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In: KulturPoetik 2018, Heft 1

Autor

Leonhard Herrmann

Titel

Wie ›engagiert‹ ist Gegenwartsliteratur?

(1) Sabrina Wagner, Aufklärer der Gegenwart. Politische Autorschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts – Juli Zeh, Ilija Trojanow, Uwe Tellkamp. Göttingen: Wallstein 2015. 343 S. 
(2) Jürgen Brokoff/Ursula Geitner/Kerstin Stüssel (Hg.), Engagement. Konzepte von Gegenwart und Gegenwartsliteratur. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2016. 463 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die Frage, inwiefern sich Gegenwartsliteratur auf Diskurse, Fragen und Probleme ihrer Zeit bezieht, ist Gegenstand einer intensiven Forschungsdebatte. (1) Dass sich die fundamentalen Veränderungen, von denen die Gegenwart seit den ausgehenden 1990er Jahren gekennzeichnet ist, auf literarisches Schreiben auswirken, gilt kaum als fraglich. Doch mit welchen Formen und Intentionen, in welcher Intensität und mit welcher Direktheit reflektieren literarische Texte Globalisierung, Digitalisierung und gesellschaftliche Pluralisierung, sozialen Wandel, Migration und neue Medien? Und erheben sie mit dieser Auseinandersetzung auch den Anspruch an einen eigenen diskursiven Einfluss auf die sozialen, politischen, medialen und ökonomischen Dynamiken ihrer Umwelt? Oder begreift sich Gegenwartsliteratur vielmehr als Beobachterinstanz, (2) die zwar Kritik übt, sich aber eines aktiven Engagements für eine Sache oder Überzeugung enthält? Und wenn dem so ist – auf welchen Maßstäben, Werten und Normen basiert diese Kritik? 

Das neuerliche Interesse für kritische, engagierte und/oder politische Schreibweisen mag erstaunen. In den 1990er Jahren galt Gegenwartsliteratur als dezidiert unpolitisch. »Der ›engagierte‹ Autor der sechziger Jahre« ist für Volker Hage schon im Jahr 1989 ein »Anachronismus«. (3) Einflussreiche Literaturkritiker, allen voran Frank Schirrmacher und Ulrich Greiner, forderten nach dem Ende der deutschen Teilung eine Literatur, die »nichts als sie selber« (4) sein solle. Der von beiden initiierte ›deutsch-deutsche Literaturstreit‹ lief auf die Ablehnung einer als »Gesinnungsästhetik« (5) bezeichneten Schreibweise hinaus, die in beiden deutschen Staaten Literatur auf gesellschaftliche und politische Fragen verpflichtet habe und die nun durch eine neue Autonomieästhetik abzulösen sei. Dieser Forderung kamen die in den 1990er Jahren mit spektakulären Verkaufserfolgen debütierten Autorinnen und Autoren jedoch kaum nach: Erfolg versprechend waren vielmehr Schreibweisen, die sich ostentativ der eigenen Gegenwart zuwandten. Schnell wurde deutlich, dass sich hinter den als ›neues Erzählen‹ und ›Popliteratur‹ etikettierten Schreibverfahren womöglich auch kritische Intentionen verbergen könnten. (6) Abermals auf die Agenda rücken kritische und engagierte Schreibweisen angesichts neuer globaler Kriege und Konflikte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, die das literarische Schreiben im Mindesten auf der thematischen Ebene deutlich erkennbar beeinflussten.
 
Sabrina Wagner, Aufklärer der Gegenwart. Politische Autorschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts – Juli Zeh, Ilija Trojanow, Uwe Tellkamp. Göttingen: Wallstein 2015
 
