Detailansicht

In: KulturPoetik 2014, Heft 2

Autor

Silvio Bär

Titel

Philologia rediviva
Pál Kelemen/Ern? Kulcsár Szabó/Ábel Tamás (Hg.), Kulturtechnik Philologie. Zur Theorie des Umgangs mit Texten. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2011. 487 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Der hier anzuzeigende Sammelband ist das Resultat eines von der Ungarischen Akademie der Wissenschaften geförderten Forschungsprojekts zum Thema »Philologie als Kulturtechnik«, das im Zeitraum von 2007 bis 2011 durchgeführt wurde. Er vereint insgesamt einundzwanzig deutschsprachige Beiträge, die alle in der einen oder anderen Weise mit Geschichte, Methodik und Problematik der Philologie befasst sind. Je nach Ausrichtung sind einige Beiträge stärker wissenschaftshistorisch, andere stärker theoriediskursiv, wieder andere philosophisch orientiert; zuweilen werden auch Herangehensweisen unterschiedlicher Façon verknüpft.
In ihrem Vorwort (S. 9–17) versuchen die drei Herausgeber, die in dem Band zu umkreisende und zu diskutierende übergeordnete Problemstellung mit einigen groben Pinselstrichen zu konturieren. Dabei verstehen sie – und dies wird mehr implizit als explizit deutlich – Philologie in ihrem ursprünglichen und engen Wortsinn, nämlich als Textwissenschaft, als Editionsphilologie. Nur so lässt sich nachvollziehen, warum der Philologie pauschal »textuelle[r] Idealismus« verbunden mit der »Ideologie, eine kulturunabhängige Vermittlungsinstanz von Kulturellem und Historischem zu sein« (S. 15) unterstellt wird, ja warum die Philologie in ihrem innersten Kern und Ursprung als Versuch der Wiedergewinnung verlorener oder verstümmelter Schriftlichkeit bzw. Textualität verstanden wird:

Sieht man in der Schrift eine Technik, die die nichtschriftliche, wilde und unstete Natur auf ihre Weise domestiziert, bewahrt und dadurch in Kultur umwandelt, dann fällt es nicht schwer, die gleiche Leistung der Philologie zu erkennen: Sie ist angelegt, die durch mediengeschichtliche Entwicklung »verwilderte« Schriftlichkeit zu »(re)kultivieren«, d.h. durch Ordnungs-, Selektions- sowie Standardisierungsmechanismen wieder »bewohnbar« zu machen. Mit anderen Worten, in der Gestalt der Philologie schrieb sich die Unterscheidung Natur/Kultur auf der Seite der Kultur wieder ein (S. 16).

