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In: KulturPoetik 2015, Heft 1

Autor

Sabine Schu

Titel

Das politische Tier als Repräsentation der Gesellschaft
Benjamin Bühler, Zwischen Tier und Mensch. Grenzfiguren des Politischen in der Frühen Neuzeit. München: Wilhelm Fink 2013. 253 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Benjamin Bühlers detailreiche Studie Zwischen Tier und Mensch. Grenzfiguren des Politischen in der Frühen Neuzeit thematisiert die Grenze zwischen Tier und Mensch, die auch in Georg Rollenhagens Froschmeuseler durch die  Bezeichnung des Menschen als ›Manthier‹ und die damit verbundene Akzentuierung des Animalischen behandelt wird. Bühler stellt in seiner Arbeit jedoch nicht die Frage nach den animalischen Anteilen des Menschlichen, sondern den zeichenhaften Gebrauch der Grenze zwischen Tier und Mensch zur Abhandlung politischer Fragen sowie den Begriff der Grenze an sich in den Mittelpunkt. Ausgangspunkt seiner Untersuchung ist die These, »dass Grenzräume in Perioden des Umbruchs Unterscheidungen destabilisieren und damit deren Neufassung ermöglichen, dagegen in Perioden der Konsolidierung Unterscheidungen und damit Machtverhältnisse stabilisieren« (S. 12 f.). Darüber hinaus ermögliche die Grenze zwischen Tier und Mensch die »Ausbildung und Erprobung neuer politischer Semantiken« (S. 11 f.). Das Tier wird somit zur quasi-Repräsentation der Gesellschaft, die der Konstituierung des Sozialen vorausgeht (vgl. S. 231).
Gemäß seiner Fokussierung auf den Begriff der Grenze verfolgt Bühler in seiner Arbeit eine kultursemiotische Methode, bei der er Grenzen als Marker »zwischen semantischen Räumen« (S. 13), eben jenen von Tier und Mensch, versteht. Dieser Zentralstellung entsprechend widmet sich der Autor im ersten Kapitel der Wort- und Theoriegeschichte des Begriffs der Grenze, die er als »produktive Kategorie kulturwissenschaftlichen Arbeitens« (S. 27) herausstellt, die in ihrer Gemachtheit und Veränderlichkeit (vgl. S. 19) eine besondere Vieldeutigkeit entfalte.
Nach der einleitenden Begriffsklärung wendet sich Bühler im zweiten Kapitel der Erläuterung der Funktionen und des rhetorischen Aufbaus der Metapher vom Führer als Hirten und der Gemeinschaft als Herde im frühneuzeitlichen Fürstenspiegel zu. Bühler grenzt in einem ersten Schritt die Hirt-Herde-Metaphorik der Patristik, die das Amt des Priesters und des Bischofs charakterisiert, von den jüdischen und griechischen Verwendungen des Bildbereiches ab und zeigt Unvereinbarkeiten des christlichen Hirtenbildes mit dem Bild des Staatsmannes auf (vgl. S. 30-32). Die Leistung des Modells sieht Bühler letztlich in der »Etablierung […] eines sozialen Körpers« (S. 34) durch die »Legitimation von Ungleichheit und Herrschaft« (S. 34). In einem zweiten Schritt untersucht er das pastorale Narrativ von Herde und Hirte, dessen ambivalente Anlage sowohl der Legitimation der Vorrangstellung des Menschen dient und zugleich die Notwendigkeit seiner Führung in der Reduktion auf das Tier akzentuiert (vgl. S. 38). Die detaillierte Analyse von Thomas von Aquins De regimine princeps zeigt auf, wie die Hirt-Herde-Metaphorik in die politische Theorie überführt wird: So stabilisiert die Integration des Tiers die Herrschaft des Königs als guter Hirte, dem die von ihm zu führende Herde, das Volk, gegenübergestellt wird.