Vor diesem Hintergrund macht Sabrina Wagner schon in der Einleitung zu ihrer Göttinger Dissertation Aufklärer der Gegenwart deutlich, dass die immer wieder artikulierte Auffassung, Gegenwartsliteratur wende sich von den politischen Fragen, Problemen und Debatten ihrer Zeit ab, unzutreffend ist – wenngleich der Umfang, die Rolle und gar der Einfluss dieses ›Engagements‹ nur schwerlich »mess- bzw. quantifizierbar« (S. 12) seien. Im Kontext der literaturwissenschaftlichen Generationenforschung will Wagners Studie nachweisen, dass sich in Bezug auf literarisches Engagement weniger Brüche als vielmehr Kontinuitäten zwischen einer jüngeren und einer älteren Generation deutschsprachiger Autorinnen und Autoren nachweisen lassen. 
Im Zentrum des Vorhabens sollen – so die Einleitung – weniger fiktionale als vielmehr essayistische Texte von Autorinnen und Autoren stehen, die ursprünglich durch fiktionale Texte bekannt geworden waren. Für Wagners Studie fällt die Wahl auf Juli Zeh, Ilija Trojanow und Uwe Tellkamp, die sie als exemplarisch für je einen Typus ›engagierter‹ Autorschaft der Gegenwart betrachtet. Im Rahmen eines literatursoziologischen, »akteursgerichtete[n]« Ansatzes stellt sie deren »nichtfiktionale Publizistik« und ihre »poetologischen Selbstentwürfe« ins Zentrum ihrer Arbeit und beobachtet die entsprechenden »Umsetzung« in literarischen Texten nur »punktuell« (S. 17). Als »Autorschaft« definiert Wagner die »Markierung der eigenen Position im literarischen Feld« (S. 32 f.), als »engagiert« gilt die »eindeutige Bezugnahme […]  auf gesellschaftlich-politische Kontexte mit dem Ziel der Aufklärung […] und der Veränderung des Status quo« (S. 35).
Bevor sich Wagner mit Zeh, Trojanow und Tellkamp auseinandersetzt, erfolgt ein skizzenhafter Überblick über die Geschichte literarischen Engagements, der beim ›Jungen Deutschland‹ einsetzt und mit den frühen 1990er Jahren zunehmend detaillierter wird. Von großer Relevanz für die Fragestellung ist vor allem der Rückblick auf zentrale Ereignisse und Debatten der 2000er Jahre – insbesondere im Jahr 2005 erkennt Wagner Anhaltspunkte für eine »›Repolitisierung‹« der Literatur (S. 56). Darauf aufbauend beschreibt sie in je eigenständigen Kapiteln das Engagement Juli Zehs als einen »Blick aus der Mitte«, dasjenige Ilija Trojanows als »Blick von außen« und dasjenige Uwe Tellkamps als »Blick von oben«. In jedem dieser Kapitel werden zunächst fiktionale Texte, anschließend Reiseberichte, Essays und journalistische Texte und schließlich die poetologischen Positionen und Selbstinszenierungspraktiken Zehs, Trojanows und Tellkamps behandelt – ein Vorgehen, das der Gefahr von Redundanzen nicht immer entgehen kann. 
Sehr treffend beschreibt die Arbeit Juli Zeh als durch und durch politische Autorin der Gegenwart, die in ihrem Debüt Adler und Engel (2001) das Verhalten vieler westlicher Länder im Balkankonflikt kritisiert und sich in den 2000er Jahren sowohl in literarischen wie nicht-fiktionalen Texten kritisch mit ›Big Data‹, Überwachung und Kontrolle auseinandersetzt. Sehr nachvollziehbar sind auch die Ausführungen zu Ilija Trojanow, dessen Roman Der Weltensammler (2006) Wagner als »aktuelle Absage an Ausgrenzung, Rassismus, Vorurteile« (S. 152) liest; dabei steht der Roman, wie sie völlig zurecht deutlich macht, in engem Zusammenhang zu Trojanows Selbstinszenierung als Autor, aber auch zu seinem nicht-fiktionalen Schreiben, wie etwa mit dem zusammen mit Ranjit Hoskoté verfassten, explizit als ›Streitschrift‹ bezeichneten Buch Kampfabsage. Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen (2007).
