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In: KulturPoetik 2016, Heft 1

Autor

Christian Quintes

Titel

Schlafes andere Brüder. Neues zum Schlafdiskurs
(1) Hannah Ahlheim (Hg.), Kontrollgewinn – Kontrollverlust. Zur Geschichte des Schlafes in der Moderne. Frankfurt/New York: Campus Verlag 2014. 231 S.
(2) Philipp Osten, Das Tor zur Seele. Schlaf, Somnambulismus und Hellsehen im frühen 19. Jahrhundert. Paderborn: Ferdinand Schöningh 2015. 383 S

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Rezension

Volltext

Ein kurzer Besuch der Internetportale bekannter deutscher Medien, wie z.B. Spiegel Online oder Focus.de, offenbart, wie groß das öffentliche Interesse am Schlaf sein muss. Nicht nur auf den eben genannten, sondern auf allen nennenswerten deutschen Medienportalen finden sich Artikel, Videos und Ratgeber, die wahlweise helfen wollen, die Qualität des Schlafes zu verbessern (»kühl, dunkel nicht zu lang«)(1) oder vor den Gefahren von zu wenig Schlaf warnen (»Schlecht schlafen ist so riskant wie rauchen«)(2). Diese Artikel sind symptomatisch dafür, dass das kulturelle Interesse am Phänomen des Schlafens einerseits ungebrochen ist, sich aber andererseits die Fragestellungen verändert haben. Während die Diskussion der noch im 18. und 19. Jahrhundert als wichtig erachteten Fragen – Warum schlafen wir? Was passiert währenddessen mit uns? – sich zunehmend aus dem öffentlichen Diskurs in die Schlaflabore verlagern, sind vor allem in der Medienlandschaft pragmatischere Fragestellungen zunehmend relevant. Etwa: Wie kann der eigene Schlaf optimiert und verbessert werden, um den Ansprüchen einer modernen Leistungsgesellschaft zu genügen?

Dahinter steht die Idee, den eigenen Schlaf kontrollieren und perfektionieren zu können. Inwieweit dieser Anspruch aber tatsächlich ein Kind unserer Zeit ist, muss durchaus diskutiert werden. Während der vorliegende Sammelband von Hannah Ahlheim sich explizit den Problematiken des Kontrollverlustes und des Kontrollgewinns zuwendet, greift Philipp Osten einen Aspekt auf, der im heutigen Diskurs weitestgehend in den Hintergrund getreten ist, nämlich die Verwandtschaft des Schlafes mit Phänomenen wie dem Somnambulismus und dem Hellsehen.


Hannah Ahlheim (Hg.), Kontrollgewinn – Kontrollverlust. Zur Geschichte des Schlafes in der Moderne. Frankfurt/New York: Campus Verlag 2014. 231 S.

Der Sammelband basiert auf Vorträgen, die 2012 auf der internationalen und interdisziplinären Tagung Nature, Nurture, Economy. The History of Sleep in Modern Times in Göttingen gehalten wurden. Insgesamt neun Beiträge, die, chronologisch geordnet, unterschiedliche Thematiken von der Aufklärung bis zur Gegenwart behandeln, sind enthalten. Im Vorwort resümiert Hannah Ahlheim nach einführenden Bemerkungen zum Schlaf-Diskurs knapp die Thesen von Koryphäen der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Schlaf, aber auch von ihren Kritikern.

