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In: KulturPoetik 2016, Heft 2

Autor

Hanna Matthies

Titel

Begriff – Konzept – Lebensraum? Aktuelle Ansätze zum Naturverständnis in den Geistes- und Sozialwissenschaften
Aurélie Choné/Isabelle Hajek/Philippe Hamman (Hg.), Guide des Humanités environnementales. Paris: Septentrion 2016. 632 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Ausgangspunkt des Sammelbandes Guide des humanités environnementales (Septentrion, 2016) ist eine »crise de la notion de nature« (11), zu deren Verständnis und Analyse der Band beitragen will. In ihrer Einleitung weisen die Herausgeber, die Soziologen Isabelle Hajek und Philippe Hamman sowie die Germanistin Aurélie Choné, auf den altbekannten Konflikt zwischen den Naturwissenschaften und den Humanwissenschaften hin, der zu einer künstlichen Trennung von Mensch und Natur geführt habe. Deshalb sei ein interdisziplinärer Ansatz notwendig, wobei die Beiträger vor allem Soziologen, Philosophen, Historiker, Geographen, Ethnologen und Literaturwissenschaftler sind. Einige Ingenieure und Rechtswissenschaftler lassen sich ebenfalls finden. Der Guide möchte verschiedene Perspektiven gegenüberstellen und konfrontieren. Es bleibt jedoch häufig bei der Gegenüberstellung, eine synthetische Zusammenfassung wäre bei dem formulierten Anspruch, die Diskussion über den Begriff der Natur zu erweitern und neu zu perspektivieren, wünschenswert gewesen. So bleibt die Konfrontations- und Syntheseleistung dem Leser überlassen. 
Ein weiterer Anspruch des Bandes besteht darin, den eurozentrischen Blick auf die Natur zu nuancieren. Beiträge von Forschern nicht-europäischer und nicht-frankophoner Institutionen fehlen jedoch völlig, weshalb fraglich bleibt, ob diesem Anspruch in Gänze Rechnung getragen werden kann. Gewinnbringend ist hingegen der Hinweis der Herausgeber, dass innovative Ansätze zur Konzeptualisierung von Natur in den Geistes- und Sozialwissenschaften der englischsprachigen Welt sehr viel weiter verbreitet sind. Vor diesem Hintergrund verstehen sie ihren Band als notwendige Erweiterung aus französischer Perspektive. Das ist richtig und nachvollziehbar, weshalb noch mehr Selbstbewusstsein in Bezug auf die frankophone Perspektive hier nicht geschadet hätte.
Als neuartig preisen die Herausgeber nicht nur ihren interdisziplinären Ansatz an, sondern auch die Textgattung des Guide mit ihren verschiedenen Rezeptionsmöglichkeiten. Wie werden nun Form und Anspruch miteinander verbunden? Zunächst gliedert sich das mit ca. 600 Seiten und über 50 Aufsätzen recht umfangreiche Werk in zwei Teile. Der erste Teil mit dem Titel Comment penser la nature? enthält Beiträge, die sich mit verschiedensten Theorien und Theoretikern, aber auch mit Einzelanalysen und Ansätzen zu Konzepten von Natur befassen. Die Herausgeber fassen den Anspruch dieser Sektion mit dem etwas nebulösen und an Foucault erinnernden Begriff der »production des savoirs […] entre les disciplines […] sur la question de la ›nature‹« zusammen (21). Der zweite Teil Comment vivre avec la nature? beschäftigt sich mit »les imaginaires et les usages de la nature« (21), wobei die suggerierte Trennung zwischen Theorien und Vorstellungen nicht immer ganz klar ist. Die Titel der einzelnen Beiträge sind zudem extrem knapp und reichen von écoformation über poétique de la nature bis hin zu forêt und changement climatique. Während einige Titel recht deutliche Erwartungen evozieren, bleiben andere wie man sieht eher allgemein. Es fragt sich, ob nicht gerade bei der Textsorte des Guide mehr Eindeutigkeit und Klarheit ‒ sowohl in der Strukturierung des gesamten Bandes, als auch in der Benennung der einzelnen Beiträge ‒ sinnvoll