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In: KulturPoetik 2014, Heft 2

Autor

Sascha Kiefer

Titel

Neue Perspektiven der Exilforschung
(1) Doerte Bischoff/Susanne Komfort-Hein (Hg.), Literatur und Exil. Neue Perspektiven. Berlin, Boston: de Gruyter 2013. 402 S.
(2) Bettina Bannasch/Gerhild Rochus (Hg.), Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur. Von Heinrich Heine bis Herta Müller. Berlin, Boston: de Gruyter 2013. 653 S.

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Rezension

Volltext

»Die Exilforschung ist in Bewegung«, können die Herausgeberinnen des Sammelbandes Literatur und Exil zu Recht konstatieren (S. 1). Noch Anfang der 1990er Jahre herr­schte weitgehend Konsens: Als Exilliteratur galt die deutschsprachige Produktion der­je­ni­gen Autorinnen und Au­to­ren, die seit der nationalsozialistischen Machter­grei­fung ver­trieben worden waren. Ihre Eckdaten lauteten 1933 und 1945, allenfalls noch 1949, und im Mittelpunkt der germanistischen Forschung in Ost und West stand in der Regel die politisch engagierte, ›antifaschistische‹ Literatur dieser Jahre.
An diesem Verständnis von Exilliteratur hat sich viel geändert. Zentrale Vorstellungen, die noch auf das Selbstverständnis der Exilierten zurückgehen, sind aus heutiger Sicht fragwürdig geworden, etwa der nationalkulturell grundierte Anspruch, das ›Andere Deutschland‹ und damit die ›wahre‹ deutsche Kultur zu repräsentieren – eine Überlebensstrategie, die in vielen Fällen die Bereitschaft zur Akkulturation im Gastland gedämpft hat, ohne eine erfolgreiche Remigration nach 1945 zu fördern. Überholt und mittlerweile inakzeptabel ist auch die diskriminierende Unterscheidung zwischen einem politisch engagierten, relativ exklusiven Exil und einer »jüdischen Massenemigration« (vgl. S. 214  f.). Begriffe wie ›Nation‹, ›Heimat‹ und ›Identität‹ sind als essentialistische, homogene Konzepte weitgehend destruiert (ohne dass die Einsicht in die grund­sätzliche Konstruktivität dieser Phänomene ihre konkrete Relevanz aufgehoben hätte). Vor allen Dingen aber stellte sich mehr und mehr heraus, dass von einem ›Ende‹ des Exils kaum gesprochen werden kann, dass seine Folgen weit über den Zusammenbruch des Nationalsozialismus hinaus relevant bleiben, und dass Exilforschung immer weniger von Akkulturations-, Assimilations-, Migrations- und Bilingualitätsforschung abzugrenzen ist.


Doerte Bischoff/Susanne Komfort-Hein (Hg.), Literatur und Exil. Neue Perspektiven. Berlin, Boston: de Gruyter 2013. 402 S.

