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In: KulturPoetik 2018, Heft 2

Autor

Stephanie Blum

Titel

Skandale im weiten Feld der Interdisziplinarität
André Haller/Hendrik Michael/Martin Kraus (Hg.), Scandalogy. An Interdisciplinary Field. Köln: Herbert von Halem Verlag, 2018. 229 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die Untersuchung von Skandalen als grenzüberschreitenden sozialen Phänomenen verlangt eine interdisziplinäre Herangehensweise. Folgerichtig präsentiert der Sammelband, ausgehend von der ersten internationalen Konferenz zur »Scandalogy« in Bamberg, Beiträge aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Disziplinen wie Kommunikationswissenschaften, Literaturwissenschaften und Politikwissenschaften. Darunter befinden sich sowohl theoretische Annäherungen an das Phänomen Skandal als auch empirische Fallstudien aus unterschiedlichen Ländern. Während die Skandalforschung im Bereich der Literaturwissenschaft bereits breit aufgestellt sei und auch viele politik- und kommunikationswissenschaftliche Ansätze vorlägen, so die Herausgeber in ihrer Einleitung, werde bislang gerade die interdisziplinäre Erforschung von Skandalen vernachlässigt. Hier setzt der Sammelband an und will Beiträge verschiedenster Herangehensweisen vereinen, sodass neben Skandalforscher_innen auch bewusst ein breiteres Publikum angesprochen wird.
Aus literaturwissenschaftlicher Perspektive sicherlich am spannendsten sind die Beiträge von Steffen Burkhardt und Martina Wagner-Egelhaaf. Burkhardt untersucht das Zusammenspiel von Skandal und (sozialen) Medien, die ein besonderes Potential der öffentliche Erregung und Sensationslust bieten und somit die mediale Skandalisierung verändern. Insgesamt bietet er eine gelungene Zusammenfassung gängiger kultur- und medientheoretischer Thesen zum Skandal. Mit dem Schaubild einer »scandal clock« (29) visualisiert er die unterschiedlichen Stadien eines medialen Skandals und liefert Begrifflichkeiten zum Erkennen und Beschreiben seiner Phasen. Darüber hinaus anschlussfähig für die literaturwissenschaftliche Forschung sind besonders seine Thesen zur narrativen Konstruktion der Skandalisierung mit einer Ausdifferenzierung von »main plot and several subplots« (31) sowie deren Zusammenhänge.
Wagner-Egelhaaf skizziert die Poetik des Skandals anhand literarischer Modelle, wie Dra-menkonzepten und Erzählmustern, der komplexen Rollen von Skandalprotagonist_innen sowie ihrer öffentlichen Wahrnehmung, dem Zusammenhang von Skandal und Autorschaft und auch der metaphysischen Dimensionen von Skandalen. Wenngleich der Beitrag in einigen Passagen ihrem Aufsatz zu Autorschaft und Skandal aus dem Jahr 2014 entspricht, so sind die Thesen hier stringenter gegliedert und pointierter formuliert, sodass ein aus literaturwissenschaftlicher Sicht wirklich gewinnbringender Überblick entsteht. Spannend sind ihre Überlegungen zu tradierten »patterns of authorship« (50) und der öffentlichen Selbststilisierung von Autor_innen, die durch Skandale besonders präsent sind und mit mythisch-religiösen Schemata von »fall and reconciliation« (52) aufgeladen werden. Hier wird deutlich, dass die Vorstellung von einer Poetik des Skandals von der »textuality of the sphere of the public discourse« (58) ausgeht, an deren Konstruktion die Medien ebenso als Akteure beteiligt sind wie das Publikum. Denn jeder, der über das Skandalöse diskutiert, wird gleichzeitig selbst zum wesentlichen Bestandteil des Skandals und befeuert ihn – das Skandalpublikum kann daher nicht nur als interessierte Beobachter_innengruppe gelten, sondern muss als aktiver Part der Skandalkommunikation verstanden und als solcher stärker in die Skandalforschung integriert werden.
Genau diesem Skandalpublikum widmet sich der Beitrag von Monika Verbalyte, die emoti-onale Reaktionen auf Skandale untersucht und so die Prinzipien aufdeckt, die öffentlicher Erregung zugrunde liegen. Die emotionspsychologische Sicht zeigt, wie Emotionen als kollektive öffentliche Konstrukte beeinflusst, verhandelt und geregelt werden: Sie sind »very strongly constructed in, through and by the discourse« (73). Daher ist die Untersuchung der emotionalen Logik für das Verständnis von Skandalen und ihrer Dynamiken sicherlich bereichernd.
