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In: KulturPoetik 2016, Heft 1

Autor

Susanne Bayerlipp

Titel

Das Zeitalter des Pränatalismus – über die Abbildbarkeit des Ungeborenen
Daniel Hornuff, Schwangerschaft. Eine Kulturgeschichte. Paderborn: Wilhelm Fink 2014. 304 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Möchte man Daniel Hornuff in seiner Kulturgeschichte der Schwangerschaft folgen, befinden wir uns seit dem 1. August 1991 in einem neuem Zeitalter: dem Zeitalter des Pränatalismus. Die Geburtsstunde datiert Hornuff auf den Tag, an dem das Magazin Vanity Fair mit Demi Moore auf dem Cover erschien ‒ unbekleidet und hochschwanger. Die Fotografie von Annie Leibovitz ist seither zu einer vielzitierten Ikone avanciert. Dass wir uns inmitten dieses neuen Zeitalters befinden, zeigt sich gegenwärtig in alten und neuen Medien gleichermaßen: Klatsch-Zeitschriften heizen bei jeder kleinsten Wölbung am Bauch eines weiblichen B-Promis die Gerüchteküche neu auf. Auf Twitter posten Models Selfies, auf denen sie sich in der Sonne räkelnd ihre Schwangerschaftsbäuche mit Creme bemalen, um nur wenige Wochen später straff-erschlankt auf dem Laufsteg zu glänzen. Während Frauen einst versuchten, ihre ›anderen Umstände‹ möglichst bedeckt zu halten – bereits die begriffliche Verschleierung der Schwangerschaft macht dies deutlich –, zeigt sich im öffentlich ausgestellten Schwangersein prominenter Models, Schauspielerinnen oder Politikerinnen nicht nur ein neues Selbstverständnis, sondern auch eine neue Ästhetisierung von Schwangerschaft.

In zehn kontext- und bildreichen Kapiteln geht Daniel Hornuff diesem neuen Phänomen auf den Grund. Er stellt bereits zu Beginn klar, dass er in seiner Kulturgeschichte weder auf historische noch theoretische Vollständigkeit abziele. So sind die Kapitel auch nicht chronologisch aufgebaut, sondern greifen unterschiedliche thematische Aspekte auf und ordnen sie ihren Kontexten und Traditionen zu. Die historischen Diskurse dienen vor allem als »ideengeschichtliche Hintergrundfolie« (20), um die Bedeutung zeitgenössischer Darstellungsweisen pränataler Ästhetik verortbar zu machen.
Auf die methodisch-theoretische Grundlage seines Vorgehens geht Hornuff im ersten Kapitel ein. Der Begriff »Sichtbarmachung«, der dieses Kapitel überschreibt, könnte sich aber auch als eine Art Motto auf das gesamte Buch beziehen. Denn im Zentrum der Untersuchungen steht nicht die Schwangere in ihren ›anderen Umständen‹ sondern das Ungeborene, und hier vor allem die Problematik, die das Abbilden dieses Unsichtbaren mit sich bringt. So kann Hornuffs Buch nach eigener Aussage auch »als Lehrstück über die Macht und Ohnmacht von Bildern gelesen werden« (28). Mit einer gewissen distanzierten Verwunderung beschreibt er dabei die Wirkmächtigkeit sonografischer Abbildungen und zeigt sich geradezu irritiert über einen kaum hinterfragten Bilderglauben in der Pränataldiagnostik. Er erinnert hier ausdrücklich an Luhmanns Postulat, der Wissenschaftler müsse die »Realität in ihrer Realitätskonstruktion« (33) distanziert analysieren. Auf Hornuffs Gegenstand gewendet, bedeutet dies auch Schwangerschaft in ihrer Konstruiertheit zu entlarven.

Gerade in den historischen Analysen pränataler Abbildungen, wie sie Hornuff unter anderem im zweiten Kapitel bespricht, wirkt sein rhetorisch gefeiltes ›Sezieren‹ anatomischer Darstellungen überzeugend und auf den Punkt. Die klassizistischen Darstellungen des Anatomen Samuel Thomas Soemmering, aber auch die seines schottischen Zeitgenossen William Hunter setzt Hornuff in eine ästhetische Tradition mit den Fotografien des Schweden Lennart Nilsson, dessen pränatale Fotoserie Drama of Life Before Birth im Life Magazine 1965 weltweit für Aufsehen sorgte. Hornuff zeigt, wie bei Soe¬m¬mering nicht die wissenschaftliche Forschung, sondern die gestalterische Absicht bei der Darstellung des Ungeborenen maßgeblich war. So sollte Soemmerings Fötus makellos wirken, der natürliche Ausdruck im Vordergrund stehen; individuelle Absonderlichkeiten hätten von der objektiven Betrachtung ablenken können. Die bildgestalterische Praxis war hier maßgebend. Soemmerings Fötus scheint, ganz losgelöst aus seiner natürlichen, uterinen Herkunft, ein nahezu perfektes, autonomes Subjekt darzustellen.

