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In: KulturPoetik 2014, Heft 2

Autor

Klaus Birnstiel

Titel

Zeit ohne Ziel, Gedächtnis ohne Geschichte
Aleida Assmann, Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne. München: Carl Hanser 2013. 336 S.

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Rezension

Volltext

»The time is out of joint – O cursèd spite, / That ever I was born to set it right!«.(1) Dass die Zeit aus den Fugen geraten sei, lautet Hamlets Klage nach der Begegnung mit dem Geist seines Vaters in der fünften Szene des ersten Aufzugs. Was Shakespeare Hamlet über den Zerfall des Staates Dänemark sagen lässt, ist längst nicht nur zum geflügelten Wort angesichts unhaltbarer Zeit-Umstände geworden, sondern gibt dem in der Moderne verbreiteten Gefühl Ausdruck, es sei das Gefüge der ›Zeit‹ selbst, an dem etwas faul geworden sei. Es ist dieses Zeit-Gefühl, das moderne und nachmoderne Unbehagen an der Zeit an sich, dem Aleida Assmanns Studie Ist die Zeit aus den Fugen? nachgeht.
Assmanns Ausführungen gliedern sich in sechs Teile: ein erstes Kapitel (S. 23-45) entfaltet den Zusammenhang von Zeit und Moderne. Ein zweites, längeres Kapitel (S. 47-130) skizziert die wesentliche Bedeutung von Fortschrittsbegrifflichkeiten und Modernisierungstheorie für den »modernen Mythos der Geschichte«, während der dritte Abschnitt (S. 131-207) in thetischer Verdichtung eine systematisierende Bestimmung der entscheidenden Aspekte des modernen Zeitregimes unternimmt. Ein viertes Kapitel (S. 209-244) widmet sich den kulturkonservativen Kompensationstheorien, welche die Modernisierungsschäden auszugleichen versuchen, während Kapitel 5 (S. 245-280) maßgebliche Einwände gegen den gegenwärtigen Zustand des Zeitregimes der Spät- oder Nachmoderne diskutiert. Kapitel 6 (S. 281-312) schließlich nimmt sich einige »Reparaturen am Zeitregime der Moderne« vor, welche unter den Leitbegriffen von ›Kultur‹, ›Identität‹ und ›Gedächtnis‹ eine Neujustierung unseres Verhältnisses zur Zeit anstreben.
Nach einer Ouvertüre zur »Entdeckung der Gegenwart« (S. 27-31) entfaltet Aleida Assmann zunächst das fortschrittsorientierte Zeitdenken der europäischen Moderne, welches Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft voneinander scheidet und menschliches Handeln auf Zukunftsorientiertheit verpflichtet. Bemerkenswerterweise konstruiert sie ihr Argument ganz überwiegend an literarischen Beispielen und rekurriert allenfalls kursorisch auf den aufgeklärten Geschichtsdiskurs des mittleren bis späten 18. Jahrhunderts, der das moderne Zeitverständnis allererst inauguriert: Wenig ist zu hören von den Überlegungen eines Voltaire oder Rousseau, kaum etwas zu den geschichtsphilosophischen Entwürfen Turgots und Condorcets. Stattdessen beschränkt sich Assmann auf die – selbstredend zutreffende – Feststellung, dass alle diese Zusammenhänge im wissenschaftlichen Lebenswerk Reinhart Kosellecks umfassend dargestellt seien.
Der Verzicht auf allzu umfangreiches Schwelgen im Primärmaterial ermöglicht im dritten Kapitel dafür eine ebenso komplexe wie überzeugende Verdichtung der Darstellung des Zeitregimes der Moderne zu fünf grundlegenden Aspekten. Das Brechen der Zeit in die drei Dimensionen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist die bestimmende Figur des modernen Zeitverständnisses (S. 132-148). Eine beständige Neusetzung von eigentlich fiktiven Anfängen ermöglicht das Vergessen des Vergangenen (S. 149-157) und damit jenen Prozess der kreativen Zerstörung (S. 164-178), welcher die ungeheure Entwicklungsdynamik der Moderne ermöglicht. Den Gesten der permanenten Zerstörung korrespondieren jene des versuchten Bewahrens; in dialektischer Vermittlung öffnen sie den Raum des Historischen (nicht bloß Vergangenen), welcher für die Selbstreferenz der Moderne so wesentlich ist (S. 179-183). Die Vektorisierung der Zeit nach vorne aber schreibt der Moderne eine Dynamik ein, die sie als stete Beschleunigung (S. 192-207) aller wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Verhältnisse durchzieht – und dabei beständig an ihre inneren Grenzen führt.
Handlicher als in Assmanns Version geschehen, lässt sich das moderne Zeitverständnis kaum entwickeln. Vielfältige Anschlüsse bieten sich an. Im vierten Kapitel wendet sich Assmann sodann einer spezifisch deutschen Reaktion auf die sich stets beschleunigende Modernisierungsdynamik zu, die sie als »Kompensationstheorie« (S. 237 u.ö.) beschreibt. Unter Schlagworten wie »Zukunft braucht Herkunft«(2) unternehmen Autoren wie Odo Marquard den Versuch, der beschleunigten Entropie der Moderne traditionale Bahnbeschränkungen zu setzen – ein Unterfangen, das Assmann durchaus mit Sympathie beschreibt:

In Gegenrichtung zum Grundprinzip des Brechens der Zeit läuft das Plädoyer der Kompensationstheorie auf eine Verklammerung von Zukunft und Herkunft hinaus. [...] Die Zeittheoretiker der Spätmoderne fokussieren mit zunehmender Sorge auf die Sollbruchstelle, an der Erwartungshorizont und Erfahrungsraum auseinanderfallen, und machen sich Gedanken über mögliche Operationen, mit denen Zukunft und Vergangenheit irgendwie doch noch zusammengehalten werden können (S. 228 f.).

Assmann beschäftigt sich intensiv mit dieser geistesgeschichtlichen Strömung der sechziger bis achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Dass Assmanns Buch also nicht nur die Geschichte der Zeit erforscht, sondern auch geistige Zeitgeschichte ist und betreibt, hat Steffen Martus in der Zeit mit Verwunderung notiert.(3) Dabei sind es gerade jene geistesgeschichtlichen Tiefenbohrungen in die Nachkriegsmoderne der Bundesrepublik, welche zu den interessantesten Passagen des Buches zählen. Auch verschleiert Assmann keineswegs die eigene intellektuelle Prägung, sondern nennt die Historiker und Geschichtsphilosophen der in den 1920er Jahren geborenen Generation nicht nur als entscheidend für die Entwicklung dieses westdeutschen Modernisierungsethos und seiner wissenschaftlichen Begleitmusik, sondern auch für den eigenen Bildungsgang. Auf den Zeit-Rezensenten wirken die Namen Plessner, Koselleck, Lübbe, Marquard usw., welche aus Assmanns Buch ragen, wie rührende Reminiszenzen einer längst untergegangen Ära. Assmann aber zeigt nachdrücklich, welchen entscheidenden Einfluss der Geschichts- und Modernisierungsdiskurs auf die ›geistige Grundausstattung‹, wie man damals gesagt hätte, der mittleren Bundesrepublik hatte.
Einen abschließenden Teil widmet Assmann den aktuellen Debatten um Geschichte, Erinnerung und Gedächtnis, wobei das fünfte Kapitel recht knapp das gegenwärtige Unbehagen an der Auflösung der modernen Zeitordnung referiert, das sechste hingegen zu den angekündigten »Reparaturen« schreitet. Man mag es der Autorin dabei kaum verdenken, dass sie unter der Leitvokabel ›Gedächtnis‹ ein engagiertes Plädoyer pro domo vorträgt. Assmann verteidigt den Ansatz der maßgeblich von ihr geprägten neuen Konstanzer Schule, ›Gedächtnis‹ als konstruktive Größe zu betrachten, die eine Vielzahl kultureller Praktiken des Umgangs mit Vergangenem, mit Erinnerung und Identität beschreibbar macht – und dem normativ monologischen Kollektivsingular der ›Geschichte‹ das Eigenrecht individueller wie kollektiver Gedächtnisse entgegenhält. Doch verwundern Adressierung und Argumentation der Verteidigungs- und Angriffsrede. Zum einen irritiert die tagesaktuelle Anklage an eine ›Geschichte‹, die es in dieser Form kaum mehr gibt. Denn ist es nicht gerade auch Assmanns eigenem Einsatz maßgeblich zu verdanken, dass Geschichte längst nicht mehr ausschließlich nach den Mustern historistischer oder modernisierungstheoretischer Schulen erzählt wird? Der