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In: KulturPoetik 2017, Heft 2

Autor

Markus Steinmayr

Titel

Das Absolute als Prozess und Präsenz. Französische Lektüren der Jenaer Frühromantik
Philippe Lacoue-Labarthe/Jean-Luc Nancy, Das Literarisch-Absolute. Texte und Theorie der Jenaer Frühromantik. Übers. v. Johannes Kleinbeck. Wien: Turia+Kant, 2015. 525 S.

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Rezension

Volltext

Es ist ein wenig ruhiger geworden um die Frühromantik in der germanistischen Forschung. Insofern kommt die kommentierte Sammlung frühromantischer Texte von Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy gerade zur rechten Zeit. Man muss wohl sagen: Habent sua fata libelli. 1978 im französischen Original erschienen, war das Buch der erste Versuch, den frühromantischen Diskurs für die Theoriebildung in Frankreich zu nutzen. Nach Henri Brunschwigs 1947 erschienenem Versuch, die politische Form des preußischen Staates und seiner Reformen als mentalitätsgeschichtliche und politikgeschichtliche Rahmenbedingung der romantischen Bewegung zu verstehen, (1)  hat es bis Ende der 1970er Jahre gedauert, das umzusetzen, was Brunschwig eigentlich gefordert hatte, nämlich: die ganze Breite der romantischen Bewegungen zu dokumentieren und die zentralen Texte der Genese der romantischen Bewegung (Schlegel, Novalis etc.) ins Französische zu übersetzen. Genau diese Lücke hat das 1978 erschienene Buch von Labarthe und Nancy zu füllen gesucht. 
Dem Verlag Turia+Kant und dem Übersetzer Johannes Kleinbeck ist es zu danken, dass dieser vergessene Baustein im französisch-deutschen Kulturdialog nun wieder sichtbar geworden ist. Die im Buch verwendeten Ausgaben der frühromantischen ›Klassiker‹ wie Novalis oder Schlegel entsprechen durchweg dem Stand der philologischen Forschung (beispielsweise der Kritischen Schlegel Ausgabe), obwohl diese teilweise erst nach 1978, also dem Ersterscheinungsdatum des Buches, veröffentlicht wurden. Dies kommentiert der Übersetzer in seiner wichtigen »Anmerkung zur Übersetzung« (525), um die Übertragung des Buches ins Deutsche gegenüber der schon 1988 erfolgten Übertragung ins Amerikanische zu profilieren. Auch findet sich der Hinweis, dass Lacoue-Labarthe und Nancy insofern 1978 Pionierarbeit leisteten, als sie erstmals Texte der Frühromantik ins Französische übertrugen. Man sieht an dieser Genauigkeit der philologischen Arbeit Kleinbecks, dass es Verlag und Übersetzer durchaus ernst meinen mit dem Versuch, eine (mögliche) Renaissance frühromantischen Schreibens und Denkens im Lichte französischer Philosophie mit dieser Übersetzung einzuleiten.  
Was aber ist das ›Literarisch-Absolute‹, das im Titel aufgerufen wird? Die Klärung dieser Frage ist insofern von Bedeutung, als dass nur so der spezifische ›Einsatz‹ des Buches deutlich wird. Das Absolute der Literatur bzw. der Versuch, das literarische Arbeiten, die literarische Kultur, die literarische Produktion absolut zu setzen, ist zentraler Gegenstand der frühromantischen Literaturtheorie. Das Interessante daran ‒ und dies hat die germanistische Forschung in Folge von Winfried Menninghaus 1987 erschienenem Buch Unendliche Verdopplung. Die frühromantische Grundlegung der Kunsttheorie im Begriff absoluter Selbstreflexion immer wieder betont ‒ ist, dass das Absolute nur als Prozess, als Geschehen denkbar ist, das im Modus der Emergenz sich zeigt. Das frühromantische Projekt ‒ das ja Literatur, Philosophie und Lebensform zusammenbringen wollte ‒ wurde in Jena nur für ein paar wenige Jahre Realität. Das Absolute bedeutet, in den Worten Nancys, das immer schon Unverbundene und Losgelöste. Davon abgeleitet, wird das Programm und die Definition der Literatur möglich. Literatur ist eine autogenerative Form, die nur aus sich selbst produzierbar ist, das Subjekt ‒ in Radikalisierung der Fichte’schen Philosophie ‒ ist ein sich-selbst-setzendes, das sich nur so Objekt werden kann: Unbedingtheit und Autonomie von literarischer Produktion sind das, was als ›frühromantisches‹ Erbe zu beschreiben wäre.