Der vorliegende Sammelband bildet entsprechend das breite Spektrum der aktuellen Exilforschung ab. Hervorgegangen ist er aus einer interdisziplinären Konferenz, die im Oktober 2011 in Frankfurt am Main stattfand; etwa die Hälfte der Beiträge stammt von Germanistinnen und Germanisten, daneben sind anglistische, amerikanistische, slawistische, romanistische, judaistische, komparatistische, sozialhistorische und philosophische Perspektiven vertreten. Zugrunde gelegt wird ein kulturwissenschaftliches Konzept von Exilforschung, das sich über Leitbegriffe wie Transkulturalität und Transterritorialität, Hybridität und Kulturtransfer, Akkulturation und Translingualität definiert, häufig genannte Ideengeber sind Homi K. Bhabha und Giorgio Agamben. Das Exil erscheint dabei nicht »als abgeschlossene historische Epoche«, sondern als »Vorgeschichte aktueller Konstellationen einer von Migration und Globalisierung wesentlich geprägten Welt« (S. 213).
Die titelgebenden Begriffe sind entsprechend weit gefasst. Unter ›Literatur‹ fallen kanonisierte belletristische Werke von Franz Kafka bis Herta Müller, philosophische und musikphilosophische Texte von Hannah Arendt oder Theodor W. Adorno, kulturtheoretische Schriften von Erich Auerbach, Ernst Robert Curtius oder Vilém Flusser, religiöse Texte wie das Alte Testament und historiographische wie die Jüdischen Altertümer des Flavius Josephus, aber auch die ohne ästhetischen Anspruch formulierten, autobiografischen Interviews mit deutsch-öster­reichischen Juden aus dem sog. ›Israel-Corpus‹ oder die Gedichte, die chinesische Migranten in die Wände der US-amerikanischen Immigrationsstation Angel Island geritzt haben. Unter ›Exil‹ werden die verschiedensten Formen der Nicht-Zugehörigkeit subsumiert, unabhängig vom räumlichen und zeitlichen Kontext; ›Exil‹ erscheint so (im Unterschied zu ›Migration‹) als »grundsätzlich ortsindifferente politische Performance« (S. 170). Die ältere germanistische Exilforschung hätte es schon aus zeitgeschichtlichen und nicht zuletzt ideologischen Gründen vermieden, ihren Zuständigkeitsbereich auf die literarische Produktion von DDR-Flüchtlingen oder die Literatur deutschsprachiger Minderheiten wie der Sudetendeutschen, der Schlesier oder der Banater Schwaben auszudehnen; und ebenso wenig wäre sie wohl auf die Idee gekommen, von der Genesis als der »ersten Migrationserzählung« (S. 312) zu sprechen.
Diese perspektivische Erweiterung der Exilforschung wirkt fraglos erkenntnis­fördernd; wichtige Phänomene ließen sich ohne eine entsprechende Öffnung der Begriffe gar nicht erfassen. Das zeigt exemplarisch der Beitrag von Barbara Thums: Zumutungen, Ent-Ortungen, Grenzen. Ilse Aichingers Poetik des Exils (S. 183-209). Ilse Aichinger, Tochter einer jüdischen Ärztin und eines nicht-jüdischen Lehrers, überlebte in Wien (während ihre Zwillingsschwester 1939 nach England fliehen konnte); sie war »weder nur innere Emigrantin noch im strengen Sinn Exilantin« (S. 189), doch ihr ›Exil‹ ist dennoch mehr als