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In: KulturPoetik 2014, Heft 2

Autor

Antonius Weixler

Titel

Gescheiterte Vernetzung von Autoren im Internet
Sigrid Meßner, Literarisch vernetzt. Autorenforen im Internet als neue Form von literarischer Öffentlichkeit. Dresden: Thelem 2012. 248 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Saša Staniši? ist spätestens seit der diesjährigen Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse zur ersten Riege junger deutschsprachiger Autoren zu zählen. Literarisch sozialisiert wurde Staniši? allerdings, kaum überraschend für einen Vertreter der jüngeren Autorengeneration, im Internet; um noch präziser zu sein: in einem Autorenforum. Seine Werkgeschichte beginnt somit auf einer Plattform, die heute offenbar selbst schon wieder historisch geworden ist und inzwischen durch neuere Kommunikationsformen wie Blogs, Social Media oder individuelle Autoren-Homepages abgelöst wurde. Entgegen der intuitiven Annahme, dass die interessantesten literarischen Experimente im Netz eher in solchen neueren Formen des web 2.0 zu finden sind, wird mit Sigrid Meßners Dissertation, die 2011 an der Universität Heidelberg angenommen und 2012 im Dresdener Thelem-Verlag publiziert wurde, deutlich, dass es sich insbesondere aus kultur- und literaturhistorischer Perspektive bei Autorenforen um einen bedeutsamen Gegenstand für die Erforschung von Literatur im Internet handelt.
Nach Meßner spielen Autorenforen im Hinblick auf den »literarischen Produktionsprozess« als ein »Ort der Debatte« sowie als eine »neue, virtuelle Form von literarischer Gruppen­bildung« eine wichtige Rolle (S. 175). In dem virtuellen Begegnungsraum ›Autorenforum‹ treffen sich Schriftsteller, die die Formen, Ästhetiken und technischen Bedingungen des Internets von Beginn an ganz selbstverständlich in die Produktion ihrer literarischen Texte mit einbauen, mit solchen Autoren, die im Buchmedium sozialisiert sind und das Internet lediglich als einen weiteren Publikationsort für ihre konventionellen literarischen Texte betrachten. In den Foren werden sowohl poetologische Fragestellungen explizit diskutiert als auch neue experimentelle Produktionsmethoden erprobt. Etwas zu selten wird in Meßners Arbeit reflektiert, dass sich in dieser Subgattung der Netzliteratur der Aushandlungsprozess beobachten lässt, was Literatur unter den Bedingungen des Internets leisten kann und soll. Indem sich die Literatur auf die Bedingungen eines neuen Mediums einlässt, scheint offensichtlich auch neu verhandelt werden zu müssen, was eigentlich ›Literatur‹ ist, was einen ›Autor‹ und was ein ›Werk‹ ausmacht und wie die Beteiligung am ›literarischen Feld‹ unter diesen veränderten Bedingungen reglementiert wird. Dieser »Definitionsstreit« (Pierre Bourdieu) aber lässt sich besonders exemplarisch an den frühen Autorenforen der Jahre um die Jahrtausendwende beobachten.
Meßner analysiert in ihrer Arbeit die drei Autorenforen Pool, Null und Forum der Dreizehn, die alle im »Jahr der Foren« 1999 (S. 9 ff.) gegründet wurden. Das Forum Null basierte auf einer Idee Thomas Hettches, am Ende des Jahrtausends mit einer Anthologie »eine Bestandsaufnahme deutschsprachiger Gegenwartsliteratur« (S. 62) zu erstellen. Hierfür sollten von Hettche ausgewählte und eingeladene Autoren ein Jahr lang – das Forum war vom 1.1. bis zum 31.12.1999 aktiv – Beiträge in einem online-Forum zur Diskussion stellen, sodass durch diese Austauschmöglichkeit die jeweiligen Beiträge aufeinander Bezug nehmen konnten. Auch wenn es sich bei den Autoren vorwiegend um Vertreter der jungen Literatengeneration handelte, wurden ausschließlich Autoren, die sich bereits durch Buchpublikationen im Markt etabliert hatten, eingeladen (z.B., um nur eine kleine Auswahl zu nennen: Marcel Beyer, Julia Franck, Arno Geiger, Zoë Jenny, Helmut Krausser, Ilija Trojanow). Gleichsam passend dazu war die Publikation einer gedruckten Anthologie das Ziel dieses Projektes, das in Kooperation mit dem Kölner DuMont-Verlag zustande kam; auch