»Die Debatten, die Experten, Wissenschaftler, Ärzte, Theologen, Politiker und ›Jedermann‹ um den Schlaf führen, zeigen, welche Vorstellungen vom Menschen, von seinem Wesen, seinem Körper, seiner Seele, seinem Gehirn, seinem Bewusstsein und seinem Willen vorherrschen« (9 f.) Das ist der Leitgedanke des Sammelbandes. Auch die für diesen Leitgedanken zentralen Begriffe ›Kontrollverlust‹ und ›Kontrollgewinn‹ werden von Ahlheim eingeführt, sie dienen als Basis, »um die Widersprüchlichkeit der Geschichte des Schlafs und das Zusammenspiel von Ideen, Institutionen, sozialen und ökonomischen Entwicklungen an einem Beispiel fassbar zu machen und herausarbeiten zu können« (17). Leserfreundlich und nützlich ist die folgende, knappe inhaltliche Vorstellung der Beiträge, die es erlaubt, sich vorab ein Bild von diesen zu machen. Ergänzt wird sie durch ein kurzes, den Beiträgen nachgestelltes ›Who’s who‹ der Autoren, welches aufgrund der großen disziplinären Bandbreite der Beiträge ebenfalls sehr sinnvoll ist.

Den Anfang der Publikationen macht ein Beitrag von Sonja Kinzler, der in drei überblicksartigen Unterkapiteln Schlaf, Kontrolle, sowie Kontrollverlust in Aufklärung und Romantik untersucht und zusätzlich noch einen Ausblick ins frühe 20. Jahrhundert geben möchte. Leider kann die Autorin dies nur teilweise leisten, der Beitrag ist recht kurz geraten und Phänomene wie Vitalismus, Diätik, Brownianismus oder die Bedeutung der Schelling’schen Naturphilosophie werden sehr schnell abgehandelt. Zugutehalten muss man Kinzler jedoch, dass sie dem Schlafdiskurs bereits eine ganze Monographie gewidmet hat und die Begrifflichkeiten zumindest Lesern, die sich ideengeschichtlich im 18. und 19. Jahrhundert auskennen, vertraut sein dürften.(3)

In diesem historischen Kontext bleibt auch Ingo Uhlig, dessen Schwerpunkt jedoch auf »literarischen und philosophischen Texten« (39) und dem Faszinosum des Traumes liegt. Er geht davon aus, dass in der Literatur des späten 18. Jahrhunderts der Schlaf »bevorzugt Figuren, denen intakte und funktionierende Herrschafts- und Steuerungsinstrumente fehlen« (42), befällt und deutet den Wunsch dieser Figuren nach Ruhe als »kritische Selbsteinschätzung der Epoche« (43) der Spätaufklärung, die ihre Ziele nicht habe verwirklichen können. Demgegenüber steht die Figur des (jungen) Träumers, die Uhlig in Verbindung mit dem Genie-Diskurs bringt. Während der Schlaf also »die Kapitulation vor den Ereignissen bedeutet, ist der Genietraum die Möglichkeit, sich den komplexen Vorgängen in der Welt wieder anzunähern« (50). Damit verweist Uhlig zwar abschließend auf seine Habilitationsschrift,(4) versäumt es jedoch zugleich, den Gedanken in die Epoche der Romantik weiterzuverfolgen.

Mit einem Sonderfall, der zwischen Traum und Schlaf anzusiedeln ist, nämlich den hypnagogen Bildern (Halbschlafbildern), befasst sich Hans-Walter Schmidt-Hannisa, der Nestor der kulturwissenschaftlichen Erforschung von Traumprotokollen. Er untersucht die Entwicklung dieser Bilder vom 18. zum 20. Jahrhundert exemplarisch, mit einem Fokus auf der ästhetischen Bedeutung und Bewertung des Kontrollverlustes. Dessen anfangs negative Bewertung, so seine Beobachtung, wird dann immer mehr als positiv empfunden. Als Beleg dafür dienen ihm Texte von Karl Friedrich Pockels, Jean Paul, Johannes Müller Wilhelm Dilthey, Hugo von Hofmannsthal, Hermann Hesse und Ludwig Klage. Der Aufsatz bietet eine gelungene und gewinnbringende Betrachtung über den Wandel in der Bewertung der Halbschlafbilder.

Einen Überblick über den medizinischen Diskurs im 19. Jahrhundert ermöglicht Philipp Osten. Da dessen Aufsatz im Wesentlichen die Ideen seiner in dieser Rezension ebenfalls besprochenen Monographie Das Tor zur Seele darstellt, soll er hier nicht weiter besprochen werden.