metaphorisch gewesen. Bis in ihr vielbeachtetes Spätwerk hinein übersetzt Aichinger ihre traumatischen Fremdheits-, Ausschluss- und Entortungserfahrungen in Literatur. Als »raum-zeitlich ungebundener kritischer Wahrnehmungsmodus« (S. 206) ist ihre programmatische, mit der Leidenschaft für Fotografie und Film ästhetisch eng verbundene »Sicht der Entfremdung« (S. 196) in vielfältiger Weise anschlussfähig an Migrations- und Transkulturalitätsdiskurse. Die ebenso kenntnisreiche wie schlüssige Argumentation von Barbara Thums zwingt förmlich dazu, Aichinger als eine Exilautorin zu begreifen, deren Exil im raum-zeitlichen Sinn genauso wenig einen konkreten Anfang wie ein konkretes Ende genommen hat.
Unabhängig von der Qualität der einzelnen Beiträge allerdings steht in den 19 Aufsätzen des Sammelbandes auch vieles einfach nebeneinander, so dass die Konturen einer kulturwissenschaftlich neu-konzeptionalisierten Exilforschung vorläufig unscharf bleiben. Auch die Einordnung in vier Rubriken – mit den Überschriften Exil, Migration, Transkulturalität, De-Terri­tori­alisierungen, Exil und Gemeinschaft sowie Resonanzen: Exil und Erinnerung – wirkt eher äußerlich, fast beliebig. Dass die Erweiterung ihres Gegenstandsbereichs für eine künftige Exilforschung nicht nur erhebliche Gewinne mit sich bringt, sondern auch Risiken birgt, deutet sich gleichfalls an und wird in manchen Beiträgen unterstrichen: Je mehr der Begriff des Exils als metaphorische Bezeichnung vielfältiger Entfremdungs- und Moderneerfahrungen fungiert, desto entschiedener muss einer Nivellierungstendenz entgegen getreten werden, die die Unterschiede zwischen Ausbürgerung und Auslandssemester, »zwischen Zwangsexil und Kosmopolitismus« (S. 245 f.) zu verwischen droht. So sieht Liliane Weissberg bereits die Notwendigkeit, dem Exil-Begriff seine »politische Brisanz zurückzugeben, die gegen ein Individuum gerichtete Gewalt zu reflektieren und diese Gewalt schließlich auch in das Konzept des ›Lebens im Exil‹ wieder einzuschreiben« (S. 326).
Speziell der germanistischen Forschung sollte es zudem ein Anliegen sein, dass die in Jahrzehnten mühsam durchgesetzte Hochschätzung einer in engem Sinn verstandenen deutschen Exilliteratur auch künftig erhalten bleibt. In dieser Hinsicht scheint es signifikant, dass in einem derart stark auf Erweiterung der Perspektiven angelegten Band mitunter sehr naheliegende Anknüpfungspunkte außer Acht gelassen werden: So widmet sich Gianluca Solla der historischen Figur des in Rom lebenden Flavius Josephus (vgl. S. 117-127), ohne an irgendeiner Stelle Bezug darauf zu nehmen, dass der deutsche Exilant Lion Feuchtwanger diesen jüdischen Geschichtsschreiber in den Mittelpunkt einer bis heute unterschätzten Romantrilogie gestellt hat. Neue Perspektiven zu eröffnen und neue Gegenstände miteinzubeziehen, ohne das historische Exil ab 1933 und seinen reichen literarischen Ertrag in den Hintergrund treten zu lassen, bleibt die zentrale Herausforderung der Exilforschung im 21. Jahrhundert.