wenn in der Druckfassung durch eine außergewöhnliche Bindung versucht wurde, eine Brücke zwischen den Medien zu schlagen. Null hatte eine noch wenig netzaffine Organisationsstruktur, da die Texte nicht direkt hochgeladen werden konnten, sondern an Hettche geschickt werden mussten, der die Texte lektorierte und einmal wöchentlich veröffentlichte. Entsprechend ernüchtert fällt denn auch das Resümee der beteiligten Autoren aus, da die technischen Möglichkeiten des Internets kaum in die Textproduktion einfließen konnten. So kann es durchaus als bezeichnend verstanden werden, dass beispielsweise Alban Nikolai Herbst, der zu den langjährigsten und ästhetisch innovativsten netzaktiven Autoren Deutschlands zählt, Null bereits nach wenigen Wochen im Streit mit Hettche vorzeitig wieder verließ (vgl. S. 64).
Im Juni 1999 startete das von Elke Naters und Sven Lager initiierte Autorenforum Pool mit dem programmatischen Anspruch, die neuen technischen Möglichkeiten des Internets in die Textproduktion einzubeziehen. Auch die Beteiligung an Pool erfolgte über Einladungen, wobei die Initiatoren vor allem Autoren aus dem Umkreis der deutschsprachigen Popliteratur auswählten (z.B. Christian Kracht, Andrian Kreye, Tom Kummer, Benjamin Lebert, Moritz von Uslar). Darin erkennt Meßner auch den Grund für die Popularität von Pool, das gemessen an den Zugriffen erfolgreichste der drei Foren. Aber auch ohne vorherige Einladung konnte man sich im Gästebuch Loop an diesem Forum beteiligen. Mancher Autor wurde aufgrund seiner Beiträge im Gästebuch zu Pool eingeladen. Prominentestes Beispiel dafür ist der eingangs erwähnte Staniši?, der vom Gästebuch Loop über eine Einladung zu Pool seinen Weg in den literarischen Betrieb finden konnte (vgl. S. 82). Parallel zum online-Forum wird auch in Pool an einer Buch-Anthologie mit dem Titel The Book (2001 bei Kiepenheuer & Witsch erschienen) gearbeitet. Nach anfänglicher Euphorie verringert sich bereits 2000 die Beteiligung an Pool wieder stark. Mit Pool 2 wurde ab Februar 2001 noch für kurze Zeit mit anonymer Textproduktion experimentiert, um durch die Entkoppelung vom Autorennamen neue gestalterische Freiheiten zu erlangen. Pool 2 wollte damit einen »Darkroom der Sprache« (so Carmen Samson in einem Pool-Beitrag vom 19.06.2001, vgl. S. 85) schaffen. Da auch die Anonymisierung der Beiträge jedoch keine entscheidenden neuen Impulse zu geben vermochte, wurde Pool schließlich im Juni 2001 beendet.
Im September 1999 initiierten Autoren des Stipendienprogramms der Arno Schmidt Stiftung das Forum der Dreizehn. Die Gründungsidee war, dass die Stipendiaten auch außerhalb der von der Stiftung organisierten Treffen in regelmäßigem Kontakt bleiben wollten. Entsprechend waren zu Beginn ausschließlich Teilnehmer des Sommerseminars der Stiftung zugelassen und auch später erfolgte der Zutritt ausschließlich über Einladungen. Die Gruppe gab sich im Gründungsmanifest Statut der Dreizehn ein gemeinsames Programm. Ziel war es, jenseits des literarischen Betriebs und vor allem der Literaturkritik, Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit zu generieren, weshalb zu Beginn sogar ein eigener Autorenpreis gestiftet wurde. Bestimmten in der ersten Zeit noch Diskussionen über Teilnahme- und Aufnahmeregeln die eingestellten Texte, wandelt sich das Forum ab 2002 zu einer »Online-Publikationsplattform für literarische Texte« (S. 105). Staniši? ist nach Einladung von Mirko Bonné auch in diesem Forum zwischen April 2002 und März 2004 mit zahlreichen Beiträgen aktiv. Trotz sehr starker Fluktuation und beständiger Diskussionen um die Teilnahmeregelungen scheint sich das Forum immer wieder von innen heraus erneuern zu können. Meßner etwa konstatiert über den Zeitraum von zehn Jahren einen viermaligen »Generationenwechsel« (S. 129).
