Detailansicht

In: KulturPoetik 2014, Heft 2

Autor

Jonas Nesselhauf

Titel

Deutschland wird erwachsen: 17 Jahre Nachkriegskultur
Elena Agazzi/Erhard Schütz (Hg.), Handbuch Nachkriegskultur. Literatur, Sachbuch und Film in Deutschland (1945-1962). Berlin: de Gruyter 2013. 710 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Die vergangenen zwölf Jahre hatten ihre Spuren hinterlassen, als Anfang Mai 1945 die deutsche Kapitulation unterzeichnet und damit ein Schlussstrich unter die nationalsozialistische Diktatur und einen verheerenden Weltkrieg gesetzt wurde. Auf den sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Zusammenbruch folgte der allgemeine Wiederaufbau, eine geistige wie materielle ›Stunde Null‹. Literatur und Kultur erholten sich vom Schock und widmeten sich in den Jahren nach 1945 den Nachwehen und Auswirkungen des Krieges, den Themen Heimkehr, Flucht und Vertreibung, der Schuldfrage und der Aufarbeitung des Faschismus.
Wie sehr diese erste Zeit eben auch eine kulturell fruchtbare und hybride Epoche war, zeigt das von Elena Agazzi und Erhard Schütz herausgegebene Handbuch Nachkriegskultur. Auf über 700 Seiten werden die Jahre 1945 bis 1962(1) als »Zeitraum einer exemplarischen Mentalität« (S. 2) anhand von Werken aus den Bereichen Literatur, Sachbuch und Film aus der Bundesrepublik und der DDR vorgestellt. So umfasst der Band, der auf ein deutsch-italienisches Forschungsprojekt zurückgeht, neben einer ausführlichen Einleitung insgesamt 117 Artikel in zwölf thematischen Sektionen und wird von einer Zeitleiste und einem Personenregister abgeschlossen.
Die gut 140-seitige Einführung Nach dem Entkommen, vor dem Ankommen von Erhard Schütz stellt so weitläufig wie leserfreundlich die Nachkriegskultur schlaglichtartig vor. Beginnend im Jahr 1945, einem »Jahr der Erschöpfung, Ermüdung und Lähmung« (S. 13), schlägt Schütz den Bogen vom wirtschaftlichen Wiederaufbau und dem Marshall-Plan zur Außen- und Europapolitik, vom Alltags- und Freizeitleben bis zu Geschlechterverhältnissen. Neben konkreten zeitgeschichtlichen Exkursen bezieht er dabei immer den Blick auf West- wie auf Ostdeutschland mit ein und bekommt dadurch sowohl die großen Unterschiede in der Medienlandschaft als auch die kleinen Details, wie die deutsch-deutsche »Hymnenkonkurrenz« (S. 38), in den Blick.
Der ersten Sektion mit dem Titel Krieg und Zivilisationsbruch geht eine Einleitung von Raul Calzoni voraus, der in der Ver- und Aufarbeitung der zerstörerischen Kriegsjahre ein regelrechtes ›deutsches Prisma‹ aus »Luftkrieg, Krieg an der (Ost-)Front, Flucht und Vertreibung« (S. 142) ausmacht. So werden in den folgenden 13 Einzelartikeln auch Texte besprochen, die sich explizit der Darstellung eigentlich nicht-darstellbarer Leiden und Zerstörung verschrieben haben – neben Theodor Plieviers Roman Stalingrad (1945) und Peter Bamms Die unsichtbare Flagge (1952) auch Filme wie Gerhard Lamprechts Irgendwo in Berlin (1945) oder Die Brücke (1958) von Bernhard Wicki.
Zwei weitere Sektionen wenden sich konkreten Folgen des Zweiten Weltkriegs für die Soldaten sowie die Zivilbevölkerung zu. Das von Erhard Schütz eingeleitete Themenfeld Gefangenschaft und Heimkehr versammelt zehn exemplarische Werke aus Lyrik, Film, Bericht, Roman und Drama, von einschlägigen Klassikern wie Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür (1947) oder Josef Martin Bauers So weit die Füße tragen (1955) bis zu fast vergessenen Texten wie Walter Kolbenhoffs Heimkehr in die Fremde (1949). Anschließend folgt mit der dritten Sektion der Blick auf Flucht und Vertreibung – ein in der deutschen Geschichte umstrittenes und unbequemes Thema, das aber angesichts von fast 12 Millionen Betroffenen in der damaligen Zeit, sowohl in der Bundesrepublik wie auch der DDR literarisch aufgearbeitet wurde, wie die umsichtige Einleitung von Kirsten Möller und Alexandra Tacke zeigt. Dabei reicht das Spektrum von Siegfried Lenz’ ›Masurischen Geschichten‹ – so der Untertitel seiner Sammlung So zärtlich war Suleyken (1955) – als »Vademekum für den Bürger der Wirtschaftswunderzeit« (S. 262) bis hin zu Marion Gräfin Dönhoffs beklemmenden Erinnerungen in Namen, die keiner mehr nennt (1962).
