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In: KulturPoetik 2016, Heft 2

Autor

Marie Vorländer

Titel

Soll und Haben seit Rudolf von Ems
Jost Hermand, Das liebe Geld! Eigentumsverhältnisse in der deutschen Literatur. Köln u. a.: Böhlau 2015. 356 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

»Wie heißt es doch in altbürgerlichen Zeiten: Vom Besitz, vom Eigentum, vom ›lieben Geld‹ spricht man nicht« (S. 11) – anders Jost Hermand in seiner 2015 erschienenen Monographie, welche die Geld- und Eigentumsverhältnisse in der deutschsprachigen Literatur vom Mittelalter bis in die Gegenwart zu ergründen sucht. Hermands kritischer Position gegenüber einer textimmanenten Interpretation verdankt der Band seine Methode. So stehen nicht die literarischen Texte im Fokus seiner Betrachtung, sondern vielmehr deren sozialideologischen Grundlagen. Dies entspricht der Kritik des emeritierten Kulturhistorikers an einer Germanistik, die sich »auf die Deutung innerliterarischer Bezüge beschränkt«, wie sie bereits mehrfach in anderen Monographien geäußert wurde (S. 7). Denn nach Hermand gelte es, die durch die »poststrukturalistischen Bemühungen im Gefolge des Postmodernismus« verursachte »Entflechtung der Germanistik« von außerliterarischen Bezügen zu überwinden, um auch weiterhin als eine der Gesellschaft verpflichtete Disziplin wahrgenommen zu werden (S. 8). Konkret heißt dies für ihn: Die Germanistik darf nicht mehr »ihre Augen vor den Nöten der immer größer werdenden Unterschichten und der durch die Überindustrialisierung herbeigeführten Naturzerstörungen« verschließen, sondern sie soll sich qua Untersuchung der »materiellen Voraussetzungen« von Literatur wieder zu jener gesellschaftlich relevanten Disziplin erheben, als die sie in ihren Anfängen gegolten hat (S. 10). Diesem selbst auferlegten Grundsatz folgend untersucht der Verfasser, wie sich die ökonomische Formation der Gesellschaft auf das schreibende Individuum und literarische Texte ausgewirkt hat. 
In seinen Einzelinterpretationen, die jeweils ein Kapitel umfassen, orientiert sich Hermand an drei im einleitenden Abriss vorgestellten Fragen, die vornehmlich die Autoren der betreffenden literarischen Texte sowie ihr Umfeld in den Fokus nehmen (S. 11). Die Ausgangsfrage zielt auf ihr »soziales Herkommen« und die damit »verbundenen Bildungsvoraussetzungen«, die an den historischen, sozial- und kulturgeschichtlichen Umständen ihrer Zeit gemessen werden (S. 11). Auf welche Weise die Autoren sich der »sozioökonomischen Spannungen« bewusst waren, wird in einem zweiten Schritt gefragt (S. 11). Daraus resultiert die für Hermands ideologiekritischen Ansatz zentrale Frage, inwiefern die Autoren eine affirmative oder kritische Haltung gegenüber den »herrschenden Besitz- und Machtverhältnisse[n]« (S. 10) einnahmen und somit die materiellen Vorrausetzungen ihrer Lebensumstände in ihren Werken reflektierten. 
In insgesamt zwanzig so gearteten Interpretationen durchstreift Hermand modellhaft die deutschsprachige Literaturlandschaft, um auf diese Weise die »Entwicklung vom Feudalismus über den Handelskapitalismus zum Industriekapitalismus und schließlich Finanzkapitalismus« (S.12) nachzuzeichnen. Diesem geschichtlichen Prozess ist auch die chronologische Struktur des Bandes verpflichtet. Im Sinne der materialistischen Geistesgeschichte verbleiben die Interpretationen nicht bei der bloßen Differenzierung von Basis und Überbau, sondern werden in diesem Spannungsfeld dialektisch aufeinander bezogen. Folglich sind die Kapitel strukturäquivalent aufgebaut, denn den Auftakt bildet immer die historische Verortung des besprochenen Werkes. In den folgenden Unterkapiteln verschwimmen jedoch die Grenzen zwischen kulturgeschichtlicher und biographischer Kontextanalyse sowie der eigentlich im Zentrum stehenden Interpretation der Werke. Die somit gewonnene flexible Beobachtungsweise zeigt sich auch darin, dass nicht nur einzelne Romane und Dramen