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In: KulturPoetik 2015, Heft 1

Autor

Bettina Korintenberg

Titel

Bewegende Räume. Museen setzen auf Emotion
Silke Arnold-de Simine, Mediating Memory in the Museum. Trauma, Empathy, Nostalgia. Basingstoke: Palgrave Macmillan 2013. 239 S.

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Rezension

Volltext

Mit ihrer jüngsten Publikation Mediating Memory in the Museum. Trauma, Empathy, Nostalgia bewegt sich Silke Arnold-de Simine (Birkbeck College, University of London) an der interdisziplinären Schnittstelle zweier aktueller Forschungsfelder: Erinnerung und Museum. Grundlage und Ausgangspunkt von Arnold-de Simines Überlegungen sind Veränderungen, die insbesondere Museen, welche sich gesellschaftsgeschichtlichen Thematiken  widmen (wie z.B. »history museums« oder »heritage sites«), innerhalb der letzten drei Jahrzehnte durchlaufen haben: Von strukturierten und an Mastererzählungen orientierten Orten des Wissens wandeln sie sich immer mehr zu multisensoriellen Erinnerungsorten  mit kommunikativen, performativen und affektiven Implikationen. Diese Transformationen sind vor allem an einer sich verändernden Ausstellungspraxis sicht- und erfahrbar, die Arnold-de Simine an drei leitenden Paradigmen festmacht und entfaltet: Trauma, Empathie und Nostalgie. Anhand detaillierter Fallstudien von Museen aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Belgien nimmt die Autorin das Phänomen deduktiv aus komparatistischer Perspektive in den Blick. Sie findet dabei ein ergiebiges Gleichgewicht zwischen differenzierten Betrachtungen der einzelnen Museen in ihren jeweiligen nationalen Kontexten und thematischen Spezifika sowie der Einordnung in größere, kulturgeschichtliche Zusammenhänge, wodurch sich übergreifende, transnationale Tendenzen herauskristallisieren.
Das Buch umfasst fünf Kapitel. Den Auftakt macht eine globale Einführung in die theoretischen Grundlagen der drei Kernkoordinaten Museum, Erinnerung und Medium sowie die drei Kategorien Trauma, Empathie und Nostalgie, die die Analyse leiten. Auch hier sind Beispiele aus der Museumspraxis eingeflochten. Zu Beginn werden kurz die Marker der Museumsgeschichte angerissen, um die Veränderungen der Institution zu Orten pluraler, oft persönlicher Erzählungen, die mit dem Besuchenden auf einer emotionalen Ebene kommunizieren und auf spezifische Weise Reflexion und Resonanz fordern, kontextuell einzuordnen. Arnold-de Simine spricht hier von einem neuen Typus Museum. Bei der anschließenden Auseinandersetzung mit dem elementaren Begriff Erinnerung verliert sich die Autorin nicht in dem riesigen Feld der kulturwissenschaftlichen Erinnerungsforschung, sondern pointiert die theoretischen Ansätze stets mit dem Fokus auf den Zusammenhang zum Museum. Zentral ist hierbei die problematische Opposition von Geschichte und Erinnerung als unterschiedliche wissensformale Zugänge zur Vergangenheit und damit auch die Frage nach der Evaluation von Authentizität, wie sie sich im Museum eminent stellt.
Es folgt ein kursorischer Durchlauf durch die unterschiedlichen Konzepte und Entwicklungen des »collective memory«-Begriffs (Maurice Halbwachs, Susan Sontag, Michael Rothberg, Jeffrey K. Olick, Jan und Aleida Assmann, Andrew Hoskins, Alison Landsberg, Marianne Hirsch). Arnold-de Simine selbst argumentiert gegen eine Verabsolutierung jeglichen Denkmodells und sieht in den unterschiedlichen Ansätzen heuristische Instrumente, die dazu dienen können, jeden Fall von Erinnerung individuell einzuordnen und zu entschlüsseln. In Bezug auf das Museum als Erinnerungsort sind Fragen nach Moral und Verantwortung unabdingbar: Wer kann und darf sich überhaupt wie an welche Ereignisse erinnern. Auf welche Art und Weise können Erinnerungen, Erinnerungsqualitäten weitergegeben werden? Wie wirkt sich die Anwesenheit bzw. Abwesenheit von Augenzeugen (»first-hand witnesses«) auf die Gesellschaft und Erinnerungskultur aus? Dies leitet über zu der bedeutsamen Rolle der Medien, die Museen für sich nutzbar machen. Mediale Vermittlung lenkt Erinnerung und kann sie verändern. Medien machen es möglich – die Autorin bezieht sich hier auf die These Landsbergs –, geschichtliche Ereignisse, bei denen man selbst nicht anwesend war, in persönlichen, emotionalen Erfahrungen zu erleben. Diese ›prothetischen‹ Erinnerungen  können vorgängige Erinnerungen überschreiben und transformieren, was zur Vorstellung eines komplexen, nicht-linearen, kondensierten »memory text« führt.