Bettina Bannasch/Gerhild Rochus (Hg.), Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur. Von Heinrich Heine bis Herta Müller. Berlin, Boston: de Gruyter 2013. 653 S.

Dieser Herausforderung stellt sich auch das neue Handbuch der deutschsprachigen Exilliteratur. Dem Charakter eines Handbuchs entsprechend, fällt die Fokussierung des Gegenstands schär­fer aus als bei dem zur gleichen Zeit beim gleichen Verlag publizierten, oben besprochenen Sammelband.(1) Die Einleitung kündigt an, dass »deutschsprachige Texte aus der Zeit zwischen 1933 und 1945« im »Zentrum des Handbuchs« stünden (S. XI); das entspräche dem Gegenstandsbereich der traditionellen Exilforschung. Wie allerdings schon der Untertitel andeutet – »von Heinrich Heine bis Herta Müller« – ist die Einschränkung auf die Jahre 1933 bis 1945 nicht wörtlich zu verstehen. Auswahlkriterium ist weder die Entstehungszeit der Texte noch der Exilantenstatus ihrer Verfasser und Verfasserinnen, sondern die Frage, inwieweit »die Erfahrung des Exils zur Sprache« (S. XI) gebracht wird. Bemerkenswert konsequent verfährt die Auswahl außerdem in der Geschlechterfrage: »Dreißig der insgesamt sechzig ausgewählten Texte, die das Handbuch vorstellt, sind von Autorinnen, dreißig von Autoren verfasst« (S. XII). Derart paritätisch sind literaturwissenschaftliche Nachschlagewerke nur selten angelegt. 
Das erste Drittel des Handbuchs bestreiten acht allgemeine Beiträge: Sie klären unter den Rubriküberschriften Narrationen des Exils, Theoretische Perspektivierungen und Exil und Erinnerung die allgemeinen Grundlagen und Kategorien, auf die sich die folgenden sechzig Einzelinterpretationen stützen. Schwerpunkte liegen u. a. auf der kultur- und begriffsgeschichtlichen Rekonstruktion von ›Migration‹ und ›Exil‹, den spezifisch jüdischen Exilvorstellungen und der problematischen Kategorie der sogenannten ›Inneren Emigration‹. In theoretischer Hinsicht wird insbesondere das Verhältnis der Exilforschung zu den Postcolonial Studies, der Interkulturalitätsforschung und den Gender Studies in jeweils eigenen Beiträgen diskutiert. Positiv fällt dabei auf, dass die Autoren und Autorinnen keineswegs jeden kulturwissenschaftlichen Modebegriff unkritisch adaptieren; so stellt etwa Bernhard Spies die Brauchbarkeit der Kategorie ›Hybridität‹ für die Exilforschung stark in Frage (vgl. S. 75-93), und Marion Schmaus untersucht ausgesprochen differenziert, welche Gedanken der poststrukturalistischen Gender Studies im Exilkontext erkenntnisfördernd sind und welche weniger (vgl. S. 121-147).
Die sechzig Werkinterpretationen folgen einem einheitlichen Strukturschema und umfassen jeweils circa sieben Seiten. Die ältesten vorgestellten Texte sind das Erinnerungsbuch an Rahel Varnhagen von Ense (1833), Georg Büchners Danton‘s Tod (1835) und Heinrich Heines Jehuda ben Halevy (1851); nach diesem Zeitraum klafft jedoch eine große historische Lücke bis 1930, dem Jahr, in dem Joseph Roths Hiob erschien. Auf Werke, die zwischen 1933 und 1949 entstanden sind, entfallen rund 20 Artikel; die Einbeziehung von Autorinnen und Autoren, die sich in der fraglichen Zeit geografisch betrachtet nicht im Exil befanden, ist etwa in Bezug auf die im KZ ermordete Gertrud Kolmar hochgradig plausibel, im Fall von Elisabeth Langgässer und vor allem Gottfried Benn allerdings auch diskussionswürdig. Die übrigen Artikel thematisieren teils Spätwerke von Autorinnen und Autoren, die vom Nationalsozialismus und dem Weltkrieg noch direkt betroffen waren, teils aber auch Texte der Nachgeborenen; die jüngsten berücksichtigten Autoren sind Michael Lentz (geb. 1964), Vladimir Vertlib (geb. 1966) und Terézia Mora (geb. 1971).
Natürlich ist jedes Auswahlkriterium genauso anfechtbar wie die Festlegung auf gerade sechzig Beiträge. Dies in Rechnung gestellt, gelingt es aber zweifellos, eine überzeugende Mischung bekannter und weniger bekannter Exiltexte zu präsentieren und auch die Einbeziehung der historischen Randzonen plausibel zu machen. Allerdings würde eine chronologische Abfolge nach der Entstehungszeit der Werke zu einer durchgehenden Lektüre des Handbuchs eher einladen als die gewählte alphabetische Anordnung nach Autoren­namen. In seiner Verbindung von theoretischer Reflexion und konkreter Werkinter­pretation je­doch erweist sich das Hand­buch der deutschsprachigen Exilliteratur als höchst nütz­liches Arbeitsinstrument und sinnfällige Ergänzung des älteren, deutlich anders konzipierten Hand­buchs der deutschsprachigen Emigration.(2) Zu loben ist es nicht zuletzt als Dokument einer generationsübergreifenden Forschungstätigkeit, denn neben altgedienten Kapazitäten wie Paul Michael Lützeler, Bernhard Spies oder Lutz Winckler bekamen auch Studierende und Doktoranden verschiedener Universitäten die Chance, sich in Zusammenarbeit mit den Heraus­geberinnen zu profilieren. Umso mehr ist freilich zu bedauern, dass der wissenschaftliche Nach­wuchs angesichts des exorbitant hohen Preises kaum als Käuferkreis dieses Handbuchs infrage kommen dürfte.

PD Dr. Sascha Kiefer, Universität des Saarlandes, FR 4.1 – Germanistik, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: sascha.kiefer@mx.uni-saarland.de


Anmerkungen

(1) An beiden Publikationen direkt beteiligt sind Bettina Bannasch, Doerte Bischoff, Barbara Thums und Robert Krause. [zurück]
(2) Vgl. Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-1945. Hg. v. Claus-Dieter Krohn, Patrik von zur Mühlen, Gerhard Paul und Lutz Winckler unter redaktioneller Mitarbeit von Elisabeth Kohlhaas in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Exilforschung. Darmstadt 1998. [zurück]