Das Buch versucht, die Diversität des frühromantischen Phänomens in sechs Schritten zu veranschaulichen. Die Schritte werden jeweils von einem luziden Kommentar der Herausgeber eingeleitet, dessen Thesen man dann an den folgenden Quellen bzw. Ausschnitten aus frühromantischen Zentraltexten noch einmal überprüfen kann. Es beginnt mit der »Ouvertüre« (49-72) des frühromantischen Œuvres - dem berühmten »Systemprogramm des deutschen Idealismus«. In einem zweiten Schritt wird das Fragment als zentrale Kategorie der frühromantischen Literaturproduktion untersucht (73-215). Im dann folgenden Schritt wird die ›Philosophie‹ der Frühromantik kommentiert und dokumentiert (219-308). Danach geht es über zum frühromantischen Verständnis der lyrischen Produktion, die als »namenlose Kunst« (309) beschrieben wird. Der folgende Schritt führt auf ein Zentralterrain frühromantischen Selbstverständnisses: auf das Gebiet der Kritik (435-492). Mit einem »Schliessung« (493) genannten Abschluss endet die Reise. 
Die einleitenden Kommentare sind im typischen Stil verfasst, den man aus anderen Arbeiten der beiden Herausgeber zu schätzen gelernt hat: apodiktisch bis kryptisch, zuweilen pathetisch bis apolegetisch. Das Augenmerk der Kommentare liegt auf einer »philosophischen Lektüre« (33) der Romantik, die, hierin Walter Benjamins Untersuchungen folgend, die Modernität der romantischen Bewegung zu beweisen sucht. Diese Lektüre ist, aus heutiger Sicht gesehen, nicht mehr ganz neu, erinnert aber doch noch einmal an die große Forschungsfragen der 1970er, 80er und 90er Jahre. Diese, so die Ausgangsthese, liege in einem vollkommen veränderten Literaturbegriff, der Konstruktion, Produktion und Fiktion miteinander verbindet, Literatur als Lebensform begreift und damit radikal entgrenzt. In einer inspirierenden Lektüre des »Systemprogramms«, dessen Beitrag zur Bedingung der Möglichkeit von Ästhetik (»transzendentale Ästhetik«; 53) hier nochmal gewürdigt wird, wird herausgearbeitet, dass die Radikalisierung der Fichte’schen Philosophie darin besteht, das Ich, also das Subjekt der Erkenntnis, als »eine leere Form« (ebd.) zu denken und damit einen Diskurs zu ermöglichen, den die deutsche Geistesgeschichte mit dem Schlagwort ›Bildung‹ verbindet, ein sich selbst bildendes Subjekt, das sich durch diesen »SelbstActus« (2) in Szene setzen kann. 
Die Bemerkungen zur Rolle und zur Funktion des Fragments für das Verständnis des frühromantischen Literaturprogramms schließen unmittelbar daran an. Das Fragment, verstanden als Form gewordene Abkehr von den Zwängen formaler Logik und als Befreiung vom Systemdenken inszeniert, macht ja gerade jene Innovationen möglich, für die die frühromantische Emphase des Fragments steht: die Rolle des Witzes als unbewusst-bewusst auftretende Unterbrechung von Konversationsroutinen, die Rolle des poetischen Experiments, dessen Repräsentation das Fragment ist, die Rolle von Ironie als Distanzierung und Distanzmarkierung und dergleichen mehr. Die Herausgeber arbeiten nochmals die Literaturgeschichte dieser unterbrechenden, das heißt dekonstruierenden Form heraus und geben damit fruchtbare Anregungen für eine Komparatistik und Epistemologie des Fragments. Das »Bruchstück« (79) wird somit zum Denkbild der Frühromantik. Derart vorbereitet, erscheinen die Texte Friedrich Schlegel, darunter zahlreiche Athenäums-Fragmente noch einmal in einem neuen Licht. 
