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In: KulturPoetik 2015, Heft 2

Autor

Urs Urban

Titel

In 80 Texten um den Roman. Die Vermessung der Weltraumordnung im literarischen Wort-Spiel
»Passepartout« (Hg.), Weltnetzwerke – Weltspiele. Jules Vernes In 80 Tagen um die Welt. Konstanz: University Press 2013. 349 S.

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Rezension

Volltext

Das vorliegende Buch – wie das dazugehörige Spiel – ist hervorgegangen aus der gemeinsamen Arbeit eines losen Verbundes von Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaftlern, die seit geraumer Zeit das Aufeinanderverwiesensein von »Raum, Körper und Medium« untersuchen. Mit ihrer Lektüre von Jules Vernes Reise um die Welt in achtzig Tagen (1872) führen sie nun auf besonders anschauliche Weise die Operationabilität ihrer raumtheoretischen Überlegungen vor. Die Herausgeber firmieren unter dem sinnigen Decknamen Passepartout, hinter dem federführend der Romanist Jörg Dünne (Erfurt) und seine Fachkollegin Kirsten Kramer (Bielefeld) vermutet werden dürfen. (1) Neben den Originalbeiträgen (darunter ein Text des in Raumfragen versierten Pariser Literaturwissenschaftlers Frank Lestrignant) finden sich bereits andernorts publizierte Texte des renommierten Weltsphärendeuters Peter Sloterdijk und des nicht minder namhaften Wissenschaftsphilosophen Michel Serres, der das technisch-wissenschaftliche Imaginäre des Vernes’schen Universums raumtheoretisch auslegt. Die Beiträger verfahren dabei im besten Sinne diskursanalytisch, insofern hier die historischen Bedingungen des Sagbaren rekonstruiert werden, in die Vernes Roman eingelassen ist – und die die Erfahrbarkeit der Welt durch ein männlich-kolonisatorisches Subjekt, das den Horizont seines Weltwissens indes an keiner Stelle überschreitet, überhaupt erst möglich machen. Für die Rekonstruktion dieses Archivs wird zurückgegriffen auf zusätzliches Material – Bilder, Karten, Fahrpläne und historische Texte – mit dem der Band selbst großzügig ausgestattet ist. Auf diese Weise gelingt es den Beiträgern, das kommunikative Netzwerk, das Raumordnung (Karte) und Raumpraxis (Reise) aufeinander verweist, kultur- und medienhistorisch präzise zu verorten. Bemerkenswert ist dabei, dass in Vernes Roman die Raumpraxis nahezu vollständig aus der Raumordnung abgeleitet ist, denn Kontingenzen werden, wo nicht von vornherein ausgeschlossen, umgehend neutralisiert (ähnlich wie das GPS heute jede Form von Erfahrung ausschließt, indem auch hier die Raumpraxis unmittelbar an die Raumordnung rückgebunden wird).
Das Spiel erweist sich vor diesem Hintergrund als der eigentliche Bezugspunkt sowohl des Romans selbst wie seiner raumtheoretischen Deutung. Seine Logik ist keineswegs sekundär, sondern bestimmt die Logik der Erzählung und der diese konstituierenden Parameter: Wie ferngesteuert werden die Figuren, gleichsam allegorische Stellvertreter der historischen Dynamik (Fortschritt, Rückschritt) und zugleich Avatare der zentralen narrativen Funktionen ohne jede psychologische Tiefendimension, durch Raum und Zeit der Erzählung bewegt; außerhalb der Spielregeln scheint kein Zug möglich. Wenn jede Erzählung durch eine »unerhörte Begebenheit« (Goethe) in Bewegung versetzt wird, dann ist die Erzählung hier, weil eben gerade alles Akzidentelle umgehend neutralisiert wird, zweitrangig. Sie hat eine rein illustrative Funktion und mithin in ihrer Gänze einen ähnlichen diskursiven Stellenwert wie das Titelkupfer (dem ein eigener Beitrag gewidmet ist). Hier wird schlicht das enzyklopädische Wissen der Zeit reproduziert und erzählerisch abgeschritten. Das von Steffen Bogen entwickelte Spiel ist mithin mehr als lediglich eine launige Dreingabe zum Buch – es ist das Resultat des Versuchs, die Erzählung in ein anderes Medium zu übersetzen und so gewissermaßen handlungsorientiert erfahrbar zu machen. Anders als im Roman ist der Ausgang des Spiels dabei allerdings tatsächlich offen und das Scheitern des Protagonisten eine Möglichkeit – obschon auch hier nicht außerhalb der Regeln gespielt werden kann (das geht wohl nur bei Alice in Wonderland). Was auf den ersten Blick erstaunt, ist, dass die Spielemacher sich veranlasst sahen, die erzählerische Konstellation zu modifizieren und zusätzliche Parameter einzuführen, um die Funktion der Figuren zu vereindeutigen – dabei ist diese eigentlich bereits hinreichend definiert; das lässt sich aber wohl damit erklären, dass die spielerische Logik des Romans schon mehrfach, und zwar erstmals bereits im Jahr seines Ersterscheinens, in die Spielpraxis übersetzt wurde (wie Bogen selbst in seinem Beitrag zum Buch ausführt). Hier wurde offenbar nach neuen Wegen gesucht, die von der hergebrachten, dem Verlauf des Lebenswegs verpflichteten Logik des so genannten Gänsespiels absehen und stattdessen versuchen, die im Roman thematisierte Raum-Zeit globaler Netzwerke möglichst dynamisch abzubilden.
