Detailansicht

In: KulturPoetik 2015, Heft 1

Autor

Martin Mann

Titel

Die Ausbuchstabierung des Selbst
Bernd Neumann, Von Augustinus zu Facebook. Zur Geschichte und Theorie der Autobiographie. Würzburg: Königshausen & Neumann 2013. 264 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die Auflösung der Grenze von Subjekt und Objekt ist eine der wesentlichen Eigenschaften der Autobiographie: Verfasser und Gegenstand fallen in eins; Schöpfung und Geschöpf nähern sich einander an. Die Perspektive für diese Spezifik gehört zum Gewinn der Lektüre von Bernd Neumanns Studie zu Geschichte und Theorie der Autobiographie. Die Untersuchung verfolgt jedoch nicht allein die Frage nach Genese und Wesensart autobiographischer Texte, sondern darüber hinaus auch noch eine zweite, versteckte Agenda, welche die literaturwissenschaftlichen Bemühungen konterkariert. 
Der theoretische Ausgangspunkt der Untersuchung ist eine kritische Auseinandersetzung mit Georg Mischs vierbändiger Geschichte der Autobiographie, deren gigantischer Heuristik Neumann eine kompaktere und fokussiertere Arbeit entgegensetzen möchte. Theoretisch versucht der Autor, Mischs »psychologische Methode« (S. 10) zu einem an der sozialkritischen Geisteswissenschaft geschulten Zugang zu überführen, also individualpsychologische Motive zugunsten eines gesellschaftlich kontextualisierten und zugleich psychoanalytisch ambitionierten Zugangs zu verabschieden. Auf dieser Grundlage gelingen Neumann einige einleuchtende Gedanken und geschmeidige Beweisführungen, etwa wenn er zeigt, in welchem Wechselverhältnis sich Autobiographie und Bildungsroman befinden: Sie teilen sich das gleiche Grundmuster, wobei letzterer seine Fiktionalität als solche ausstellt, der autobiographische Text – denkt man etwa an Goethes Dichtung und Wahrheit – dagegen die Grenze von Fiktionalität und Faktualität durchlässig macht. Eine andere gelungen dargebotene Einsicht stellt die Unterscheidung von Autobiographie und Memoiren dar: Autobiographische Texte zeigen das Werden eines Menschen, während Memoiren das äußerlich erkennbare Handeln eines Menschen retrospektiv darbieten. Auch hier beweist Dichtung und Wahrheit die eigentliche Qualität der Autobiographie, nämlich die Schilderung der Bildungs- und Entfaltungsgeschichte eines Individuums.
Die ganze Untersuchung Neumanns wird jedoch torpediert durch ihre zweite Agenda, die sich bereits im Titel Von Augustinus zu Facebook niederschlägt: Es handelt sich um den Versuch, eine kulturkritische Verbindung zwischen der Autobiographie als literarischer Hochform und heutigem Mediengebrauch als deren deformierter Variante herzustellen. Die spürbare Abneigung des Autors richtet sich auf all jene medialen Phänomene, die er mit der »Chiffre ›Facebook‹« (S. 9) apostrophiert. Hier ist schon prinzipiell fragwürdig, ob man die Erzeugnisse sozialer Medien überhaupt als autobiographische Texte interpretieren kann, da sie ja von genuin anderer Natur sind: Kurzlebig, fragmentiert, ohne literarischen Anspruch, der direkten kommunikativen Interaktion verpflichtet und darüber hinaus in einen völlig verschiedenen medialen Kontext eingebettet.
Die theoretische Vorarbeit Neumanns, die sich rein auf autobiographische Texte bezieht, leistet keinen Beitrag, um jene Phänomene, die er mit »Facebook« anspricht, zu verstehen. Ihnen nähert er sich stattdessen mit den Vorwürfen der Beliebigkeit und Belanglosigkeit, der Promiskuität und des Ausverkaufs an eine »event- und casting-Kultur« (S. 16). Damit korrespondiert, dass er auf jegliche wissenschaftliche Einholung dieser Phänomene verzichtet und stattdessen seine Studie regelmäßig durchsetzt mit kulturpessimistischen Abgesängen, die ein Gegenwartszeitalter diagnostizieren, in dem »doch nur das Intime seinen Innerlichkeitscharakter und damit sich selbst zu verlieren scheint« (S. 31). Konsequent bedient er sich am Vokabular der Pathologie, wenn er ein »Facebook-Syndrom« (S. 38) erkennen will, das sich durch »kollektive Infantilisierung« (S. 46) und geistige Regression auszeichnet. Ein derart polemischer Umgang mit dem eigenen Forschungsgegenstand, der sich von jeder Wissenschaftlichkeit konsequent befreit, stellt die ganze Untersuchung in Frage.
Die Passagen, die sich tatsächlich der Autobiographieforschung widmen, leiden jedoch zusätzlich an der nicht besonders ausgeprägten Ambition des Autors, wissenschaftlich exakt zu arbeiten. Dies zeigt sich vor allem in den zahlreichen handwerklichen Fehlern: Zitate ohne Fußnoten (S. 32), falsche Datumsangaben (S. 46), Zeilenumbrüche mitten im Satz (S. 63) und die uneinheitliche Schreibweise des Buchtitels (auf dem Cover wird von »Augustinus«, auf der Rückseite jedoch von »Augustin« gesprochen) sind nur einige Beispiele. Einen gering ausgeprägten wissenschaftlichen Anspruch belegen außerdem die enorm langen und ohne erkennbare Einbettung und Erklärung angeführten Zitate (etwa S. 37f.). Dass zitierter Text nie für sich allein spricht, sondern immer im Kontext der Arbeit entfaltet und fruchtbar gemacht werden muss, beweist sich gerade an den Passagen, die eine solche Anbindung vermissen lassen.
So muss man feststellen, dass die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Autobiographie noch weiter auf eine neue, große Studie warten muss. Die medialen Phänomene, die hier unter der Chiffre »Facebook« behandelt werden, wurden dagegen schon mit herausragenden Ergebnissen bearbeitet: Die Beiträge im von Vincent Kaufmann, Ulrich Schmid und Dieter Thomä herausgegebenen Sammelband Das öffentliche Ich(1) zeigen weit präziser als die hier vorliegende Arbeit, wie die Konstitution des Selbst zur medialen Verfügungsmasse geworden ist.

Dr. Martin Mann, Technische Universität Berlin, Straße des 17. Juni 135, D-10623 Berlin, E-Mail: martin_mann@gmx.de


Anmerkungen:

(1) Vincent Kaufmann/Ulrich Schmid/Dieter Thomä (Hg.), Das öffentliche Ich. Selbstdarstellungen im literarischen und medialen Kontext. Bielefeld 2014. [zurück]