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In: KulturPoetik 2016, Heft 1

Autor

Solvejg Nitzke

Titel

Berechtigtes Unbehagen
Ingo Schneider/Martin Sexl (Hg.), Das Unbehagen an der Kultur. Hamburg: Argument Verlag 2015. 272 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Bereits der Titel des Sammelbandes zielt ins Zentrum der Debatte um den Kulturbegriff und zeigt gleichzeitig seine Breite auf: Mit dem nur um ein, wenn auch entscheidendes Wort veränderten Titel wird Sigmund Freuds kulturtheoretische Schrift Das Unbehagen in der Kultur (1930) als Rahmen ebenso aufgerufen wie der berühmte erste Band der Mythologica des Ethnologen Claude Lévi-Strauss Das Rohe und das Gekochte (1964; dt. 1971). Was zunächst wie eine der im Band als Gefahr des Umgangs mit dem Kulturbegriff benannten Koketterie erscheinen mag (S. 137), stellt sich bald als nicht nur bewusst gewählte äußere, sondern auch inhaltlich eingelöste Rahmung des gesamten Bandes heraus. Wie die Herausgeber, Ethnologe Ingo Schneider und Komparatist Martin Sexl, vertreten auch die Autorin und die Autoren der hier versammelten Texte verschiedene Disziplinen, die den Kulturbegriff gleichermaßen prägen, wie sie für seine Anwendung verantwortlich sind. Das titelgebende Unbehagen jedoch bezieht sich nicht in erster Linie auf eine Unschärfe des Begriffs, die durch den Umgang verwandter, aber deutlich unterschiedener Disziplinen entstehen kann, sondern auf die Konjunktur, die der Begriff innerhalb und außerhalb der Wissenschaften erfährt, ohne dass die hierfür als notwendig erachtete Reflexion von Begriff und immateriellen wie materiellen Effekten desselben damit einher ginge. Dazu, so heißt es im Klappentext, müsse die Wissenschaft mehr sagen, als sie es bisher getan habe.

Nun ist das »mehr Sagen« der Wissenschaft oft ein zweischneidiges Schwert. Insbesondere dort, wo ein Begriff wie »Kultur«, der nahezu universellen Gebrauch findet, zur Diskussion steht, ist die Gefahr groß, den roten Faden zu verlieren und aneinander vorbei zu reden. Der vorliegende Band begegnet dieser Gefahr allerdings erfolgreich: Einerseits ist er mit zwölf Texten verhältnismäßig kompakt gestaltet, und zwar gleichermaßen in Hinblick auf den Umfang des Bandes als auch auf den Anspruch zunächst die Begriffsschärfung innerhalb der Wissenschaft anzugehen. Andererseits wird er durch die Texte der Herausgeber überzeugend gerahmt und auf die im Band verlangte Beobachtungsebene zweiter Ordnung gehoben.

