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In: KulturPoetik 2018, Heft 2

Autor

Vanessa Mangione

Titel

Über 200 Jahre Ehe im Überblick: Wienforts kulturhistorisches Sammelsurium

Monika Wienfort, Verliebt, Verlobt, Verheiratet. Eine Geschichte der Ehe seit der Romantik. München: C.H. Beck, 2014. 336 S. 

Kategorie

Rezension

Volltext

Das Buch der Historikerin Monika Wienfort ist eine kulturgeschichtliche, epochenübergreifende Untersuchung aller Phasen einer Ehe. In dem rechts- und sozialhistorischen Überblickswerk beschäftigt sich die Autorin mit verschiedenen Themen rund um Partnersuche, Partnerwahl, Eheschließung, Eheleben, Scheidung oder Tod des Partners. Wienforts Untersuchung setzt in der Romantik ein, einer für die Ehe bedeutungsvollen Epoche, wie die Autorin selbst betont. Denn hier sollen sich Ehe und Liebe erstmals in der Geschichte nicht mehr nur zufällig verbunden haben. Liebe und Ehe seien zu Einem verschmolzen, um sich dann in der Moderne wieder voneinander loszulösen. Liebe sei nach wie vor »ein Lebensziel geblieben« während die Ehe als solche jedoch »nicht erst in letzter Zeit […] stark in die Kritik« geraten wäre (8). Angesichts der Debatten über hohe Scheidungsraten, nichteheliche Partnerschaften oder die Öffnung der Ehe für homosexuelle Paare kann die Zukunft der ›konventionellen‹ Ehe ungewiss erscheinen. Ausgehend von diesem Kontext beschäftigt sich das Buch im Kern mit Kontinuitäten und Veränderungen der Institution Ehe. Der dynamische Charakter und die Anpassungsfähigkeit dieser Institution finden hierbei zwar Berücksichtigung, gleichzeitig wird jedoch mehrfach betont, dass durch die moderne Pluralität von Ehemustern – Patchwork-Familien, offene Ehen, homosexuelle Ehen, usw. – die Zukunft dieser Institution gefährdet werden würde (11 f.). Wienfort stellt ihrer Untersuchung zwei zentrale Fragen voran: Erstens fragt sie, welche Handlungsspielräume Ehefrauen und Ehemännern zu unterschiedlichen Zeiten zur Verfügung standen und zweitens wie sie genutzt worden sind (9). Anhand ihrer Darstellung versucht die Autorin zu zeigen, wie sich Individualisierung als gesellschaftlicher Prozess in der Ehe widerspiegelt.
Die Monografie gliedert sich in sechs Kapitel, die sich thematisch chronologisch am Zyklus einer Ehe orientieren – von der Brautwerbung, Hochzeit und Hochzeitsbräuchen, dem Eheleben, der veränderten Situation der Verheirateten als Eltern, über das Ende von Ehe durch Scheidung oder den Tod des Ehepartners. Die Kapitel wirken teilweise wie eine Sammlung all jener Aspekte, die auch nur im Entferntesten mit der Ehe in Verbindung zu stehen scheinen. Wienfort trägt eine unglaubliche Vielzahl von Faktoren zusammen, wie Bigamie und Polygamie, standesungleiche Ehen, Heiratsalter, Namensrecht, Hochzeitstag, Brautkleid, Scheidungswilligkeit und Witwenverbrennung in Indien. Diese sind meist in lexikonartigen, d. h. kurzen, allgemeinen und teilweise oberflächlichen Beiträgen beschrieben. Hierfür greift die Autorin auf eine Vielzahl verschiedener Quellen, wie Briefe, Tagebücher, zeitgenössische Literatur, aber auch Gerichtsdokumente und Gesetzestexte zurück.
Bei der Untersuchung des Lebensmodells Ehe liegt der Fokus auf dem deutschsprachigen Raum; für den Vergleich zieht Wienfort allerdings auch andere Länder und deren Sitten und Bräuche hinzu. Zwischen die thematischen Kapitel werden fünf Beispiele berühmter Ehepaare aus der Oberschicht geschaltet: Caroline und Wilhelm von Humboldt, Clara und Robert Schumann, Victoria und Friedrich von Preußen, Katia und Thomas Mann und Freya und Helmuth James von Moltke. Die Autorin selbst weist darauf hin, dass diese Ehebeispiele keineswegs repräsentativ für zeitgenössische Liebesehen seien und sie nur aufgrund der guten Quellendokumentation ausgewählt wurden. Diese Positivauswahl erzeugt ein Zerrbild der hier deklarierten Liebesehe.
Die Einleitung arbeitet heraus, dass sich die Stellung der Ehe mit der Reformation veränderte. War sie vorher als ein heiliges Sakrament angesehen worden, so nahm sie nach der Spaltung des westlichen Christentums den Charakter eines Vertrages an. Die Ehe in der Frühen Neuzeit ist deshalb als »bürgerliche[s] Vertragsverhältnis« zu charakterisieren (11). Dementsprechend befasst sich ein großer Teil der Untersuchung mit den rechtlichen Aspekten der Institution. Zunächst scheint sich in dem von Wienfort gewählten Untersuchungszeitraum von der Romantik bis heute kaum etwas zu verändern, mit Ausnahme der Öffnung der Ehe für die ›Arbeiterklasse‹ und des drastischen politischen Einschnitts durch die ›Nürnberger Rassengesetze‹ von 1935. Nichtsdestotrotz ist es der Autorin gelungen, die Dynamik und Anpassungsfähigkeit der Ehe bei fast gleichbleibendem rechtlichem Rahmen herauszuarbeiten. Obwohl vielfältigere Lebensmuster (Emanzipation, Ehen zwischen Menschen gleichen Geschlechts, Patchworkfamilien, usw.) auftreten, scheint das Ideal Ehe unantastbar.
Die große Zahl an bearbeiteten Themen stellt die zentrale Leistung des Buches dar, eröffnet zugleich aber einige Defizite. So finden detaillierte Auseinandersetzungen nur selten statt, auf Forschungsdebatten (wie z. B. über die Rolle der Liebe für die Ehe oder freie Partnerwahl im 19. Jahrhundert) wird nicht eingegangen oder auch nur hingewiesen. Einige Aussagen bleiben höchst fragwürdig, sind unbelegt oder werden schlichtweg als gegeben hingenommen und  nicht ausreichend hinterfragt. So scheinen die gewählten Ehebeispiele auch nach der vorangestellten These der »Liebesehe«, die, wie Wienfort behauptet, seit der Romantik dominiere, ausgewählt worden zu sein, da diese Positivauswahl ihre These in wünschenswerter Weise stützen. Ferner beginnt die Autorin ihr Buch mit einem Zitat aus Friedrich Schlegels Lucinde (1799), in dem Liebe und Ehe gleichgesetzt werden: »Ich kann nicht mehr sagen, meine oder deine Liebe; beyde sind sich gleich vollkommen Eins, so viel Liebe als Gegenliebe. Es ist Ehe, ewige Einheit und Verbindung unserer Geister, nicht blos für das was wir diese oder jene Welt nennen, sondern für die eine wahre, untheilbare, namenlose, unendliche Welt«. (1) Ausgehend von diesem Zitat spricht Wienfort unreflektiert von der »Liebesehe« und behauptet:
 
