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In: KulturPoetik 2015, Heft 2

Autor

Martin Bartelmus

Titel

Schwellen. Ansätze für eine neue Theorie des Raums
Sieglinde Borvitz/Mario Ponzi (Hg.), Schwellen. Ansätze für eine neue Theorie des Raums. Düsseldorf: Düsseldorf University Press 2014. 276 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Was sind Schwellen? Diese Frage wird von dem hier zu besprechenden Band mit einer Gegenfrage beantwortet: Was tun? Schwellen denken! Die Schwelle liest sich als ein theoretischer, methodischer und programmatischer Zugang, der die bisherige Raumtheorie erweitern soll.
Für das Projekt, die Raumtheorie mittels der Schwelle zu problematisieren und für das Paradigma einer Transkulturalität zu öffnen, steht ein Name ein: Walter Benjamin. Er konzipiert die Schwelle, wie sie im Folgenden maßgeblich ist: »Die Schwelle ist ganz scharf von der Grenze zu unterscheiden. Schwelle ist eine Zone. Wandel, Übergang, Fluten liegen im Worte ›schwellen‹ und diese Bedeutung hat die Etymologie nicht zu übersehen«. (1) Die Schwelle beinhalte das Innen und das Außen, sie betone das Dazwischen, rufe Alterität, Differenz und das Fremde auf, so das Vorwort der Herausgeber Sieglinde Borvitz und Mauro Ponzi. Wie kann also auf dieser Grundlage ›Raum‹ neu gedacht werden? Unter Berücksichtigung dieser Konstellation und in Bezug auf die zeitliche Dimension wird vorgeschlagen, die Schwelle als Ort zu denken, der andere Räume und ihre genuinen Bewohner erzeugt sowie ein anderes Denken fordert. Das Ziel ist: neue Räume konzipieren und anwenden, eine Methode definieren, die transversal durch die Disziplinen und kulturellen Bereiche gehen kann, sowie die klassischen Dichotomien von Kultur/Natur, Menschlich/Unmenschlich, Bürger/Fremder überwinden (S. 10). Strukturiert ist der Aufsatzband in drei Teile: Schwellen, Zwischenräume und Heterotopien. Im Kontrast zum Schwellen-Begriff ergibt sich aus dieser Konstellation eine besondere Spannung. Die Ordnung der Beiträge in diese drei Kategorien suggeriert eine Dreiteilung der Schwelle. Gleichzeitig widersetzen sich die einzelnen Beiträge dieser Ordnung. Die Überschriften verweisen einerseits auf ›alte‹ Theorien des Raums, die Beiträge konstituieren andererseits die Dynamik der Schwelle.
Bernhard Waldenfels macht mit Aufmerken auf das Fremde den Anfang in der Sektion Schwellen. Seine Kernthese verweist auf eine Philosophie der Aufmerksamkeit und eine daraus für die Ethik fruchtbringende Methode des Zulassens dieser »kreativen Aufmerksamkeit« (S. 21) als Schwelle zwischen pathischer und responsiver Erfahrung. Die Aufmerksamkeit markiert die Schwelle als Ort des Antwortens auf etwas, das einerseits vorausgegangen, andererseits noch nicht bekannt ist. Vittoria Borsò nimmt in ihrem Beitrag Auf der Schwelle zwischen Sichtbarkeit und Sagbarkeit die gleichnamige Differenz in den Blick. Mittels der Ekphrasis erklärt sie den Wechsel von einer Topologie zu einer Topographie. So wird eine selbstreflexive Situation des Betrachters auf der Schwelle erzeugt, die die Öffnungen von Bild und Schrift als Alterität zu beschreiben erlaubt. Paolo Giaccaria und Claudio Minca wenden die Schwelle auf die Geographie an. In einer stringenten Analyse von Benjamin und Agamben machen sie sichtbar, wie sich die Geographie immer schon auf einer Schwelle befindet, die zwischen Natur und Menschheit territoriale Grenzen ziehen kann. Über Humboldt und Vidal erklären sie genealogisch, wie die Geographie zu einer Wissenschaft der versteckten Schwelle und der klaren Grenzen geworden ist und fordern eine Rückkehr zur Geographie als Schwellentheorie. Massimo Donà unternimmt ein gewagtes Gedankenexperiment: Über Odysseus’ Erlebnis mit den Sirenen und über Kafkas Umwendung dieser Episode vom Gesang zum Schweigen, legt Donà dar, wie das Kino eine Schwelle erzeugt, die uns selbst als Schwelle offenbar werden lässt und eine grundlegende conditio humana aufzeigt. Das Gewagte an diesem Experiment