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In: KulturPoetik 2015, Heft 2

Autor

Susanne Gramatzki

Titel

Die (nicht mehr) ganz neue Art des Büchermachens: Appropriation Literature
Annette Gilbert (Hg.), Reprint. Appropriation (&) Literature. Appropriationen von 1960 bis heute. Unter Mitarbeit von Tobias Amslinger und Mirja Aye. Wiesbaden: Luxbooks, 2014. 563 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Der von Annette Gilbert edierte Band Reprint. Appropriation (&) Literature stellt in Wort und Bild 126 Beispiele der internationalen Appropriation Literature vor und fungiert damit als anthologisches Pendant zu dem ebenfalls von Gilbert herausgegebenen Sammelband Wiederaufgelegt aus dem Jahr 2012, der theoretische Annäherungen an die »Appropriation von Texten und Büchern in Büchern« bietet. (1) Viele Namen, Titel und Buchprojekte tauchen demgemäß in beiden Bänden auf, zumal die Reprint-Anthologie einen möglichst repräsentativen und umfassenden Überblick über die Appropriation Literature zwischen 1960 und 2012 (Abschluss des Manuskripts) liefern möchte. Der Begriff »Anthologie« ist allerdings nicht ganz zutreffend, da er an eine Sammlung von bloßen Texten bzw. Textauszügen denken lässt. Die Appropriation Literature zielt aber auf die Aneignung von Texten in ihrer Materialität, was jeden Herausgeber einer derartigen Übersicht vor nicht unerhebliche editorische Probleme stellt hinsichtlich der Nachvollziehbarkeit der jeweiligen Aneignungspraxis. Im vorliegenden Fall, dies sei vorweg gesagt, ist die Herausforderung bravourös gemeistert worden, durch eine Vielzahl von farbigen und großzügig bemessenen Abbildungen einerseits und durch prägnante Erläuterungen des jeweils angewendeten Aneignungsverfahrens andererseits.
Dem umfangreichen Katalogteil schickt Annette Gilbert eine Einleitung voraus, in der sie das künstlerische Phänomen der Aneignung erklärt, das trotz seiner bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts zurückreichenden Geschichte noch vielfach unbekannt ist, oder, sofern bekannt, auf grundsätzliche Vorbehalte stößt. Beide Haltungen, Unkenntnis und Skepsis, zeigen sich paradigmatisch an dem Magazin Marginalien, immerhin einschlägige Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie, das einen im Jahr 2011 veröffentlichten Beitrag Gilberts über appropriierte Bücher mit folgendem redaktionellen Nachwort versehen zu müssen glaubte, das von der Herausgeberin in ihrer Einleitung zitiert wird:

Sicher werden sich nicht wenige Leser nach der Lektüre des vorstehenden Beitrags fragen, ob dieser Umgang der Künstler mit gedruckten Büchern seinen Sinn und seine Berechtigung hat. Auch in der Redaktion war man sich nicht einig, wie diese neue Tendenz im Buchschaffen zu bewerten ist. Informationsbedürfnis hielt sich mit Verwunderung und Widerspruch die Waage (S. 9). (2)

Auch wenn sich Gilbert in ihrem Marginalien-Aufsatz vor allem mit rezenten Appropriationen beschäftigt, handelt es sich doch keinesfalls um eine »neue Tendenz im Buchdruck«, sondern um eine jahrzehntealte Praxis. Der »Verwunderung« und dem »Widerspruch« lässt sich am ehesten mit Information begegnen: So grenzt Gilbert zunächst ihren Gegenstandsbereich, die literarischen Appropriationen, von dem bildkünstlerischen Verständnis der Aneignung ab:

In Analogie und zugleich in deutlicher Abgrenzung zum Begriff der Appropriation Art soll das Zusammentreffen von Appropriation und Literatur, d. h. die Ausbreitung und Radikalisierung der strategischen Appropriation als künstlerisch-literarischer Strategie innerhalb des Literatursystems, hier als Appropriation Literature bezeichnet werden (S. 10).

