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In: KulturPoetik 2014, Heft 1

Autor

Jonas Nesselhauf / Markus Schleich

Titel

Es wird weitergehen. Der akademische Blick auf das rezente Quality-TV
(1) Frank Kelleter (Hg.), Populäre Serialität. Narration, Evolution, Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert. Bielefeld: Transcript 2012. 403 S.
(2) Susanne Eichner/Lothar Mikos/Rainer Winter (Hg.), Transnationale Serienkultur. Theorie, Ästhetik, Narration und Rezeption neuer Fernsehserien. Wiesbaden: Springer 2013. 419 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Das deutsche Feuilleton beweist seit einigen Jahren eine bemerkenswerte Einigkeit in der Bewertung aktueller Fernsehserien: Produktionen des jüngsten amerikanischen ›Quality-TV‹ wie The Wire, Breaking Bad oder Boardwalk Empire seien die ›Romane des 21. Jahrhunderts‹ und hätten sich den ›großen literarischen Erzählungen‹ der Weltliteratur angenähert.  Gleichzeitig, so scheint es, kurbeln Fernsehserien das Interesse an seriellen (Erzähl-)Verfahren generell wieder an.
Inzwischen haben es TV-Serien auch in Deutschland ins Blickfeld akademischer Betrachtungen geschafft und die Zahl der Publikationen, zumindest zu Einzelaspekten des zeitgenössischen seriellen Erzählens, nimmt auch hierzulande zu. Unterstrichen wird dieser Trend nicht zuletzt durch die Förderung der Forschungsgruppe Ästhetik und Praxis populärer Serialität (Göttingen) als großangelegtes DFG-Projekt ab dem Jahr 2010.


Frank Kelleter (Hg.), Populäre Serialität. Narration, Evolution, Distinktion. Zum seriellen Erzählen seit dem 19. Jahrhundert. Bielefeld: Transcript 2012. 403 S.