(1) Museen tendieren mehr und mehr zu medialen Vermittlungsformen, die einen solchen prothetischen Erinnerungsprozess auslösen wollen. Eingesetzt werden filmische und performative Präsentationsmodi, die als »re-enactments« funktionieren und ein emotionales Involviertsein schier unvermeidbar werden lassen.
Die drei Kernkonzepte Trauma, Empathie und Nostalgie werden schließlich kritisch in ihren unterschiedlichen theoretischen Ausprägungen diskutiert und auf ihren Einfluss hinsichtlich musealer Repräsentationsmodi hin befragt: Der Begriff des Traumas, in den intersubjektiven Bereich eingegangen, findet seinen Widerhall in performativen und immersiven Repräsentationen – insbesondere durch visuelle Medientechnologien, die als »secondary wit­nessing«(2) beim Besucher Gefühle von Unmittelbarkeit und Empathie hervorrufen. Empathie fungiert dabei als Garant für Moral, was ein Mitfühlen über Grenzen wie Religion und Ethnizität meint, ohne mit der Position des anderen gänzlich zu verschmelzen, um aus der bleibenden Distanz und Alterität ein reflektiertes Bewusstsein zu gewinnen, was zu Toleranz und ethischem Verhalten führen kann – so Landsberg. Museen spielen mit dieser Art emotionaler Identitätskoppelung, wobei der Einsatz von Empathie – etwa durch Bilder von Leid und Gewalt, Videoinstallationen, Rollenmasken – stets umfänglicher Abwägung bedarf, um weder emotionale Überforderung noch Abstumpfung hervorzurufen, was die Autorin nachvollziehbar darstellt. Den Begriff der Nostalgie entfaltet Arnold-de Simine in seiner etymologischen Komplexität als eine ambivalente emotionale Reaktion, die nicht auf einseitige Verklärung als Idyll zu reduzieren ist, wie es sich insbesondere in Heimat- und Volkskundemuseen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein findet. Nostalgie kann auch ein paradoxes Ineinander aus Sehnsucht und kritischem Denken provozieren. Hier spielen Aspekte der »dark nostalgia« eine Rolle, ein Enthusiasmus für düstere Geschichten wie auch Katastrophen, der entweder zu einer ernsthaften Auseinandersetzung mit schwierigen Episoden der nationalen oder globalen Geschichte (»dissonant heritage«) oder zu einen sensationsgeprägten Tourismus (»dark tourism«) führen kann.
Alle drei Konzepte, die nach Arnold-de Simine die aktuelle museale Ausstellungspraxis prägen, funktionieren über die Herstellung emotionaler Nähe und schaffen einen intensiven Raum der Erfahrung, in den der Besucher affektiv involviert wird. Dies stellt die Autorin in den drei Empiriekapiteln über bestechend detaillierte und anschauliche Schilderungen von Konzepten und Gestaltungen der aktuellen transnationalen Museumslandschaft vor. In Kapitel zwei mit der Überschrift The Death of Others: Representing Trauma in War Museums illustriert sie den Umgang mit traumatischen Ereignissen anhand von Museen, die sich mit Krieg auseinandersetzen (Imperial War Museum in Manchester, Militärhistorisches Museum in Dresden, In Flanders Fields Museum in Ypres). Trotz unterschiedlicher Kontexte und besucherbezogener Ausrichtung nutzen alle drei Museen persönliche Geschichten, um einen Zugang zu Elend und Leid zu finden. Die Ausstellungen sind auf emotionale Erfahrung ausgerichtet, die insbesondere über einen multimedialen Einsatz und einen interdisziplinären Ansatz (Integration von bildender Kunst, Literatur und Musik) geschaffen