Wichtig ist neben dieser zweckmäßigen, von der Herausgeberin zu Recht nicht als absolut verstandenen Trennung zwischen Kunst und Literatur der Begriff der »strategischen Appropriation«, denn die von (Buch-)Künstlern vorgenommene Aneignung ist von traditionellen Formen der Nachahmung wie Pastiche und Parodie ebenso weit entfernt wie von dem heutzutage allgegenwärtigen Copy & Paste. Gilbert nennt vier Kriterien für eine strategische Appropriation (S. 11 f.), die sich folgendermaßen zusammenfassen und benennen lassen: 1. den Umfang (ein Werk wird zumeist in seiner Gänze appropriiert); 2. die Markierung (die Aneignung wird für den Rezipienten im Allgemeinen kenntlich gemacht); 3. die Realisierung (die Appropriation erfolgt realiter, nicht nur als potenziell zu verwirklichendes Konzept, und verwischt damit provokativ die Grenzen zwischen Original und Kopie); 4. das Ausgangsmedium (appropriiert werden ausschließlich literarisch-künstlerische Werke, sodass sich zwangsläufig Fragen zu Originalität, Autorschaft, Urheberrecht usw. ergeben).
Die (fehlende) Originalität ist der Haupteinwand gegenüber den Appropriationen, wobei es fraglich ist, ob man in diesem Zusammenhang tatsächlich noch von einem »Innovations- und Originalitätsdiktat unserer Kultur« (S. 9 f.) sprechen kann: Ein Innovationsdruck herrscht sicherlich nach wie vor in Wirtschaft, Wissenschaft und Technik, im kulturellen Bereich jedoch haben bereits die Avantgarden die Genieästhetik verabschiedet und hat man sich spätestens seit Poststrukturalismus und Postmoderne an den Künstler bzw. Autor als ›Bricoleur‹ gewöhnt, der sein Werk aus Vorgefundenem zusammensetzt. Um den Begriff der Originalität kommt auch die Herausgeberin nicht herum, wenn sie postuliert, dass diese »weniger im angeeigneten Material als vielmehr im Umgang mit diesem zu suchen« sei (S. 11). Vielleicht ließe sich der Begriff der Originalität durch den der Relevanz ersetzen, der auch, aber eben nicht nur, an die Neuheit eines Werkes geknüpft ist.
Als diametraler Gegensatz zur Originalität ist die Imitation das bestimmende Prinzip der Appropriation Literature, was sich nicht nur daran zeigt, dass das appropriierende Buch eine Wiederholung des appropriierten darstellt (und selbst wiederum zur Vorlage einer weiteren Übernahme werden kann), nicht nur an der häufigen Wiederkehr bestimmter kanonischer Namen und Titel, sondern auch an den Techniken selbst, von denen einige, trotz der grundsätzlichen Vielfalt, besonders häufige Verwendung finden, darunter vor allem die Weglassung von Originaltext. Ein großer Vorzug des vorliegenden Bandes besteht darin, dass das Feld der Appropriation Literature, wie oben gesehen, sowohl nach außen hin abgegrenzt (gegenüber der Appropriation Art) als auch nach innen hin (mittels der künstlerischen Vorgehensweise) systematisiert wird. Die Liste der von Gilbert extrapolierten Verfahren ist lang: Selektion, Reduktion, Interpolation, Kompilation, Neuordnung, Variation, Umschrift, Transkript, Umrahmung, Textur, Materialität, Transposition. Der Selektion als häufigster Appropriationstechnik sind noch die Untergruppierungen Interpunktion (Löschung des Ausgangswerks bis auf die Satzzeichen) und Erasure (in Analogie zur Erasure Poetry) zugeordnet. Wie bei allen Ordnungsversuchen ließe sich über einzelne Kategorien diskutieren, doch schreibt die Herausgeberin selbst, dass es sich

selbstverständlich nur um eine erste Systematisierung mit heuristischem Wert [handelt]. Vorausgeschickt werden muss zudem, dass bei der Begriffsfindung für die Verfahrensklassen ein gewisser Abstraktionsgrad unumgänglich war und dass in den einzelnen Kategorien verschiedene Kriterien (z. B. Verfahren vs. Effekt) aufgegangen sind. Da es Werke gibt, die mehrere Verfahren in sich vereinen, zugleich aber der Übersichtlichkeit halber jedes Werk maximal zwei Kategorien zugeordnet werden sollte, wurde jenen Verfahren der Vorzug gegeben, die die Hauptcontrainte darstellen und in diesem Sinn das Werk zu bestimmen scheinen (S. 28).