Ebenfalls positiv hervorzuheben ist der Beitrag von Maria Karidi, Michael Meyen und Da-niela Mahl, der »scandals in the era of commercial media logic« (115) untersucht. Ausgehend von einer Akteur-Struktur-Dynamik im Mediensystem zeigen sie den Wandel in der deutschen Skandalberichterstattung, exemplarisch dargelegt in einer vergleichenden Skandalanalyse anhand von Lebensmittel- und Steuerskandalen der 1990er und 2000er Jahre in der Süddeutschen Zeitung, und weisen überzeugend nach, dass sich die mediale Berichterstattung hin zu einer Individualisierung, Emotionalisierung und aufmerksamkeitslenkenden Narrativierung verändert hat. Skandale folgen also einer kommerziellen Logik und ihre Untersuchung muss daher auch mit der Frage nach Medienethik und nach der Rolle sowie dem Selbstverständnis eines zukünftigen Journalismus verbunden werden.
Diese besondere Rolle der (digitalen) Medien wird in den meisten Beiträgen angesprochen, sodass hier redaktionell vermeidbare Redundanzen entstehen. Gerade die Beiträge aus politik- und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive greifen im einleitenden Teil zu ausführlich auf allgemein Bekanntes zur Skandaltheorie zurück, manchmal ohne zu neuen Ergebnissen zu kommen. Ein Beispiel hierfür ist der Beitrag von Christian von Sikorski, der sich den Inhalten und Effekten politischer Skandale in Form einer »synopsis« (135) widmet. Wirklich interessante und neue Gedanken, nämlich zu den Konsequenzen einer solchen medialen Skandalisierung, die zur Abstumpfung des Publikums, dessen Vertrauensverlust in die Medien und einem politischen Zynismus führen kann, werden am Ende nur knapp und thesenhaft angerissen. Da hier der Bogen zum aktuell brisanten Thema des Populismus gespannt werden könnte, wären es doch gerade diese Zusammenhänge, die besonderer Aufmerksamkeit und weiterer Erforschung bedürfen.
Das Beispiel zeigt aber auch eine konzeptionelle Problematik des Sammelbandes. Klingt der Titel nach einer theoretischen Einführung und einem Überblick zu unterschiedlichen interdisziplinären Herangehensweisen in der Skandalforschung, so gelingen die einzelnen Beiträge sowohl inhaltlich als auch methodisch sehr heterogen. Theoretische Beiträge stehen zwischen sehr speziell ausgerichteten empirischen Fallstudien und nicht-wissenschaftlichen Beiträgen wie beispielsweise (E-Mail-)Interviews. Auch Umfang und qualitativer Anspruch der einzelnen Beiträge erscheinen unausgewogen. Eine Aufteilung in verschiedene Sektionen wäre vielleicht einfacher in der Benutzung; stellenweise wäre aber auch einfach die Beantwortung der Frage, an welche Zielgruppe sich der Sammelband richten soll, hilfreich. Gerade für ein breiteres Publikum könnten einerseits die theoretischen Ansätze zu abstrakt und andererseits die Fallstudien zu spezifisch auf – meist nationale und temporale – Besonderheiten ausgerichtet sein.
Um das titelgebende interdisziplinäre Feld vollständiger abzustecken, wären auch Beiträge wünschenswert, die sich beispielsweise den historischen, juristischen oder ökonomischen Dimensionen von Skandalen widmen – letztere werden teilweise in dem Beitrag von W. Timothy Coombs, Sherry J. Holladay und Elina R. Tachkova zu Unterscheidung und Zusammenhang von Skandal und Krise thematisiert. Auch philosophisch-ethische Überlegungen werden zwar stellenweise gestreift, aber auch hier wäre ein zusammenfassender Beitrag eine sinnvolle Ergänzung. Selbstverständlich kann ein einzelner Sammelband nicht die gesamte wissenschaftliche Breite abdecken, aber durch größere disziplinäre Vielfalt im weiten Feld der Interdisziplinarität wären sicherlich einige Redundanzen vermeidbar gewesen.

Nichtsdestotrotz ist der Sammelband eine willkommene Anregung für weitere Skandalfor-schung, besonders in den Geisteswissenschaften. Dazu bietet er einige gelungene theoretische Ansätze sowie die genannten Überblicksdarstellungen, die als Grundlage für weitere Beschäftigungen mit dem Thema Skandal sowie zur breiteren Einordnung der Ergebnisse disziplinärer Skandalforschung dienen können.
 
Dr. Stephanie Blum, Universität des Saarlandes, FR Germanistik, Gebäude A 2.2, Raum 0.21, D-66123 Saarbrücken, E-Mail: stephanie.blum@uni-saarland.de