Schneider und Sexl umreißen im einleitenden Text Kultur 5.0 (S. 7-16) sowohl den Wirkungsbereich des Begriffs als auch die Ursachen des Unbehagens an ihm. Während, so die Herausgeber, in der parallelen Existenz verschiedener und sich teils widersprechender Konzepte von Kultur bzw. Kulturen und der damit einhergehenden begrifflichen Unschärfe nicht unbedingt ein Problem zu sehen sei, verursache die Verdrängung von Beschreibungskategorien wie ›Gesellschaft‹, ›Klasse‹ und ›Milieu‹ vor allem deswegen Sorge, weil sie reale Konsequenzen nach sich ziehe. Während die Rede von Kultur sich einerseits, wie am Beispiel von Lessings Nathan gezeigt, oft als eine Simplifizierungsstrategie erweist, werden diese Strategien besonders dort wirksam, wo sie tatsächliche Ungleichheit und Ungerechtigkeit verschleiern. Siegfried J. Schmidts Aufsatz (Un)Behagen an der Kultur (S. 17-38) widmet sich diesem Bezug zwischen Wirklichkeit und Kulturbegriff auf theoretischer Ebene. Die Konjunktur des Themas führt Schmidt vor allem auf eine gesellschaftliche Dominanz des Wissen vor der Dominanz von Materialitäten zurück (S. 17). Dementsprechend sei Kultur als Programm mit operativen Funktionen, nicht aber als materiell gegeben zu verstehen (S. 22). Interessant ist dabei vor allem die deutliche Bestimmung der Grenzen kulturtheoretischer und auch kulturwissenschaftlicher Tätigkeit: »Wer von einer Kulturtheorie objektive oder wahre Aussagen erwartet, verlangt Unmögliches« (S. 25). Damit wird keineswegs die Bedeutung oder Reichweite der Kulturwissenschaft herabgesetzt, ganz im Gegenteil. Weil Kultur eben nicht ›gegeben‹ ist, lassen sich über sie auch keine objektiven Aussagen treffen. Vielmehr bringt die Theorie, die sie zum Thema hat, Kultur überhaupt erst hervor. Schmidt zieht daraus unter anderem die Konsequenz, Kultur nicht als »irgendwie bestimmbare Identität (bzw. Referenz) zu bestimmen, sondern als Problemlösungsinstrument im Sinne eines erfolgreichen Differenzmanagements« (S. 33). In diesem Sinne lässt sich auch Wolfgang Fritz Haugs Frage Was ist kulturell an der Kultur? (S. 39-60) verstehen. Seine Überlegungen zu Begriff und Praxis der »kulturellen Unterscheidung« (S. 49) erweitern den Fokus auf die ›Umgebung‹ von Kultur bzw. den Kontext, innerhalb dessen Kultur stattfindet und definiert wird. Ohne die Analyse des »herrschenden Darumherum[s]« (S. 56), so Haug, lässt sich Kultur nicht verstehen. Terry Eagleton hingegen übt in seinem Essay Wider die Kultur (S. 61-84) grundsätzliche Kritik am Gebrauch des Kulturbegriffs. Nicht nur fungiere jener als »Religionsersatz« (S. 61), er sei zum Gegenteil von Politik geworden (S. 62). Kultur, soviel wird an dieser Stelle mehr als deutlich, ist in ihrer Wirkung besonders dort zu kritisieren, wo sie – mit den Worten der Herausgeber – ihre eigene Kontingenz verschleiert (S. 229) und symbolische Praktiken und soziale Wirklichkeit in eins setzt.

Dabei, so zeigt John Storey, dient dieser Begriff z. B. in den britischen Cultural Studies der Analyse ebenjener »Verstrickung der Bedeutung, der Materialität und der sozialen Praxis« (S. 71) und damit einem Verständnis von Kultur als »Bedeutungssystem«, das nicht nachträglich zu einer bestehenden Wirklichkeit hinzukommt, sondern die Voraussetzung für ihre Bildung und Deutung ist (S. 82). Ulf Hannerz untersucht solche Texte, die vom Gegenteil dieser Annahme ausgehen. Globale Zukunftsszenarien, die wie Samuel Huntingtons Clash of Civilizations (dt. Kampf der Kulturen) dabei helfen, einen so geformten Kulturfundamentalismus in die Weltpolitik zu übertragen, sind ein entscheidender Faktor im Aufstieg von ›Kultur‹ als Markierung des schlechthin Anderen. Subjektivität und Identität werden hier zur bloßen Kopie einer Kultur als unveränderbarer, ›natürlicher‹ Schablone. Prozesse der Auseinandersetzung, Selektion und Ablehnung von Kultur(en), die ein Individuum im Laufe der Herausbildung von Subjektivität und Identität durchläuft (s. Peter V. Zima S. 99-110), bleiben in einem solchen Verständnis außen vor. Stattdessen werden Individuen durch ein solches Verständnis von Kultur von außen auf eine Identität festgelegt, deren ›kulturelle‹ Grundlagen sie nicht einmal (bewusst) teilen müssen – sodass, wie Iman Attia überzeugend darlegt, die scheinbar objektive bzw. wertfreie Zuweisung eines kulturellen Markers (einer Religionszugehörigkeit, Ethnie etc.) zur »Entsorgung historischer, gesellschaftlicher und politischer Dimensionen« nicht allein im Islamdiskurs (S. 181-199) führen kann. So wird einerseits eine subtile Form des Rassismus salonfähig und andererseits die Politik von der Aufgabe befreit, Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu bekämpfen, weil diese so zur Konsequenz gleichsam naturgegebener Andersheit werden. Dabei, so Wolfgang Kaschuba (S. 111-142), handelt es sich gerade dort, wo ein Kampf der Kulturen stattzufinden scheint, vielmehr um einen Kampf der Bilder (S. 119), in dem ›kulturelle Signaturen‹ so gegeneinander ausgespielt werden, dass sie die zugrunde liegenden medialen Strategien und ideologischen Interessen verbergen. Kaschuba macht deutlich, dass dieser Kampf der Bilder keineswegs nur in Krisenzeiten oder -gebieten stattfindet, vielmehr wird Kultur zur »zentralen symbolischen Ressource sozialer Identifikation und Repräsentation, sie steht also längst für strategische Konzepte des Ringens um Legitimation und Macht« (S. 112).