An dieser Stelle sei lediglich angeregt, dass es durchaus sinnvoll sein könnte, die oft anzutreffende Technik des Übermalens, Überschreibens oder Überdruckens in einer eigenen Gruppe zusammenzufassen. Diese Technik entfaltet durch die materiale Hinzufügung eine andere Wirkung als die bloße Auslassung von Text, auch deshalb, weil der Ausgangstext noch ganz oder teilweise sichtbar ist. Die Spezifität einer solchen ›Palimpsestierung‹ wird deutlich, wenn man ein Werk wie Mary Ruefles A Little White Shadow (2006), in dem große Teile des gleichnamigen ursprünglichen Buches von Emily Malbone Morgan mit weißer Korrekturflüssigkeit übermalt sind, oder Jen Bervins The Desert (2008) betrachtet, dessen Textzeilen mit blauem Faden übernäht sind, welche den appropriierten Text, John C. Van Dykes The Desert. Further Studies in Natural Appearances (1901), weitestgehend lesbar lassen. Die künstlerische Anmutung, erzielt durch den Einsatz von Farbe bzw. Faden, und die Rezipierbarkeit des Originals sind bei diesen beiden Appropriationen völlig anders als etwa bei Peter Greenham, der, erst auf den zweiten Blick erkennbar, in Format und Gestalt einer klassischen Buchausgabe bekannte deutsche Gedichte auf wenige Verse zusammenschrumpfen lässt (Aus deutscher Lyrik, 1969). Dennoch finden sich alle drei Werke in derselben Gruppe, da sich die Herausgeberin für die Zuordnung zur Hauptcontrainte »Selektion (Erasure)« entschieden hat. Nebenbei bemerkt sei, dass sich für eine erste prinzipielle Strukturierung der literarischen Appropriationen interessanterweise auch die bekannten Kategorien der antiken Rhetorik hinsichtlich der »Änderung eines Ganzen« eignen: Hinzufügung (adiectio), Tilgung (detractio), Umstellung (transmutatio) und Ersetzung (immutatio). (3)
Mit ihrem Ordnungsversuch nach künstlerischen Verfahren hat Gilbert das kaum überschaubare Feld der Appropriationen dankenswerterweise zum ersten Mal kartiert und damit die Voraussetzung für künftige methodische Zugriffe geschaffen, zumal der Band am Schluss ein »Register nach Verfahren« enthält. Zusammen mit dem Namensregister und dem Register der Quelltexte lässt sich so im Katalog gezielt nach Autoren und Werken suchen. Mindestens ebenso spannend ist es aber, den Katalog in seiner chronologischen Abfolge, beginnend mit dem Jahr 1960 und endend mit dem Jahr 2012, durchzublättern. Auf diese Weise gewinnt man einen guten Überblick über das Phänomen der Appropriation, von den mittlerweile klassisch zu nennenden neo-avantgardistischen Anfängen (Carl Fredrik Reuterswärd, Gerhard Rühm) bis zu der erstaunlichen Fülle der in den letzten Jahren veröffentlichten Werke. Es fällt auf, dass sich die literarisch-künstlerischen Aneignungen am Kanon orientieren: Am Layout bekannter Buchreihen, wie sie die Verlage Reclam, Gallimard oder Penguin hervorgebracht haben, an bedeutenden Autoren wie Dante, Dostojewski und Nietzsche oder an weltberühmten Texten wie dem Don Quijote von Miguel de Cervantes. Die Appropriation (und die mit ihr verbundene Provokation) funktioniert eben dort am besten, wo der Wiedererkennungseffekt am größten ist. Eine der wenigen Ausnahmen stellt Tom Phillips’ A Humument dar, eine in mehreren veränderten Auflagen erschienene Neuarbeitung des viktorianischen Romans A Human Document von William Hurrell Mallock. Phillips geht es dabei auch weniger um Provokation als um die Erprobung medialer Vielfalt und den kreativen Umgang mit künstlerischen Traditionen.
Zu den meistappropriierten Autoren gehören zweifellos William Shakespeare und Stéphane Mallarmé; letzterer deshalb, weil er mit der schriftbildkünstlerischen Partitur von Un Coup de dés und seiner ambitionierten Livre-Konzeption eine bis heute andauernde Herausforderung für Dichter und Künstler darstellt. Marcel Broodthaers initiierte 1969 mit seiner Adaption des Würfelwurfs eine Reihe weiterer Varianten, die sich nicht nur auf das Original des französischen Dichters, sondern auch auf die Vorgänger-Appropriationen beziehen. (4) Hier zeigt sich, dass auch die Werke der Appropriationskünstler/innen selbst usurpiert werden – letztlich eine logische Konsequenz der ›Aneignungsphilosophie‹, wie sie explizit vom auf appropriationistische Bücher spezialisierten Verlag Parasitic Ventures Press vertreten wird:
   