Einen Blick auf das Verhältnis einzelner Autoren zum Phänomen des Schlafes werfen die Beiträge von Benjamin Reiss und Marie Guthmüller. Reiss analysiert die Körper in Henry David Thoreaus Walden unter Berücksichtigung der damals fortschreitenden Industrialisierung in den USA und diagnostiziert eine Tendenz zur zunehmenden Kontrolle und Privatisierung des Schlafes, sowie – recht gewagt – eine ›queerness‹ von Thoreau. Guthmüller wiederum erkennt in den Werken Italo Svevos eine Fortsetzung der Vitalismus-Debatte, die Christoph Wilhelm Hufeland mit seiner Makrobiotik (erstmals 1797 als Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern publiziert) befeuerte, jedoch keine Rekapitulation eines veralteten Modells, sondern stattdessen ein Ineinandergreifen von neuen und bekannten Ansätzen. Sie legt überzeugend dar, dass Svevo zwar nicht auf zeitgenössische Schlaftheorien rekurriert, sich aber stattdessen an Schopenhauer angelehnt hat. Beide Aufsätze bieten interessante Anknüpfungspunkte für die Beschäftigung mit den jeweils besprochenen Autoren.

Einen abschließenden Block bilden die Aufsätze von Matthew Wolf-Meyer, Hannah Ahlheim und schließlich Thomas Penzel, der den Band mit einem Blick auf die Schlafforschung der Gegenwart abrundet. Die beiden vorherigen Beiträge – ganz besonders der erste – widmen sich dem Beginn der Schlafforschung in den USA durch Nathaniel Kleitman. Wolf-Meyer, von Haus aus Anthropologe, brennt gleich zu Beginn seiner Ausführungen ein methodisches Feuerwerk ab und führt Theorien von Raymond Williams, Gilles Deleuze und Felix Guattari heran, um nachzuweisen, dass Kleitmann einen »Beitrag zur Herstellung des modernen amerikanischen Schlafes [leistet], und zwar mittels der von ihm vorangetriebenen Intensivierung der Konsolidierung, indem er den Mittagsschlaf abzuschaffen sucht« (157). So banal diese These auf den ersten Augenblick klingen mag, so erschreckend ist doch, dass Wolf-Meyer überzeugend darzulegen sucht, wie zirkadiane Rhythmen durch die Wissenschaft und Medien beeinflusst werden. Seine Befürchtung ist dementsprechend, dass die amerikanische Gesellschaft bereits eine ›control society‹ im Sinne Deleuzes sei (vgl. 180). Deshalb bricht er eine Lanze für ein Überdenken der Geschichte des Schlafes und einen neuen Umgang mit anderen Schlafformen wie dem Mittagsschlaf. Weit weniger pathetisch liest sich der Aufsatz von Hannah Ahlheim, der bereits zu Beginn den Leser in den Bann zu ziehen vermag. Unter anderem anhand des berühmten 201-stündigen ›wakeathon‹ von Peter Tripp schildert sie das Experimentieren mit Schlafentzug in den USA im 20. Jahrhundert und zeigt im Zuge der wissenschaftlichen, aber auch popularisierten Auseinandersetzung mit diesem, wie er zwar etwas von seinem Schrecken verlor, die Angst vor ihm jedoch weiterhin gekoppelt blieb an sein Gegenstück, den Traum vom Kontrollgewinn über den Schlaf. 

