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In: KulturPoetik 2018, Heft 1

Autor

Sascha Kiefer

Titel

Fräulein Elses subversive Selbstentblößung

Alexandra Tacke, Schnitzlers »Fräulein Else« und die nackte Wahrheit. Novelle, Verfilmungen und Bearbeitungen. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2017 (= Literatur – Kultur – Geschlecht, 67). 238 S. 94 s/w-Abbildungen

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Rezension

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Seit der Jahrtausendwende hat Schnitzlers Novelle Fräulein Else eine auffällig hohe Zahl von Adaptionen in den unterschiedlichsten Medien erfahren – für Alexandra Tacke ein hinreichender Grund, die aktuellen Transforme zusammen mit den älteren und natürlich dem berühmten Prätext in den Mittelpunkt einer Monografie zu stellen. Die Einleitung (S. 13-26) entwickelt eine klare Perspektive insbesondere im Hinblick auf die bisherige Forschungsliteratur: Überwiegend abgelehnt werden diejenigen Ansätze, die mit psychoanalytischen Kategorien an Schnitzlers Text herangehen. Fräulein Else im Kontext des Hysterie-Diskurses zu lesen, kommt für Tacke einer Pathologisierung gleich, durch die lediglich die abwehrenden »Deutungsmuster der bürgerlichen Gesellschaft aufgegriffen, reproduziert und bestätigt« (S. 17) würden. Damit ginge aber nicht nur die sozialkritische Dimension der Novelle verloren, sondern vor allem auch die Möglichkeit, »Elses Selbstentblößung […] als subversiven Selbstbefreiungs- und offenbarungsakt« (S. 18) zu würdigen. Als ›Opfer‹ jedenfalls will Tacke das 19-jährige Fräulein keineswegs verstanden wissen.
Zum zentralen gedanklichen Bezugspunkt wird dieser Interpretation entsprechend nicht der Hysteriediskurs, sondern der Nacktheitsdiskurs, dessen Grundlagen das Kapitel Nackte Tatsachen – Nacktheitsdiskurse im Fin de Siècle präsentiert (S. 27-51). Interessant ist dabei vor allem, wie sich der Umgang mit dem Phänomen Nacktheit zwischen der Handlungszeit der Novelle (1896) und der Entstehungszeit des Textes (1921-1924) wandelt; Schnitzler arbeitet hier offenbar mit bewusst eingesetzten Anachronismen. So weist Elses inszenierte Selbstentblößung auf der beschränkt öffentlichen Bühne des Grand Hotels durchaus Analogien zu den nackten ›Girls‹ und Ausdruckstänzerinnen auf, die in den roaring twenties Furore gemacht haben. Weniger überzeugend scheint die behauptete Verwandtschaft zwischen Fräulein Else und den zahllosen anonymen Nacktmodellen, die um 1900 für die Fotografen posierten. Hier kommt Tackes Argumentation merklich ins Schlingern: 
 
Während die Lebensgeschichten und Schicksale der meisten Aktdarstellerinnen wohl für immer unerzählt bleiben, hat Schnitzler mit Fräulein Else jenen unerhörten-ungehörten Frauen zumindest literarisch ein Denkmal gesetzt. Fräulein Else kommt dabei die Rolle eines Prototyps zu, der nach der drastischen Selbstentblößung und dem damit verbundenen Fall aus den bürgerlichen Konventionsnetzen sehr wahrscheinlich eine ebensolche Karriere als Aktdarstellerin, Modell und/oder Prostituierte bevorgestanden hätte, würde das Ende der Novelle nicht ihren Tod nahelegen. […] Anders als bei den Aktfotografien, die damals massenweise kursierten, besteht die Raffinesse von Arthur Schnitzler allerdings darin, dem Leser seiner Novelle den weiblichen Entblößungsakt nicht zu sehen zu geben, dafür aber ein Störbild mit nachhaltiger Einbruchskraft zu produzieren. Darüber hinaus verleiht er Fräulein Else durch die narrative Technik des Inneren Monologs eine Stimme (S. 33).
 
