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In: KulturPoetik 2019, Issue 1

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Juliane Blank, Sylvester Bubel und Caroline Frank

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Vorwort

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Wie dem Editorial zu entnehmen ist, legt der mit diesem Themenheft Geehrte, unser Lehrer und langjähriger Chef Prof. Dr. Manfred Engel, eine gewisse Umtriebigkeit auf literatur- und kulturwissenschaftlichem Forschungsgebiet an den Tag: Er hat substantielle und den wissenschaftlichen Diskurs nachhaltig prägende Beiträge zur Kafka- und Rilkeforschung, zur klassischen Moderne, zur Goethezeit usw. usw. usw. geleistet. Seine Publikationsliste [1] zeigt, dass ihn ein weiterer Themenkomplex bereits sehr lange beschäftigt: der literarische Traum und das literarische Träumen, Traumdarstellungen sowie Traumhaftigkeit bzw. Oneirizität. [2] In den letzten Jahren resultierte dieses Interesse in mehreren interdisziplinären und internationalen Forschungs- sowie Publikationsprojekten: einerseits in dem zusammen mit Bernard Dieterle gegründeten ICLA-Research Committee DreamCultures: Cultural and Literary History of the Dream (und der daraus resultierenden Publikationsreihe Cultural Dream Studies bei Königshausen & Neumann), andererseits in der Gründung des an der Universität des Saarlandes beheimateten DFG-Graduiertenkollegs Europäische Traumkulturen.
Am Ende seiner universitären, aber natürlich nicht seiner wissenschaftlichen Laufbahn möchten wir Manfred Engel mit einer (kleinen) Ergänzung zu seiner eigenen Forschung ehren, die von einem in seinen rezenten Publikationen formulierten Desiderat inspiriert ist. Es handelt sich um das Desiderat einer Poetik der Traumnarration bzw. der Traumhaftigkeit. [3] Ein zentrales Problem, auf das Manfred Engel mehrfach hingewiesen hat, besteht bereits darin, Traumhaftigkeit ontologisch unter Rekurs auf den Traum bzw. das Träumen zu bestimmen und Darstellungsmittel zu finden sowie voneinander abzugrenzen, die spezifisch onirische Qualitäten haben. Auf dem Weg hin zu einer ausdifferenzierten Typologie traumhafter Darstellungsmittel und -weisen möchten wir nun einen kleinen Umweg vorschlagen: Angesichts der immer wieder bemerkten Ähnlichkeiten zwischen Traum und anderen Zuständen ›veränderten Bewusstseins‹ [4] scheint der Blick auf verwandte Phänomene am Rande des Bewusstseins und deren literarische Inszenierung ebenso sinnvoll wie notwendig. Durch einen Vergleich können sich Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zwischen der literarischen Inszenierung des Traums und anderer ›veränderter Bewusstseinszustände‹ wie z. B. Rausch, Ekstase, Wahnsinn, Besessenheit, Hypnose, Meditation, Halluzination/Vision etc. ergeben. Zudem können so möglicherweise blinde Flecken – oder positiv formuliert: neue Potenziale – der aktuellen (Traum-)Forschung offengelegt werden, die mit einer alleinigen Fokussierung auf traumspezifisches Erzählen nur andeutungsweise sichtbar werden. Das Themenheft erweitert also temporär das Spektrum, um den Diskurs zu Traumhaftigkeit mit komparatistisch und interdisziplinär nutzbaren Erkenntnissen zu bereichern. Einige Beiträge widmen sich deshalb der vergleichenden Untersuchung psychischer Rand- und veränderter Bewusstseinszustände, während andere ganz explizit Verfahren in Traumnarrationen zu beschreiben und zu kategorisieren suchen. 
Der hier gewählte Begriff »Randzustände des Bewusstseins« [5] versucht nicht zuletzt die Ambivalenz der Diskurse über die hier fokussierten veränderten Bewusstseinszustände zu erfassen. Denn Darstellungen des Traums und des Träumens – aber eben auch, so wäre hier zu ergänzen ‒ anderer veränderter Bewusstseinszustände zeichnen sich, wie Manfred Engel festgehalten hat, immer durch eine Nachträglichkeit aus, die sich vor allem mit der Nicht-Narrativität des Erlebten konfrontiert sieht:
The dream is not a well-made narrative; rather, paradoxically, we might even call it a non-narrational narrative, or at least a narrative which is not properly ›told‹. So when trying to tell or re-tell it – in fiction and non-fiction alike – we have to (at least partly) normalize it. But at the same time we will also try to (at least partly) preserve its strangeness. [6]

