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In: KulturPoetik 2015, Heft 1

Autor

Joachim Gerdes

Titel

Auch ich war in Ligurien − Geopoetische Streifzüge in Italien abseits ausgetretener Pfade
Martina Kolb, Nietzsche, Freud, Benn, and the Azure Spell of Liguria. Toronto: University of Toronto Press 2013. 264 S.

Kategorie

Rezension

Abstract


Volltext

Mit ihrer Monographie zu italienischen und speziell ligurischen Affinitäten in Biographien und Werken und generell im Denken Nietzsches, Freuds und Benns füllt Martina Kolb eine Lücke in der literaturhistorischen Aufarbeitung eines bedeutsamen, aber offenbar im Schatten der reichhaltigen Literatur zum klassisch-Goetheschen Italienbild vernachlässigten Aspektes des Italienbezuges in der deutschen Geistesgeschichte. Ligurien, als italienische Kulturlandschaft in der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte eher wenig beachtet, von Nietzsche in seinen Reisejahren im letzten Drittel seines Lebens ins Bewusstsein eines größeren Lesepublikums gerückt, vom intensiven Italienreisenden und Nietzscheaner Freud mutwillig verschwiegen und vom Dichter Benn, der nie selbst nach Ligurien reiste, zum enigmatischen Kern seines sogenannten »ligurischen Komplexes« erklärt, ist in Kolbs detaillierter, in englischer Sprache verfasster literatur- und kulturwissenschaftlicher Analyse Topos einer umfangreichen Betrachtung zu geographisch-kulturell-poetischen Wechselwirkungen zwischen Landschaftsformen, historischen Schauplätzen und mentalen wie auch literarischen Kontexten. Im Vorwort wird die von Kolb applizierte Perspektive als »Ligurian Geopoetics« eingeführt (S. 3ff.). Kolbs erklärtes Ziel ist es, in ihrer Darstellung, ausgehend von Nietzsche, der mit seiner besonderen Aufgeschlossenheit für die geistig-poetische Potenz geographischer Orte Ligurien besondere Aufmerksamkeit gewidmet hat, den im angelsächsischen Raum wenig beachteten Lyriker Benn nicht nur in einen internationalen poetischen Kontext zu stellen (Kolb zufolge wurde er gelegentlich als »Germany’s Eliot« oder »the German Ezra Pound« bezeichnet, S. 15), sondern auch dem für sein Werk zentralen »ligurischen Komplex« in einen geistesgeschichtlichen Zusammenhang zu bringen, wodurch dann insbesondere die ligurische Dimension in Benns Werk ins Zentrum der Betrachtung gerückt wird. Freud figuriert in diesem Kontext gewissermaßen als Bindeglied zwischen Nietzsche und Benn, wenn dieser einerseits seine literarische Affinität zum späten (ligurischen) Nietzsche bewusst unterschlägt und sich damit in dessen Schuld sieht, und Benn andererseits mit seinem Terminus des »ligurischen Komplexes« einen impliziten Bezug zu Freuds Psychoanalyse herstellt.
Kolb führt in ihr Opus mit einer allgemeinen Reflexion zur »Ligurizität« (Ligurianity, S. 18f.) ein, indem sie darauf hinweist, dass in geographischen Gegebenheiten wurzelnde Lexeme wie Norden, Süden, mediterran und eben ligurisch/ligusticità als Abstrakta zur Bezeichnung komplexer Geisteshaltungen oder Seinsformen herangezogen werden können. Im ersten Hauptteil der Monographie breitet Kolb ein eindrucksvolles Panorama der literarischen und historischen Topoi Mittelmeer, Riviera und Ligurien aus, wobei Ligurien bei Kolb nicht im engeren Sinne als die heutige italienische Region Ligurien zu verstehen ist, sondern als Kulturlandschaft, die sich über die französische Côte d’Azur bis hin nach Nizza erstreckt und somit auf der Ost-West-Achse zwischen Dantes Toskana und der Provence der Troubadoure angesiedelt ist, in Nord-Süd-Richtung zwischen Alpenraum und Mittelmeer, zwei ebenfalls seit der Antike in hohem Maße kulturrelevanten geographischen Großräumen. Dabei weist Kolb darauf hin, dass insbesondere die unklare geographische Definition der Riviera zwischen ligurischer Mittelmeerküste und