Gemeinsam ist den drei Autorenforen offenkundig, dass eine Gruppenbildung mittels Exklusion stattfindet, da man zu allen drei Foren eingeladen werden musste. Die Gruppen nutzen die Foren für die Diskussion poetologischer Fragestellungen und für Experimente gemeinschaftlicher Textproduktions­prozesse. Indem, mit Ausnahme von Null, jeder jederzeit Texte in das Forum hochladen kann, entsteht ein durch keine Autorinstanz geordneter, meist fragmentarischer, immer non-linearer Textfluss. Somit werden die marktüblichen Abgrenzungen und Definitionen der Autorinstanz, der Abgeschlossenheit eines Textes sowie seines kommunikativen Anspruchs zwischen Faktualität und Fiktionalität in den Autorenforen entgrenzt. Zudem werden die Foren von den Autoren explizit als eine Möglichkeit verstanden, im Internet – jenseits der den Zugang zum literarischen Markt filternden Instanzen wie Verlage und Literaturkritik – eine »neue Form von literarischer Öffentlichkeit« (so auch der Untertitel von Meßners Studie) zu schaffen.
Mit ihrer Analyse der drei Autorenforen Pool, Null und Forum der Dreizehn dokumentiert Meßner nicht nur das Experimentieren mit neuen Produktions- und Publikationstechniken in einem neuen Medium, sondern, ohne dies allerdings explizit zu thematisieren, vor allem auch das Scheitern dieser Experimente. Während die beiden erstgenannten Foren nach nur einem Jahr ihre Tätigkeit bereits wieder einstellten, besteht das Forum der Dreizehn bis heute fort. Doch auch in diesem Forum kommt es im Streit um die Ausrichtung der Plattform 2001 und 2003 zu größeren Austrittswellen und derzeit sind dort kaum noch nennenswerte Aktivitäten zu beobachten. Vor allem aber fällt das Resümee der beteiligten Autoren aller drei Foren – Meßner hat für die Erforschung des Themas über 50 Interviews mit ehemals Beteiligten geführt – durchgehend sehr ernüchtert aus (vgl. S. 78f., 85 u. 117ff.).
Darüber hinaus ist nach dem Scheitern dieser frühen Autorenforen, auch bedingt durch die neuen Internetformen des web 2.0, ein Abwandern netzliterarischer Tätigkeiten in Social Media und Blogs zu erkennen. Während man für zeitgenössische Literatur generalisierend feststellen kann, dass der auf Abgeschlossenheit basierende Werk-Begriff durch »nonlineare, multiperspektivische Schreibweisen« (S. 174) sowohl online wie offline erweitert wurde, der Text-Begriff durch multimediale und hypertextuelle Strukturen transgrediert und durch online-Präsenzen neue Formen der Öffentlichkeit für Literatur geschaffen wurden, scheint für den Autoren-Begriff ein anderes Fazit gezogen werden zu müssen: Bei der Autorschaft scheint sich nach den gescheiterten Experimenten in den Autorenforen wieder eine eher klassisch-konservative Konzeption zu konsolidieren, denn Blogs und andere web 2.0-Formate beruhen bei aller Nonlinearität, Intermedialität und Hypertextualität überwiegend auf der Autorisierung und Ordnung einer Autorinstanz.
Meßners Dissertation liefert nicht nur einen ersten Beitrag zu der noch wenig erforschten Diskussions- und Publikationsform ›Autorenforum‹, ein ganz wesentliches Verdienst ihrer Arbeit liegt in einer grundlegenden Dokumentation der Beteiligungsformen, der Aktivitäten und der Rezeption der drei Foren Pool, Null und Forum der Dreizehn. Denn gerade bei der Erforschung der frühen netzliterarischen Aktivitäten ist man bereits nach wenigen Jahren mit dem Problem der Verfügbarkeit und der Archivierung konfrontiert. Entgegen der landläufigen Meinung vergisst das Internet eben doch und das sogar sehr schnell. Ein Problem, das die großen Literaturarchive mittlerweile erkannt haben und inzwischen wichtige Netzliteratur-Seiten, Foren und Blogs regelmäßig archivieren. Doch vor allem für die Jahre um die Jahrtausendwende steht zu befürchten, dass einiger Datenverlust zu verzeichnen ist, was die Erforschung dieser für die Eroberung eines neuen Mediums so wichtigen Jahre vor erhebliche Probleme stellt: So sind beispielsweise die Seiten von Reinald Goetz’ Abfall für alle (1998) kaum noch auffindbar und auch die drei von Meßner untersuchten Foren nur noch über Umwege erreichbar.(1)
