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In: KulturPoetik 2017, Heft 2

Autor

Solvejg Nitzke

Titel

Gut gestellte ›Paranoiafragen‹
Timm Ebner/Rupert Gaderer/Lars Koch/Elena Meilicke, Paranoia. Lektüren und Ausschreitungen des Verdachts. Wien: Turia + Kant 2016. 326 S.

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Rezension

Volltext

Die Frage, ob und wie Paranoia zum Gegenstand kulturwissenschaftlicher Forschung werden sollte, scheint nicht mehr zur Debatte zu stehen. Vielmehr lässt sich an der Vielzahl von Zugrif-fen auf das Thema auch die Reichweite der Öffnung ablesen, die die geisteswissenschaftlichen Fächer in den letzten Jahrzehnten vollzogen haben. »Es gibt keine Paranoia, es gibt nur Parano-iker« (7) zitieren die Herausgeber_innen gleich zu Anfang einen der zentralen Gewährsmänner dieses Bandes, Jaques Lacan, um sogleich grundlegend Kritik zu üben. Denn trotz aller Offen-heit, so kritisieren die Herausgeber_innen, beschränkt sich dieses so facettenreiche Forschungs-feld ungebührlich selbst und so lasse sich dessen Feststellung dahingehend erweitern, »dass es keine Paranoiker gibt – sondern lediglich Daniel Paul Schreber« (ebd.). Die von Sigmund Freud bis zum Mitherausgeber des Bandes, Rupert Gaderer, reichende Liste derer, die Schreber zu diesem ikonischen Platz in der Geschichte der Paranoiaforschung verholfen haben, umfasst ohne Zweifel wirkmächtige Texte, die eine dementsprechende Würdigung in den Aufsätzen des Bandes erfahren. Gleichzeitig eröffnet das demgegenüber aufgerufene Ziel, die medien- und kulturwissenschaftliche Relevanz gerade jener Fälle anzuerkennen, denen diese Aufmerksamkeit bisher verwehrt blieb, die Möglichkeit, gerade jene Texte und Thesen auch kritisch zu hin-terfragen. Die Stärke dieses Bandes, soviel sei vorweggenommen, liegt eben darin, nicht der Versuchung anheim zu fallen, das Vorhaben eine »genauere Beschreibung paranoischer Welter-schließungsverfahren« (8) selbst auf paranoide Weise zu betreiben und »disparate Phänomene einer einzigen Perspektive, einer ›strong theory‹, zu unterwerfen« (ebd.).  »Genauer« bedeutet hier also nicht »definitiv«, sondern vielmehr, dass die Autor¬_innen des Bandes sich daranma-chen, vorhandene Forschung auf Einzelfälle anzuwenden, um gerade jene Vielzahl von Perspek-tiven herzustellen, die dem Deutungswahn abgeht. Dementsprechend ist jeder Aufsatz einem personalisierten Fall gewidmet. Dabei stehen psychiatrisch bereits als solche behandelte ›Fälle‹ (z. B. der des Bahnarbeiters B., 40-55) neben solchen, die sich dieser Wissensform bedienen, um so einen Zusammenhang sichtbar zu machen. Auch die Struktur des Bandes verweist somit deutlich auf ihren Inhalt, indem sie Zusammenhänge entdeckt bzw. herstellt, die nicht unmittel-bar evident sind. Dass daraus aber kein weiteres Zeugnis für einen Deutungswahn wird, sondern vielmehr eines für überzeugende wissenschaftliche Zusammenarbeit, verdankt sich der sichtbaren Hand der Herausgeber_innen ebenso sehr wie den differenzierten Texten der Beiträger_innen.
Wie mächtig die Unterwerfung kontingenter Ereignisse unter ein einziges sinnstiftendes Nar-rativ ist, zeigt Torsten Hahn am Beispiel von Heinrich von Kleists Trauerspiel Die Familie Schroffenstein. Indem er die »Verwandschaft der Hermeneutik des Verdachts und der klassizis-tischen Dramenpoetik« (38) nachvollzieht, macht Hahn sichtbar, dass das Drama bereits das Kernproblem paranoischer Welterschließung thematisiert: Der Ausschluss von Kontingenz macht die Beobachtung der eigenen Beobachtung und somit die Einsicht der paranoischen Konstruktionsleistung unmöglich. Er führt dies auf die Entwicklung der aufklärerischen Herme-neutik zurück, deren Einrichtung die Setzung von Kausalitäten, die hier zur Katastrophe führt, überhaupt erst plausibilisiert. Hahn versteht Paranoia als »Wahrnehmung der Welt als Kunst – und zwar auch außerhalb des Kunstsystems« (36). Die beobachtende Instanz, die notwendig ist, um die eigene Hermeneutik des Verdachts als solche zu erkennen, wird hier noch vom Zu-schauer repräsentiert, droht aber gänzlich verloren zu gehen, verlässt man das Kunstsystem – oder in diesem Fall das Theater.