besprochen werden, sondern Hermand intertextuelle Bezüge herausarbeitet, wie es etwa im Kapitel »Protestantischer Arbeitsethos« besonders flagrant wird. In der Auseinandersetzung mit Jörg Wickrams Romanen Der Jungen Knaben Spiegel und Ein schönes Evangelisch spiel von dem verlornen sun sowie Eine warhafftige History von einem ungerahtnen Son legt er pointiert dar, wie die biblische Parabel vom verlorenen Sohn als Rahmung für Wickrams »Erziehungsroman[e]« (S. 50) dienen. Diese Rahmung vermittle einerseits die Notwendigkeit der Erhaltung »einer ökonomisch abgesicherten Existenz« und anderseits die des »Erwerb[s] von Bildungswerten« (S. 49). 
Mit der vorliegenden Monographie liefert Hermand ein konkretes Beispiel zu seiner bereits theoretisch formulierten Methode des »synthetischen Interpretierens«, die er 1968 im gleichnamigen Werk konzipiert hat. (1) Dem potenziellen Vorwurf isolierter Einzelerkenntnisse begegnet der Autor mit komparatistischen Ansätzen, indem er etwa im Kapitel »Bürgerliche Sympathisanten und proletarische Widersacher« die Dramen Vor Sonnenaufgang von Gerhart Hauptmann und Denkwürdigkeiten und Erinnerungen eines Arbeiters von Carl Fischer gegenüberstellt und miteinander vergleicht. Beide gelten für ihn als »Sympathisanten« mit der »unterdrückten Arbeiterklasse« (S. 139), wobei die Unterschiede in den jeweiligen Werken durch das soziale Milieu bedingt seien. Fischer wirke daher »in seine[n] Berichte[n] über die herrschenden Besitz- und Arbeiterverhältnisse« (S. 151) authentisch, wohingegen Hauptmann als bloßer »bürgerlicher Sympathisant« (S. 145) keineswegs zu einer Wendung der bestehenden Verhältnisse beitrage. 
Sieht man von stellenweise lapidaren Formulierungen und einem links-intellektuellen Tenor einmal ab, muss man den Band als einen eindrucksvollen und umfangreichen materialistisch-geistesgeschichtlichen Überblick über die literarische Widerspiegelung von Geld- und Eigentumsverhältnissen vom Mittelalter bis in die Gegenwart begrüßen. Leider ist diese Stärke des Bandes auch zugleich seine Schwäche, denn die Einzelinterpretationen stehen ohne begriffsgeschichtlich systematisierte Überlegungen zum Themenkomplex unverbunden nebeneinander. 
So endet der Band nun auch nicht seiner eigenen Logik entsprechend mit dem 2004 veröffentlichten Roman Landnahme von Christoph Hein, den Hermand als »unbestechliche[n] Chronist der sozioökonomischen Verhältnisse« (S. 296) klassifiziert, sondern mit dem zwei Jahre zuvor erschienenen Romans Wenn wir sterben von Ernst-Wilhelm Händler. Dieser Roman, im falschen aber »allgemein legitimierten Bewußtsein« geschrieben, stelle die »systemimmanente Gier« aus, statt sich dem »gesamtgesellschaftlichen Verblendungssyndrom« (S. 318) entgegenzustellen. Der Vorwurf richtet sich nicht nur gegen die zeitgenössische Literatur, sondern auch gegen die Literaturtheorie als solche. In den letzten Sätzen der Monographie greift Hermand die anfangs geäußerte Kritik an einer Literaturwissenschaft, die die Augen vor dem gesellschaftlichen Wandel verschließt, wieder auf, sodass der Eindruck entsteht, dass seine Erkenntnisse dem Ziel einer Veränderung des gesellschaftlichen Bewusstseins unterstellt sind: Es scheint die versteckte Intention des Bandes zu sein, qua Erläuterungen der vergangenen herrschenden Vermögens- und Eigentumsverhältnisse einen Beitrag zur Veränderung der gegenwärtigen Verhältnisse zu leisten. Damit bleibt Hermand jedoch seinem eigenen Anspruch an eine verantwortungsvolle Germanistik treu und versucht zugleich den ›Graben‹ zwischen den Disziplinen der Kultur- und der Literaturwissenschaft mittels seiner Methode der »synthetischen Interpretation« zu überwinden.

Marie Vorländer, Universität München, Institut für deutsche Philologie, Schellingstraße 3, D-80799 München; E-Mail: marie.vorlaender@lmu.de 
 

Anmerkungen

(1) Jost Hermand: Synthetisches Interpretieren ‒ Zur Methodik einer Literaturwissenschaft. München 2. Aufl. 1969. [zurück]