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In: KulturPoetik 2017, Heft 1

Autor

Annette C. Cremer

Titel

Von den Eigenarten der Wahrnehmung der Materiellen Welt

Hans Peter Hahn (Hg.), Vom Eigensinn der Dinge. Für eine neue Perspektive auf die Welt des Materiellen. Berlin: Neofelis Verlag, 2015. 201 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Vom Eigensinn der Dinge ist die Verschriftlichung einer Ringvorlesung, die unter dem gleichen Titel im Wintersemester 2012/13 an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main im Rahmen des Graduiertenkollegs »Wert und Äquivalent« unter der Leitung des Ethnologen Hans Peter Hahn abgehalten wurde. Die Publikation versammelt Beiträge einiger ›großer Namen‹, deren Werk sich der aktuell hoch im Kurs stehenden transdisziplinären Hinwendung zum Materiellen und zu den Dingen zuordnen lässt. Dabei fungiert die (Europäische) Ethnologie als Leitdisziplin und der Herausgeber dieses Bandes in Person als eine der Leitfiguren im Feld der sich etablierenden deutschsprachigen Materiellen Kulturforschung. Neben einer ausführlichen Einleitung von Hans Peter Hahn (Frankfurt) finden sich in diesem Band Beiträge emeritierter Wissenschaftler/innen, so des Philosophen und Altphilologen Bernhard Waldenfels (ehemals Bochum), der Kunsthistorikerin Monika Wagner (ehemals Hamburg), des Ägyptologen Jan Assmann (ehemals Heidelberg), des Soziologen Karl Heinz Hörning (ehemals Aachen) und des Wissenschaftshistorikers Hans-Jörg Rheinberger (ehemals MPI für Wissenschaftsgeschichte Berlin). Komplettiert werden deren Aufsätze durch die beiden Beiträge der Anthropologin Susanne Küchler (University College London) und des Archäologen und Prähistorikers Harald Meller (Landesmuseum für Vorgeschichte Halle/Saale). Hahn hat damit Vertreterinnen und Vertreter (fast) all jener Fächer versammelt, zu deren Kerninteressen oder methodischem Repertoire die Auseinandersetzung mit Dingen als Thema oder als Quellen gehören. 
Hahn will der bisweilen notwendigen Verengung auf einzelne Aspekte von Dingen entgegenwirken und deren Komplexität gerecht werden. Dazu wählte Hahn den Begriff des »Eigensinns«, der »nicht mehr als ein Hilfsmittel« sei, »um auf den Reichtum an Wahrnehmungen und auf die überraschenden Umgangsweisen mit Dingen zu verweisen« (Vorwort). Hahn spricht mit dem »Eigensinn der Dinge« nicht den vermeintlichen Widerwillen von technischen Geräten an, die in dem Moment versagen, in dem man sie dringend benötigt, sondern er will mit dem »Eigensinn der Dinge« ein neues Konzept für den methodischen Umgang mit dem Materiellen vorlegen. Ziel seines Nachdenkens ist es, zu einer »neue[n] Bewertung der Dinge auf der Grundlage einer Reflexion über ihre Wahrnehmungen« (12) zu gelangen. Allerdings hält er eine assoziative oder emotionale Annäherung für zu subjektiv und unzureichend in Bezug auf die Frage, welche »Rolle die Dinge nun im Denken und Handeln einnehmen« (13). Seine grundlegende Kritik an allen bislang vorgelegten neueren Untersuchungen ist die ungerechtfertigte Vereinzelung und Aufwertung von Dingen durch die Lupe des Forschenden, während sie realiter in Assemblagen, also in mehr oder weniger bewussten Ansammlungen oder Anhäufungen nebeneinander existieren, die zudem in den meisten Fällen nur beiläufig sind und unterhalb der Wahrnehmungsschwelle neben den Menschen ko-existieren. Hahn spricht dabei von der »Ko-Präsenz« der Dinge (30). Besonders der habituelle Umgang mit Dingen, wie das von Max Weber angeführte Beispiel des Betretens der Trambahn, zeige die Beiläufigkeit. Jede forschende Auseinandersetzung müsse zuallererst eine »Sensibilität [für] die geringe Rolle der Alltagsdinge« bewahren (15). Methodisch wäre demnach ein unmittelbarer Zugang zu Objekten nicht möglich, weil sie im Moment der Fokussierung, in dem das Objekt »wie ein Insekt im Glasröhrchen isoliert« (19) wird, bereits einen wichtigen Teil ihres Daseins, nämlich ihre Beiläufigkeit verlören. Vor diesem Hintergrund sei es schwer, den Zusammengang zwischen dem Ort, dem Gebrauch und der Bedeutung einzelner Objekte mit Bestimmtheit festzustellen. 