Else wird in dieser Passage zur Stellvertreterin, gar zum ›Prototyp‹ einer Gruppe stilisiert, der sie zu keinem Zeitpunkt angehört; es führt geradezu an die Grenzen der philologischen Solidität, wenn dem Autor die Intention unterstellt wird, den Aktmodellen »literarisch ein Denkmal« setzen zu wollen. Ebenso problematisch ist die Spekulation über eine im Text weder gestaltete noch auch nur angedeutete Zukunft der Protagonistin. Was sich mit dem Nacktheitsdiskurs in Verbindung bringen lässt, wertet Tacke ebenso einseitig als emanzipativ, wie sie jede Verbindung mit dem Hysteriediskurs als pathologisierend ablehnt. 
Damit begibt sich Tacke allerdings hier und im Folgenden der Möglichkeit, den ambivalenten Einfluss beider Diskurse auf die Charakterisierung Elses aufzudecken. In Elses Zusammenbruch am Ende der Novelle hysterische Symptome wahrzunehmen – inklusive Lachzwang, Ohnmacht, Lähmung, Krampf, Stimmverlust und Suizidalität – bedeutet keineswegs, sie zum pathologischen Einzelfall abzustempeln. Schließlich gehört es zur zentralen Zielsetzung der frühen Hysteriestudien Freuds und Breuers, die Konversionssymptome ernst zu nehmen als sinnvolle kommunikative Akte, als den Versuch der Betroffenen, sich über die hysterische Körperperformanz eine Art von ›Gehör‹ zu verschaffen, das ihnen die Umwelt konsequent verweigert. Elses hysterisch-histrionische Züge und damit ihre latente Verwandtschaft mit einer Bertha Pappenheim (›Anna O.‹) oder einer Ida Bauer (›Fall Dora‹) zu benennen, reduziert daher nicht automatisch die provokative Leistung ihrer Selbstentblößung, durch die sie sich, allerdings nur für einen kurzen Augenblick, aus ihrer äußersten Zwangslage befreien und als souverän erleben kann. Die Ambivalenz ihres Handelns zwischen Selbstbehauptung und Selbstpreisgabe korrespondiert mit der paradoxen Kommunikationssituation des Inneren Monologs: Diese lässt Else auf der Handlungsebene als Ungehörte und Unverstandene scheitern (die Hotelgäste bleiben ja in Unkenntnis der Hintergründe), um auf der Rezeptionsebene des Textes (und nur dort) tatsächlich die sozialpathologische Kraft einer Gesellschaft zu entlarven, der sich die junge intelligente Frau nur durch einen extremen, aber zugleich autodestruktiven Akt widersetzen kann. 
Tackes Analysen werden dieser Ambivalenz kaum gerecht, weil sie die Momente der Subversion und der Selbstbestimmung, die in Elses Handeln auch zum Tragen kommen, zu einseitig betonen und auf eine produktive Einbindung psychoanalytischer Deutungsansätze verzichten. In den verschiedenen Adaptionen sieht Tacke jedoch ihre Lesart bestätigt – anders ausgedrückt: Ihre Ausgangsposition bildet den kritischen Maßstab der Auseinandersetzung. So werden zum Beispiel fast alle neueren Hörbuchversionen mit dem Argument abgelehnt, hier würde Else »völlig unreflektiert« (S. 128) als Hysterikerin präsentiert. 
Trotzdem lohnt es sich, Tacke auf ihrem Weg durch die einzelnen medialen Transformationen zu folgen. Denn während der große filmische Wurf in Bezug auf Fräulein Else bis heute aussteht (Paul Czinners Stummfilmklassiker mit Elisabeth Bergner, noch zu Lebzeiten Schnitzlers entstanden, ist für Tacke die noch immer relativ überzeugendste Version), hat die kreative Anverwandlung von Schnitzlers Prätext in anderen Medien zu hochinteressanten Ergebnissen geführt. Das belegt etwa der Literatur-Comic von Manuele Fior (2009), der mit zahlreichen bildkünstlerischen Verweisen unter anderem auf Gustav Klimt und Egon Schiele und damit auf den Nacktheitsdiskurs der Jahrhundertwende arbeitet (und dem Tacke das Cover ihres Buches verdankt: eine frontale Darstellung der nackten Else, die unverkennbar an Klimts Nuda Veritas von 1899 orientiert ist). Auch die Aufbereitung als Hypertext durch Katharina Moebus (2005) wäre hervorzuheben, gelingt es Moebus doch, den Ausdrucksreichtum des Textes durch einen hochreflektierten Einsatz von Schrifttype, Schriftgröße und Schriftfarbe zu vermehren. Eine gesellschaftspolitische Aktualisierung des Entblößungsthemas will Tacke abschließend in den Femen-Aktivistinnen und ihrem ›Naked War‹ sehen (S. 206-215) – auch dies eine neue Verwandtschaft für Schnitzlers junges Fräulein, aber vielleicht sogar eine stimmigere, als sie sich unter den Nacktmodellen der Jahrhundertwende finden lässt. 
 
PD Dr. Sascha Kiefer, Universität des Saarlandes, Fakultät P ‒ FR Germanistik, Campus C5.3, D-66123 Saarbrücken;  E-Mail: sascha.kiefer@mx.uni-saarland.de