Copyright on the layout and particular form of published books will be held jointly by Parasitic Ventures Press and the artist. We do, however, encourage copy-left practices (see the Creative Commons movement) and probably wouldn’t be too miffed by the occasional act of piracy. (5)

Trotz dieses Bekenntnisses zur Copyleft-Praxis sei all denjenigen, die wie ein Teil der Redakteur/innen der Zeitschrift Marginalien nur mit »Verwunderung« und »Widerspruch« auf die Appropriation Literature reagieren können, versichert, dass auch im Feld der literarischen Appropriationen die Spielregeln des Buchmarktes nicht völlig aufgehoben sind: Die US-amerikanische Konzeptkünstlerin Sherrie Levine hat ihre künstlerische Aneignung von Gustave Flauberts Novelle Un cœur simple mit dem üblichen Copyright-Hinweis versehen (»All rights reserved …«) und keine Abdruckgenehmigung für den vorliegenden Band erteilt. Diese Lakune – so es denn eine ist – ist die einzige: Reprint ist eine rundum gelungene, weil konzeptuell überzeugende, redaktionell sorgfältige und optisch ansprechende Publikation. Der umfangreiche Katalogteil, der genaue editorische Angaben und mehrere Fotografien zu jedem Werk (bis auf Levines Flaubert-Adaption) enthält, lässt erahnen, wieviel Rechercheaufwand Annette Gilbert und ihre beiden Mitstreiter betrieben haben. Wer sich für literarische Appropriationen interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei, das – auch aufgrund der konsequenten Zweisprachigkeit (alle Texte sind in Deutsch und Englisch verfasst) – zum Referenzwerk avancieren wird.

Dr. Susanne Gramatzki, Bergische Universität Wuppertal, Fachbereich Geistes- und Kulturwissenschaften – Allgemeine Literaturwissenschaft, D-42097 Wuppertal; E-Mail: gramatz@uni-wuppertal.de


Anmerkungen

(1) Annette Gilbert (Hg.), Wiederaufgelegt. Zur Appropriation von Texten und Büchern in Büchern. Bielefeld 2012. Rezensiert in: KulturPoetik 13 (2013) 1, S. 130–132. [zurück]
(2) Marginalien. Zeitschrift für Buchkunst und Bibliophilie 4 (2011), S. 63. [zurück]
(3) Heinrich Lausberg, Elemente der literarischen Rhetorik. Eine Einführung für Studierende der klassischen, romanischen, englischen und deutschen Philologie, München 4. Aufl. 1971 [zuerst 1949], S. 31 f., §§ 55–63. [zurück]
(4) Vgl. im vorliegenden Band S. 94–98, S. 238–240, S. 373–376, S. 382–384, S. 400–404, S. 451–453, S. 492–496. [zurück]
(5) Vgl. http://parasiticventurespress.com/books/?page_id=5.
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