Der dann folgende Abschnitt, mit »Idee« überschrieben, schließt unmittelbar an die Ausführungen und die Quellen im Blick auf das Fragment und das Fragmentarische an. Denn die »Fragmentierung« (225) führt zu den »Ideen« (ebd.), mithin zur Philosophie und zur Religion. Bekanntlich ist der Religionsbegriff der Frühromantiker einer, der, unter der Ägide der Sakulärisierung, danach fragt, welche Potentiale Religion ‒ als Manifestation des ›alten‹ Absoluten ‒ für die Gegenwart hat; es handelt sich also um einen mitunter radikal säkularisierten Religionsbegriff. Somit erscheint die Frühromantik als der Versuch, das Christentum und die Religion als »modern« zu begreifen und die religiösen Formen hinsichtlich ihrer Dienstbarkeit für die poetischen Formen zu befragen. 
Im Abschnitt, der mit »Lyrik« überschrieben ist, verhandeln Lacoue-Labarthe und Nancy ›eigentlich‹ eine viel fundamentalere Frage, nämlich die, was Literatur bzw. Poesie zu leisten in der Lage sind. Was, so die berechtigte Frage, passiert eigentlich, wenn permanente Grenzüberschreitung zwischen Gattungen, Medien und Modalitäten der (schriftlichen wie mündlichen) Kommunikation Programm ist? Wie kann man das, was so entsteht, beschreiben und vor allem: fassen? Im »Jenseits der Literatur« (329), so die wenig überraschende Antwort für den mit der Frühromantik Vertrauten, wird das Absolute, verstanden als »Selbst-Bildung, Selbst-Organisation, Selbst-Auflösung« (ebd.) überhaupt erst evident: als »Verlust« (331) oder Verlöschen der Form. 
Verstärkte Aufmerksamkeit in bildungsbewegten Zeiten gebührt dem Kapitel »Die Kritik«. Denn das ständige Hinterfragen, die ständige Überschreitung der Grenzen des Wiss- und Sagbaren, das die Frühromantik fordert, entpuppen sich als zentrale Elemente eines frühromantischen Bildungsbegriffs, dessen Kern in der Kompetenz besteht, alles zu hinterfragen und das Gewusste in Nicht-Wissen zu verwandeln. Man sieht hier deutlich, dass dieses Bildungsideal eine konzeptionelle Grundlage für das neuartige Universitätsmodell liefert, das unter dem Titel ›Humboldt-Universität‹ Epoche gemacht hat.  
Das Buch vermittelt der Forschung alte Erkenntnisse in einem neuen Licht. Das alleine schon ist verdienstvoll. Sehr gut verwendbar ist das Buch in der universitären Lehre. Seine Kompendienfunktion, die die Einführung in die literarischen Sachverhalte mit philosophischer und bildungstheoretischer Kontextualisierung verbindet, macht es vielseitig nutzbar. Das Buch kommt somit zur rechten Zeit für Forschung und Lehre. Darüber hinaus sind seine Problematisierungen und Aktualisierungen des Bildungsbegriffs und seiner kritischen, poetischen und performativen Potentiale hochaktuell und liefern heutigen Debatten genug Stoff im Lichte der Frühromantik. Die Frühromantik leuchtet wieder. 

Dr. Markus Steinmayr, Universität Duisburg-Essen, Institut für Germanis-tik/Literaturwissenschaft, D-45141 Essen; E-Mail: markus.steinmayr@uni-due.de


Anmerkungen

(1) Henri Brunschwig, La crise  de l’état prussien à la fin du XVIIIe siècle et la genèse de la mentalité romantique. Paris 1947. [zurück] 
(2) Wilhelm von Humboldt, Unmaßgebliche Gedanken über den Plan zur Errichtung des Litauischen Schulwesens. In: Ders., Werke in fünf Bänden. Hg. v. Andreas Flitner u.  Klaus Giel. Darmstadt 1964, Bd. 4, S. 187–195; hier S. 191. [zurück]