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In: KulturPoetik 2002, Heft 1

Autor

Catrin Gersdorf

Titel

Kulturzeichen ›Wüste‹
(1) Uwe Lindemann, Die Wüste. Terra incognita, Erlebnis, Symbol. Eine Genealogie der abendländischen Wüstenvorstellungen in der Literatur von der Antike bis zur Gegenwart. Heidelberg: Winter 2000 (Beitr. zur neueren Literaturgeschichte 175).
(2) Uwe Lindemann/Monika Schmitz-Emans (Hg.), Was ist eine Wüste? Interdisziplinäre Annäherung an einen interkulturellen Topos. Würzburg: Königshausen & Neumann 2000

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Rezension

Volltext

Die Wüste ist eine faszinierende Landschaft. Aus der Bilderwelt der Werbung ist sie nicht mehr wegzudenken. Für Manager und erfolgreiche Geschäftsleute ist sie »Medium« und »Lernort«, wie der Reiseschriftsteller Bruno Baumann in einem Radio-Interview verkündete. Literaten, Künstler, Philosophen haben sie zum Gegenstand ihrer Betrachtungen über den Zustand des Menschen und der Welt gemacht. Fast könnte man meinen, die Wüste sei eine Art Wittgensteinsches Urzeichen, Referenzpunkt für die Beschreibung dessen, was sonst nicht sagbar wäre. Doch dem steht die Polyvalenz des Wüstenbegriffes entgegen.

Die Wüste lässt sich nicht eindeutig beschreiben oder definieren. Aber man kann sich ihrer Bedeutung und Funktion innerhalb verschiedener Kulturen über ihren diskursiven Gebrauch annähern. Genau diesem Projekt hat sich der Bochumer Komparatist Uwe Lindemann gewidmet. Herausgekommen sind zwei grundsolide Bücher, eine zusammen mit Monika Schmitz-Emans herausgegebene interdisziplinäre Aufsatzsammlung unter der Fragestellung Was ist eine Wüste? und eine Monographie, welche - so der Untertitel - eine »Genealogie der abendländischen Wüstenvorstellungen« anbietet. Zusammen betrachtet, repräsentieren diese Bücher ein Stück literatur- und kulturwissenschaftlicher Grundlagenforschung im besten Sinne.

Während der Sammelband einer lockeren, topographisch-kulturhistorischen Zweiteilung in ›Orient‹ und ›Okzident‹ folgt, ist die Struktur der Monographie (Lindemanns Dissertation) akademischer: Das Buch besteht aus drei von einer Einführung und einer Schlussbemerkung eingerahmten Hauptteilen, die sich der kultur- bzw. literaturhistorischen Grundlegung sowie literaturwissenschaftlichen Fallstudien zu Flaubert, Nietzsche, Gide, Exupéry, Borges, Bowles, Camus und Hildesheimer widmen. Doch zunächst zum Sammelband. In insgesamt elf Aufsätzen versuchen die Autor/innen aus den Gebieten Literaturwissenschaft, Geschichte, Kunstgeschichte, Ägyptologie, Religionswissenschaft und Theologie die semiotischen Ausfaltungen der Wüste in verschiedenen Kulturen, Topographien und historischen Epochen aufzuzeichnen.

Auffällig, jedoch nicht überraschend ist, dass durch die mit der Ausbreitung des Christentums einhergehende diskursive und ikonographische Migration der Wüste in das europäische Abendland auch deren topische Verdichtung zunimmt. Während die Wüste zur Zeit der Volkwerdung Israels sowohl konkreter Erfahrungsraum von Tod, Entbehrung, Zerstörung und Überleben war wie auch Imaginationsraum göttlicher Offenbarung oder göttlichen Zorns, hat sich mit der Entfernung der christlich-abendländischen Kultur aus den Wüstenlandschaften des Nahen Ostens der semiotische Charakter der Wüste verändert. Obgleich schon immer Gegenbild einer entlang fruchtbarer Flusslandschaften prosperierenden Kultur und Ort des bedrohlichen Anderen (der Barbaren, der Kargheit, der Dürre), löst sich die Wüste mehr und mehr von ihrem topographischen Referenten und wird zum Sinnbild für Weltferne und Zivilisationsüberdruß, so dass schließlich (in der Romantik) auch der Wald oder (bei Nietzsche) ein kleines Zimmer in einer Herberge als Wüste bezeichnet werden können. Die Loslösung des Wüstenbegriffs von seinem ursprünglichen topographischen Referenten zeigt sich in der Philosophie Meister Eckharts ebenso wie in der romantischen Wiederbelebung des Eremitentums in den europäischen Wäldern und der Allegorisierung der Wüste als Urbild des Schreibprozesses bei Paul Celan und Edmond Jabès. Die Aufsätze von Philipp Enger, Maria-Elisabeth Brunert, Uwe Lindemann, Christoph Asmuth und Monika Schmitz-Emans kartographieren diesen Prozess.