gewesen wären. Regelrecht verwirrend wird es, wenn zwei aufeinander folgende Aufsätze mit den Titeln Esthétique de l’environnement (145-157) und Esthétique de la nature (157-165) eine klare begriffliche Unterscheidung der Bereiche Natur und Umwelt suggerieren, bei Lektüre der Texte jedoch deutlich wird, dass sich diese nicht durchhalten lässt. Hicham-Stéphane Afeissa verortet die Umweltästhetik zwischen Philosophie und ästhetischer Analyse und zeigt auf, wie sie aus Überlegungen zur Naturästhetik hervorgegangen ist: »Toute l’originalité de l’approche défendue en esthétique environnementale, pourrait-on dire, a consisté à prendre la nature, mais aussi le sujet qui s’y rapporte à la lettre des matières qui les composent« (152; Herv. im Original). Auch Nathalie Blanc kommt in ihrem Aufsatz zu dem Schluss: »Une esthétique de la nature n’est pas une esthétique environnementale. Elle en est une composante ou vice versa« (163). In anderen Beispielen funktioniert die Schwerpunktsetzung bei ähnlichen Themen besser. So konzentriert sich Vincent Béal in seinem Aufsatz Modernisation écologique (223-235) auf die Umweltpolitik und die Harmonisierung ökonomischer und ökologischer Interessen, während Nicolas Buclet in seinem Text über die Écologie industrielle (235-243) die technologischen Aspekte des Zusammenspiels von Ökonomie und Ökologie hervorhebt. In Bezug auf die Form insgesamt lobend zu erwähnen ist die einheitliche Länge der Beiträge und ein Namens- und Sachregister am Ende, das die Orientierung etwas erleichtert.
Dem Anspruch der Interdisziplinarität wird in überzeugender Weise Rechnung getragen. Das lässt sich gut an drei Aufsätzen zeigen, die sich aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln mit Stadt und Natur beschäftigen. Während Jean-Michel Rietsch in Ville naturante. Le language poétique de Pierre Sansot (1928-2005) (183-193) das poetische und poetologische Potenzial von Städten ausleuchtet, die erzählt werden und sich gleichzeitig selbst erzählen, folgt mit Écologie urbaine (193-201) von Isabelle Hajek und Jean-Pierre Lévy eine stadtplanerische Perspektive, die die Stadt als Ökosystem und Lebensraum beschreibt. Philippe Hamman schließlich setzt sich kritisch mit dem Urbanisme durable (201-213) auseinander, den er vor allem als Image- und Marketingfaktor ansieht. 
Alles in allem unterscheiden sich die Beträge aber erheblich in Form, Inhalt, Ansatz und Ziel, weshalb zum Schluss noch einige positive und negative Beispiele herausgegriffen werden sollen. Zunächst zu den weniger überzeugenden Beiträgen: In der Einleitung betonen die Herausgeber weder essentialistisch, noch relativistisch zu sein und »la division ›classique‹ sujet / objet présente dans bien des études sur la nature« (22) überdenken zu wollen. In diesem Sinne springt die binäre Argumentationsstruktur Éric Navets in seinem Aufsatz Ethnoécologie (277-287) ins Auge, wenn er Inuit, nordamerikanische und guyanische Indianerstämme als »les peuples traditionels« (283 u.a.) bezeichnet und dem »Homme occidental« (279 u.a.) gegenüberstellt. Pierre Le Roux strebt in Ethnozoologie (297-311) eine Darstellung der Entwicklung des Fachs an. Er bemerkt: »Il est enfin une qualité véritablement commune à la botanique, la zoologie et l’ethnologie, nécessaire pour ces disciplines et leurs dérivés, c’est la patience requise par l’observateur des plantes, des animaux et des hommes« (298). Die sehr deutlich zutage tretende Trennung von Subjekt und Objekt wird überhaupt nicht thematisiert, was noch virulenter wird, wenn er etwas weiter unten darauf eingeht, dass die ›Ethnozoologie‹ als Fachbezeichnung zuerst im Zusammenhang mit der Erforschung eines Tewa-Indianerstammes auftauchte und nicht