In seiner knapp 50 Seiten langen Einleitung nimmt Hahn populäre Dingtheorien ins Visier, um sie einzeln zu würdigen und in Bezug auf seine Fragestellung auszuwerten: Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie, Hartmut Böhmes Fetischismus und Kultur sowie Krzysztof Pomians Konzept des Semiphoren. Dabei moniert der Herausgeber nach wie vor das Fehlen einer allgemeingültigen Theorie des Sachbesitzes. Latours Konzept der Dinge als Akteure im Rahmen der Akteur-Netzwerk-Theorie fokussiere »Situationen, in denen Dinge in Handlungsabläufe eingreifen, sei es, indem sie bestimmte Routinen erzwingen oder, indem sie Entscheidungen und Urteile der Menschen in der Umgebung beeinflussen« (24). Ginge es um die Frage der Wechselwirkungen zwischen Menschen und Dingen, könne man mit diesem Theoriegerüst arbeiten. Allerdings, so Hahn, seien die Verbindungen nicht immer kausal verknüpft oder nur verzögert verknüpft, weshalb der Latour’sche Handlungsbegriff auszudifferenzieren wäre. Hahn positioniert sich klar gegen das Konzept: »Die Beziehung zwischen Mensch und Ding ist eben viel weniger die eines Netzwerkes, als Latour mit seinem Modell es unterstellt. Vielmehr bleibt es Gegenstand des freien Handelns des Menschen, wie und ob er Dinge gebraucht, ob er sie achtlos beiseitelegt oder sie gar zerstört. Die starke Metapher des Netzwerks suggeriert eine Stabilität in der Mensch-Ding-Beziehung, die in dieser Form nicht existiert« (27). 
An Hartmut Böhmes Fetischismus und Kultur würdigt Hahn zunächst die neue Perspektive auf die moderne Gesellschaft und, im Gegensatz zu Latour, die Hinwendung zu einzelnen Dingen. Diese Theorie stelle die »auf materielle Objekte bezogenen Projektionen des Individuums in den Mittelpunkt seines Modells […]. Böhme zufolge erhalten Dinge ihren kulturellen Wert dadurch, dass die Besitzer und Benutzer in den Dingen mehr erkennen, als den Objekten im Sinn objektiver Eigenschaften zukommt« (31). Doch auch hier konstatiert er eine zu hohe und gerichtete Aufmerksamkeit auf einzelne Gegenstände, die nichts mit dem Alltäglichen und Beiläufigen zu tun habe. Beide Modelle böten nur eine »sehr einseitige Modellierung der Mensch-Ding-Beziehung« (33). Auch die inzwischen die inzwischen sprichwörtlich gewordene Vorstellung von der »Macht der Dinge« sucht Hahn zu entkräften und schlägt stattdessen Konzepte wie die »subtile Gegenwart« und den »Eigensinn« vor: »Unter ›Eigensinn‹ wird hier verstanden, dass die Dinge gerade nicht über ›Macht‹ verfügen, aber dennoch durch ihre Gegenwart, durch die Ko-Präsenz und durch die wahrgenommenen Assemblagen einen fundamentalen Einfluss auf jedes Individuum in seiner Lebenswelt haben« (34). Adorno folgend verweist Hahn auf die wenig beforschten Ablehnungen oder das Ignorieren von Technologien und Gegenständen. 