Dass dem Handbuch der Spagat zwischen repräsentativer Selektion und wissenschaftlichem Anspruch ausgesprochen gut gelingt, zeigen auch die folgenden Kapitel, die sich vor allem den historisch eher ›unangenehmen‹ Themen wie der Kriegsgefangenschaft, der Vertreibung oder, in der von Elena Agazzi eingeleiteten vierten Sektion, der Schuldfrage, widmen. Die Aufarbeitung von zwölf Jahren unter Hitler und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus finden dabei nicht nur in der Philosophie (Arendt, Jaspers), sondern (oftmals stark autobiographisch) vor allem in Literatur und Film statt – etwa in Ernst Wiecherts Bericht Der Totenwald (1946) und Wolfgang Staudtes DEFA-Produktion Die Mörder sind unter uns (1946), oder, mit zeitlichem Abstand, in Bruno Apitz’ Roman Nackt unter Wölfen (1958) und selbst noch in Max Frischs Andorra (1961).
Mit dem Bereich Seelenheil und Religion wendet sich das Handbuch nun einem eher mentalitätsgeschichtlichen und alltagskulturellen Schwerpunkt zu; exemplarisch werden in diesem fünften Themenfeld zehn Texte versammelt: von Werner Kellers Bestseller Und die Bibel hat doch recht (1955), Stefan Andres’ Sintflut-Trilogie (1949-59) und Thomas Manns Doktor Faustus (1947) bis zum Spielfilm Nachtwache (1949) von Harald Braun. Doch bereits die ausführliche Einleitung von Carola Schniefke macht dabei deutlich, dass es im Nachkriegsdeutschland keineswegs pauschal eine stärkere Hinwendung zur Kirche gegeben habe.
Stattdessen findet die im Dritten Reich propagierte ›nationalisierte Technikforcierung‹ auch nach 1945 ihren Platz in der Literatur, wenn auch jetzt als »eine ›menschheitliche‹ Technik« (S. 382), wie Erhard Schütz in der Einleitung zur Sektion Technische Zeit bemerkt. Als Beispiel dafür lassen sich etwa Ernst Jüngers Heliopolis (1949) oder das in fast zwei Dutzend Auflagen erschienene DDR-Jugendbuch Weltall Erde Mensch (1954) ebenso anführen wie Arnold Gehlens sozialpsychologische Untersuchung Die Seele im technischen Zeitalter (1957) oder der bis heute bekannte Heinz Erhardt-Film Natürlich die Autofahrer (1959). Die Schattenseite der technischen Entwicklung zeigt sich im Kapitel zur zeitgenössischen atomaren Situation, die, neben einer Einführung von Andy Hahnemann, an sieben Beispieltexten vorgestellt wird, vom NS-›Mitläufer‹ Karl Aloys Schenzinger und dessen naturwissenschaftlichem Roman Atom (1950) bis zu Friedrich Dürrenmatts Stück Die Physiker (1962).
Die achte Sektion wird von Andrea Rota eingeleitet und beschäftigt sich mit der Kritik der Medienkultur. Neben der Presse spielen in den Nachkriegsjahren der Rundfunk und zunehmend auch das Fernsehen eine bedeutende Rolle – wenn auch, etwa von Adorno, aber auch von der katholischen Kirche – immer wieder kritisch beäugt. Die acht Beispieltexte, neben der Dialektik der Aufklärung (1947) auch Martin Walsers Ehen in Philippsburg oder Hans Magnus Enzensbergers verteidigung der wölfe (beide 1957), werden von einem kurzen Exkurs über Fernsehkulturen der fünfziger Jahre begleitet, in dem Henning Wrage Aspekte von Produktion und Rezeption im Ost- und West-Fernsehen zusammenführt.
Daran anknüpfend wendet sich der folgende Themenblock den Kulturimporten der Zeit zu, umfassend eingeleitet von David Oels. Exemplarisch wurden hierfür einflussreiche ausländische Texte ausgewählt, die nachhaltigen Einfluss auf die deutsche Nachkriegskultur hatten – darunter Michail Aleksandrovi? Šolochovs sowjetischer Roman Neuland unterm Pflug (1946), Jean-Paul Sartres Die Fliegen (1943), Ernest Hemingways Wem die Stunde schlägt (1940) oder Nicholas Rays Film Denn sie wissen nicht, was sie tun (1955). Gerade in dieser Sektion mag die Auswahl von ›nur‹ neun Werken besonders bedenklich erscheinen, doch bleibt das Handbuch auch hier seinem Anspruch einer exemplarischen (und meist auch gut begründeten) Selektion treu.