Wer nun allerdings glaubt, dass die in unmittelbarer Wüstennähe beheimateten Kulturen ein innigeres und weniger allegorisiertes Verhältnis zu dieser Landschaft entwickelt hätten, wird von Beate Hofmann, Petra Bahr und Marco Schöller eines besseren belehrt. Im kulturellen Imaginären des pharaonischen Ägypten war der Gott Seth Herrscher über die Wüste »und gleichzeitig über das Fremdland bzw. Ausland« (Hofmann, S. 18 f.); Vorstellungen von Verlorenheit und Chaos verknüpften sich eng mit den Landschaften außerhalb der Grenzen des pharaonischen Reiches. Bahr zeigt auf, dass die Metaphorisierung der Wüste bereits im Frühchristentum einsetzt, und macht dafür die Differenz zwischen der Textwelt der Evangelien und der Erfahrungswelt der frühchristlichen Gemeinden verantwortlich. Während das »Bildmaterial der Lehrerzählungen und Gleichnisse […] dem bäuerlichen Alltag und der Welt des Handels« entstamme, sei das »kulturelle Milieu der ersten juden- und heidenchristlichen Gemeinden […] eher städtisch bis großstädtisch als nomadisch« geprägt gewesen (S. 46). Schöller schließlich räumt mit der Gleichsetzung zwischen islamischer Kultur und Wüstenkultur auf, wie sie das orientbegeisterte Europa im 19. Jahrhundert suggerierte, ein Umstand, den Edward Said bereits 1978 beklagt hatte. Bis auf wenige Ausnahmen, so Schöller, sei »die Bildersprache des Koran […] nicht von der beduinischen Lebenswelt oder der Wüste, sondern von den Bächen und Bäumen des Paradiesgartens geprägt« (S. 78).

Ergänzt durch Verena Kunis Überblick über die Wüste als Kunstraum, Stefan Buschs Essay über Erhart Kästners Zeltbuch des Tumilad und Isabell Beisenkötters Einblick in die fantastische Wüstenwelt des Science-Fiction-Autors Ray Bradbury zeigt der Band das breite Bedeutungsspektrum des »interkulturellen Topos« Wüste auf.