wird. Kapitel drei, Screen Memories and the ›Moving‹ Image: Empathy and Projection in ISM, Liverpool and IWM North, Manchester, fokussiert auf die emotionale Einwirkung auf den Besuchenden. Auf diese zielen speziell ebendiese Museen, die sich mit Themen wie Unterdrückung, Gewalt und Grausamkeit auseinandersetzen, die sich einer rein rationalen Fassbarkeit entziehen. Die Besuchenden sollen affektiv und imaginativ an der Erinnerungserfahrung partizipieren (»prosthetic memory«), dies wird insbesondere durch filmische Szenarien hervorgerufen – wie etwa, wenn sie im IVM North durch eine 360° Filmprojektion (The Big Picture Show) in eine sensorielle Kriegserfahrung hineingezogen werden. Das vierte Kapitel, The Paradoxes of Nostalgia in Museums and Heritage Sites, widmet sich dem Begriff der Nostalgie in seiner emotionalen Vielfältigkeit mittels differenzierter und kritischer Analysen von Museen, die atmosphärische Settings und Räume schaffen, wie das Pitt Rivers Museum (Oxford), das noch immer nach der Ordnung des Viktorianischen Zeitalters geordnet ist oder inszenierter Geschichtshäuser (»post-nostalgic« museums), die den Besucher in eine andere Zeit eintreten lassen (18 Folgate Street und 19 Princelet Street in London), des Freilichtmuseums Écomusée d’Alsace sowie des DDR Museums und des Dokumentationszentrums »Alltagskultur der DDR«, die sich auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Ostalgie-Phänomen beschäftigen.
Final zieht Arnold-de Simine in ihrem letzten Kapitel Uncanny Objects, Uncanny Technologies einen kulturgeschichtlichen Bogen zum intrinsischen Verhältnis von Unheimlichem(3)  und Museum. Waren es früher Objekte und Gewohnheiten fremder Kulturen, die ein Gefühl des Unheimlichen heraufbeschworen, ist es heute das eigentlich Eigene, das einem durch die temporale Distanz bei der Betrachtung fremd erscheint. Seit jeher ist das Museum ein Ort, an dem Vergangenes dem Besucher nahe gebracht und mittels medialer Technologien zum Leben erweckt wird. Die heutigen multimedialen, performativen Inszenierungen, Unterhaltung und Bildung zugleich, sind den magischen Spektakeln der »Phantasmagorias« des 18. und 19. Jahrhunderts gar nicht so fern. Das Museum des 21. Jahrhunderts konstituiert einen liminalen Raum, in dem über Animation und Emotion die Grenzen zwischen den Kategorien Realität und Phantasie zusehend verschwimmen; es ist ein Experimentierfeld von Historikern, Gestaltern und Künstlern, kein Ort der reinen Anschauung, sondern der Erfahrung.
Silke Arnold-de Simine gelingt mit Mediating Memory in the Museum ein Spagat zwischen fundierten theoretischen Überlegungen sowie anschaulichen und höchst aufschlussreichen Beobachtungen aus der aktuellen Museumpraxis, die nie unkommentiert stehen, sondern stets aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch beleuchtet werden. Durch die Einbettung in komplexe kulturgeschichtliche Zusammenhänge und Entwicklungen entsteht ein synthetisches und reichhaltiges Werk, das viele Erkenntnisse und Anregungen zum Weiterforschen für einen heterogenen Rezipientenkreis bereit hält.

Bettina Korintenberg,.Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Romanisches Seminar, Platz der Universität 3, D-79085 Freiburg; E-Mail: bettina.korintenberg


Anmerkungen:

(1) Arnold-de Simine bezieht sich hier auf den von Annette Kuhn geprägten Begriff: Annette  Kuhn, Memory Texts and Memory Work: Performances of Memory in and with Visual Media. In: Memory Studies (2010) 3, S. 298-313. [zurück]
(2) Die Vorstellung des »secondary witnessing«, die die Autorin hier ausführt, geht auf Dominick LaCapra zurück: Dominick LaCapra, Writing History, Writing Trauma. Baltimore, London 2001. [zurück]
(3) Sie rekurriert hier auf den Begriff des Unheimlichen, wie Sigmund Freud diesen 1919 in seinem gleichnamigen Aufsatz prägte, publiziert in Imago. Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften V. [zurück]