Ganz anders wirkt die schaurig-schöne Darstellung Hunters: Der Fötus liegt zwischen Organen und Gedärmen eingebettet in einem Ausschnitt – im wörtlichen Sinne, denn die Beine sind mit einem sauberen Schnitt abgetrennt – des weiblichen Unterleibs, die aufgeklappte Bauchdecke eröffnet dem Betrachter Einblick in sonst Verborgenes. Hornuff setzt die beiden bildgestalterischen Anatomen einander gegenüber und hält fest: »wo Hunter zerhackte, ließ Soemmerring verführen« (51). Im nächsten Schritt setzt er die Fotografien Nilssons in die Tradition eines Soemmering oder eines Hunter und zeigt wie die Ästhetisierung des Ungeborenen aufgegriffen und später zum Beispiel von der ProLife-Bewegung politisiert wurde. Erst durch die Ästhetisierung wird, so Hornuffs überzeugendes Argument, das eigentlich unsichtbare Ungeborene zum Subjekt.

In Kapitel 3 wirft Hornuff einen Blick zurück auf die Antike und die Darstellung des Ungeborenen in voranatomischen Zeiten. Er zeigt wie die Idee vom Uterus als tragendem Gefäß und die damit einhergehende Reduzierung der Frau auf ihre Gebärtätigkeit sich bis ins 19. Jahrhundert nur graduell wandelten. Kapitel 4 widmet Hornuff vor allem Leonardo da Vincis Zeichnung Der hockende Knabe im Uterus. Unbewusst wurde hier eine Ikone erschaffen, die nicht nur im Laufe der frühen Neuzeit und des Barock von zahlreichen Anatomen immer wieder imitiert wurde, sondern sich auch noch in den Predigten des Anthroposophen Rudolf Steiner findet. Selbst im 21. Jahrhundert kommt kaum ein Schwangerschaftsratgeber ohne Leonardos Zeichnung aus. Am Beispiel der Darstellungen des Gelehrten Vesalius zeigt Hornuff, dass, ähnlich wie schon bei Hunter, nicht unbedingt das Ungeborene selbst Zentrum der Darstellung ist, sondern die Inszenierung der Freilegung des Fötus an sich. Bereits in der Renaissance tritt dabei die Rolle der Schwangeren in der Abbildung in den Hintergrund: Sie wird zur Statistin, die lediglich der Rahmung des Ungeborenen dient.

Kapitel 5, in welchem die Abbildungspraxis in den Hintergrund tritt, wirft einen Blick auf die Präformationslehre und die damit einhergehenden Debatten, ob das Ungeborene bereits vor seiner Zeugung eine eigene Existenz führe – und wenn ja, wo. Die Debatte teilte sich in zwei Lager – in Spermisten einerseits und Ovulisten andererseits. Die Spermisten gingen davon aus, dass das kleine Menschlein bereits im Samen des Mannes lebe und zur vollständigen Entwicklung lediglich in den Uterus gespült werden müsse. Die Ovulisten hingegen vermuteten den menschlichen Ursprung in einem Ei in der Frau. Das sechste Kapitel widmet sich primär der Gegenwart und dem Porträtkult des Ungeborenen im Ultraschallbild. Die Abbildung des Ungeborenen erzeugt nicht länger nur Emotionen in der privaten Sphäre, sondern auch zunehmend im (semi-)öffentlichen Raum sozialer Netzwerke. Das Ungeborene wird zum »anderen«, das seiner Unsichtbarkeit zu trotzen scheint und auf seinen Betrachter zurückblickt. Im zweiten Teil des Kapitels setzt Hornuff die Ästhetik des modernen Ultraschallbildes erneut in historische Relation und findet in dem Künstler Medardo Rosso seinen eigentlichen Vorläufer.