Liebe, jedenfalls eine emotionale Neigung, stand in der Vergangenheit und steht meist auch in der Gegenwart am Anfang einer Ehe. Zwar spielten auch andere Faktoren eine Rolle […], aber im 19. Jahrhundert wie heute wurden aus Liebespaaren nicht selten Ehepaare. In der Wahl der Partner gab die Neigung den Ausschlag. Die Eltern hatten wenig Einfluss (8 f.).
 
Unerwähnt im Kontext von Schlegels Zitat bleibt jedoch die Tatsache, dass dieser ein Ideal beschreibt und eben nicht die soziale, zeitgenössische Realität. Schlegel beobachtete zeitgenössische Heiratspraktiken, die dominiert waren durch die elterliche Partnerwahl sowie ein Streben nach Status, Geld oder Macht, und kritisierte diese. So schreibt er auch in Lucinde:
 
Da liebt der Mann in der Frau nur die Gattung, die Frau im Mann nur den Grad seiner natürlichen Qualitäten und seiner bürgerlichen Existenz, und beyde in den Kindern nur ihr Machwerk und ihr Eigenthum. Da ist die Treue ein Verdienst und eine Tugend; und da ist auch die Eifersucht an ihrer Stelle. Denn darin fühlen sie ungemein richtig, daß sie stillschweigend glauben, es gäbe ihres Gleichen viele, und einer sey als Mensch ungefähr so viel werth wie der andre, und alle zusammen nicht eben sonderlich viel. (2)