Auch wenn die Schlafforschung heute, wie Thomas Penzel sehr anschaulich darlegt, ein interdisziplinäres Gebiet und innerhalb der Medizin ein sogenanntes Querschnittsfach ist, stellt er in einem Rückblick, der »die Entwicklungen der Schlafforschung und Schlafmedizin über die letzten Jahrzehnte« (210) resümiert, lapidar fest, dass eine zentrale Frage bleibt, nämlich warum wir überhaupt schlafen. Zwar existieren mittlerweile plausible Ansätze, doch abschließend beantworten lässt sich die Frage nicht. Immerhin gesteht Penzel ganz offen, welche Absichten Schlafforschung und Medizin verfolgen, nämlich »die Faszination des Schlafs mit seinem individuellen Kontrollverlust zu erfassen, messbar zu machen und darüber hinaus zu beeinflussen, um so eine Kontrolle über den Schlaf herzustellen und dem Menschen, der unter Schlafstörung leidet, zu helfen« (226). So endet dieser interessante Sammelband nun mit einer Äußerung, die tief in das Menschliche blicken lässt. Am Ende steht doch wieder der Wunsch, den Schlaf zu kontrollieren.

Der Sammelband zeichnet sich durch die große Breite an Themen aus, die er abdeckt. Leider liegt darin aber auch eine Schwäche. Der erste große Block an Aufsätzen bewegt sich historisch und kulturell in etwa demselben Raum, untersucht diesen jedoch mit unterschiedlichen Methoden und jeweils auf der Basis von unterschiedlichem Material. Durch die strenge Orientierung an den beiden Leitmotiven ›Kontrollverlust und Kontrollgewinn‹ ergibt sich für den Leser ein vielschichtiges Bild des Schlafdiskures in Deutschland um 1800. Die folgenden beiden Aufsätze haben nun zwar die Gemeinsamkeit, dass sie jeweils auf einen Schriftsteller fokussieren; sie stehen jedoch ansonsten ganz für sich, es gibt historisch und kulturell keine Ergänzungen. Der letzte thematische Block wendet sich schließlich ganz von der fiktionalen Literatur ab und der empirischen Erforschung des Schlafes zu, obwohl es insbesondere Hannah Ahlheim nicht versäumt, kulturelle Berührungspunkte aufzuzeigen. Dementsprechend ist der Band für eine kulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen generell sehr ergiebig. Wer sich aus spezifisch literaturwissenschaftlicher Perpsektive mit dem Thema beschäftigt, der kann zumindest bezüglich der ›Goethezeit‹ auf interessante Erkenntnisse zurückgreifen.


Philipp Osten, Das Tor zur Seele. Schlaf, Somnambulismus und Hellsehen im frühen 19. Jahrhundert. Paderborn: Ferdinand Schöningh 2015. 383 S.                                                                           

Philipp Osten legt mit seiner Monographie einen Band vor, der im Verhältnis zum behandelten Zeitabschnitt von ca. 1800 bis ca. 1840 recht umfangreich ist. In insgesamt sieben Kapiteln, inklusive einer gut verständlichen Einleitung und einer knappen Schlussbemerkung, befasst er sich mit zahlreichen Ansichten zum Schlaf und den – zumindest damals als artverwandt empfundenen – Phänomenen Somnambulismus und Hellsehen. Die Entscheidung für die Verwendung von Endnoten, welche zudem kapitelweise gesetzt worden sind, erleichtert zwar einen ununterbrochenen Lesefluss, mutet jedoch bei zumeist über 100 Stück pro Kapitel (Rekord sind immerhin 309 Stück) etwas merkwürdig an, fast als sei eine Konfrontation des Lesers mit diesen nicht erwünscht. Zumindest die studentischen LeserInnen mögen sich darüber freuen.

Nach einem kurzen Überblick über den Aufbau seines Werkes steht zu Beginn die Frage einer möglichen Historisierung von Schlaf. »Ein Begriff vom Schlaf […] entsteht in Abhängigkeit von den ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen, unter denen er sich vollzieht und unter denen über ihn reflektiert wird« (21), so die Erkenntnis, die Osten dem Leser im Überblick über die Forschungsliteratur an die Hand gibt. Dieser ist knapp, aber nichtsdestotrotz gelungen. Osten bespricht Literatur zu ›Schlaf in Antike und Neuzeit‹, zu ›Mesmerismus/Somnambulismus/Magnetismus‹ und zur ›Sozial- und Wissenschaftsgeschichte‹ durchaus kritisch. So hat er zwar für Roger Ekirchs vieldiskutierte Monographie In der Stunde der Nacht auch Lob übrig,(5) bemängelt aber zugleich deren methodischen Ansatz, da man – so Osten – entweder biologistisch, also mit anthropologischer Konstante oder kulturell-ökonomisch argumentieren könne, nicht jedoch beides zusammen. Gerade für eine weitere Beschäftigung mit der Thematik des Schlafes ist Ostens Einführung in die Forschungsliteratur äußerst gewinnbringend.