Ein weiteres Verdienst der Arbeit liegt darin, mit Autorenforen ein in der Forschung noch wenig beachtetes Subgenre in den Blick gerückt zu haben. Autorenforen fallen bisher, wie Meßner im gut strukturierten Forschungsüberblick darlegt, aus dem forschungstheoretischen Raster. In der Untersuchung von Literatur im Internet haben sich im letzten Jahrzehnt die beiden Kategorien »Literatur im Netz« und »Netzliteratur« herauskristallisiert. Nach den einschlägigen Bestimmungen – ein »Definitionsstreit« also auch hier – werden Autorenforen indes weder als »Literatur im Netz« – also klassische Literaturformen, die das Internet lediglich als ein weiteres Publikationsmedium nutzen – noch als »Netzliteratur« im engeren Sinne und damit als künstlerische Texte, die im Wesentlichen auf den hypertextuellen, digitalen und intermedialen technischen Möglichkeiten des Netzes basieren, verstanden.
Nach einer ausführlichen Dokumentation der drei Foren analysiert Meßner in zwei anschließenden Abschnitten produktionstechnische wie -ästhetische und soziologische Aspekte. Zunächst historisiert Meßner mit Friedrich Kittler Autorenforen als einen »Wechsel des ›Aufschreibesystems‹« (S. 137–143). Mit den Neuerungen der medial-technischen Produktions- und Rezeptionsbedingungen um 1800, um 1900 sowie mit dem »Jahr der Foren« um 2000 verändern sich jeweils die Kernkategorien des literarischen Marktes und der Literatur. Daran anknüpfend diskutiert Meßner den Einfluss der neuen materiellen Qualität digitaler Texte auf Produktion und Rezeption von Netzliteratur. In einer Arbeit, die die online publizierten Texte nicht inhaltlich analysieren, sondern eine literatursoziologische Untersuchung von Autorenforen leisten möchte, hätte dies indes noch präziser als Streit um die Definition von Autorschaftskonzepten, Werk- und Textbegriffen thematisiert werden können.
Auch in den beiden Abschnitten zur »literarischen Vernetzung« sowie zur Dialogizität der Texte zeigt sich eine analoge konzeptuelle Schwäche der Dissertation: Da weder Netzwerk- noch Intertextualitätstheorien bemüht werden und auch kein historisierender Vergleich mit Experimenten beispielsweise der Klassischen Avantgarden erfolgt, verbleibt die Arbeit beim Aufweis einiger zwar sehr eindrücklicher und anschaulicher Beispiele, verpasst aber die Chance, diese durchweg bedeutsamen Beobachtungen theoretisch und kulturhistorisch komplexer zu fassen. Beispielsweise untersucht Meßner in mehreren Unterkapiteln die Dialogizität der Texte ohne den terminus technicus ›Intertextualität‹ ein einziges Mal zu gebrauchen. Ganz ähnlich hätte auch im abschließenden Teil zu Autorenforen als Form literarischen Lebens im Internet mit etwas mehr theoretischer Tiefe argumentiert werden können: Meßners sehr gute Beobachtungen zur »Sehnsucht nach Foren« als »Gegenöffentlichkeit und neuer Freiraum« (S. 185–189) hätten beispielsweise mit Bourdieu als »Definitionsstreit« um die Beteiligung am »literarischen Feld« und damit als eine ganz neue, internetspezifische Heteronomiestrategie interpretiert werden können. Dies hätte nicht zuletzt auch erklären können, warum keiner der um eine Beteiligung an den ja stark exkludierend funktionierenden Foren angefragten Autoren es wagte, sich trotz teils ausgeprägter Internetskepsis zu verweigern. Denn eines wird durch Meßners Arbeit und sehr verdienstvolle Materialsammlung besonders deutlich: In den Autorenforen dabei sein wollten sie 1999 zunächst alle.

Antonius Weixler M.A., Bergische Universität Wuppertal, Fachbereich A: Geistes- und Kulturwissenschaften, Neuere deutsche Literaturgeschichte, Gaußstraße 20, D-42119 Wuppertal; E-Mail: weixler@uni-wuppertal.de


Anmerkungen

(1) Das Forum Null ist noch über die Homepage von Thomas Hettche abrufbar: www.hettche.de/buecher/null/index.htm. Beiträge aus Pool lassen sich über die Archivfunktion von Loop, das ursprünglich das Gästebuch von Pool war, finden: www.imloop.de/loop_archiv.php. Und auf der Seite www.forum-der-13.de können ältere Einträge über eine Suchfunktion recherchiert werden, die ursprüngliche nicht-lineare Textgestalt geht dadurch allerdings verloren (jeweils letzter Zugriff: 30.06.2014; vgl. auch S. 221). [zurück]