Im dritten Kapitel setzt sich Bühler unter dem Titel »Politische Theorie im Umbruch« mit Macchiavellis Il Principe, Erasmus von Rotterdams Institutio princips christiani und Thomas Morus’ Utopia auseinander. Während bei Erasmus die Grenzziehung zwischen Mensch und Tier, Christen und Heiden, christlichem Fürst und Tyrann im Vordergrund steht und das Bild eines christlichen und gerechten Herrschers profiliert wird, verschiebt Morus die Grenze zwischen Tier und Mensch »auf das Verhältnis von Realität und Fiktion« (S. 59). Die Utopie wird als neue Form der Reflexion über die politischen Verhältnisse etabliert und verabschiedet in der »Fiktion einer alternativen sozialen Ordnung« (ebd.) die traditionelle didaktische Erziehungsfunktion zugunsten eines Idealentwurfs. Demgegenüber steht Macchiavellis Abkehr von der Verflechtung von Politik und Ethik im Fürstenspiegel, die der Grenze zwischen Tier und Mensch folgt: Abhängig von den jeweiligen politischen Erfordernissen soll der Fürst zumindest temporär zum Tier werden und so zwischen Mensch und Tier, Recht und Unrecht, Moral und Unmoral beliebig wechseln können (vgl. S. 63).
Ein vergleichbares Changieren zwischen Recht und Unrecht im Bild von Tier und Mensch führt Bühler für Justus Lipsius’ Politicorum libri six an. In Abwendung vom christlichen Pastorat des guten Hirten wird die prudentia mixta, der erlaubte Rechtsbruch durch den Fürsten, entlang der Tier-Mensch-Grenze gerechtfertigt. Die Form des Cento, der Zusammenstellung von Zitaten mit neuer Bedeutung, dient Lipsius dazu, den Normbruch durch das Anführen von Autoritäten zu verdecken. Der Fürst wird nicht nur bildlich, sondern tatsächlich zum Tier, »da das, was ihn zum Menschen macht, in Grenz-Situationen ausgesetzt wird« (S. 85). Hiermit legitimiert Lipsius nicht nur ›leichte‹ und ›mittlere‹ Abweichungen von der Tugend wie Verstellung, Bestechung oder Täuschung, die tolerierbar sind, solange sie dem Gemeinwohl dienen, sondern erkennt auch schwere Abweichungen von Tugend und Gesetz, z.B. Treulosigkeit und Ungerechtigkeit, als Handlungsweisen des (füchsischen) Fürsten an; er reagiert damit auf die unmittelbare Erfahrung seiner Gegenwart, dass man zuweilen »Füchse mit Füchsen fangen muß« (S. 89).
In den folgenden beiden Kapiteln befasst sich Bühler mit konkreten Figuren des Tier-Mensch-Grenzraums, und zwar einerseits mit Reineke Fuchs als Figur, an die die Umbrüche der politischen Theorie gekoppelt sind (vgl. 96), und andererseits mit dem sich am Rande der Gesellschaft bewegenden Picaro. Vor seiner Analyse verschiedener frühneuzeitlicher Tierepen (Ecbasis captivi, Ysengrimus, Reinaert I und II, Reinke de Vos, Froschmeuseler, GanßKönig und EselKönig) profiliert Bühler die Satire als ›Grenz-Text‹, die, indem sie die »Normabweichung im Modus der Normbrechung thematisiert« (S. 104), per se als Text zwischen den Normen zu verstehen ist. An den Tierepen demonstriert Bühler die sukzessive Loslösung vom monastischen Bedeutungsrahmen hin zu einer Integration des Fuchses in eine genuin politische Sphäre, die deutliche Tendenzen zum Fürstenspiegel, zur fürstlichen Erziehung aufweist. Die situationsgebundene List des Fuchses, seine kündikeit,(1) verschiebt sich zum Listhandeln, das als Merkmal politischen Handelns legitimiert wird. Dagegen stellen Rollenhagen im Froschmeuseler und Wolfhart Spangenberg in seinen Dichtungen zur Königswahl der Tiere (GanßKönig und EselKönig) eine eher kritische Sicht, indem sie die »politische Unkenntnis« (S. 135) in der Wahl des Königs akzentuieren und bewusst fragwürdige Herrscher bzw. misslungene Königswahlen zur Schau stellen. Für den Picaro-Roman analysiert Bühler stellvertretend Alemáns Guzman de Alfarache, Moscheroschs Visionen des Don Quevedo und Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch; im Gegensatz zur Integration des Fuchses in die Gesellschaft steht hier die Desintegration im Mittelpunkt, die sowohl im Dienste der Stabilisierung der Ordnung durch Ausschluss stehen, aber auch als Symptom einer Übergangs- und Umbruchszeit der sozialen Normen fungieren kann.