Dass bei Zeh und Trojanow »das Politische zentraler und konstitutiver Bestandteil« (S. 277) ihrer schriftstellerischen Selbstdefinition ist, ist auf Basis der erzielten Beobachtungen vollkommen nachvollziehbar; dass jedoch auch bei Uwe Tellkamp »das Politische ein Bestandteil seiner Autorschaft« ist (wenngleich »mit Differenzierung«, ebd.), erscheint weniger plausibel. Tellkamp gilt für Wagner als ›engagierter Autor‹, weil er in Anspruch nehme, die ›deutsche Kulturnation‹ zu repräsentieren (S. 209). Der Turm (2008) unterbreite ein »Sinnstiftungsangebot«, indem er die »Sehnsucht nach einem längst verschwunden geglaubten Bildungsbürgertum« artikuliere, gar dessen »Wiederkehr« (S. 221) wünsche. Wagners Deutung der ›Türmer‹ als Bildungsbürgertumsemphase vernachlässigt jedoch zentrale Aspekte von Tellkamps hoch komplexem Text, der das Ethos und die Traditionsbezüge der Villenhügelbewohner im Mindesten genauso distanziert und ironisierend wie emphatisch beschreibt. Mit der Metapher des ›Blicks von oben‹ befreit Wagner Tellkamps kontrovers diskutierten Roman Der Eisvogel (2005) vom Vorwurf der Distanzlosigkeit gegenüber den nationalkonservativen Bestrebungen seines Protagonisten, indem sie die vielfach kritisierte Kommentarlosigkeit des Erzählers als poetisches Programm betrachtet. In beiden Fällen bleibt aber offen, inwiefern sich hinter den Romanen eine ›politische Autorschaft‹ verbirgt. Die dem Autor zugeschriebenen Ziele der »Bewahrung und Konservierung« (S. 256) tradierter Kulturbestände scheint jedenfalls kein dezidiert ›politisches‹ Eintreten im Sinne der eingangs gelieferten Definition darzustellen, sondern eine genuin kulturelle Agenda.
Nicht völlig überzeugend ist auch Wagners abschließender Typisierungsversuch engagierter Autorschaft der Gegenwart: Dass mit Zehs ›Blick von oben‹, Trojanows ›Blick von außen‹ und Tellkamps ›Blick von oben‹ der »Rahmen abgesteckt« ist, »innerhalb dessen sich heute alle (dominanten) Formen politischer Autorschaft bewegen« (S. 277), dürfte die erzielten Ergebnisse letztlich überstrapazieren. Denn allein inhaltlich geht das Spektrum kritisch-engagierter Gegenwartsliteratur weit über die von Wagner untersuchten Texte hinaus. Dies gilt insbesondere hinsichtlich zahlloser wirtschafts- und globalisierungskritischer Texte, die unmittelbar und sehr konkret auf die ökonomischen und sozialen Umbrüche seit den ausgehenden 1990er Jahren verweisen und dazu die vielfältigsten literarischen Verfahren nutzen. 
Zudem vernachlässigt Wagners Studie bei aller Aufmerksamkeit für die auf breitem Raum ausgewerteten Texte die hoch komplexen systematischen Probleme, die sich hinter der Frage nach politischer oder engagierter Literatur verbergen: etwa die nach dem Verhältnis von Heteronomie und Autonomie literarischen Schreibens, nach der Polyvalenz literarischer Texte und nach der Bedeutung von eigenen Überzeugungen zur Bewertung eines Textes als ›politisch‹ oder ›engagiert‹ durch Leserinnen und Leser. Diese Fragen kann Wagners Studie nicht dadurch hinter sich lassen, dass sie sich auf nicht-fiktionale Texte konzentrieren will (ein Anspruch, der darüber hinaus nicht konsequent verfolgt wird, denn wesentliche Ergebnisse der Arbeit stammen aus der Analyse literarischer Texte). Denn auch für ihre Auseinandersetzung mit essayistischen und journalistischen Texten ist das Adjektiv ›literarisch‹ weiterhin relevant – es wird von den untersuchten Texten auf die untersuchten Autoren übertragen, deren zentrale Gemeinsamkeit ist, dass sie durch literarische Texte bekannt geworden sind.
Zu den großen und wichtigen Errungenschaften der Arbeit zählt neben den Ausführungen zu Zeh und Trojanow die abschließend und fast beiläufig vorgenommene Abgrenzung gegenwärtiger von früheren Formen engagierter Literatur. Als Ergebnis ihrer Beobachtungen hält Wagner fest, dass im postideologischen Zeitalter der Anspruch von Autorinnen und Autoren, eigene, universal gültige Lösungsmodelle zu besitzen, aufgegeben werde, ohne dass daraus eine apolitische Haltung literarischen Schreibens resultiere. Äußerst treffend ist in dieser Hinsicht die feldtheoretisch inspirierte Beobachtung, dass sich politische Autorschaft aus einer Tätigkeit in zwei Diskursfeldern – dem politischen und dem literarischen – ergibt, wobei durch wechselseitige Übertragungen vom einen ins andere Feld stabile Doppelkodierungen entstehen.
 