Der vorliegende Band wurde im Rahmen des Göttinger Förderprojekts vom Sprecher der Forschergruppe, Frank Kelleter, herausgegeben und enthält neben einer Einleitung und einem abschließenden Ausblick insgesamt sechzehn Beiträge, die den drei titelgebenden Kapiteln zu Narration, Evolution und Distinktion zugeordnet sind.
Nicht nur das Erzählen, so erinnert Kelleter in seiner erkenntnisreichen Einführung, sondern gerade der serielle Aspekt ›variierender Widerholungen‹ von und in Geschichten ist ein zentrales Element menschlicher Kultur und Kommunikation, von der Gutenachtgeschichte bis zur TV-Serie. Doch obwohl eine anthropologische Universalie, stellt das serielle Erzählen dennoch ein komplexes, herausforderndes Phänomen menschlicher Kultur dar: »In der Regel zeichnen sich derartige Formate zwar durch runde Schlüsse aus, aber welches Paradox besteht eigentlich darin, dass sie solches immer wieder liefern, ohne erlösenden Gesamtabschluss?« (S. 12). Zwar werden Fernsehserien gemeinhin dem Feld der Populärkultur zugerechnet, – Serialität ist per se aber noch kein Zeichen trivialer Kulturindustrie.
Der interdisziplinär ausgerichtete Sammelband legt einführend den Schwerpunkt auf die Narration von Fernsehserien. Hans-Otto Hügel widmet sich in seinem Beitrag der Formgeschichte seriellen Erzählens im 19. und 20. Jahrhundert und stellt, ausgehend von Eugène Sues Roman Les Mystères de Paris, auf den Ebenen von Produktion, Distribution und schließlich Rezeption, verschiedene Herangehensweisen des seriellen Erzählens in den Medien Literatur und Fernsehen vor. Gewinnbringend kann er exemplarisch auf der narrativen Ebene der Zeit ausgefeilte Techniken der Spannungserzeugung aufzeigen – ein essentielles Grundprinzip des Erzählens in Serie. So machte sich Sue nicht nur Strategien des verzögernden, sondern auch des achronologischen Erzählens zunutze, mit großem Erfolg, wie zeitgenössische Leserbriefe an den Autor zeigen (S. 64). Mit dem Musiker Elvis Presley als quasi seriellem Gesamtkunstwerk beschäftigt sich Heinrich Detering in Der Schamane in Las Vegas. Er versucht nachzuweisen, dass sich in Konzert- und Spielfilmauftritten des gefeierten Rock’n’Roll-Stars ritualisierte und repetitive, aber auch improvisierte und experimentelle Aspekte und damit Elemente von Serialität finden lassen – ein fragwürdiger Ansatz, der leider auch argumentativ durch eine fehlende theoretische Verankerung aus diesem Band herausfällt.
Mit dem eigentlichen Kern der seriellen Narration im Fernsehen beschäftigt sich die Untersuchung von Jason Mittell. Seiner Einschätzung nach geht die narrative Komplexität im amerikanischen Gegenwartsfernsehen auf ein neues Paradigma, einen regelrechten »kulturellen Wandel« (S. 120) im US-Fernsehen zurück: Das Medium wird erzählerisch interessanter und zieht dadurch auch zunehmend Filmschaffende an. Längst haben sich Hollywood-erprobte Autoren und Regisseure wie Aaron Sorkin, Barry Levinson oder David Lynch der Fernsehserien angenommen, die wiederum weiter innovative narrative Techniken und experimentelle ästhetische Strategien fördern. Dieser Paradigmenwechsel hat Auswirkungen auf die andere Seite der Mattscheibe: Serien wie Lost oder Twin Peaks entwickeln ein neues Verständnis von Zuschauerengagement und crossmedialer Rezeption, fordern den Zuschauer längst schon zur aktiven ›Aufmerksamkeit‹ auf.
Mit zwei sehr deutschen Ausprägungen beschäftigen sich die Beiträge DSDS als Reality-Serie (Ursula Ganz-Blättler) und Formen und Verfahren der Serialität in der ARD-Reihe Tatort (Christian Hißnauer, Stefan Scherer und Claudia Stockinger). Mit Paul Ricœurs mimetischem Theoriegerüst kann die narrative Struktur von Deutschland sucht den Superstar aufgezeigt werden, wobei die Geschichte für den Protagonisten der Reality-Serie sogar über die eigentliche formale Abgrenzung einer Staffel hinausgehen kann – zumindest, solange er mit seiner Musik noch Erfolg hat (S. 139). Die Krimiserie Tatort ist dagegen längst zu einer Institution in bundesdeutschen Haushalten geworden und eignet sich daher besonders, um Veränderungen im Plotmuster oder auch der Rezeption über die Jahrzehnte hinweg aufzuzeigen. Gleichzeitig symbolisiert die Reihe mit ihren über das ganze Land verteilten Ermittlern unvergleichbar Föderalismus und Lokalkolorit.
Abgeschlossen wird die erste Sektion von Oliver Fahles Analyse zur Ästhetik der Fernsehserie. In einer interessanten Gegenüberstellung stilistischer und erzählerischer Gesichtspunkte wird aufzeigt, wie in Miami Vice zum ersten Mal Stil und Inhalt gleichgestellt werden, wodurch sich »dabei die Trennung in Gut und Böse nahezu auflöst« (S. 170).