reflektiert, dass es sich durchaus um Menschen handelte (298), was im Kontext des Begriffs der ›Zoologie‹ etwas irritierend wirkt. In seinem Beitrag zur Histoire animale (311-125) fordert Éric Baratay: »Il faut aussi abandonner la conception occidentale […] d’animaux passifs […] voire poser comme hypothèse de départ que des animaux ne sont pas seulement des acteurs influençant l’homme, mais aussi des individus« (313). Er möchte deshalb Tierbiographien historisch verbürgter ›Tierpersönlichkeiten‹ schreiben, die nicht anthropozentrisch ausgerichtet sind und die Individualität des Tieres in den Blick nehmen. Dabei erhebt er ausdrücklich einen wissenschaftlichen und keinen literarischen Anspruch, dem er nachkommen will »en ne parlant que des aspects évoqués par les contemporains des évènements« (321). Mit keinem Wort wird problematisiert, dass er den Akteur Tier natürlich allein aufgrund der problematischen Quellenlage wieder zum Objekt seines und des Blicks der Zeitgenossen macht.
Nun noch zu den besonders anregenden Aufsätzen: Nathalie Schiffino setzt sich in ihrem Artikel Risque (491-501) mit dem sich historisch wandelnden Verhältnis zwischen Mensch und Natur anhand der unterschiedlichen Wahrnehmungen von Risiken und Gefahren auseinander, die von Naturkatastrophen ausgehen. Während der Mensch in der Antike als Teil der Natur angesehen wurde, weshalb Risiken nicht objektivierbar schienen, sondern sich als bedrohlich oder bezaubernd darstellten, gelang es durch technischen Fortschritt und wachsendes Wissen, Gefahren immer besser zu beherrschen. Heute hingegen sei die Natur »moins maîtrisable qu’hier« (496), wofür die Autorin zeitliche, geographische und demographische Gründe anführt. So gelingt es ihr, wissenschaftliche, technische, psychologische und kulturelle Faktoren zu skizzieren und anhand der Frage nach der Bewertung von Risiken in einen überzeugenden Zusammenhang zu bringen. Helga Scarwell und Isabelle Roussel betonen hingegen in ihrem Beitrag über den Changement climatique (511-521) die heutige Tendenz »à avoir recours à des procédés techniques sophistiqués, précisément pour se réfugier dans un monde mieux maîtrisé« (513) und widersprechen damit in gewisser Weise Schiffino. Dieser Widerspruch scheint mir jedoch eine Frage der Perspektive und daher produktiver Natur zu sein.
Einen ganz anderen Aspekt beleuchtet Laurence Dahan-Gaida in ihrem literaturwissenschaftlichen Beitrag zur Épistémocritique de la nature (173-183). Sie geht davon aus, dass Literatur (naturwissenschaftliches) Wissen von der Natur transportiert und verarbeitet. Aufgrund dieser These stellt sie die sich wandelnden Naturepisteme bei Flaubert und Goethe in einer sehr anregenden Analyse dar und spannt dann einen Bogen bis zur Gegenwart. Etwas verwundern mag da einzig, dass Michel Foucault, der als Vordenker dieses Ansatzes gelten kann, mit keinem Wort explizit erwähnt wird. Emmanuelle Peraldo liefert schließlich in ihrem Aufsatz zur Ecocritique (165-173) einen guten Überblick über die historische Entwicklung ihres Gegenstandes, stellt verschiedene Strömungen vor und bietet zuletzt einen interessanten Einblick in ihre eigene Forschung.
Alles in allem löst der Band seinen Anspruch einen Querschnitt der Theoretisierung und Wahrnehmung der Natur in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu bieten durchaus ein und ist in seiner Bandbreite anspruchsvoll und mutig. Wie die Rezension schlaglichtartig gezeigt hat, enthält er inhaltlich, formal und strukturell eine große Vielfalt an Themen und Herangehensweisen.

Hanna Matthies M.A., Universität des Saarlandes, FR 4.1 Germanistik – Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: h.matthies@mx.uni-saarland.de