Lindemanns Dissertation greift die meisten der in dem Sammelband diskutierten Themen auf, baut sie aus und bringt sie in den narrativen Zusammenhang einer Monographie. Wissenschaftsmethodisch verortet sich Lindemann im Gebiet der Toposforschung. In Abgrenzung von Ernst Robert Curtius’ Toposbegriff stützt er sich auf Lothar Bornscheuer, der dem »jeweils tief in die Zeit- und Lokalgeschichte eingebetteten Topos eine soziokulturelle Dimension« zuspricht (S. 16). Dementsprechend liegt Lindemanns Hauptaugenmerk »auf der Beschreibung und Kommentierung jener Prozesse […], welche die anfangs religiös konnotierten Wüstenbilder in profane literarische Kontexte transformieren« (ebd.). Rhetorisch präzise, äußerst reich im Detail und mit einem umfangreichen Anmerkungsapparat erfüllt Lindemann diese selbstgestellte Aufgabe. Die Wüste ist Durchgang durch die Geschichte von der griechisch-römischen Antike bis in die Gegenwart. Dabei wird deutlich, dass der Wüstenbegriff eine lange Tradition hat, in der die reale, phänomenale Wüste hinter der textuellen, symbolischen oft vollkommen verschwindet. Wie bei Flaubert seien die literarischen Wüsten häufig »Bibliotheksphänomene« (Foucault; zit. S. 153), deren Realismus sich aus der genauen Lektüre anderer, historischer Texte speist. Und dennoch: topographische Phänomene der Wüste wie der weite Horizont, die Leere, die Trockenheit, darauf fußende kulturhistorische Phänomene wie das Nomaden- und Einsiedlertum und Besonderheiten ihrer Fauna wie das Kamel (bei Nietzsche Sinnbild für einen »starken, tragsamen Geist«) sind selbst der ästhetisch oder philosophisch verbrämten Wüste erhalten geblieben und tragen Ideale wie körperliche Askese oder Beweglichkeit des Geistes. Im Rahmen dieser symbolischen Phänomenologie entfaltet die Wüste mal »ein schöpferisches, ja gesellschaftsbildendes Potential« (S. 203), das sich über angestammte Wüstenmetaphern hinwegsetzt (etwa bei Exupéry); dann wieder fungiert sie als tabula rasa, als Ort, an den sich der kritische Künstler aus der symbolisch überfrachteten Welt zurückzieht (etwa bei Camus), oder als »ein Ort, der wie kein anderer die Relativität des menschlichen Tuns zu Tage treten läßt« (wie etwa bei Hildesheimer, S. 247). Lindemanns genauer Blick auf das umfangreiche Quellenmaterial zeigt, »daß es sich bei den thematischen Verbindungen der einzelnen Wüstenbilder untereinander um ein rhizomatisch verzweigtes Netz« (S. 256) mit historisch horizontalen wie vertikalen Dimensionen handelt.

Die strukturell-konzeptionelle Untergliederung der Arbeit in einen kulturgeschichtlichen und einen literaturgeschichtlichen Teil halte ich indes für weniger geglückt, weil sie starre Grenzen zwischen Literatur und Kultur zieht, die so nicht existieren. Darüber hinaus scheint es gerade angesichts eines über verschiedene Kulturen verbreiteten Topos problematisch, dessen Gebrauch in einem entpolitisierten diskursiven Raum zu diskutieren.

Ein Beispiel: Das achte Kapitel, das zum Teil »Literaturgeschichtliche Grundlegung« gehört und über den »Geist des Orientalismus« handelt, wird mit einem kurzen Abriss über die militärische und wissenschaftliche Kolonialisierung des »modernen Orients« (S. 126) eingeleitet – eine Entwicklung, die besonders französischen und englischen Literaten und Künstlern das Reisen in den Orient leichter gemacht hat. Lindemann konzediert zwar einen Zusammenhang zwischen den politischen und wirtschaftlichen Interessen europäischer Kolonialmächte und der Neuentdeckung der Wüste durch Literatur und Kunst. Einmal abgesehen davon, dass mit dieser Beobachtung eher eine kultur- als eine literaturhistorische Grundlegung erfolgt, scheint die Bedeutung des Vorgangs für Lindemann jedoch lediglich darin zu liegen, dass nun »die Wüsten Afrikas und Arabiens nicht nur von Forschungsreisenden, sondern auch für die Literatur in all ihren phänomenalen Aspekten entdeckt werden« können (ebd.). Das ideologische Potential von Literatur und Kunst, kulturelle und ökologische Kolonisierungs- und Rekolonisierungsprozesse ikonographisch und narrativ zu untermauern, bleibt ein kaum beleuchteter Bereich des topischen Archivs der Wüste. Dennoch: Lindemanns Genealogie der Wüstenbilder erfüllt, was in Anlehnung an Foucault von diesem Genre verlangt werden kann: semiotisch bedeutende Phänomene ausfindig machen, die Wiederkunft oder das Ausbleiben dieser Phänomene erfassen und die Szenen definieren, in denen diese eine Rolle spielen.
 
Dr. Catrin Gersdorf, Institut für Amerikanistik, Universität Leipzig, Augustusplatz 9-11, D-04109 Leipzig