Diesen Bemerkungen folgt die Entwicklung der eigenen These, welche mit zwei kleineren, grundlegenden Kapiteln beginnt, in deren Fokus Berichte über Somnambulismus und Schlaf stehen, beides Phänomene, die für Osten relevant sind und deshalb ausdifferenziert werden müssen. Das im Untertitel der Monographie ebenfalls enthaltene ›Hellsehen‹ wird allerdings eher als Begleiterscheinung des Somnambulismus denn als eigenständiges Phänomen gesehen. Osten vermittelt also einen Überblick über den Somnambulismus und dessen Entwicklung: Auch für Leser, die mit der Thematik des Mesmerismus bereits vertraut sind, sind diese Schilderungen gewinnbringend; kurz und knackig stellt Osten dessen Reimport nach Deutschland dar und fasst das von Carl Alexander Ferdinand von Kluge entwickelte Klassifikationsmodell für Somnambule zusammen, schildert auch den Berliner Magnetismus-Streit und stellt als ein Beispiel für die Professionalisierung wissenschaftlicher Fallberichte die Person und die Ideen des für seinen Argumentationsgang wichtigen Carl Christian von Klein vor. Er kommt letztlich zu folgendem Ergebnis: »Eingebettet in die ›Romantische Medizin‹ des ausgehenden 18. Jahrhunderts versöhnte die Lehre vom animalischen Magnetismus theologische Positionen mit cartesianisch-mechanistischen Auffassungen der menschlichen Physiologie« (67).

Diese Aussage verweist aber leider auch auf eine große Schwäche der Monographie: Zwar verwendet Osten den Terminus ›Romantische Medizin‹, doch für die romantischen Mediziner interessiert er sich scheinbar weniger. Eine Gruppe von Medizinern, welche von der Forschung auch als ›Romantische Anthropologen‹ bezeichnet werden, wie etwa Gotthilf Heinrich Schubert, Julian Troxler oder Carl Gustav Carus, werden nicht besprochen, obwohl alle in ihren Schriften Theorien des Schlafes und des Somnambulismus entwickeln und sich mit ihren Medizinkenntnissen auf der Höhe der Zeit befinden. Lediglich Carus, dessen Vorlesungen über Psychologie ebenso in den Zeitraum der Untersuchung fallen würden – wie Schuberts Symbolik des Traumes oder Troxlers Naturlehre des menschlichen Erkennens, oder Metaphysik –, wird überhaupt erwähnt; ironischerweise zitiert Osten eine Bemerkung zu Hufelands Makrobiotik. Zumindest Schelling wird sehr ausführlich von Osten behandelt, das dritte Kapitel widmet sich der Rezeption seiner Naturphilosophie, seiner Stuttgarter Privatvorlesung und ihren Hörern. Dieser Teil gehört sicherlich zu den stärkeren der Monographie, wird doch eine sehr komplexe und für die Ideengeschichte des 19. Jahrhunderts essentielle Philosophie leserfreundlich präsentiert. Auch die Darstellung des Verhältnisses von Carl Eberhard und Friedrich Wilhelm Schelling ist gelungen. Ebenso interessant gestaltet sich die Diskussion der Frage, ob die Schelling’sche Philosophie zur Legitimation des Absolutismus hätte dienen können. Osten geht im Übrigen davon aus, dass die Untersuchung von Somnambulen auch dazu dienen sollte, zentrale Annahmen eben dieser Philosophie zu belegen. Da er sich auf den Württemberger Hof konzentriert, fokussiert er mit der Medizinal-Sektion (später Medizinal-Kolleg) tatsächlich auf eine relativ homogene Gruppe von Ärzten, die durch die Naturphilosophie geprägt waren. Wie bereits dargestellt, war diese Gruppe aber nicht die einzige Gruppe von Medizinern, die in ihrer Forschung von Schelling beeinflusst waren.