französischer Côte d’Azur, ähnlich wie der vage Begriff des Mediterranen, dazu beitragen, dass ein solcher Ort im Grenzbereich zwischen geographischer Realität und mythischer Imagination voller kulturhistorischer Konnotationen angesiedelt ist. In diesem Zusammenhang sind nicht nur Shelley und Byron zu nennen, deren abenteuerliche Reiseleben mit (ligurischen) Mittelmeerlandschaften in Verbindung stehen. Bereits in Dantes Göttlicher Komödie spielt Ligurien in der literarischen Topographie eine Rolle, wenn dieser im Ante-Purgatorium die Gegend zwischen Lerici (Provinz La Spezia) und Turbìa (La Turbie/Frankreich) implizit mit der Geographie des Purgatorium-Gebirges vergleicht. Als weitere Autoren der Weltliteratur, bei denen − zumeist wenig beachtete − Bezüge zu Ligurien und seiner Hauptstadt Genua zu finden sind, nennt Kolb Puškin (Bachčisarajskij fontan), Dickens (Pictures from Italy), James (Italian Hours) und etliche andere.
Es ist aber offenbar Nietzsche gewesen, der Ligurien erstmalig als künstlerisch inspirierende Landschaft literaturfähig gemacht hat. Dabei spielt die natürliche Geographie eine entscheidende Rolle, wie die Autorin im Kapitel On the Ligurian Edge ausführlich deutlich macht: Ligurien sei in Italien die einzige vollständig von natürlichen Grenzen umgebene Landschaft, wodurch sich ein abgeschlossener konkaver Raum in Form eines überdimensionalen Amphitheaters ergebe. Diese ›dramatische‹ Landschaftsform sei darüber hinaus vor allem durch Enge, Gedrängtheit, Steilheit und Abgelegenheit gekennzeichnet, was sich in Texten und Theorien der drei hier betrachteten Autoren, besonders aber in Nietzsches Sprache und Denken widerspiegele. Während Dante Ligurien noch als schroffen, unwirtlichen Landgürtel wahrnimmt und diese zähe Unzugänglichkeit auch auf den Charakter der Bewohner überträgt, womit er antike Traditionen fortführt, sei für Nietzsche eben gerade das Raue, Steile, Zähe und Herausfordernde Quelle poetischer Inspiration gewesen. In Ligurien entstehen einige seiner Hauptwerke, darunter vor allem Also sprach Zarathustra, das nach Nietzsches eigener Aussage (Ecce homo) maßgeblich durch Spaziergänge in Ligurien inspiriert ist. Ligurien ist für Nietzsche im Gegensatz zu Goethe und den Italienreisenden der Grand Tour in spiritueller Hinsicht der Ziel- und Höhepunkt seiner Südreisen; denn hier verfasst er seine späten Werke, mit denen er nach eigener Überzeugung die deutsche Sprache zu ihrer expressiven Vollendung gebracht haben will. Kolb zeigt auf, in welcher Weise die bei Nietzsche zahlreichen Topophilica und Topophobica über das rein Topographische hinaus für geistige und psychische Konturen stehen. Diese Auffassung des geographischen und kulturhistorischen Ortes als Repräsentation des zwischen konkretem und imaginiertem Raum befindlichen Grenzbereiches lasse sich bereits in Goethes Rombild nachvollziehen, werde von Freud selbst etwa anhand des zerstörten Pompeji als Metapher des verschütteten kulturellen Gedächtnisses umgesetzt und finde in der von Nietzsche eingeleiteten und von Freud und Benn wieder aufgenommenen Verschmelzung von landscape/seascape und mindscape Liguriens eine in dieser Form einmalige Konzentration, ohne dass Ligurien dabei wie etwa Rom, Florenz oder Neapel kulturgeschichtlich kanonisiert worden sei oder wie die Côte d’Azur zu einem kollektiven Mythos avanciert sei.