In der episodischen Darstellung mancher Absonderlichkeiten modernen Lebens, vom ersten (nicht-medizinischen) Ultraschallstudio in Erfurt hin zur Verwendung eines Ultraschall-Porträts als Fahndungsfoto in einer Geschichte der Bild-Zeitung (138), kippt Hornuffs bisweilen ironischer Unterton in feuilletonistischen Kulturpessimismus, wozu Allgemeinplätze wie »unsere westliche Wohlstandsgesellschaft« maßgeblich beitragen. Bisweilen wirkt es fast, als wende Hornuff eine Praktik an, die er zuvor bei dem schottischen Anatom Hunter beschrieben hatte: Er entlarvt das Unsichtbare und inszeniert es in seiner eigenen Schaurigkeit. Es steht nicht mehr länger das zu analysierende Objekt im Vordergrund, sondern die Inszenierung der Zurschaustellung. Dabei überschreiten manche Zwischenüberschriften die Grenzen des guten Geschmacks: So findet sich in diesem Kapitel z.B. die Überschrift »Fetus-to-Go« (145). Ähnlich eröffnet auch Kapitel 7 mit einer gesteigerten Polemik: »PS-Föten – Auf der Überholspur ins Leben« (153). Hier stellt Hornuff die neueste Praxis der Pränatal-Inszenierung vor: im 3D-Druckverfahren erstellte Plastiken Ungeborener. Hornuff führt die Existenz beider Abbildungsverfahren als eine Art modernen Paragone vor, in der Sonografie und Fötus-Figur um ihre Vor-herrschaft konkurrieren. Erst in Kapitel 8 widmet sich Hornuff schließlich einer Bildtradition, die im Kontext der Schwangerschaft deutlich eher zu erwarten gewesen wäre: der Darstellung der schwangeren Maria. Im zweiten Teil des Kapitels führt er geschickt zur feministischen Auseinandersetzung mit Schwangerschaft über und ordnet sie historisch ein. Er sieht ihre Bedeutung darin, dass sie das wissenschaftliche Bewusstsein geschärft und eine Bildgeschichte des Ungeborenen so erst ermöglicht habe. Erst die Verdinglichung des Ungeborenen ermögliche es, seine ästhetischen und wirkungsgeschichtlichen Dimensionen zu reflektieren.

In Kapitel 9 schließlich rückt die Schwangere selbst ins Zentrum des Interesses und mit ihr die moderne Funktionalisierung des Bauches. Diesen pregnant turn in der Umstandsmode nutzt Hornuff, um den gesellschaftlichen Wandel der Schwangerschaft zu veranschaulichen. Doch auch hier steht weniger die Schwangere selbst als vielmehr die Inszenierung des Schwangerschaftsbauches im Fokus. Hornuff beschließt seine Kulturgeschichte mit einem Rekurs vom »früheren, ungewissen schwanger?« zum »modernen triumphalen schwanger!« westlicher Gegenwart (239). Am Ende versucht er eine »äußere Typologie des Pränatalismus in einer abschließenden Formel« zu bündeln: »Die Kulturpraxis der Schwangerschaft entkoppelt die Kugel aus dem Gefäß des Körpers und hängt sie ihm als bewohntes Accessoire wieder an« (254).

Besonders in den historischen Analysen gelingt es Hornuff, die auf den ersten Blick verborgenen Ästhetisierungsabsichten der Anatomen zu Tage treten zu lassen. Die Kontextualisierungen moderner Abbildungspraxen ungeborenen Lebens wirken nie konstruiert und erschließen sich dem Leser problemlos. Hornuff erfüllt nahezu alle Erwartungen an eine Kulturgeschichte: Intelligent, informativ und bisweilen auch auf hohem Niveau unterhaltend schafft er es, unterschiedlichste gesellschaftliche und kulturelle Praktiken verschiedener Epochen in einem Werk zu vereinen. Seine ironische Distanz wirkt jedoch bisweilen befremdlich, in ihrer Schärfe manchmal sogar verstörend. Es überrascht, dass die Frau, wie schon in mancher der hier zitierten frühneuzeitlichen Abbildungen, nahezu die Rolle einer Statistin einnimmt und so wäre vielleicht der Buchtitel »Der Fötus. Eine Kulturgeschichte« passender gewesen.


Dr. des. Susanne Bayerlipp, Hochschule Macromedia, Bayerstr. 85, D-80335 München, E-Mail: S.Bayerlipp@macromedia.de