Den umfangreichsten Teil des Buches machen Kapitel 4 und 5 aus, in denen Osten anhand von Quellen zwei Fälle von Somnambulismus untersucht, welche in den Aufgabenbereich des Medizinal-Kollegs fielen. So wird der Fall der Somnambulen Franziska Kurz aus Obersulmetingen in erstaunlicher Breite dargestellt. Nach der Offenlegung der Quellen stellt Osten anhand dieser nicht nur die Vorgeschichte von Franziska Kurz dar, sondern analysiert auch ausführlich die sozioökonomischen Hintergründe ihres Heimatdorfes im Zuge der Mediatisierung und Probleme konfessioneller Auseinandersetzung. So gewagt der Gedanke ist, dass »Untersuchungen von Somnambulen, mit denen Schellings Naturphilosophie geprüft werden sollte, letztendlich zur Stärkung der Lehren Feuerbachs geführt« hätten (131), so bedeutsam ist umgekehrt die Erkenntnis, dass das, was für ein gebildetes Ärztekollegium eindeutig Somnambulismus sein muss, von der katholischen Kirche ganz anders gesehen worden ist, sodass Osten letztlich zum Fazit kommt, dass in diesem Fall geistes- und wissenschaftshistorische Zusammenhänge allein nicht für eine Erklärung ausreichen. Zusätzlich ist die Lage von Obersulmetingen, das eine Enklave des Katholizismus ist, zu berücksichtigen. Letztlich, so Osten, lässt sich der Fall damit erklären, dass die Lebenswelt einer 17-jährigen Katholikin dörflicher Herkunft mit dem Anspruch von naturphilosophisch gebildeten Anhängern Schellings kollidiert. Auch im zweiten Fall, den Osten untersucht, finden »die Wechselbeziehungen zwischen philosophischen und theologischen Fragen mit potentiell naturwissenschaftlich hergeleiteten Antworten […] in der Frage des Somnambulismus einen Kulminationspunkt« (175), sodass er letztlich zu folgendem Ergebnis kommt:

Die vorangegangenen Kapitel loten die Verschränkung von religiösen, philosophischen, politischen und medizinischen Diskursen bei der Erforschung des Somnambulismus aus. Anhand der in Stuttgart untersuchten Fälle […] wird deutlich, wie wenig die Ansätze der begutachtenden Ärzte, Theologen und Behörden auf die Lebensumstände der Frauen eingingen. […] Sie [die Ärzte] suchten Einblick in ihre Seele, nicht aber in die Verhältnisse, aus denen sie stammte (191).

Was dem folgt, ist eine Fortführung der anfangs angerissenen philosophischen Debatte über Schlaf und dessen Reglements. Der Übergang mutet etwas holprig an und es verwundert, dass Osten, der sich zeitlich immer noch zwischen 1800 und 1840 bewegt, im Folgenden zwar relevante Schlaftheorien der Zeit – etwa die einflussreiche Makrobiotik von Hufeland – bespricht, jedoch keine Theorien, die das Verhältnis von Schlaf, Somnambulismus und Hellsehen untersuchen (wieder sind Schubert und Carus zu nennen, die in ihren Theorien genau erläutern können, warum im Schlaf Hellsehen und Somnambulismus möglich sein können). Nichtsdestotrotz ist auch die Lektüre dieses Kapitels gewinnbringend, insbesondere Ostens Darstellung, wie Kant Hufelands Makrobiotik für sein Werk Streit der Fakultäten nutzt. Dieser Umstand bringt den Historiker zur abschließenden Annahme, dass »die intensive Auseinandersetzung mit Somnambulismus und Schlaf […] auch als eine Gegenbewegung zu der endgültigen Trennung der Fakultäten Theologie, Medizin und Philosophie […], die in den Universitätsreformen der 1810er Jahre festgeschrieben wurde« (263 f.), zu verstehen ist. Diese Argumentation scheint durchaus plausibel, ebenso die These, dass Somnambulismus als ein Beispiel dafür gelten kann, wie die Naturphilosophie Schellings an ihre Grenzen stößt. Inwiefern dies nun aber für die politischen Verhältnisse relevant sein mag, muss dahingestellt bleiben. Osten schließt die Monographie mit einem Plädoyer für seine Fakultät, wenn er festhält, »dass an den Universitäten beheimatete Mediziner weit früher als akademisch anerkannte Philosophen dazu bereit waren, Religion, Wunder und das Absolute als reine Vorstellungen anzusehen« (268). 

