kommt es unweigerlich zu Überschneidungen, die nicht jedes Mal aufs Neue kommentiert werden können. Hilfreicher wäre wohl eine andere Methode, wie sie auch in der von Gilbert genutzten Monographie von Teresa Gómez Trueba zur Anwendung kommt: Dort wird ein Überblick über bestimmte, auf der breiten Basis des Korpus gefundene Aspekte gegeben, mit wenigen gezielt ausgewählten Beispielen dafür und eventuellen Sonderfällen. Es schließt sich eine intensivere Analyse einzelner, ebenfalls auf Basis von Kriterien als repräsentativ befundener Textstellen mittels Close Reading und deren Kontextualisierung an.
Eine solche Vorgehensweise wird auch in der vorliegenden Studie eindrucksvoll durchgeführt in Kapitel 2.III.3. Der Überblick über die szenischen und dramatischen Modalitäten der Repräsentation von Träumen und Trauminhalten weist ebenfalls eine gelungene zusammenhängende Struktur auf und streut an einigen Stellen gezielt kurze Zitate ein, ohne zu ausschweifend zu werden (Kap. 3.I und 3.II). Das Herausgreifen eines repräsentativen Beispiels zur Veranschaulichung wurde auch in Kapitel 5.III mit dem »auto«-Text Sueños hay que verdad son umgesetzt.
Eine detaillierte Darstellung mit zahlreichen Meinungen und Zitaten zur Relation zwischen den beiden Versionen des Textes La vida es sueño und noch zusätzlich zur Verwendung des Traums in der berühmten gleichnamigen comedia war aufgrund der Ankündigung einer Fokussierung auf das Thema sueño und die »autos« eher nicht zu erwarten, wird aber geliefert (Kap. 4). Im Sinne eines Beitrages zur Traumforschung wäre hier sicherlich auch eine eigene knappe Zusammenfassung der Versionsgeschichte zur Vorbereitung des eigentlichen Themas – Analyse der Traumthematik – hilfreich und ausreichend gewesen. Wenn man aber eine profunde Analyse mit einer Fülle an weiteren Literaturhinweisen sucht, wird man hier fündig.
Das abschließende Kapitel Conclusiones erscheint dadurch problematisch, dass es sich keineswegs, wie anhand des Titels zu erwarten, um Schlussfolgerungen aus den vorgelegten Untersuchungen handelt. Vielmehr kommen stets neue Aspekte hinzu. Ausgehend von dem Aspekt der Allegorie wird eine weitere Rundum-Studie eines »auto«-Textes, konkret El tesoro escondido, präsentiert. Es schließt sich ein über 20-seitiger »Ausblick« an (ab S. 418), in dem die feinere Unterteilung der »autos« in Sub-Genres unternommen und eine gewisse chronologische Entwicklung festgestellt wird. Dazu wird eine weitere Studie – zu Los encantos de la culpa – angehängt. Ein eigentliches Fazit bleibt leider aus, was sicherlich notwendig und hilfreich im Allgemeinen und im Besonderen für die Traumforschung, allerdings auch angesichts der Themenfülle schwierig gewesen wäre. Positiv anzumerken bleibt weiterhin der weitgehend tadellose formale Korrekturstand.
Die vorliegende Studie stellt ein Mammutprojekt dar, welches interessante Beobachtungen und Schlussfolgerungen aus der intensiven Arbeit mit einem riesigen Korpus aus Primärliteratur und dem Anbringen zahlreicher Werke unterschiedlicher Sekundärliteratur liefert. Als Einführung und Überblicksdarstellung scheint es jedoch nicht geeignet, da es in Struktur und Aufbau zu verwirrend ist. Im Falle profunder Kenntnis zahlreicher »autos sacramentales« von Calderón bietet es sicherlich eine Möglichkeit zur Vertiefung und kann beim Auffinden zahlreicher unterschiedlicher Aspekte helfen. Für die konkreten Fragestellungen der literaturwissenschaftlichen Traumforschung erscheint das Werk jedoch zu wenig fokussiert.

 
Nicole Häffner, Universität des Saarlandes, Graduiertenkolleg »Europäische Traumkulturen« Fakultät P, Campus A2 2, Raum 0.12.2, D-66123 Saarbrücken, E-Mail: n.haeffner@uni-saarland.de