Auch der von Krzysztof Pomian eingeführte und inzwischen etablierte Begriff der Semiphore, der (museale) Objekte als »Speicher von Geschichte und Bedeutung« einordnet, sei unzureichend, weil er weder die Situationsabhängigkeit noch die Individualität der Bewertung eines Objekts nicht mitdenke. Denn die Evokation, also die subjektive Emergenz von Bedeutung, lasse sich nicht kontrollieren oder lenken (49). Hier zeigt sich auch Hahns klarste Positionierung: »Die Objekte bleiben unabschließbare Bedeutungsträger. Sie tragen Bedeutungen überhaupt nicht ›in sich‹, sondern fördern diese lediglich zutage, sie evozieren Bedeutungen« (52 f). Hahn betont in der Auseinandersetzung mit Pomian, »der von ihm eingeführte Begriff der Semiphore, des mit Zeichen und Bedeutungen aufgeladenen Objekts, hat auch dem Missverständnis Vorschub geleistet, man könne Dinge zum Sprechen bringen und ihnen ähnlich wie einem Text eine Aussage entnehmen. Sicherlich sagen uns Dinge viel. Aber es ist nicht ein Text, den wir erfahren, sondern eine Evokation, die entsteht« (53, Anm. 142). Walter Benjamin folgend schließt Hahn seine Argumentation folgendermaßen: »Was immer ein Betrachter in einem Ding zu erkennen glaubt, liegt nicht in diesem Objekt ›verborgen‹, sondern es entsteht im Moment der Interaktion« (53 f). Am Ende der Einleitung steht die Forderung »[a]ngesichts der Unmöglichkeit, den Dingen einen stabilen Platz in der Gesellschaft zu geben«, eben jenen Schwebezustand »in die Mitte jeder Theoriebildung« zu rücken (56).
Die Beiträger und Beiträgerinnen lassen sich unterschiedlich intensiv auf das von Hahn vorgeschlagene Konzept vom Eigensinn der Dinge ein und fügen bisweilen eigene Lesarten hinzu, die sich an den ausgewählten Beiträgen zeigen lassen. Die Kunsthistorikerin Monika Wagner befasst sich in ihrem Beitrag mit dem Werkstoff ‒ oder besser: dem künstlerischen Material ‒ Holz, dessen ästhetische Bewertung und künstlerische Implementierung sie mit dem Architekten Gottfried Semper von der Mitte des 19. Jahrhundert über Paul Gauguin und Edvard Munch bis hin zu Joseph Beuys verfolgt. Semper »sah im Eigenleben des Materials ein gestalterisches Potenzial«; sein so genannter Holzstil sei eine »bewusste Integration der ›Fehler‹ des Materials in die Gestaltung« (82) gewesen. Paul Gauguin schnitzte Skulpturen in grobe Rundhölzer und beließ diesen ihre formale Grundstruktur: Die Holzsichtigkeit und auch der Stamm blieben erhalten, ohne die Eigenart des Materials unsichtbar machen zu wollen oder durch das Bildthema überdecken zu wollen. Edvard Munch habe den Holzschnitt neu entdeckt. Sein Ziel sei es gewesen, »[d]en Eigensinn des Trägermaterials im Druck sichtbar zu bewahren und als Teil der bildlichen Figuration zu vermitteln, darin lag die Option des neuen Holzschnitts« (86). In verschiedenen Varianten des Holzschnitts Der Kuß kommt die Textur des Holzes (Maserungen, Einfärbungen und Astlöcher) künstlerisch integriert zum Ausdruck, bis am Ende die Szene in den Hintergrund und die »physische Materialcharakteristik des Holzes in den Vordergrund« (94) rückte. Joseph Beuys’ Intuitionskiste (1968), erhob den ›Mangel‹ des Astlochs zur Skulptur, ließ die »zufälligen Texturen, Maserungen und Astlöcher der Fläche zum Angebot an die Phantasie« (99) der Betrachter werden. Auch Monika Wagner benutzt mehrfach den Begriff »Eigensinn«, v. a. zu Beginn in einem Zitat Sempers, der jedoch von der »Eigenart« des Materials Holzes spricht, nicht von einem Eigensinn des Materiellen im Verständnis des Herausgebers. 