Soviel zu Kolbs Exposition, mit der sie kompetent und kenntnisreich in die komplexe Thematik einführt, wobei die zusammengestellten historischen, geographischen und literarischen Querverbindungen und Wechselwirkungen größtenteils unmittelbar auf das zentrale Thema der Geopoetik bezogene Digressionen sind. Einen weiteren theoretischen Ansatz von Kolbs Reflexion bildet die Onomastik literarischer Topographien, der ebenfalls ein Kapitel mit dem verheißungsvollen Titel Luring Onomastics gewidmet ist. Zu diesem Zweck stellt die Autorin dem transzendierten Ligurien einige literarische Sehnsuchtslandschaften gegenüber, in erster Linie Mörikes Orplid, das mythische Arkadien und schließlich den von der Band Beach Boys imaginierten, fiktiven Küstenort Kokomo. Derartigen Phantasiegefilden ist nicht nur die Idealisierung südlicher Landschaften gemein, sondern auch die Nähe zum Meer sowie eine zugleich abweisende und verlockende Dimension des Traumhaften. Sie sind Poetisierungen des Realen, so Kolb, die sich auch im Ligurien der drei behandelten Autoren unterschiedlich manifestieren: bei Benn in einer expliziten Begeisterung für das Wasser als Landschaftselement, bei Freud in der Figuration und psychoanalytischen Interpretation der Wasserträume und schließlich bei Nietzsche im thematischen Oszillieren zwischen Gebirge, Meer und Inseln als philosophischen Metaphern.
Der zweite und eigentliche Hauptteil des Buches besteht in drei unter dem Titel Nietzsche, Freud, Benn: A Ligurian Complex zusammengefassten Kapiteln, in denen nun noch einmal im Detail die Ligurizität der drei Autoren jeweils ausführlich analysiert wird. Am Anfang der den drei Autoren gewidmeten Kapitel trägt Kolb jeweils biographisches und literarisches Material zusammen, das den Bezug der drei Autoren zu Ligurien auch anhand von konkreten Daten, Reisen und expliziten Zitaten belegt. Den Anfang macht hier folgerichtig wieder Nietzsche, dessen unstetes Reiseleben in seinen letzten Lebensjahren zwischen Ligurien, Turin, Nizza und Sils Maria seinen Anfang in einem Aufenthalt in Genua findet, das hier auch etymologisch-symbolisch für das Eingangstor zu einem neuen Lebensabschnitt (Janus) und zur Lebenswende (lat. genu = »Knie«) stehe. Nietzsche verfasst während seines Aufenthaltes in Rapallo den ersten Teil des Zarathustra und beschreibt mit dem Begriff des »Zarathustra-Ereignisses« den unmittelbaren Einfluss der ligurischen Landschaft und ihrer Schroffheit und Abgeschiedenheit auf das in der Person Zarathustra repräsentierte Denken. Damit geht eine geistige Befreiung einher, die in der von der provenzalischen Landschaft um Nizza inspirierten Fröhlichen Wissenschaft als Grundlage für einen neuen Typus europäischer Poesie in der Nachfolge provenzalischer Troubadoure herausgestellt wird. Nietzsche sieht sich als moderner Troubadour und entwickelt eine Form des antithetischen Schreibens, das die Kontraste der provenzalisch-ligurischen Landschaft poetisch reproduziert. So kontrastiert etwa die Nähe zum halkyonischen Himmel als poetische Inspirationsquelle mit der abstoßend luxuriösen Stadt Nizza; der epikureische Sonnenwinkel mit Blick aufs offene Meer erscheint als Antithese zum biedermeierlichen Winkelglück; in den Liedern des Prinzen Vogelfrei erscheint eine antithetische Gegenüberstellung von Freiheit und Ausgestoßenheit etc.; schließlich spielt auch die Insularität der ligurischen Geographie in ihrer Eigenschaft als Konglomerat kompakter, isolierter, von (halb)runden Formen gekennzeichneter Strukturen und als Landschaftsraum zwischen Meer und Himmel, sowie als Wiederholung mythisch-elysischer Sphären einen Widerhall in rhetorischen Inseln gedanklicher Kondensierung und einer Metaphorisierung der ewigen Wiederkehr. Nietzsche schöpft Kolb zufolge aus den Landschaftsformen seiner ligurischen Reisen ein Inventar von Metaphern zur Schaffung einer neuen, bildhaften Sprache, die von einer fast haptischen Ausdruckskraft geprägt ist.