Erst durch diese Verengung bzw. Reduktion des Begriffs erwächst eine Spannung zwischen dem positivistischen Optimismus des 19. Jahrhunderts, in welchem die Text- und Editionsphilologie mit ihrem Anspruch der ›Repatriierung‹ autoritativer ›Urtexte‹ letztlich wurzelt, und den Bedingungen der Postmoderne, die ebendiese Deutungshoheit der traditionellen Text- und Editionsphilologie notwendigerweise radikal in Frage stellt. So gesehen, lässt sich die kulturwissenschaftliche Stoßrichtung des Bandes eigentlich als Kompromiss lesen: als Kompromiss zwischen einem positivistischen Philologiebegriff, der sich um sich selbst drehen, und einem postmodernen, der ebendiesen unweigerlich in nichts auflösen würde, zugunsten einer Auffassung, die – simpel gesagt – ein Weiterkommen und Weiterdenken ohne allzu gravierende Kollateralschäden möglich macht.
In der Summe bereitet das konzise Vorwort auf das hohe »Niveau der hier versammelten Essays« (S. 19) vor, welches von Hans Ulrich Gumbrecht attestiert wird, der seinerseits als celebrity factor den Band mit dem ersten und kürzesten Beitrag zur Frage Welche Wahrheit der Philologie? eröffnet (S. 19–24). Darin wird der Versuch unternommen, die Stellung der Philologie im Meer der philosophischen und literaturtheoretischen Strömungen der vergangenen Dezennien (und der Kulturwissenschaften im Besonderen) in einer gerafften tour de force auszuloten. Aufs Gesamte besehen, erachtet Gumbrecht „die Integration der Philologie als Kulturtechnik in die Kulturwissenschaften“ (S. 23) zwar für möglich und fruchtbar, kann sich aber abschließend doch nur bedingt für sie erwärmen; wenn, dann sei »die Wahrheit einer Texttradition in der philologisch aufbereiteten Pluralität ihrer Varianten« zu sehen, »wie sie sich in verschiedenen Manuskripten zeigt« (S. 23; Herv. S.B.). Mit anderen Worten: Die bisweilen bis in die Widersprüchlichkeit gesteigerte Disparität, mit der sich die Überlieferungstradition ›unserer‹ antiken Texte konfrontiert sieht, spiegelt in letzter Konsequenz genau das, was die Postmoderne als charakteristisch für alle Arten von Texten und deren Lektüre erachtet, so etwa das gegen den hermeneutischen ›Deutungswahn‹ gerichtete dekonstruvistische Postulat der Paradoxikalität des Textuellen.
Überblickt man den Band als Ganzes, so finden sich nebst zu erwartenden Themen und Fragestellungen auch Ansätze und Bereiche, die man mit leichter rhetorischer Übersteigerung als Aprosdoketa bezeichnen dürfte, die aber gerade deshalb die angestrebte Neuorientierung des Philologiebegriffs besonders befördern. Herauszuheben ist (aus der subjektiven Sicht und Präferenz des Rezensenten) die gehaltvolle Studie von Ursula Reber zu Vielheit in der Vielheit. Philologisches und Kulturologisches in der (turkologischen) Manichäismusforschung (S. 303–331), welche durch den ›Sprung‹ aus der Klassischen Philologie heraus in die seit jeher holistisch kulturwissenschaftlich ausgerichteten zentralasiatischen Philologien eine wohltuende kritische Distanz zu Ersterer erzeugt. Wenn man auch die fast schon als extrem zu bezeichnende Schlussfolgerung, dass »in der turkologischen Philologie […] von Übersetzbarkeit nicht ausgegangen werden kann«, für die Klassische Philologie in dieser Schärfe bestimmt nicht gelten lassen mag, so dürfen die angestrengten Überlegungen hinsichtlich Schrift, Sprache und Text und der damit verbundenen Problematiken ihrer Übersetzung auch für die Texte der klassischen Antike mutatis mutandis eine gewisse Gültigkeit beanspruchen.
Die Tatsache, dass die eigentlich zu wünschende Würdigung sämtlicher Beiträge angesichts der beschränkten Platzverhältnisse hier ausbleiben und an deren Stelle eine stark selektive und subjektive Auswahl treten muss, rückt die vorliegende Besprechung unweigerlich in die Nähe dessen, was Glenn W. Most in seinen Ausführungen zur Sehnsucht nach Unversehrtem. Überlegungen zu Fragmenten und deren Sammlern (S. 27–43) in den Blick nimmt: das Fragment. Das Fragment bildet in gewisser Weise den Fluchtpunkt dessen, was die Textphilologie per se ausmacht, nämlich die Konstitution bzw. Konstruktion von etwas – eines Texts oder eben eines ›Bruch‹-Teils eines ursprünglich ›intakten‹ selbigen –, was streng genommen weder ›war‹ noch ›ist‹, sondern das Resultat eines Konstrukts darstellt. Ob das Fragment gegenüber dem »hypothetische[n] Ganzen« (S. 42) tatsächlich sogar längeren Bestand hat, wie Most behauptet, möchte man vielleicht bezweifeln; gleichwohl ist die letztlich auf die Romantik zurückreichende Faszination des vermeintlich Unvollendeten, des zufällig Lädierten, und die damit verknüpfte Möglichkeit des eigenen Weiterspinnens und Ergänzens rein schon aufgrund der Menge der z.T. bis heute andauernden wissenschaftlichen Großprojekte, die sich der Sammlung und Ordnung von Textfragmenten aus der Antike widmen, nicht von der Hand zu weisen.
Auf den ersten Blick möglicherweise nicht gar so sehr berückend, doch wissenschaftstheoretisch von mindestens ebenso großem Interesse ist das – der Klassischen Philologie so eigene wie liebe – Genre des Kommentars. Die Autorität des Kommentars und die Konditionierung des Lese- und Rezeptionsprozesses eines Primärtextes via Kommentar diskutiert Ábel Tamás in Gefährliches Lesen und philologische Obhut. Kommentar zum Kommentar (S. 265–276). Zu Recht weist der Autor auf den paradoxen (aber sensu stricto zutreffenden) Umstand hin, dass »altmodische Kommentare, die die möglichen Parallelen […] zu einer Textstelle einfach auflisten«, der postmodernen Auffassung von der Fluidität und Instabilität eines Textes deutlich näher stehen als »typischerweise im 20. Jh. erschienene Kommentare, die die angegebenen Parallelstellen um jeden Preis […] interpretieren wollen« (S. 270) und somit die Deutungshoheit über eine bestimmte, als richtig erachtete Textinterpretation für sich reklamieren. Attila Ferenczi spürt in Der Philologe am Scheideweg. Über Vergil, Aeneis 6,95f. (S. 333–345) der Kommentierungs- und Editionsgeschichte einer »Textstelle der Aeneis, in der ein flüchtiger Konsonant am Ende des Wortes einen großen Unterschied in der Philosophie des Satzes verursacht« (S. 336), nach und zeigt somit exemplarisch, wie ein detailorientiertes philologisches Problem mit übergeordneten Interpretationsfragen in Wechselwirkung treten kann.
Kommentar und Fragment bilden in gewisser Hinsicht zwei Eckpfeiler, die den Themenkomplex ›Philologie‹ antagonistisch umklammern (weshalb der Rezensent die entsprechenden Beiträge im Band gesondert herausgegriffen hat). Während ein Fragment als ›Bruch‹-Teil eines (in der Regel unwiederbringlich) verlorenen Ganzen durch seine unabänderliche Unvollständigkeit und Lückenhaftigkeit definiert ist, ist ein Kommentar im Normalfall auf Vollständigkeit und Lückenlosigkeit ausgerichtet. Dass in der philologischen Praxis ausgerechnet fragmentarisch überlieferte Texte besonders ausgiebig kommentiert werden, und dass diese Praxis in der Klassischen Philologie der vergangenen zwei Jahrzehnte einen regelrechten Boom erlebt hat,(1) wäre m.E. einige weiterführende Grundsatzüberlegungen wert.
Eine formale Bemerkung noch zum Schluss: Es ist sehr zu bedauern, dass ein so wichtiger und qualitativ hochwertiger Band wie dieser weder über eine Bibliographie – Literaturangaben sind in den einzelnen Beiträgen in die Fußnoten verbannt – noch über ein Schlagwortverzeichnis verfügt. Ob wir darin einen impliziten Protest gegen eine auf ›Eindeutigkeit‹ und ›Überprüfbarkeit‹ verengte Textphilologie sehen wollen oder ob damit gar der Ästhetik des Fragmentarischen gehuldigt werden soll, bleibe dahingestellt.

Prof. Dr. Silvio Bär, Associate Professor of Classics, Universitetet i Oslo – Institutt for filosofi, ide- og kunsthistorie og klassiske språk, Blindernveien 31, N-0851 Oslo; E-Mail: silvio.baer@ifikk.uio.no


Anmerkungen

(1) Zu denken ist beispielsweise an die zahlreichen Editions- und Kommentierungsprojekte zu den Fragmenten des griechischen Dramas (in neuester Zeit etwa das Freiburger Projekt Kommentierung der Fragmente der griechischen Komödie (vgl. www.haw.uni-heidelberg.de/forschung/forschungsstellen/kofrgrkom.de.html), oder an Martin Wests jüngst erschienenen, ausladenden Kommentar zu den nur äußerst spärlich erhaltenen Fragmenten des Epischen Zyklus; Martin West, The Epic Cycle. A Commentary on the Lost Troy Epics. Oxford 2013. [zurück]