Ausgangspunkt von Jan Assmanns Beitrag ist ein blaugrünes Trinkgefäß, eine ägyptische Nun-Schale aus Leiden, von deren Art einige aus der Zeit zwischen 1450 und 1100 v.u.Z. überliefert sind. Sie ist mit der Darstellung einer fast nackten Lautenspielerin verziert, die aus der Sphäre des Kults um die Göttin Hathor, der ägyptischen Aphrodite, stammt. Assmann identifiziert das Gefäß nicht als Teil des täglichen Lebens, sondern als Kultgefäß und Teil der Objektausstattung aristokratischer Festkultur, in der die »Sphäre dieser Gottheit […] im festlichen Gelage vergegenwärtigt wird« (126). Ihren primären Kontext ausblendend untersucht Assmann anhand der dekorativen und motivischen Gestaltung (Farbe, Wassermotive, Nacktheit, Musikspiel) im Vergleich mit ähnlichen Motiven in anderen Kontexten die verschiedenen möglichen Bedeutungsfelder der Nun-Schale. Das beherrschende Thema der Darstellung besteht aus Motiven der Wasserwelt, die Jagd auf Fische und Vögel. Damit »assoziierten die Ägypter unweigerlich den Inbegriff der Lustbarkeiten einer aristokratischen Mußekultur«. Auf vergleichbaren Darstellungen findet sich die Beischrift: »Das Herz vergessen lassen, Schönes schauen«. Die dargestellte festliche Nacktheit sei die Darstellung eines »Heterotops« jenseits der Normen des normalen Lebens. Nur während einer sehr kurzen Phase werden Dienerinnen und Musikantinnen in Gräbern nackt dargestellt (1420-1350 v. u. Z.). Das Motto »das Herz vergessen lassen«, das ähnlichen Motiven in Text-Bild-Kombinationen als Beischrift zugeordnet wurde, verweist auf ein carpe diem- oder memento mori-Motiv, das die Muße zur »intensivste[n] Form der Zeitverwendung« (118) erklärt, sich damit »im Kontrast zur offiziellen und allgemeinen Lehre« (125) befand und der Vorstellung eines ewigen Lebens im Jenseits zu widersprechen scheint. Laut Assmann lösten die Ägypter das Dilemma des Bewusstseins von diesseitiger Lebenskürze und jenseitiger Ewigkeit, indem sie »der einen Stimme im Alltag, der anderen im Fest einen Ausdruck verschaffen«. Die Nun-Schale mit ihren typischen Dekorationselementen kann daher als gegenständliche Visualisierung dieser widersprüchlichen Denktradition und mit ihr der Festkultur dienen. Für den Ägyptologen Assmann steht der Begriff des ›Dings‹ immer in Anführungszeichen; auch wenn sein Objektbeispiel sich mühelos und überzeugend in seine verschiedenen Bedeutungsebenen auffächern lässt. Mit Hilfe eines Vergleichs, über Bild-Fragmente, kontextualisierbare Objektfunde und Texte gelangt er durch assoziativ überlagerte Gedankenexperimente zu plausiblen Deutungsweisen von Funktionen. Sein Beitrag ist insofern beispielhaft für ein etabliertes methodisches Vorgehen einer bestimmten Disziplin. 