ist, das Visuelle und das Auditive – Kino und Gesang – parallel zu denken, ohne den Zusammenhang zu reflektieren. Auch die Interpretation der Kafka-Erzählungen führt nicht zum Kino, sondern vielmehr davon weg. Alexis Nuselovici (Nouss) nimmt – ausgehend von Paul Celans Von Schwelle zu Schwelle – mit der Praktik der Übersetzung eine mögliche europäische Identität in den Blick, die sich auf der Schwelle von Diversität und Alterität konstituieren kann. Mit Benjamin wird dafür plädiert, diese Identität auf der Schwelle und als Schwelle zu denken. Deutlich wird durch diesen ersten Abschnitt, dass es anspruchsvoll ist, die Schwelle zu beschreiben, dass sie aber methodisch sehr wohl fruchtbar angewendet werden kann. Nichtsdestotrotz bestimmt sie eine Spannung zwischen Nicht-Erklärbarkeit und Interpretation. Der Einzelfall entscheidet, inwieweit die Schwelle tatsächlich als Methode funktioniert.
Den zweiten Teil des Bandes Zwischenräume beginnt Mauro Ponzi mit dem Beitrag Neapel als Topographie der Zwischenräume. Er macht sichtbar, wie sich Benjamins Denken gegenüber der Moderne nicht nur in Bezug auf die Großstadt Paris, sondern insbesondere mit Blick auf Neapel konstituiert. In Neapel, wo alt und neu, modern und mythisch auf radikale Weise einen Schwellenraum bewohnen, kann sich Benjamins historisch-anthropologische Archäologie entwickeln und der Mystifizierung der Moderne entgegentreten. Mythos und Moderne bezeichnen in der Großstadt die Schwelle als Bildraum und Kontaminationsbereich. Pietro Montani fordert in seinem Beitrag dazu auf, der »referentiellen Gleichgültigkeit« (S. 121) Einhalt zu gebieten. Seine postulierte Ethik der Form scheint allerdings nur auf den Zwischenraum zwischen den Medien verweisen zu wollen und hofft auf eine kritische Haltung in diesem Dazwischen, um die Künstlichkeit der Bilder (Photoshop) zu reflektieren. Was mit »intermediale Einbildungskraft« (S. 121) beschrieben wird, ist die Fähigkeit, das mediale Gemacht-Sein der Bilder zu reflektieren. Es macht den Eindruck, dass es hier um einen Allgemeinplatz des digitalen Zeitalters geht. Auch Irene Kanons Beitrag Die biblische Schwellenmetapher bei Rosenzweig und Kafka wirkt problematisch. Die Anwendung einer biblischen Schwellenmetapher auf literarische Texte führt in ein hermeneutisches Fahrwasser – ohne expliziten Bezug auf Textstellen –, das weder die genuine biblische Schwelle noch die literarischen Texte über das Bemerken einer Schwelle hinaus interpretiert. Kafka wird zu einem religiösen Kurzgeschichtenschreiber verurteilt. Bernd Witte zeigt in seinem Beitrag, wie die Zeit zwischen 1770 bis 1800 aus heutiger Perspektive als Schwellenzeit analysiert werden kann. Basierend auf der von Hans Blumenberg konzipierten historischen Perspektive und in Bezug auf die von Benjamin formulierten Schwellenerlebnisse des Flaneurs können zwei Figuren als »Penaten« (S. 148) der Schwelle, die auch in den Passagen in Paris begegnen, bezeichnet werden. Die Antithese von Homer und Moses macht klar, dass die Klassik mit ihrem Bezug auf Homer die Schrift ablehnt und das Bild zum leitenden Paradigma der Moderne macht. Der jüdische Diskurs der Schrift – den Witte hier entgegensetzt – wird von der Klassik ausgeschlossen, der antike wird eingesetzt. So sind Homer und Moses die Hüter der Schwelle zur Neuzeit und formulieren die Differenz zwischen Bild und Schrift neu. In seiner komplexen und weitsichtigen Analyse widmet sich Fabio Vighi einer Schwelle im Sinne Lacans als »Zwischen zwei Toden«-Sein: zwischen symbolischem und biologischem Tod. Er sieht darin eine Figur, die es ermöglicht politisch zu denken, was bisher nur psychoanalytisch verwendet wurde. Unsere kapitalistische Gesellschaft ist geprägt von Untoten, die einen symbolischen Tod sterben und somit irgendwo dazwischen sind. Über Antigone, Kafka, Hegel und Marx stellt er Lacans Konzept heraus, das besagt, dass der Kapitalismus Menschen als Überschuss aussondert (mit Lacan als Exkrement bezeichnet), die