Diesen Schritt geht Sophie Ledebur, die anhand des Falls des Bahnarbeiters B. den zwar au-ßerhalb des Kunstsystems gelegenen, aber nicht weniger kunstvollen Versuch nachvollzieht, einen Idealfall der Paranoia zu konstruieren. Wobei sich genau an dieser Frage die Geister scheiden – lässt sich ein Fall nur konstruieren, oder kann er ›gefunden‹ werden? Welche Krite-rien, Symptome oder Zeichen können, wenn überhaupt, festgelegt werden, um zu bestimmen, was Paranoia eigentlich ist? Die »Paranoiafrage« (43) hat mithin das Potenzial, die um 1900 noch junge Psychiatrie gleich wieder von der Bildfläche verschwinden zu lassen, denn welche Relevanz kann eine Disziplin wohl haben, die nicht einmal ihre Gegenstände bestimmen kann? Dass Ledebur hier eine Wissenschaftsgeschichte der Paranoia skizziert, die nicht nur im Punkt der ›Beobachterabhängigkeit‹ (54) viele Parallelen zu anderen Disziplinen aufweist, ist ein wei-teres starkes Argument für die zentrale Stellung der Paranoia im modernen Wissen vom Men-schen. Nicht zuletzt wird so klar, dass der Umgang mit unsicherem Wissen zu den größten Her-ausforderungen der modernen Wirklichkeitsbewältigung wird. Das gilt für die Paranoia umso mehr, als die Beschäftigung mit dem hochproduktiven Verdacht immer die Gefahr birgt, ihn zu reproduzieren und so selbst Teil des paranoischen Schaffens zu werden. Die in vielen Artikeln des Bandes betonte Nähe medien- und kulturwissenschaftlicher Forschung zum paranoischen Deutungswahn erweist sich dabei als produktives und, vielleicht noch wichtiger, disziplinieren-des Leitmotiv der Texte. Gerade weil sie sich der Nähe und der Versuchung, den der Paranoia zugrundeliegenden Verdacht zu reproduzieren, bewusst sind, gewinnen die Texte insgesamt eine bemerkenswerte analytische Klarheit. 
Überhaupt gehört das gegenseitige Produktionsverhältnis von Paranoidem und Paranoia-Bestimmenden zu den interessantesten Motiven des Sammelbandes. Denn das eingangs ge-zeichnete Problem, Paranoia auf nicht paranoische Weise zu untersuchen, scheitert nicht nur daran, dass es sich, wie Martin Doll anführt, um graduelle, bloß im »Maß an interpretatorischer Kreativität« (305) unterschiedene Deutungshandlungen handelt. Es ist vor allem deswegen ein fragwürdiges Unterfangen, weil es oft ebenjene Institutionen sind, die Paranoiker als solche identifizieren, behandeln, verurteilen oder diffamieren, die diese überhaupt erst hervorbringen. So sind es diese Beziehungen – des preußischen Rechts zum Querulanten (s. Gaderer 56-70), des ›homegrown terrorist‹ Ted Kaczynski und einer paranoiden Nachkriegspolitik zwischen Thoreau und CIA (s. Koch 281-302) oder auch die Beziehung von Detektiv und Täter (s. Pause 155-170) – die in den Aufsätzen zur Sprache kommen und so die Aufmerksamkeit weg von einer definitorischen »Paranoiafrage« (43) und hin zu einer Untersuchung von »Ermöglichungs-zusammenhängen« (281) lenken. Das ist deswegen bedeutsam, weil erst durch diese Bewegung deutlich wird, welche Rolle Medien in dieser reziproken Produktionstätigkeit von Gesellschaft und Individuum spielen. Gerade in der Untersuchung dieser medialen Produktion liegt einerseits der Punkt, an dem sich medien- und kulturwissenschaftliche Forschung zuständig fühlen muss, aber