Der sachsen-anhaltinische Landesarchäologe Harald Meller (Halle) befasst sich in seinem Beitrag mit einem der bedeutendsten Funde der Archäologie, der Himmelsscheibe von Nebra, deren Objektbiographie Meller sowohl für ihr ›erstes Leben‹ in der Bronzezeit als auch bezüglich der kriminalistischen Geschichte ihres Fundes und der darauf folgenden detektivisch anmutenden Forschungsleistung nachzeichnet. Im Zentrum des Beitrags steht die Himmelsscheibe als Beispiel für den bronzezeitlichen Wissensverlust und das Missverständnis, das sich durch eine Überlieferungslücke einer schriftlosen Kultur ergeben haben muss sowie der Versuch sowohl die ursprüngliche Funktion und Bedeutung als auch die sekundären Umdeutungen der Scheibe darzulegen. Meller skizziert anhand der Entwicklung der sich überlagernden applizierten Bildinhalte die »›biografischen Veränderungen‹ des Bedeutungsinhalts der Himmelsscheibe« (180), die er in fünf Phasen aufteilt: Während die Urform der Scheibe heute um 1800 v. u. Z. datiert und als Lunisolarkalender identifiziert wird, wurde in der zweiten Nutzungsphase ca. 100 Jahre später mit der Anbringung der beiden Horizontbögen – ein Hinweis auf die Vorstellung eines Kuppelweltbildes – die erste Bedeutung und Funktion überschrieben. Nur ein paar Jahrzehnte später wurde ein weiterer, als Schiff interpretierter Bogen angebracht, mit dem die Himmelsschreibe vom astronomischen Instrument zum Kultbild wurde. Um 1700 v. u. Z. wurde der Rand gelocht und vermutlich mit organischem Material eingefasst, das als eine Rückbesinnung auf einen Sonnenkult hindeutet. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts v.u.Z. wurde sie als Götteropfer zusammen mit anderen Objekten an einem zur Sommersonnenwende günstig gelegenen Ort niedergelegt, wo sie 3600 Jahre später ‒ 2001 – von Raubgräbern entdeckt wurde und nur durch geschicktes taktisches Vorgehen heute öffentlich zugänglich ist. Die oben skizzierte Deutung der einzelnen Phasen wäre nicht ohne die Hilfe moderner Materialanalyseverfahren noch ohne ein weit gestreutes Netzwerk an Spezialisten möglich gewesen. Meller verwendet den Begriff des ›Eigensinns‹, um die Deutung des zugeschriebenen Sinns der jeweiligen Phase zu beschreiben, in der sich die Himmelsschreibe von Nebra »in nur etwa zwei Jahrhunderten von einem Gegenstand höchst komplexer intellektueller Verdichtung des eingeschriebenen vielschichtigen astronomischen Wissens zu einem bloßen religiösen Sonnen- oder Himmelssymbol ohne größere Bedeutung« entwickelte, wodurch das Objekt eine »Entwicklung vom Logos zum Mythos« vollzog (192). Im Fall der Himmelsschreibe hatte das Abreißen der mündlichen Tradition die jeweilige Belegung mit neuer Bedeutung überhaupt erst ermöglicht. 
Kritisch anzumerken ist, dass sich im vorliegenden Sammelband weder Vertreterinnen oder Vertreter der Geschichtswissenschaften, die ebenfalls mit ›Sachquellen‹ arbeiten noch der Literaturwissenschaften, die sich für die Rolle von Gegenständen in Narrativen interessieren, finden lassen. Eine Vollständigkeit in Bezug auf alle jene Fächer, die sich in der aktuell zu verzeichnenden Konjunktur des Materiellen aufzuzeigen, war jedoch sicher nicht das Ziel des Herausgebers. Das hat Hans Peter Hahn zusammen mit Stefanie Samida und Manfred Eggert bereits in dem umfassenden Handbuch Materielle Kultur (2014) getan. (1) 
Der von Hahn vorgeschlagene Begriff des Eigensinns ist überdenkenswert; der Versuch, einen Generalbegriff finden zu wollen, ist verstehbar. Ob jedoch der polyvalente ›Containerbegriff‹ des ›Eigensinns‹ passend ist, muss weitere Forschung zeigen. Denn er soll sowohl den Verlust der Einbettung, also die Dekontexualisierung, fassen wie auch die Beiläufigkeit der alltäglichen Dinge, die Grenzen der Aufwertung des einzelnen Objekts sichtbar machen. Darüber hinaus soll er den unbestimmten Zusammenhang zwischen Verwahrungsort, Nutzung und Bedeutung und auch die Komplexität der Wahrnehmungen aufnehmen, die Ambivalenz und Widersprüchlichkeit der Bewertungen sowie die ›Überraschung‹, die von Objekten ausgehen kann. Insgesamt wird dem Begriff zu viel zugemutet: einerseits die vielfachen Hervorbringungen und Evokationen des Objekts aufzunehmen und andererseits den permanenten Schwebezustand durch die Mehrdeutigkeit, die jedem Objekt inhärent ist, beschreiben zu müssen. Aus der Sicht der Geschichtswissenschaften ist der Begriff des »Eigensinns« klar an einen im eigenen Interesse handelnden Akteur gebunden. (2)  Allgemeinsprachlich wird unter »eigensinnigem« Verhalten durchaus auch antisoziales, störendes, sich widersetzendes Verhalten verstanden. Legt man diese beiden Deutungen zugrunde, wären die ›eigensinnigen‹ Dinge doch wieder als Akteure zu verstehen und die Entfernung zu Latours Modell nicht mehr allzu groß. Hier gilt es, (noch) schärfer zu trennen zwischen belebter und unbelebter Welt. 