Was Buch und Spiel auf diese Weise nachvollziehbar machen, ist philologisch relevant und in historischer Hinsicht aufschlussreich. Die Beiträge überzeugen inhaltlich wie sprachlich gleichermaßen, sind in ebenso heiterem Ton vorgetragen wie der Roman selbst, und erhellen dabei exemplarisch zentrale kultur- und medienwissenschaftliche Problemzusammenhänge. Der einzige Vorwurf, den man dem Buch machen könnte, erwächst aus dem, was hier nicht gesagt wird – weil es auch bei Jules Verne nicht zur Sprache kommt: aus einem Mangel an Negativität also gewissermaßen, der Vernes fröhlichem Positivismus geschuldet ist. Über diejenigen etwa, die nicht teilnehmen am Weltspiel – weil sie festsitzen oder anders reisen (2) – wird auch in den hier vorgelegten Beiträgen kaum ein Wort verloren. Dabei ist das, was in den Zwischenräumen des Netzwerks passiert, ja nicht nur systemstabilisierend, sondern böte die Möglichkeit, den vom hegemonialen Subjekt vermessenen und durchmessenen Raum kritisch zu unterlaufen. Für diese Zwischenräume, die Ritzen und Brüche, interessieren sich die Beiträger indes so wenig wie Verne selbst – vielleicht rächt es sich, wenn man über Raum, Körper und Medium arbeitet, ohne zugleich Geschichte, Gender und ›Botschaft‹ ausreichend mit zu bedenken. Darüber hinaus aber stellt sich die Frage, ob die von den Dispositiven der Raumordnung vorgezeichneten Bahnen analytisch wirklich mit letzter Konsequenz in den Blick genommen werden – oder ob nicht das zentrale Medium des Reisens hier letztlich übersehen wird. Denn das Einzige, was hier wirklich auf dem Spiel steht, das Geld nämlich, kommt in den Beiträgen an keiner Stelle zur Sprache.
Wenn das Scheitern im Spiel durchaus vorgesehen ist, so ist es im Roman ausgeschlossen – und das hat damit zu tun, dass der Protagonist mit einer ganz besonderen kommunikativen Begabung ausgestattet ist: mit Geld. (3) Das Geld ist nicht nur der Einsatz der Wette, die Fogg dazu motiviert, seine Reise anzutreten (und die mithin auch die Erzählung in Gang setzt) – es ist bereits im Spiel, bevor die Wette abgeschlossen wird: Fogg wird als homo oeconomicus eingeführt – als jemand, der ökonomisch handelt und also haushälterisch (sparsam und effizient) mit beschränkten Ressourcen (etwa Zeit und Raum) umgeht (obschon er zugleich zu Dickleibigkeit neigt und über ein Vermögen verfügt, das nicht nur nicht erarbeitet, sondern auch unverhältnismäßig üppig ist; mit dieser Neigung zum Exzess inkorporiert er die gegenläufige, antiökonomische Dynamik, die auch den Erfolg seiner Reise immer wieder zu konterkarieren droht). Die Metapher des Geldes ist mithin zentral für die gesamte Ökonomie des Romans. Das Geld als Metapher zu betrachten aber heißt, die Übertragbarkeit selbst zur Metapher und also die Metaphorizität (die Kommunikation und ihre Medialität) zum eigentlichen Thema des Romans zu machen. Der Erfolg von Foggs Unternehmen hängt daher letztlich nicht (nur) von der Frage ab, ob es gelingt, Raumordnung und Raumpraxis zur Deckung zu bringen, sondern auch und vor allem vom Geld. Immer dann nämlich, wenn die Raumpraxis (das Ereignis: die ›Begebenheit‹) die Raumordnung (die Struktur: den Plan) transzendiert, weil aus dem Zwischenraum das Exotische (der wilde Orient, der wilde Westen) und/oder das Erotische (die in wilder Hingabe sich verzehrende Frau) exzessiv in den Weg hineinragt und auf diese Weise den Verkehr und also die Kommunikation stört oder gar unterbricht, vermittelt das Geld und stellt Übertragbarkeit wieder her: Das Geld ist das einzige Verkehrsmittel, das immer funktioniert – weil es nur funktioniert, wenn es immer funktioniert. Foggs eigentliches Vermögen – seine uneingeschränkte Handlungsfähigkeit, die totale Autonomie des Subjekts – leitet sich also aus dem Geld ab. Dieses Vermögen erlaubt es ihm, jede beliebige Funktionsstelle zu besetzen: So wie Passepartout überall durchkommt (passe partout), weil er nichts kann und daher zu allem zu gebrauchen ist (weil er Tunichtgut und Faktotum zugleich ist), vermag Fogg selbst alles widrig ereignishaft sein Fortkommen Behindernde zu überwinden, weil er über Geld und also eben jenes »symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium« (Luhmann) verfügt, das alle Differenzen einebnet. Dabei erweist Fogg sich auch deshalb als ökonomischer Mensch, weil er mit dem Zufall rechnet: Er vertraut darauf, dass die aktuelle Ausgabe sich in künftigen Gewinn umrechnen lässt, er vertraut auf die Vorsehung oder genauer die unsichtbare Hand. Insofern liegt die theologische Genealogie der Ökonomie (Agamben) in Vernes Roman vollkommen offen.
Die Leitdifferenz, die die Erzählung in Bewegung versetzt, scheint also weniger die zwischen Raumordnung und Raumpraxis zu sein (weil letztere eben weitgehend mit ersterer identisch ist), als die zwischen ›Geld haben‹ (Mobilität, Handlungsfähigkeit: Autonomie des Subjekts) und ›kein Geld haben‹ (Stagnation, Ohnmacht: Unterwerfung des Subjekts). Diese, gewissermaßen die 81. Reflexion, bliebe vielleicht nachzutragen. Die Qualität des Buches – eines Buches, das in 80 Texten um Jules Vernes Roman kreist, um seinen Lesern die diesem eingeschriebene Weltraumordnung aus historischer Perspektive kultur- und medienwissenschaftlich zu erschließen – schmälert das in keiner Weise.