Jürgen Brokoff/Ursula Geitner/Kerstin Stüssel (Hg.), Engagement. Konzepte von Gegenwart und Gegenwartsliteratur. Göttingen: Vandenhoeck&Ruprecht 2016. 463 S.
 
Der Sammelband Engagement. Konzepte von Gegenwart und Gegenwartsliteratur befasst sich – so betonen die Herausgebenden Jürgen Brokoff, Ursula Geitner und Kerstin Stüssel in ihrer Einleitung – sowohl in historischer als auch in systematischer Hinsicht mit dem »Spannungsfeld, das durch den Engagementbegriff und durch den Gegenwartsbezug von Literatur konstituiert wird« (S. 9). Die 20 Beiträge behandeln nicht allein Texte und Poetiken, die in chronologischer Hinsicht zur Gegenwartsliteratur zu zählen sind, sondern auch solche des 19. und 20. Jahrhunderts, die sich dezidiert mit der eigenen Zeit auseinandersetzen, etwa mit Heinrich Heine (Karl Heinz Bohrer) oder mit Heine und Annette von Droste-Hülshoff (Till Dembeck); Johannes F. Lehmann greift weit in die Geschichte der Gegenwartsliteraturforschung zurück und betrachtet Robert Eduard Prutz’ Vorlesung Literatur der Gegenwart (1847) als »erste öffentliche Vorlesung über die deutsche Gegenwartsliteratur« (S. 143). Auch die »Gegenwarten um 1900« (so der Titel des Beitrags von Ingo Stöckmann) spielen eine Rolle. Als Beispiele für politisch-literarische Schreibweisen der Gegenwart beschließen zwei bereits andernorts publizierte Texte von Kathrin Röggla den Band. 
Den Auftakt zu dem weit gespannten Forschungsvorhaben bildet Ursula Geitners umfassender historischer Abriss der »Engagement-Semantik« vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, wobei der Fokus auf den Debatten der 1960er Jahre liegt. Die gegenwärtige Abwehr engagierter Literatur, die »argumentativ deutlich unterhalb der theoretisch-reflexiven Möglichkeiten der Engagement-Poetologie« (S. 29) stattfinde,  ist für Geitner eine späte Folge der Debatten der frühen 1990er Jahre. Ihr historischer Rückblick macht deutlich, dass die Dichotomie aus Selbstbezug auf der einen und Zeitbezug, Zeitkritik und Engagement auf der anderen Seite das literarische Schreiben spätestens seit dem Entstehen der Autonomieästhetik begleitet. Das »Paradox eines engagierten literarischen Textes« bestehe darin, dass dieser »um die eigenen Schwierigkeiten weiß« (S. 32). Ausgehend von der Debatte zwischen Sartre und Adorno, die in Barthes’ Vorstellung eines ›formalen Engagements‹ von Literatur ihren Fortgang finde, beschreibt Geitner Gegenwartsliteratur als grundlegend dichotomischen Begriff, der seine Produktivität aus dem Spannungsfeld von ›Engagement‹ und ›Degagement‹ bezieht. 
Damit definiert Geitners Beitrag die Grundfragen des Bandes, die die folgenden Beiträge aufgreifen und exemplifizieren. Thomas Hecken erinnert daran, dass das Verhältnis von Engagement und Autonomie in der Gegenwart auch Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen ist. Rudolf Stichweh untersucht die Gültigkeit und Reichweite des selbst erhobenen Anspruchs auf Zeitgenossenschaft in den bildenden Künsten. Eva-Maria Siegel fragt, ob die Positionen Brechts und Adornos in der Engagement-Debatte neben den Unterschieden auch Gemeinsames und Verbindendes aufweisen und kommt zu dem Ergebnis, dass »der Streit um Autonomie oder Engagement am Beginn der deutschen Teilung lediglich eine trügerische Frontstellung« sei, »die sich in der Gegenwart still und leise aufzulösen beginnt« (S. 211). Der Beitrag von Thomas Wegmann macht deutlich, dass bereits Adornos Radioessay Engagement oder künstlerische Autonomie (1962) beide Begriffe in ein notwendiges Spannungsverhältnis stelle und diese schon hier »weder mit- noch ohneeinander zu begreifen sind« (S. 214). Jürgen Brokoff konfrontiert die Positionen Sartres und Barthes’ mit Walter Benjamins Aufsatz Der Autor als Produzent (1934), der eine in politischer Hinsicht wachsame Autorschaft propagiere und in den 1960er Jahren sehr einflussreich gewesen sei – Anlass für Brokoff, eine wechselseitige Beeinflussung poetologischer und akademischer Debatten anzunehmen. Natalie Binczek reflektiert anhand von Barthes’ Vorlesungen Die Vorbereitung des Romans (1978–79 u. 1979–80) die Reichweite der akademischen Vorlesung vor dem Hintergrund des Medienwandels der Gegenwart.