Mehrfach wechselt der Text zwischen der Beschreibung und Analyse der den Gegenständen vermeintlich inhärenten Eigenschaften und den durch sie evozierten Wahrnehmungen, die mitunter doch wieder so erscheinen, als lägen sie in den Dingen selbst begründet und nicht in der Wahrnehmung der Rezipienten. So sind nicht die Dinge selbst ambivalent, sondern ihre Bewertung, nicht die Dinge selbst sind widersprüchlich, sondern die von außen an sie herangetragenen Zuschreibungen (36-42). Das Beispiel des überraschend klingelnden Handys als Eigensinn zu bewerten, überzeugt nicht, denn es wird in dem Moment von einer anderen Person angerufen oder es führt eine Funktion aus, die der Besitzer vorher willentlich festgelegt hat. Unabhängig von diesem Band und seinen Autoren zeigt sich hierbei das generelle Problem der sprachlichen Fassbarkeit und Übersetzbarkeit von Dinglichkeit, aller der den Dingen inhärenten und durch sie ausgelösten Funktionen und Bedeutungen. 
Hahns Sichtweise lässt die Waagschale auf der Seite der Wahrnehmenden sinken; sie hat kein dingliches Gegengewicht. Die Beziehung zwischen dem Objekt und dem wahrnehmenden Menschen klärt der Text nicht hinreichend: Ist das Objekt nur passives Trägergefäß oder moderiert es die von ihm ausgehenden (?) und auf es projizierten Bedeutungen in irgendeiner Form? Wie genau geht dieses Dazwischen, die Rezeption der Materialität, der Form und der Funktion, in Wahrnehmung über? Völlig außen vor bleibt die Materialität des einzelnen Objekts, die zwar durchaus haptisch-sinnlich und damit subjektiv wahrgenommen werden kann, aber auch ganz konkrete Fakten (wie z. B. ihren Materialwert zum Zeitpunkt ihrer Herstellung oder ihres Ankaufs) in sich birgt.
Die konsequente Anwendung von Hahns Forderung, der Beiläufigkeit Rechnung zu tragen, würde jegliche dingbezogene Forschung unmöglich machen, da bereits die gedankliche Vereinzelung von Objekten sie »entladen« würde und sie eines Teils ihrer alltäglichen Bedeutung (oder Nicht-Bedeutung) berauben würde. Nichtsdestotrotz ist Vom Eigensinn der Dinge als ein lesenswerter Digest, als »best of« von Autorinnen und Autoren zu würdigen, die das Feld der Materiellen Kulturforschung innerhalb ihrer jeweiligen Disziplinen und darüber hinaus geprägt haben und es immer noch tun. Der Vorteil dieses Bandes ist es, in kondensierter Form Inhalte, Thesen, Erkenntnisse und neuere Forschungsansätze zu präsentieren, mit denen sich alle Autoren bereits seit Dekaden befassen oder befasst haben. Dem erklärten Ziel des Bandes ist auf jeden Fall zu folgen: »Mit dem Konzept des ›Eigensinns der Dinge‹ ist […] die Anregung verbunden, die Frage, wie Mensch und Ding zueinander stehen, neu zu denken und manche in den letzten Jahren zur scheinbaren Gewissheit gewordene Theorie noch einmal zu hinterfragen« (55).


Dr. Annette C. Cremer, Justus-Liebig Universität Gießen, FB 04 Geschichte, Otto-Behaghel-Str. 10 C, D-35394 Gießen; E-Mail: annette.cremer@geschichte.uni-giessen.de


Anmerkungen

(1) Siehe auch die Rezension von Daniel Kazmaier in KulturPoetik 15 (2015) 2, S. 290-294. [zurück]
(2) Alexander Jendorff, Eigenmacht und Eigensinn. Zum Verhältnis von Kollektivität und Individualität im alteuropäischen Adel. In: HZ 292 (2011), S. 613- 644. [zurück]