auch der, an dem disziplinäre Trennung zum Politikum wird. Indem nämlich die Beurtei-lung beispielsweise querulatorischer Dokumente bloß zum Gegenstand ärztlicher Diagnose erklärt wird (Gaderer), oder Manifeste, wie das Ted Kaczynskis als Beleg des Wahns abgetan werden (Koch), vergibt man die Chance, die paranoischen Aspekte der (Gesellschafts-)Ordnung in den Blick zu nehmen, die solche mediale Kreativität zuallererst möglich und, im Sinne der Produzenten, erst nötig gemacht hat. Den Deutungswahn demnach als »kritische Aktivität« ernstzunehmen, wie es Burkhardt Wolf in Anlehnung an Dalí in seinem Beitrag zu Georg Heyms Der Dieb fordert (71), wird so zu einer weiteren höchst interessanten Lesart der Paranoia. Elena Meilickes Beitrag zu den Polaroidaufnahmen Horst Ademeits lässt sich so geradezu komplementär zu Wolfs Analyse lesen, denn wo Heyms Roman Bildkunst zur Befähigung der Kritik am Realen einsetzt (87), scheint die Dokumentationstätigkeit des ehemaligen Kunststu-denten Ademeit erst durch ihre Anerkennung im Kunstbetrieb (wenn auch als »Outsider Art«,  249) ihres Störungspotenzials beraubt. Meilickes Lektüre allerdings gelingt es zu zeigen, dass es sich dabei keinesfalls um die zufällig »künstlerisch« gelungenen Aufnahmen eines Außenseiters handelt, sondern dass Ademeit – ähnlich wie der Querulant bei Gaderer – erst durch seine intime Kenntnis der Institutionen dazu befähigt wird (bzw. sich selbst befähigt, insofern ist er in der Tat ein bemerkenswerter Autodidakt), sie zu kritisieren. Dieses Ernstnehmen einer Handlung und medialen Produktion, die sich einer klaren Zuordnung entzieht, weil sie den Betrachter und Zuordnenden selbst in Frage stellt, lässt sich auch auf fiktionale Grenzfälle anwenden. Johannes Pauses über den Paranoia-Thriller der 1970er Jahre bis zu Scorseses Shutter Island führende Analyse der »Rekursive[n] Paranoia im Verschwörungsfilm« (155-170) folgt diesen Kippbewe-gungen des Sehens und Aufzeichnens ins Gesehen- und Aufgezeichnetwerden, die die Trennung zwischen Beobachtern vor der Leinwand und Beobachteten auf der Leinwand so oft vervielfacht, dass sie in sich zusammenbricht. Der Zusammenbruch von Realität und Fiktion bzw. ihre Ununterscheidbarkeit kann wiederum nicht nur als Kern pathologischer Paranoia, sondern auch als produktiver Motor ihrer Lektüre fungieren. Ernstgenommen erlaubt sie erneut, Fragen zu stellen, wo Wirklichkeit aufgrund spezifischer Interessen gesetzt wird. So folgt auch eine zu-nächst extrem scheinende Interpretation, wie diejenige, die Anna Tuschling für den grausamen Mord der Schwestern Papin an ihren Dienstherrinnen vorschlägt, diesem Ansatz: Indem sie den Verdacht äußert, die »dokumentarische Qualität vieler Aspekte der Paranoia« (105) erlaube den Zugriff auf historisches Wissen, setzt sie den medizinischen, psychiatrischen und psychologi-schen Diskursen etwas entgegen, das deren Deutungshoheit mindestens in Frage stellt. Dieses Interesse an der Kritik auch tradierter Paranoia-Analyse-Modelle und -Narrative sei als letztes hervorgehoben. Insbesondere Wolfram Bergandes Lektüre des Falls »Denis Lortie« (171-196), die Pierre Legendres Aufarbeitung Le crime du caporal Lortie nicht nur überzeugend eine Fehl-lektüre unterstellt, sondern auch Legendre selbst analysiert, macht sich um diese Kritik verdient. Dabei gründet sich auch die Stärke dieses Artikels darauf, nicht das Kind mit dem Bade auszu-schütten, sondern unter Einbeziehung jüngster Forschung und durch gut belegte Argumentation ›auszuschreiten‹, welche Anschlusspunkte ein solcher Fall bieten kann.

Dr. Solvejg Nitzke, Universität Wien, Institut für Germanistik, Universitätsring 1, A-1010 Wien; E-Mail: Solvejg.Nitzke@univie.ac.at