Erst die zweite Hälfte des Bandes widmet sich der Jahrtausendwende. Im Zentrum der entsprechenden Beiträge stehen weniger poetologische Reflexionen als vielmehr ästhetische Praktiken kritischer Gegenwartsbezüge, die insbesondere in Texten resp. bei Autoren nachgewiesen werden, die bisher kaum als ›engagiert‹ gegolten haben. Ferner wird an verschiedenen Stellen deutlich, dass literarische Gegenwartsbezüge nicht allein durch realistische Schreib- und Erzählweisen entstehen, sondern tief in die Erzählstrukturen literarischer Texte eingeschrieben sind und auch mit komplexeren Erzählformen einhergehen können. 
Jakob Norbert beschreibt Rainald Goetz’ kapitalismuskritischen Roman Johann Holtropp als ›Hasstext‹, der nicht als »Modell der gesellschaftskritischen, engagierten Literatur betrachtet werden« könne, sondern überwiegend aus »ästhetisch-literarische[n] Gründen« (S. 282) in der Tradition der literarischen Polemik verfasst worden sei; offen bleibt dabei, ob nicht auch das Aufgreifen einer literarischen Tradition mit dem Ziel einer Kritik erfolgen kann. Eckhard Schumacher bezeichnet Goetz’ Textverfahren als eine »auf Dauer gestellte[-] Gegenwartsfixierung« (S. 312), mittels derer die etablierte Dichotomie aus ›Autonomie‹ und ›Engagement‹ verworfen werde, indem gerade die »Schnittstellen von Leben und Schreiben« (S. 313) in den Blick genommen würden. Dies geschehe insbesondere durch die Verfahren des Protokollierens und Zitierens von Vorgefundenem, wodurch »Prozesse der Transformation und Transkription« (S. 322) in Gang gesetzt würden. Bestandteil dieser ›Gegenwartsfixierung‹ ist eine »Öffnung für eine nicht vorhersehbare Zukunft« (S. 320). 
Jörg Döring betrachtet das von Joachim Bessing 1999 herausgegebene Gesprächsprotokoll Tristesse Royale – abweichend von der zeitgenössischen Rezeption – nicht als zynisches Einswerden mit der eigenen Zeit, sondern als kritisch-ironische ›Zeitdiagnostik‹. Deutlich werde dies, so Döring, insbesondere anhand der Audio-Mitschnitte des Gesprächs, die derzeit transkribiert und ediert werden. Das wesentliche Ergebnis dieses Projekts kann Döring bereits mitteilen – dass nämlich der Text anders als vielfach angenommen kein »am Schreibtisch nacherfundenes absurdes Theaterstück« sei, sondern wesentlich stärker »in einem realen Gesprächsereignis« (S. 345) gründe, als das bislang angenommen werde.
Silke Horstkotte zeigt am Beispiel von Maxim Billers Novelle Im Kopf von Bruno Schulz (2013), dass in der Gegenwart nicht allein (und nicht zuvorderst) realistische, sondern auch fantastische oder nicht-mimetische Schreibverfahren bemüht sind, das Relevanzkriterium der ›Aktualität‹ zu erfüllen. Die Debatte um die Dominanz des wohlsituierten Mittelstandes, die das Feuilleton Anfang 2014 in Atem hielt, verfehle daher ihren Gegenstand, indem sie allein die Handlungsoberfläche der Texte in den Blick nehme. 
Kerstin Stüssel zeigt, dass Thomas Kling angesichts der Performativität seiner Texte und Inszenierungspraktiken sowie seiner vielfältigen Bezüge auf Wirklichkeiten und Kontexte für Fragen der Gegenwärtigkeit von Gegenwartsliteratur hochgradig relevant ist – eine Relevanz, die insbesondere durch das ›Engagement‹ einer praxeologisch reflektierten Literaturwissenschaft erschlossen werden könne. 
Andrea Schütte betont unter Rückgriff sowohl auf Adorno als auch auf Sartre, dass »Engagement viel tiefer in den Strukturen literarischer Texte verankert sein muss« (S. 291) als im Sinne einer expliziten Botschaft. Entsprechend deutet sie die Romane Böse Schafe (2007) von Katja Lange-Müller und Apostoloff (2009) von Sibylle Lewitscharoff als Techniken der »Camouflage«, hinter deren vermeintlicher »Unverbindlichkeit« sich eine »messianische und apostolische Botschaft« (S. 301) verberge. Mit ihrer »Drastik des So-Seins« würden beide Texte ihre Leserinnen und Leser »zur Auseinandersetzung mit dem Text« (S. 308) zwingen und nutzten dazu keine einfach identifizierbaren fiktiven Wirklichkeiten, sondern erzeugten bewusst Unklarheiten darüber, was ›eigentlich‹ erzählt wird. 
Diedrich Diederichsen schließlich zeigt anhand des Umfelds von Andy Warhol, Rainer Werner Fassbinder und Velvet Underground die Antinomien auf, die das künstlerische Brechen mit Engagement und jeder identifikatorischen Festlegung erzeugte. Demütigungen etwa besitzen hier einen Doppelcharakter: als Schockeffekt mit letztlich wiederum politisierender Wirkung und als Ausdruck einer Kunstfreiheit, die sich über jede soziale Ethik hinwegsetzen darf. 
 