Dr. Urs Urban, Universidad de Buenos Aires, Facultad de Filosofía y Letras, sowie DAAD-Informationszentrum Buenos Aires, Avenida Corrientes 319, C1043AAD Buenos Aires; E-Mail: urban@daad.org.ar


Anmerkungen

(1) Das Buch dokumentiert seinerseits eine bereits zuvor im Internet zugängliche (und hier um einige Beiträge erweiterte) Anwendung. Darüber hinaus empfiehlt sich die Lektüre des Katalogs zu einer ebenfalls Vernes Roman gewidmeten Ausstellung im Museum für Kommunikation in Berlin, in dem Jörg Dünne ebenfalls mit einem Beitrag vertreten ist; Lieselotte Kugler/Oliver Götze (Hg.), In 80 Dingen um die Welt. Der Jules-Verne-Code. Berlin 2014. [zurück]
(2) Zygmunt Bauman, Tourists and Vagabonds. Or, Living in Postmodern Times [zuerst 1996]. In: Joseph E. Davis (Hg.), Identity and Social Change. New Brunswick, New Jersey 2000, S. 13-26. [zurück]
(3) Zu Literatur und Geld neben vielen anderen jetzt: Alejandra Laera, Ficciones del dinero. Buenos Aires 2014. Früher bereits Émile Zola, L’argent dans la littérature. In: Ders., Le roman expérimental. Paris 1880, S. 157-202. Zum Geld bei Jules Verne: Christophe Reffait, L’argent et sa liquidité chez Jules Verne. In: Francesco Spandri (Hg.), La Littérature au prisme de l’économie. Argent et roman en France au XIXe siècle. Paris 2014, S. 95-116. Grundlegend zu Literatur und Ökonomie zuletzt: Urs Urban, Theater und Ökonomie. In: Ders./Beatrice Schuchardt (Hg.), Handel, Handlung, Verhandlung. Theater und Ökonomie in der Frühen Neuzeit in Spanien. Bielefeld 2014, S. 7-33. [zurück]