Mit Hobbes’ Leviathan wendet sich Bühler im siebten Kapitel einem Text zu, der Souverän und Staat zugleich in den Blick nimmt (vgl. S. 187). Mit seiner Kritik an Aristoteles’ Grenzziehung zwischen Tier und Mensch begründet Hobbes die künstliche Erzeugung des Leviathans und intendiert zugleich eine »Verabschiedung des gesamten aristotelischen Systems« (S. 190). Die durch den Gesellschaftsvertrag geschaffene Ordnung wird laut Hobbes immerfort durch einen Rückfall in den Naturzustand bedroht, was eine ›Entgrenzung‹ der Macht des Souveräns nötig macht, um ihn aufrechtzuerhalten. Der Grenzziehung zu Tier, Naturzustand und individuellen Freiheiten, die den Staat erst definiert, steht demzufolge das Bild des Leviathans, der die Aufhebung dieser Grenzen für den Souverän verbildlicht, entgegen; es entsteht ein offener Grenzraum, der dem Souverän die Anwendung willkürlicher Macht erlaubt (vgl. S. 202).
Im letzten Kapitel wendet sich Bühler der Figur der Bevölkerung zu. Die Bevölkerung konstituiert hierbei eine Form des ›Regierungswissens‹ (vgl. S. 207), das den Fokus auf die »Techniken der Regulierung« (S. 203) der Bevölkerung verschiebt. Bühler skizziert beispielhaft an Johann Peter Süßmilchs Die göttliche Ordnung das Verständnis der menschlichen Kollektive als Bevölkerung, das die Grenze zum Tier in der politischen Betrachtung aufhebt: Zwar bleiben Sprache und Vernunft als Kriterien der Differenzierung weiterhin bestehen, doch indem der Mensch in ein ökonomisches Verhältnis gesetzt wird, ist er zugleich Teil des Kollektivums ›Bevölkerung‹, das es zu regulieren gilt.
Im Schlussteil richtet Bühler den Blick auf das 19. Jahrhundert und die Bedeutung der Bevölkerung für die politische Ökologie. Zentral ist hier der von Karl Moebius definierte Begriff der Biozönose, der Kollektive bezeichnet, die sich selbst regulieren oder, falls sie aus dem Gleichgewicht geraten, der Regulierung bedürfen (vgl. S. 227). Vor diesem Hintergrund wird die Bevölkerung zum Gegenstand des Ausgleichs und »steht dabei als Grenzfigur nun ihrerseits im Grenzraum zwischen Natur und Kultur« (S. 229). Resümierend hebt Bühler die Bedeutung der politischen Figuren des Tiers für die »Formierung und auch Störung politischer Wissensordnungen« (S. 231) hervor. Das Bild des Tiers dient dem Menschen dazu, sich selbst und seine Umwelt zu beschreiben und zu erzeugen; zu ›politischen Tieren‹ werden sie, da sie als Symbole und Repräsentationen der Gesellschaft eingesetzt werden, »über welche sich die Instituierung des Sozialen vollzieht« (ebd.).
Zusammenfassend ist Bühlers kenntnisreiche Studie als fundamentaler Beitrag zur Aufarbeitung des zeichenhaften Gebrauchs der Grenze zwischen Tier und Mensch in der Abhandlung politischer Fragen zu werten, der durch die Einbeziehung literarischer, politischer wie wissenschaftlicher Texte auf eine breite Quellenbasis zurückgreift.

Dr. Sabine Schu, Universität des Saarlandes, FR 4.1 – Germanistik, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: s.schu@mx.uni-saarland.de


Anmerkungen:

(1) Kündikeit bezeichnet im Allgemeinen eine intellektuelle Überlegenheit, ein »situationsspezifisches Interpretations- und Handlungsvermögen«; Hedda Ragotzky, Gattungserneuerung und Laienunterweisung in den Texten des Strickers. Tübingen 1981, S. 84. [zurück]