Sowohl Wagners Dissertation als auch der vorgestellte Sammelband sind wertvolle Beiträge zu einer Debatte, die die Gegenwartsliteraturforschung insbesondere in der Doppeldeutigkeit des Begriffs, der historisch-chronologisch oder eben systematisch genutzt werden kann, noch lange beschäftigen wird. Beide dokumentieren offene Fragen, denen sich diese Debatte noch zu stellen hat. Das betrifft insbesondere die systematische Differenzierung der Begriffe ›Gegenwartsbezug‹, ›Kritik‹, ›Engagement‹ und ›politische Autorschaft‹: In welchem Verhältnis stehen Engagement und Kritik zum ›Gegenwartsbezug‹ oder zur ›Gegenwärtigkeit‹ eines Textes? Ist das eine ohne das andere überhaupt denkbar? Und ist es umgekehrt überhaupt möglich, dass sich ein literarischer Text nicht auf seine eigene Zeit bezieht (resp.: beziehen lässt)? Aber auch der Begriff der ›Autonomie‹ ist noch schärfer zu fassen, wobei insbesondere fraglich ist, wann denn genau (und ob überhaupt) beide Seiten ein Ausschlussverhältnis eingehen – ›erst‹ beim expliziten Eintreten eines literarischen Textes für eine Sache oder gar politische Partei, oder ›schon‹ in dem Moment, in dem ein literarischer Text sich kritisch auf seine Zeit bezieht? Oder kann es nicht eigentlich auch das ›Eigengesetz‹ literarischen Schreibens sein, sich kritisch-reflektierend oder gar aktiv-engagiert in ihre Zeit einzumischen und dazu spezifische, ›eigene‹ Formen zu entwickeln?
Wie beide besprochenen Bücher deutlich machen, sind diese Fragen im Mindesten seit 200 Jahren unbeantwortet. Die jeweiligen Antworten hängen von vielem ab – nicht zuletzt vom Literaturbegriff der- oder desjenigen, der oder die auf sie antwortet. Um sich mit diesen Antworten auseinanderzusetzen, sollten sich weitergehende Forschungen um ein begriffliches System bemühen, das mit der ›Gegenwärtigkeit‹ von Literatur einsetzt, zwischen ›Bezug‹, ›Kritik‹ und ›Engagement‹ differenziert und zu einem mehr als intuitiven Begriff von Autonomie führt – dies mit dem Ziel, jene textuell-sprachlichen und performativ-pragmatischen Verfahren aufzeigen, mit denen Autorinnen und Autoren auf die Fragen nach dem ›Engagement‹ von (Gegenwarts-)Literatur rekurrieren.  
 