Die Darstellung von veränderten Bewusstseinszuständen kann somit versuchsweise als ein Randzustand der literarischen Produktion bezeichnet werden, in dem einerseits ein bewusster Einsatz von (tendenziell ordnenden) Mitteln der literarischen Erzählung angestrebt wird, andererseits aber auch die Veranschaulichung und das Nachvollziehbarmachen eines Zustands, der sich eigentlich jeder rationalen, kausalpsychologischen – und auch narrativen – Ordnung entzieht. Die Schwierigkeiten eines solchen Schreibens, das sich gewissermaßen auf mindestens zwei Zeit- und vielleicht auch Bewusstseinsebenen bewegt, werden immer wieder nicht nur im Kontext des Traumes, sondern auch im Zusammenhang mit der Darstellung z. B. von Rausch von den Autorinnen und Autoren selbst thematisiert.
Von der These ausgehend, dass die Entstehung moderner, szientistisch-rationaler Gesellschaften einhergeht mit neuen, regulierenden Wissens-, aber auch ›Bewusstseinsordnungen‹ [7] fokussiert das vorliegende Themenheft größtenteils auf literarische sowie mediale Beispiele seit dem 18. Jahrhundert, wagt jedoch immer wieder auch einen Blick auf vormoderne Traditionen (beispielsweise der Satire oder des Theaters), deren Wirkung auf die Darstellungskonventionen von ›Randzuständen‹ nicht vernachlässigt werden darf. Diese Eingrenzung ermöglicht sowohl diachrone wie synchrone Perspektiven. Im Fokus des Themenheftes steht die Untersuchung von Darstellungen veränderter Bewusstseinszustände in verschiedenen Medien (beispielsweise Literatur, Film, bildende Kunst, Theater) – und damit vor allem die Ebene des discours sowie die Darstellungsmittel und Grenzen der Darstellbarkeit in den verschiedenen Medien.
Die chronologisch angeordneten Beiträge seien hier nicht einzeln vorgestellt, sondern im Hinblick auf ihre Ansätze und thematischen Schwerpunkte. Sie befassen sich z. B. mit autor- und werkspezifischen Inszenierungen von Traum und ähnlichen veränderten Bewusstseinszuständen und nehmen so vor allem konkrete poetische und poetologische Entwürfe des Traumhaften und verwandter Zustände in den Blick, wobei auch Probleme der Notation zur Sprache kommen. [8] Dabei werden jedoch ‒ wie sollte es in einer Zeitschrift, die unlängst einen Aufruf zur Kontextualisierung in der Literaturwissenschaft abdruckte, auch anders sein [9] ‒ immer schon die kulturellen Kontexte und die aus ihnen entstehenden Muster mitberücksichtigt, die laut Engel die Darstellung des Traums und des Traumhaften zu einer bestimmten Zeit beeinflussen. [10] So rücken mehrere Beiträge die Schwärmer-Debatte des 18. Jahrhunderts in den Fokus, betrachten sie allerdings aus unterschiedlichen Perspektiven – zum einen als paranormal konnotiertes Faszinosum für die Kultur der Aufklärung, zum anderen als Ausgangspunkt des ›Romantisierens‹. [11] Studien von Gattungen, Schreibweisen und Motiven, die mit Randzuständen des Bewusstseins bzw. ihrer Negation befasst sind, ermöglichen einen literatur- und kulturgeschichtlichen Einblick in die Wirkung von Traditionen – ihre affirmative Weiterführung, aber auch Umdeutung im Sinne eigener poetischer Programme. [12]
Das Programm des vorliegenden Themenheftes ist zweifellos ein buntes. Da es sich jedoch um das Produkt eines lang geplanten team efforts handelt, in dem die einzelnen ›Gaben‹ von Weggefährten und Kolleginnen, Mitarbeitern und Schülerinnen zu einem gemeinschaftlichen Geschenk an Manfred Engel zusammengefügt werden, sei die Buntheit hier ausnahmsweise als eine Stärke hervorgehoben. Schließlich soll das Themenheft nicht nur die Randzustände des Bewusstseins wissenschaftlich erkunden, sondern auch dem Geehrten einige Abwechslung und vielleicht sogar Unterhaltung bieten.
Dieses Themenheft hätte nicht entstehen können ohne die Unterstützung der Herausgeber und Herausgeberinnen der KulturPoetik: Monika Ritzer, Bernard Dieterle und Benjamin Specht. Allen Beiträgerinnen und Beiträgern ist für ihre Verschwiegenheit, ihre wunderbaren Aufsätze und die gute Zusammenarbeit herzlich zu danken. Zu Dank verpflichtet sind wir für ihre wohlwollende Unterstützung des Projekts jedoch auch denen, die zum Themenheft hätten beitragen wollen, aber nicht konnten. Für seine Beratung und guten Ideen sei außerdem Johannes Birgfeld gedankt, der selbst lange die Redaktion der KulturPoetik leitete.
An dieser Stelle möchten wir Manfred Engel abschließend auch im Namen weiterer (ehemaliger) Schülerinnen und Schüler unseren tiefempfundenen Dank aussprechen für die fürsorgliche Betreuung zahlreicher (und zum Teil viel zu langer) Abschluss- und Doktorarbeiten sowie Habilitationsschriften, für die analytisch scharfe, aber immer konstruktive Kritik, für seine neugierigen Fragen und wertvollen Gespräche über die eigene Zukunft und die Abgründe des universitären Systems, für das Vertrauen in unsere wissenschaftlichen Fähigkeiten und organisatorische Kompetenz, für die große mentale und finanzielle Unterstützung bei zahlreichen wissenschaftlichen Projekten, für die Förderung von eigenen Forschungsschwerpunkten, für das ›Leben und Vorleben‹ akribischen und kontextsensitiven Forschens, aber auch für Gespräche über Monty Python, Game of Thrones, Goyas Eulen und Fledermäuse, Churchills Liebe zum Sport sowie – last but definitely not least – für seine Loyalität, seine Empathie und für seinen Humor.