Nietzsches aus den landschaftlichen Kontrasten inspirierte Expressivität einer onirisch-ligurischen Poetik habe, so Kolb, eine starke Wirkung auf die Nietzsche-Rezipienten Freud und Benn ausgeübt. Ersterer hat Italien intensiv bereist und die Betrachtung antiker Kunstwerke als Stimulus für psychoanalytische Untersuchungen genutzt. Seine zwei Reisen nach Ligurien (Genua 1900 und Genua/Rapallo 1905) unterscheiden sich jedoch, so Kolbs These, grundsätzlich von seinen übrigen Italienreisen: Während es sich bei letzteren um Bildungs- und Kunstreisen im klassisch-Goethischen Sinn handelte, ist Freuds Aufenthalt in Ligurien, und speziell am Strand von Rapallo, von einem Gefühl der Schuld geprägt, das Kolbs Interpretation zufolge auf einer uneingestandenen literarischen Abhängigkeit von Nietzsche beruhe. Die Autorin fragt sich in diesem Zusammenhang, warum Freud sich implizit wiederholt auf Goethe beruft, nie aber auf Nietzsche, der im Zarathustra zentrale Aspekte der Traumdeutung unmittelbar vorweggenommen hat. Warum, so fragt Kolb weiter, hat der Rapallo-Besucher Freud den Ort, der zur Entstehung des Zarathustra maßgeblich beigetragen hat, derart konsequent ignorieren können, während etwa die Symbolhaltigkeit des von Goethe als »mumisierte Stadt« bezeichneten Pompeji von ihm explizit benannt wird. Kolbs These besteht darin, dass Freud, der die Traumdeutung als die ›Via Regia‹ durch den menschlichen Geist bezeichnet und sich gleichzeitig einen Weg durch das unzugängliche, steile und verschlungene Territorium des menschlichen Seelenlebens zu bahnen sucht, sich habe eingestehen müssen, dass Nietzsche sich dieses geopsychischen Zusammenhanges bereits vor ihm bewusst geworden war und somit während seiner solitären Schriftstellertätigkeit in Ligurien als eine für ihn irritierende Autorität Erkenntnisse auf dem Gebiet der Seelenforschung antizipiert hat. Kolb mahnt Nietzsches Freud-Vorgängerschaft in diesem Sinne als bisher wenig berücksichtigtes Forschungsdesiderat an: Als Gemeinsamkeiten zwischen Freud und Nietzsche stellt sie u.a. das ausgeprägte Interesse für Traumwirklichkeiten heraus, ferner die Problematisierung des Verhältnisses zwischen Willen/Ego und Gewissen/Über-Ich oder die Spiegelung der Seele im Körper. Freuds Schweigen über seinen Aufenthalt in Nietzsches Ligurien sowie das Erscheinen der Traumdeutung in Nietzsches Todesjahr verweisen somit auf eine Schuldverdrängung durch komplette Ignorierung nicht nur der Anwesenheit Nietzsches in Ligurien und Italien, sondern auch der spirituellen Vorgängerschaft desselben. Kolbs These erscheint in der hier gebotenen Raffung gewagt, wird aber im Buch mit zahlreichen Zitaten und Querverweisen ausführlich dokumentiert, so dass sie dem Leser durchaus plausibel gemacht wird.
Gottfried Benn schließlich, der sich selbst nie in Ligurien aufgehalten hat, bezieht sich in seinem poetischen Œuevre umso deutlicher auf Ligurien und die französisch-italienische Riviera. Seit 1919 erwähnt Benn den »ligurischen Komplex«, der eine zentrale Funktion in seinem poetischen Werk einnehme. Benn bezeichnet die provenzalischen Troubadoure in ihrer wörtlich verstandenen Eigenschaft als Wort-Finder (trobair/trobador = finden/erfinden von Worten) als Vorbilder seiner Poetik; Benn ist lebenslang vom Mediterranen fasziniert, das er sich aber weniger über eigene Reisen, als vielmehr aus literarischen Quellen wie der Bibel, den Werken Homers, Goethes und nicht zuletzt Nietzsches erschließt, dessen ruhelose Wanderungen in Ligurien starken Einfluss auf seinen »ligurischen Komplex« ausgeübt habe, so Kolb. Im Gegensatz zu Goethes Mignonscher Zitrone ist für Benn die Olive das Emblem des Südlichen. Während Goethes Mignon von Sehnsucht nach dem Süden erfüllt ist, heißt es bei Benn: »Da geschah ihm die Olive« (Der Geburtstag, 1916); das Mediterrane überfällt den Dichter Benn, sucht ihn heim und verfolgt ihn schließlich. Benn, der vergleichsweise wenig reist und sich selbst trotz einiger Reisen, u.a. nach Südfrankreich, als nicht reisefreudig darstellt und während der Hitlerdiktatur die sogenannte innere Emigration einer Auswanderung