Die Autorin selbst geht auf Teile dieses Zitats in ihrer Besprechung des Ehelebens von Caroline und Wilhelm von Humboldt ein und erwähnt sogar, dass die »pragmatischen Eheentscheidungen der Zeitgenossen als erzwungene Konvention bedauert« und kritisiert wurden (60). Dies bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass Liebesehen, vor allem im Bürgertum, wie die Autorin angibt, zur Norm wurden. Wäre dies der Fall, so hätte Gretna Green (ein Ort kurz hinter der Grenze zu Schottland, in dem ohne Einwilligung des Vormundes geheiratet werden konnte) sich nicht solcher Beliebtheit erfreut. Zu den Konsequenzen von pragmatischen Ehen sind viele Zeitzeugenberichte überliefert, die bedauerlicherweise aber in diesem Buch nicht berücksichtigt wurden.
Dass detaillierte Auseinandersetzungen mit Forschungsdebatten ausgespart wurden, mag dem lexikonhaften Charakter des Buches, der zweifelsohne ein breites Publikum anspricht, geschuldet sein. Jedoch ist die Nichtnachvollziehbarkeit einiger Aussagen aufgrund fehlender Hinweise auf Forschungsliteratur und -diskussionen ein eindeutiges Defizit der Untersuchung. So steht neben der allzu pauschalen These der »Liebesehe« auch die Behauptung Wienforts, dass die bürgerliche Ordnung des 19. Jahrhunderts stärker als das Ancien Regime auf der Geschlechterungleichheit beruhe (10), wobei sie ignoriert dass dies ein hochdiskutiertes Thema im angloamerikanischen Raum ist. Der hier angesprochene Mythos von den »seperate spheres« wird durchaus kontrovers diskutiert. (3) Ein weiteres dieser problematischen Felder ist das Thema der sinkenden Geburtenraten im 20. Jahrhundert in Deutschland. So schreibt Wienfort: »Die Geburtenrate in der Bundesrepublik gehört gegenwärtig zu den niedrigsten der Welt. An die Stelle großer Kinderscharen traten Zwei- und Ein-Kind-Familien, und heute bleibt der Kinderwunsch oft unerfüllt« (302). Hier fehlt es nicht nur an wünschenswerten Belegen, sondern auch an Erklärungen der sinkenden Geburtenrate durch bewusste Entscheidung vieler Paare sich auf ein oder zwei Kinder zu beschränken (ebenfalls ein Feld, das kontrovers diskutiert wird und zu dem eine eigene Forschungsdebatte existiert). Zudem sind die Entscheidung für wenige Kinder und »ein unerfüllter Kinderwunsch« differenziert zu betrachten, weil dies eben zwei verschiedene Kategorien sind. Es bleibt bei vorstehendem Zitat beispielsweise völlig unklar, ob die Autorin auf einen vermeidlichen Anstieg der Unfruchtbarkeit oder auf einen unerfüllten Kinderwunsch eines Partners durch Verweigerung des anderen abhebt. Etwas mehr Klarheit durch Belege wäre hilfreich und wertvoll gewesen. Das Buch hätte gewiss davon profitiert, wenn die Themenauswahl reduziert und stattdessen die einzelnen Abschnitte vertieft worden wären.
Trotz Ankündigung wirkt die punktuell komparatistische Herangehensweise willkürlich und ist oft nicht nachvollziehbar – so wird an einigen Stellen nicht klar, weshalb z. B. ein Vergleich Deutschlands mit Indien von größerer Relevanz sein sollte als ein Vergleich mit Frankreich oder England. Auch der am Ende befindliche Exkurs zur Witwenverbrennung in Indien ist ein interessanter Abschnitt, lässt aber den Zusammenhang zu den vorherigen vermissen. Alles in allem stellt Monika Wienforts Sachbuch über die Phasen einer Paarbeziehung ein gutes historisches Überblickswerk dar. Allerdings wird die Monografie ihrer Zielsetzung, die »Ursachen des Wandels« zu erklären, aufgrund des deskriptiven Charakters der einzelnen Abschnitte nicht gerecht. 
 
Vanessa Mangione, MA, Georg-August Universität Göttingen, Seminar für Englische Philologie, Käte-Hamburger-Weg 3, D-37075 Göttingen, E-Mail: vmangio@gwdg.de


Anmerkungen

(1) Friedrich Schlegel, Lucinde. Ein Roman. Hg. v. Karl Konrad Pohlheim. Stuttgart 1963, S. 13. [zurück]
(2) Ebd., S. 78. [zurück]
(3) Zu dem Mythos der »separate sphere«-Ideologie siehe u. a. Amanda Vickery, The Gentlemen’s Daughter. Women’s Lives in Georgian England. New Haven 1999; Dies., Golden Age to Separate Spheres. A Review of the Categories and Chronology of English Women’s History. In: The Historical Journal 36 (1993), S. 383-414. [zurück]