Juliane Blank
Sylvester Bubel

Caroline Frank
 
 
Anmerkungen:
[1] Siehe das Schriftenverzeichnis von Prof. Dr. Manfred Engel. [zurück]
[2] Vgl. zur Frage der Traumhaftigkeit etwa grundlegend: Manfred Engel, Traumnotat, literarischer Traum und traumhaftes Schreiben bei Franz Kafka. Ein Beitrag zur Oneiropoetik der Moderne. In: Bernard Dieterle (Hg.), Träumungen. Traumerzählung in Film und Literatur. St. Augustin 1998, S. 233–262, aber auch die Beiträge in: Susanne Goumegou/Marie Guthmüller (Hg.), Traumwissen und Traumpoetik. Onirische Schreibweisen von der literarischen Moderne bis zur Gegenwart. Würzburg 2011. In der neuesten Forschung siehe auch: Hans Ulrich Reck, Das Onirische. Wege zu einer Medienphilosophie des Träumens. In: Alfred Krovoza/Christine Walde (Hg.), Traum und Schlaf. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart 2018, S. 338-349. [zurück]
[3] Siehe Manfred Engels aktueller Versuch einer tentativen Definition von Traumhaftigkeit: Manfred Engel, Towards a Poetics of Dream Narration (with examples by Homer, Aelius Aristides, Jean Paul, Heine and Trakl). In: Ders./Bernard Dieterle (Hg.), Writing the Dream/Écrire le rêve. Würzburg 2017, S. 19-44. [zurück]
[4] Der Begriff der »veränderten Bewusstseinszustände« wurde für die Medizin von Arnold M. Ludwig in seinem Aufsatz Altered States of Consciousness (1966) fruchtbar gemacht und definiert als »any mental state(s), induced by various physiological, psychological, or pharmacological maneuvers or agents, which can be recognized subjectively by the individual himself (or by an objective observer of the individual) as representing a sufficient deviation in subjective experience or psychological functioning from certain general norms for that individual during alert, waking consciousness«; Arnold M. Ludwig, Altered States of Consciousness. In: Archive of General Psychiatry 15 (1966), S. 225-234; hier S. 225. Charles T. Tarts Studie Altered States of Consciousness (1969) widmet sich in einer ganzen Sektion dem Phänomen »dream consciousness«, behandelt daneben aber auch hypnagoge Zustände, Meditation sowie Drogenerfahrungen; vgl. Charles T. Tart, Altered States of Consciousness. A Book of Readings. New York u. a. 1969; bes. S. 113-174 (Section 3: »Dream Consciousness«). [zurück]
[5] Die Metaphorik des Randes bzw. Zwischenzustands ist in der Traumforschung zugegebenermaßen nicht neu, sondern geistert seit vielen Jahren durch die Titel von Publikationen. Hier nur einige neuere Beispiele: Roger Ivar Lohmann, Sleeping among the Asabano. Surprises in Intimacy and Sociality at the Margins of Consciousness. In: Katie Glaskin/Richard Chenhall (Hg.), Sleep Around the World. Anthropological Perspectives. New York 2013, S. 21-44; Barbara Ventarola, In den Zwischenräumen des Bewusstseins. Der Halbschlaf als epistemologische, bewusstseinstheoretische und poetologische Metapher in Prousts »Recherche«. In: Jochen Achilles/Roland Borgards/Brigitte Burrichter (Hg.), Liminale Anthropologien. Zwischenzeiten, Schwellenphänomene, Zwischenräume in Literatur und Philosophie. Würzburg 2012, S. 209-246. [zurück]
[6] Engel (Anm. 3), S. 22. [zurück]
[7] Vgl. Michael Schetsche/Renate-Berenike Schmidt, Einleitung. Außergewöhnliche Bewusstseinszustände in der Moderne. In: Ders./Dies. (Hg.), Rausch – Trance – Ekstase. Zur Kultur psychischer Ausnahmezustände. Bielefeld 2016, S. 7-32; hier S. 14. [zurück]
[8] Siehe z. B. Ricarda Schmidts Beitrag zu Nachttraum, Tagtraum und Rausch bei E.T.A. Hoffmann, Rüdiger Zymners Aufsatz »voila le rêve«. Traum und Träumerei bei Mallarmé sowie Bernard Dieterles Beitrag Forschung im Rausch. Henri Michauxʼ Erkundung der Innenwelt. [zurück]
[9] Siehe: Manfred Engel, Kontexte und Kontextrelevanzen in der Literaturwissenschaft. In: KulturPoetik. Zeitschrift für kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft 18 (2018) 1, S. 71-89. [zurück]
[10] Vgl. Engel (Anm. 3), S. 22 f. [zurück]
[11] Siehe Ritchie Robertsons Beitrag »Wir sind so klug, und dennoch spukt’s in Tegel«. The Enlightenment and the Paranormal und Benjamin Spechts Aufsatz Die Aufhebung des Schwärmers. Zum Wandel eines anthropologischen Konzepts bei Novalis. [zurück]
[12] In solcher Weise diachron (und komparatistisch) angelegt sind vor allem Bernd Auerochsʼ Beitrag Geisteszustände. Die vergessene Lehre der Menippea, Gerald E.P. Gillespies The Role of Dream in Modern(ist) in Gothic (Re-)Imaginings across Literature, Painting, and Film, Rüdiger Görners »Mir träumte, du lägest im Grab«. Traumpoetisches in Heinrich Heines Lyrischem Intermezzo, bei E.A. Poe, nebst einem Traum-Stück Ernst Blochs, und das Problem des Traumkitsches bei Walter Benjamin sowie Johannes Birgfelds Aufsatz Blutrausch und Suggestion rhythmischer Gewalten, method writing und Fragerausch. Rausch als Gegenstand und dramatisches Verfahren im Theater. [zurück]