Interessanterweise beantwortet Ostens Monographie indirekt eine Frage, die sich nach der Lektüre von Ahlheims Sammelband stellt, nämlich die Frage nach der Deutungshoheit über den Schlaf. Am Beispiel Carl Eberhard Schellings und des Württemberger Medizinal-Kollegs, sowie anhand des abschließenden Kapitels über die Schlafratgeber, zeichnet sich das Bild eines Diskurses ab, der sich, anfangs noch von den Philosophen getragen, über philosophierende Ärzte (also auch über die Romantischen Anthropologen, die Osten ausklammert) hin, in die Medizin verlagert und dort heimisch wird. Für die breite Masse zählt dann allerdings nicht mehr der Diskurs an sich ‒ lediglich dessen Ergebnisse sind von Interesse und sollen für den Alltag nutzbar gemacht werden, etwa in Form einer besseren Schlafhygiene.

Ostens Verdienst ist aber auch, an gut gewählten und überzeugenden Quellen zu verdeutlichen, wie der Schlaf sich, aufgrund des Wandels im Diskurs, von Phänomenen wie Somnambulismus und Hellsehen löst. Gerade dass er sich einem anderen deutschen Staat als Preußen zuwendet, der aber ebenso von der Schelling’schen Philosophie beeinflusst ist, zählt zu den Stärken; ebenso wie die sorgfältige Aufarbeitung und Schilderung der Lebensumstände der beiden als somnambul angesehenen Frauen. Obwohl ein stärkeres Ineinandergreifen der beiden Haupteile der Monographie wünschenswert gewesen wäre, ist Ostens Verknüpfung des Einflusses religiöser, philosophischer, politischer und medizinischer Aspekte auf den Schlaf lesens- und empfehlenswert.
  
Christian Quintes, Universität des Saarlandes, DFG-Graduiertenkolleg »Europäische Traumkulturen«, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken, E-Mail: christian.quintes@uni-saarland.de


Anmerkungen

(1) Irene Berres, Schlafstudie bei Urvölkern. Kühl, dunkel, nicht zu lang. In: Spiegel Online; www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/schlafstudie-bei-urvoelkern-natuerlich-schlafen-a-1057837.html (16.11.2015). [zurück]
(2) Christina Steinlein, Wer kürzer schläft, ist früher tot. Dick, dumm, krank: Schlecht schlafen ist so riskant wie rauchen. In: Focus.de; www.focus.de/gesundheit/gesundleben/schlafen/schlaftipps/gute-nacht-deutschland-schlechter-schlaf-ist-so-gefaehrlich-wie-rauchen_id_5013197.html (16.11.2015). [zurück]
(3) Sonja Kinzler, Das Joch des Schlafes. Der Schlafdiskurs im bürgerlichen Zeitalter. Wien, Köln, Weimar 2011. [zurück]
(4) Ingo Uhlig, Traum und Poiesis. Produktive Schlafzustände 1641–1810. Göttingen 2015. [zurück]
(5) Roger Ekirch, In der Stunde der Nacht. Eine Geschichte der Dunkelheit. Bergisch-Gladbach 2006. [zurück]