PD Dr. Leonhard Herrmann, Universität Leipzig, Institut für Germanistik, Beethovenstraße 15, 04107 Leipzig, E-Mail: lherrma@uni-leipzig.de


Anmerkungen

(1) Allein für 2017 lassen sich drei Tagungen belegen, die das Verhältnis von Literatur, Gegenwart, Engagement und Politik reflektierten: Das Politische in der Literatur der Gegenwart, Koblenz-Landau, 18.–20.05.2017; Engagierte Literatur im deutschsprachigen Raum nach 1989, Łódź, 21.–24.09.2017; Politische Literatur. Debatten, Begriffe, Aktualität, Erlangen, 4.–7.10.2017. Auch die Literaturkritik beobachtet eine Rückkehr des politischen Romans – so etwa der Titel einer Sendung im SWR vom 12.10.2017; vgl. https://www.swr.de/-/id=20217358/property=download/nid=660374/1bm90/swr2-wissen-20171012.pdf  (abgerufen am 08.12.17); als »engagierte Autoren« werden unter anderem Friedrich Christian Delius, Ulrich Peltzer und Kathrin Röggla angeführt.   [zurück]
(2) Vgl. dazu etwa Gegenwartsliteratur. Ein germanistisches Jahrbuch/A German studies Year­book 14 (2015): Schwerpunkt/Focus: Zeitkritische Autorinnen/Engaged Literature of Female Authors.  [zurück]
(3) Volker Hage, Zeitalter der Bruchstücke. Am Ende der achtziger Jahre: Es gibt eine deutsche Gegenwartsliteratur. Zwölf Bemerkungen zur zeitgenössischen Erzählkunst (1989). In: Andrea Köhler/Rainer Moritz (Hg.), Maulhelden und Königskinder. Zur Debatte über die deutschsprachige Gegenwartsliteratur. Leipzig 1998, S. 28–41; hier S. 30. [zurück]
(4) Frank Schirrmacher, Abschied von der Literatur der Bundesrepublik. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2.10.1990. [zurück]
(5) Ulrich Greiner, Die deutsche Gesinnungsästhetik. in: Die Zeit, 2.11.1990; online verfügbar unter: http://www.zeit.de/1990/45/die-deutsche-gesinnungsaesthetik (abgerufen am 10.12.2017). [zurück]
(6) Mit Bezug auf die Popliteratur vgl. etwa Thomas Ernst, Literatur und Subversion. Politisches Schreiben in der Gegenwart. Bielefeld 2013. [zurück]