Wie schmal der Grat zwischen symbolischer Inszenierung und realer Gefährdung ist, untersucht Jürgen Wertheimer am Beispiel der Funktion des Platzes in den Konflikten um den Majdan, den Tahrir und den Taksim-Platz (S. 143-156). Chris Hanns Analyse der (Kultur-)Kämpfe der Gegenwart – Deutschland, Ukraine, Europa, Eurasien (S. 157-180) liest sich im Anschluss wie das Gegenstück zur Untersuchung des Platzes als »Weltbühne« und »Arena« der symbolischen und materiellen Austragung kultureller Konflikte (S. 154-155). Hann fragt nach der (kulturellen) Zusammengehörigkeit geographischer Räume und liefert mit der ethnologischen Perspektive nicht nur weitere Kriterien der Zuordnung von Raum und Kultur, sondern fordert mit Blick (nicht nur) auf Phänomene wie Pegida das kritische Einschreiten der Wissenschaft, im Speziellen der Ethnologie, wo »Kultur und kulturelle Werte ins Feld geführt werden, um dem Westen oder dem Abendland oder Europa einen Sonderstatus zuzuweisen« (S. 177). Iman Attias Aufsatz über Die Religion und die Kultur der Anderen (S. 181-199) bestärkt diese Forderung, indem er einmal mehr zeigt, wie sehr Kultur von einem Instrument, anhand dessen die Relativität von für ›natürlich‹ gehaltenen Eigenschaften sichtbar wird und das so verspricht für mehr Freiheit zu sorgen, zu einem der Unterdrückung geworden ist.

Ingo Schneider und Martin Sexl beschreiben diesen Vorgang im den Band abschließenden Beitrag mit Roland Barthes als Prozess der Mythologisierung (S. 229). Indem die im Vergleich zu Tage tretende Kontingenz von Kulturen unsichtbar gemacht wird, spielen Mythologisierungsprozesse, so Schneider und Sexl, den herrschenden Klassen in die Hände und ermöglichen so, wie z. B. von Attia analysiert, die Institutionalisierung von Ungerechtigkeit, indem sie sie naturalisieren – paradoxerweise indem sie sie kulturalisieren. Demgegenüber betont beispielsweise die Rede von Politik die Veränderbarkeit herrschender Zustände.

Den letzten Beitrag des Bandes würde man üblicherweise am Beginn eines Sammelbandes vermuten. Die Überblicksdarstellung der Entstehungszusammenhänge und Anwendungsgebiete des Kulturbegriffs dient hier jedoch nicht zur Einführung und Erklärung, sondern bildet gemeinsam mit dem ersten Text des Bandes die Rahmung der unterschiedlichen Beiträge und lässt sie so zu Facetten einer Diskussion werden. Während in den sehr voraussetzungsreichen Texten teilweise die Gewichtung von konkreten Analysen und eher umfassenden Thesen zugunsten letzterer ausfällt, stellt die interessante Darstellung des abschließenden Beitrags gleichermaßen Zusammenhänge zwischen den vorangegangenen Texten her, wie sie das postulierte Unbehagen plausibilisiert. Mehr noch, Schneider und Sexl machen explizit, was auch in anderen Texten, z. B. von Wolfgang Kaschuba, anklingt: Die Aufgabe der Wissenschaft im Bezug auf den Kulturbegriff besteht nicht nur in der Beobachtung seiner Konsequenzen, vielmehr trägt sie für diese selbst Verantwortung und muss demnach, wie auch Chris Hann es fordert, kritisch eingreifen. Als Grundlage für das Eingreifen im konkreten Fall, aber auch als Orientierung im Diskurs über Kultur ist die Lektüre dieses Bandes sehr zu empfehlen.

 

Dr. des. Solvejg Nitzke, Universität Wien, Institut für Germanistik, Universitätsring 1, A-1010 Wien, E-Mail: solvejg.nitzke@univie.ac.at