vorzieht, ist dennoch geradezu besessen von dem »Südwort schlechthin«, als das er das Farbadjektiv »blau« bezeichnet und das für ihn im Zentrum des »ligurischen Komplexes« steht. Benn konstatiert in seiner Schöpferischen Konfession (1919/20), dass ihn »das Wort ohne jede Rücksicht auf seinen beschreibenden Charakter rein als assoziatives Motiv« sensationiere und er sich gegen die Bewusstheit mit der »südlichen Zermalmung« wehre, die er »abzuleiten trachte in ligurische Komplexe bis zur Überhöhung oder bis zum Verlöschen im Außersich des Rausches oder des Vergehens«.(1) Kolb erläutert dazu, dass Benn das Provenzalische und Ligurische als Explosion der poetischen Kraft wahrgenommen habe. Er nenne Goethe und Nietzsche als seine einflussreichsten Vorgänger im Hinblick auf die Stilisierung des Mittelmeerraumes zum poetischen Traumland. Benns Werke der 30er Jahre seien Reaktionen auf Nietzsches mediterran-ligurische Einlassungen: Benn feiere das von ihm nie betretene und somit eher als poetischen Imaginationsraum zu betrachtende Ligurien als Nietzsches Wahlheimat und Gegenpol zur christlichen Moraltradition und sehe Nietzsche als den »weitreichenden Gigant[en] der nachgoetheschen Epoche«.(2) Benns mentale Konstruktion Ligurien werde somit zu einem Akt poetischer Kondensation und gleichzeitig zu einem Schnittpunkt von Geopoetik und Psychoanalyse, wenn der »ligurische Komplex« und das mit dem Tyrrhenischen Meer assoziierte »frevelhafte Blau« des Südens unter expliziter Berufung auf Nietzsche und impliziter Affinität zur Freudschen Terminologie gleichzeitig als Quelle poetischer Inspiration und als Verweis auf künstlerische Verarbeitung verdrängter Schuldsubstrate fungierten.
Geopoetik ist − und damit schließt Kolbs Reflexion − dichterische Erschaffung von geistigen Welten, die jedoch immer in Bezug zu einem konkreten, mit spezifischen geographisch-geologischen Eigenschaften ausgestatteten Raum stehe; sie ist ein Epochen und geographische Grenzen überschreitender Dialog zwischen Geist, Welt und Sprache. Im vorliegenden Fall ist es Nietzsche, für den die jahrtausendealte Kulturlandschaft Ligurien zu einem poetisch-weltanschaulichen Topos wird; Freud und Benn sind, wenn auch nicht die einzigen, so doch zwei der bedeutendsten Literaten, die in vielschichtiger Weise den von Nietzsche vorgegebenen geopoetischen Faden aufnehmen und weiterspinnen. Martina Kolbs komparatistische, literatur- und kulturwissenschaftliche, und auch in linguistischer und sprachgeschichtlicher Hinsicht äußerst anregende Monographie kann hier nur in vereinfachender Weise in grober inhaltlicher Komprimierung vorgestellt werden. Eine eingehende Lektüre der enorm kenntnisreichen und minutiös recherchierten Darstellung vermittelt hingegen einen umfassenden Einblick nicht nur in die weithin unterschätzte kulturhistorische Bedeutung der provenzalisch-ligurischen Küstenlandschaft, sondern auch einen profunden Überblick über literarische und geistesgeschichtliche Vernetzungen zwischen deutscher, italienischer, europäischer und amerikanischer literarischer Kultur im Fokus eines geographisch-historischen Feldes als Quelle für Inspiration und Kreativität. Der enorme Detailreichtum, mit dem die Autorin ihre Analyse weit ausholend unterlegt, ist aber durchweg der komplexen zentralen Thematik dieses lesenswerten Buches geschuldet.

Dr. Joachim Gerdes, Università degli Studi di Genova, Dipartimento di Lingue e Culture moderne, Piazza Santa Sabina, 2, 16124 Genova, Italien, E-Mail: joachim.gerdes@unige.it


Anmerkungen:

(1) Gottfried Benn, Schöpferische Konfession. In: Ders., Sämtliche Werke III. Hg. v. Gerhard Schuster. Stuttgart 1987, S. 108. [zurück]
(2) Gottfried Benn, Nietzsche nach 50 Jahren. In Essays und Rede. In der Fassung der Erstdrucke, Frankfurt/M. 1989, S. 495. [zurück]