Eva Banchelli leitet die zehnte Sektion zu Nonkonformismus und Experiment ein, die vielleicht am stärksten die Spannbreite des kulturellen Schaffens in der Nachkriegszeit spiegelt. Neben Günter Eichs Hörspiel Träume (1951) wurden auch Wolfgang Koeppens (in diesem Zusammenhang durchaus paradigmatischer) Roman Das Treibhaus (1953) und Günter Grass’ Die Blechtrommel (1959) ausgewählt – sie alle sind spielerische Versuche auf formaler und inhaltlicher Ebene, sich von vorbelasteten Stilen und Techniken zu lösen.
Das vorletzte Kapitel Wünsche des Alltags ist mit einer Einführung von Cecilia Morelli versehen und fragt nach der neuen deutschen Identität, nach Zeitgeist und Selbstverständnis, nach Sehnsüchten und Träumen. Exemplarisch dafür ausgewählt wurden neben Gottfried Benns später Lyrik (1951-55) und Heinrich Bölls Billard um halbzehn (1959) auch die Filme Rosen für den Staatsanwalt (1959) von Wolfgang Staudte und Géza von Cziffras So ein Millionär hat’s schwer (1958).
Abgeschlossen wird der Sammelband mit der zwölften Sektion zur Neuen Jugend, eingeleitet von Henning Wrage. Neben Jugendzeitschriften wie Das Steckenpferd wurde die erste Nachkriegsgeneration, die teilweise später auch an der 68er-Bewegung teilnahm, durch Literatur und Film geprägt und in diesen Medien zugleich abgebildet – exemplarisch etwa Benno Pludras Roman Sheriff Teddy (1956) im Osten oder Dieter Meichsners Studenten von Berlin (1954) als eine »campus novel der gesamtdeutschen Trümmer- und Aufbauliteratur« (S. 656).
Das Handbuch Nachkriegskultur entspricht auf den ersten Blick nicht unbedingt einem typischen ›Handbuch‹, wie sonst in der Literatur- und Kulturwissenschaft gewohnt. Die einspaltigen Beiträge zu den fast 120 Einzelwerken erinnern eher an knappe Lexikonartikel und kommen – wenn auch meist mit weiterführenden Literaturhinweisen versehen – vollends ohne Fußnoten aus. Sowohl die zwölf Sektionen wie auch die darin enthaltenen Artikel sind weit entfernt von jeglicher Vollständigkeit. Doch genau darin liegt das bemerkenswert erfrischende Konzept dieses Handbuchs: Die zwangsläufige Selektion (denn wie sonst lassen sich die einschneidenden Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg anders vorstellen?) zeigt anschaulich die Spannbreite der deutschen Nachkriegskultur – hier werden eben nicht ähnliche Texte zusammengetragen, die ein immer gleiches Thema variieren, sondern es wird vielmehr ein breites Spektrum künstlerischer Beschäftigung zwischen 1945 und 1962 abgebildet. So besticht schließlich genau die Mischung aus präzisen Einzeltextanalysen auf durchgehend hohem fachlichen Niveau auf der einen und wissenschaftlichen Einordnungen und Einführungen auf der anderen Seite: Die gewissenhafte und mit Weitblick verfasste Einleitung von Erhard Schütz überzeugt ebenso wie die zwölf thematischen und gut lesbaren Hinführungen, die weitere Verknüpfungen eröffnen und den aktuellen Forschungsbezug nie außer Acht lassen.
Unter diesen Aspekten ist die Konzeption des umfangreichen Handbuchs und seiner vielen Beiträge schlüssig und die Einbeziehung von Literatur, Sachbuch und Film in beiden deutschen Staaten folgerichtig. Lediglich das Fehlen eines Werkregisters, das auch in den Einleitungen angerissene Texte auffindbar machte, trübt ein wenig den Eindruck dieses interdisziplinären Mammutprojekts, an dem über vier Dutzend Historiker, Literatur- und Filmwissenschaftler mitgeschrieben haben, und das das Potential zu einem künftigen Standardwerk hat.

Jonas Nesselhauf BA MA, Universität des Saarlandes, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: jonas.nesselhauf@uni-saarland.de


Anmerkungen

(1) Die Festsetzung des Jahres 1962 wirkt auf den ersten Blick etwas willkürlich und wird im Band selbst auch nicht explizit, sondern nur durch drei aus diesem Jahr stammende Werke begründet, die in unterschiedlichen Sektionen vorgestellt werden (Dönhoffs Namen, die keiner mehr nennt, Dürrenmatts Die Physiker und Fühmanns Böhmen am Meer). Tatsächlich kommt dem Jahr 1962, das zwischen dem Baubeginn der Berliner Mauer und dem Rücktritt Konrad Adenauers steht, aber mit der Kuba-Krise und national mit der Spiegel-Affäre auch eine große Bedeutung zu. [zurück]