eben auf dieser Schwelle der Untoten verbleiben. Wir können – dem Autor zufolge – dem Kapitalismus nicht durch den Mehrwert, sondern nur durch Umdeutung des Überschusses Paroli bieten. Dario Gentili widmet sich dem Mythos der Moderne, der Großstadt Paris. Die Metropole als zweite Natur (S. 177) begründet den Mythos der Moderne – im Sinne Benjamins – als Struktur eines Labyrinths ohne Ausweg und Mitte. Gentili verbindet diesen Aspekt mit dem Kapitalismus. Konterkariert mit Marx und Bataille weist er nach, wie durch den Sandwichman und die Prostituierte neue Minotauren geschaffen werden, die die Ware als Maxime des Kapitalismus im Labyrinth zirkulieren lassen. Daraus folgt, dass die Schwelle als politische Methode die Dezentralität des globalen Kapitalismus transformieren könnte; nicht zu einer neuen Mitte, sondern zu vielen Mitten hin.
Den dritten Abschnitt Heterotopie eröffnet Michael W. Jennings. Mit seinem Beitrag Rewriting und Selbstzitate in Benjamins Spätprosa mach er deutlich, wie das rewriting als Praxis die Texte Benjamins durchzieht. Diese Methode, die Verbindung zur Fotografie und die chiastische Überkreuzung von Bild und Schrift fördert das Sich-Erinnern als archäologische Praxis. Wer zu den Heterotopien des Bewusstseins zurückkehrt und gräbt (mit Bild und Schrift), erlangt – so die These – Zugang zum Bewusstsein der Erinnerung. Ausgehend von dem Befund einer Notiz Benjamins, die den Begriff »Dioskuren« beinhaltet, stellt der Beitrag von Gabriele Guerra die Quellen und Diskurse für Benjamins Konzept von Mythos und Moderne fest. Wolfgang Müller-Funk spürt der Sphinx als Wächter(in) der Schwelle nach. Er versucht über mehrere Analysen des Sphinx-Narrativs, aufzuzeigen, welche psychoanalytischen Implikationen diese Figur hat. Als weibliche, hybride Grenzziehung problematisiert sie selbst den durch die Psychoanalyse so eingeschriebenen Ödipus-Komplex. Ettore Finazzi Agrò widmet sich der brasilianischen Identität über Sergio Buarque de Holanda. Die Schwellensituation einer kolonialisierten Kultur ermöglicht einen dritten Raum in dem diverse Identitäten nicht getrennt, aber auch nicht aufgelöst nebeneinander existieren können. Brasilien ist auf der Suche nach seiner Identität und die Schwellentheorie scheint Lösungswege aufzuzeigen. Elio Matassie beschließt den Band mit seinem Beitrag Die Klage und das Kreatürliche bei Walter Benjamin. In der Auseinandersetzung mit der Musiktheorie Halms und dem Bezug auf die romantische Musiktheorie bei Ritter hebt er hervor, wie durch die Zusammenführung von Klage und Musikalität ein Zugang zum Kreatürlichen eröffnet wird. Somit wird die Musik zur Synthese und zum Hoffnungsgeber über die Sprache erhoben. In der Klage ist Musik und Verheißung sprachlich immanent.
Die Dreiteilung des Buches löst sich mit der Schwelle auf. Dem Ziel, den neuen Raum, die Schwelle zu kartographieren, folgen die Autoren, indem sie in ihren Beiträgen darstellen, wie Schwellen erzeugt, analysiert, verstanden und interpretiert werden können. Der Band bietet viele Anknüpfungspunkte für kritische und produktive Arbeiten von Wahrnehmungstheorie bis Kapitalismuskritik. Man muss nicht an allen Stellen zustimmen, aber die Auseinandersetzung mit der Schwelle ist eine dringliche theoretische und politische Aufgabe. Was zu tun ist, ist an allen Schnittstellen, die aufgezeigten Schwellen aufzugreifen und weiter zu diskutieren, indem sie kritisch abgelehnt und neu formuliert werden. Oder sie können produktiv weiter ausgedehnt werden: Dann lässt man sie schwellen.

Martin Bartelmus M.A., Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Graduiertenkolleg »Materialität und Produktion« (GRK 1678), Universitätsstr. 1, Geb. 23.21, Ebene 00, D-40225 Düsseldorf, E-Mail: Martin.Bartelmus@uni-duesseldorf.de


Anmerkungen

(1) Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, hrsg. Von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Suhrkamp, Frankfurt a. M., 1972-1989, Bd. V, S. 617 f. [zurück]