Geschichtsbegriff, an dem sich diese Schlusskapitel abarbeiten, wirkt deshalb wie ein aus dem Historismus des 19. und der fortschrittsoptimistischen Modernisierungsgeschichte des mittleren 20. Jahrhunderts zusammengeleimter Pappkamerad. Anders gesagt: die Schlachten, die Assmann schlägt, erscheinen im Licht der seit den 1970er Jahren einsetzenden Öffnung und Pluralisierung des Fachs Geschichte selbst wie ein bizarres reenactment längst eingefahrener Siege der Erinnerungs-, Kultur- und Gedächtnisgeschichte – wobei die Mithilfe der Alliierten ›Postmoderne‹, ›cultural turn‹ und Anderer eher beiläufig erwähnt wird. Dass Assmann dabei noch einmal die Produktivität und den Gewinn betont, der sich aus eigenen Arbeiten ergeben hat, sei, wie schon gesagt, zugestanden.
Schwieriger wird es jedoch, wenn Assmann die in jüngster Zeit von verschiedener Seite vorgebrachten Einwände gegen den ›memory boom‹ recht lapidar als bloße Wiederholung eben jener modernisierungsskeptischen Geste aus der Hochmoderne abtut, welche den Modernisierungsprozess seit dem fin de siècle begleitet. So arbeitet sich Assmann beispielsweise an verschiedenen Stellen an der von Hans Ulrich Gumbrecht gestellten Diagnose einer sich verbreiternden Gegenwart ohne Zukunft ab(4) – und ordnet die von Gumbrecht und anderen erhobenen Befunde und Einwände einigermaßen pauschal in eine nietzscheanische Traditionslinie des Geschichtsekels ein, um ihre argumentative Spitze zu brechen. Dieses Manöver erscheint nötig, um den Geschichtsbegriff vor einer völligen Entwertung zu bewahren, welche die im letzten Kapitel unternommenen Reparaturversuche an einzelnen Gliedern desselben aussichtslos erscheinen lassen müssten. Letzten Endes erweist sich also auch die hier entfaltete Vorstellung von Gedächtniskultur und Identitätspolitik als Konzeption, die dem Zeitregime der Moderne und dem mit ihm einhergehenden Geschichtsbegriff intrikat verbunden bleibt. Von einer gewissen Sprunghaftigkeit der Gedankenführung und Darstellung einmal abgesehen, gelingt Assmann jedoch insgesamt eine ebenso konzise wie engagierte Rekonstruktion. Hamlet muss am Ende an seiner Zeit verzweifeln. Aleida Assmann aber öffnet einen produktiven Zeithorizont nach der Moderne, vor welchem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nicht als bloß abstrakte Dispositive einer selbstvergessenen und selbsterschöpften Modernisierungsmaschinerie erscheinen, sondern als von Menschen zu besetzende, je neu zu lebende Gestaltungsräume.

Dr. Klaus Birnstiel, Universität Basel – Deutsches Seminar, Nadelberg 4, CH-4051 Basel; E-Mail: klaus.birnstiel@unibas.ch


Anmerkungen

(1) William Shakespeare, Hamlet, I/5, v. 188-189. [zurück]
(2) Odo Marquard, Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays. Stuttgart 2003. [zurück]
(3) Steffen Martus, Regime der Zeit. In: Die Zeit, 20. März 2014. [zurück]
(4) Hans Ulrich Gumbrecht, Unsere breite Gegenwart. Übers. v. Frank Born. Berlin 2010. [zurück]