Der zweite Teil versammelt Beiträge zur Evolution der TV-Serie und wird mit einer Analyse serielle[r] Figuren im Medienwechsel (Shane Denson, Ruth Mayer) eröffnet: Protagonisten wie Sherlock Holmes, selbst Tarzan, unterliegen serien- und medienspezifischen Gegebenheiten zwischen Wiederholung und Entwicklung, »springen von Medium zu Medium, passen sich neuen Bedingungen an und machen sich diese zu eigen, sie mutieren, sie breiten sich aus und bleiben doch immer erkennbar die gleichen« (S. 195). Mit den Ansprüchen serieller Überbietung und damit dem intraseriellen wie dem interseriellen Wettbewerb aktueller amerikanischer Serien beschäftigt sich der Beitrag von Andreas Jahn-Sudmann und Frank Kelleter: Dabei versuchen Network-Serien wie Lost, sich mit dem »HBO-Effekt« (S. 211) und neuen innovativen Strukturen zunehmend Ästhetik und Narration der Kabelsender anzunähern. Thomas Klein untersucht mit diskurs- und spieltheoretischen Ansätzen die medienwissenschaftliche[] Theorie serieller Komplexität, die rezente TV-Produktionen immer wieder in die Nähe der ›großen‹ Romane und Dramen rückt. Und tatsächlich findet sich in einigen amerikanischen Serienformaten der Versuch einer großangelegten »Geschichtsschreibung« (S. 237), wie er etwa aus der Literatur des Realismus bekannt ist.
Lorenz Engell widmet sich in seinem Beitrag Folgen und Ursachen dem Zusammenhang von Serialität und Kausalität, sowohl auf Handlung als auch auf die Personenkonstellation bezogen. Die einfache Episodenserie etwa neigt zu überschaubaren und binnenepisodischen Kausalitätsverhältnissen: Alle Probleme werden noch innerhalb der Episode gelöst, während erst komplexere Formate episodenübergreifende Ereignisse darstellen. Dezidiert am Beispiel der Gattungsentwicklung von Superheldencomics können Frank Kelleter und Daniel Stein abschließend einen Wandel in den Autorisierungspraktiken aufzeigen und untersuchen dabei auch Auswirkungen direkter und indirekter Fankultur auf Produktion und Rezeption.
Mit der Distinktion befassen sich in der dritten Sektion fünf Beiträge, angefangen mit einer empirischen Untersuchung zur Integration serieller Narrative im Alltag ihrer Nutzerinnen und Nutzer (Regina Bendix, Christine Hämmerling, Kaspar Maase und Mirjam Nast). Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Fernsehserien in den Wochenrhythmus und die soziale Selbstverortung der Rezipienten eingebunden werden. Das ›materielle‹ Sammeln und Aufbewahren von populären Heftserien zwischen Kanon, Archiv und Fanszene steht im Fokus des Beitrags von Kaspar Maase und Sophie Müller. Zwar gelten Heftserien als vergängliche Massenware (vgl. S. 324), doch ist ihr Beitrag für das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft unumstritten. Anhand einer Katalogauswertung kann die Sammel- und Archivierungspraxis der Deutschen Bücherei rekonstruiert werden.
Das Verwenden des Labels ›Quality-TV‹ oder ›Trash-TV‹ bringt immer eine qualitative Wertung mit sich und findet, wie Brigitte Frizzoni in Wertediskurse zu serieller Unterhaltung herausarbeitet, sowohl schichtenspezifisch beim Rezipienten wie auch auf einer »Ebene der medialen Wertigkeit« (S. 344) statt – in einem omnipräsenten Qualitäts-Diskurs. Knut Hickethier widmet sich populäre[n] Fernsehserien zwischen nationaler und globaler Identitätsstiftung und analysiert das Potential von TV-Serien bei individueller und kollektiver Identitätsbildung. So lag der Ausstrahlung amerikanischer Produktionen in der Bundesrepublik der 1950er Jahre etwa zunächst noch eine »Amerikanisierungsstrategie«, zumindest aber der Gedanke einer »Westernisierung« (S. 364 f.) zugrunde. Abgeschlossen wird diese Sektion mit dem Beitrag Continuity, Fandom und Serialität in anglo-amerikanischen Comic Books (Stephanie Joppeler und Gabriele Rippl), der sich mit intertextuellen Strategien der narrativen Vernetzung in Superhelden-Comics beschäftigt. An die Untersuchung von Kelleter und Stein anknüpfend, liegt der Fokus hier sowohl auf dem sinnlogischen Zusammenhang ganzer Serien (S. 371), wie auch auf Verknüpfungen zwischen eigenständigen Comicreihen.
In einem Ausblick stellt Sabine Sielke acht Thesen zum Konzept der Serialität und zum Prinzip der Serie auf, die eng mit »Prozessen der Erinnerung, (Re-)Mediation und Intersubjektivität« (S. 395) verknüpft sind.
Der Sammelband Populäre Serialität stellt durch seine inhaltliche Bandbreite einen wichtigen Beitrag zur akademischen Beschäftigung mit TV-Serien in der deutschen Forschungslandschaft dar. Der in seinem Anspruch kulturwissenschaftlich und vor allem interdisziplinär ausgerichtete Band vereint dabei sowohl generelle Erscheinungsformen des seriellen Erzählens als auch präzise Einzelaspektanalysen – von narratologischen bis zu rezeptionsästhetischen Untersuchungen, von Heftserien bis zur DVD-Box.
Und so ist die einzige Unzulänglichkeit dieses Bandes auf der anderen Seite ausgerechnet sein überbordendes inhaltliches Themenspektrum. Die Auswahl des Herausgebers ist zwar nachvollziehbar und zeigt die Breite des aktuellen Forschungsfeld von ›populärer Serialität‹ – allerdings auf Kosten einer stärkeren inhaltlichen Ergänzung der einzelnen Beiträge.
Dennoch zeichnen sich die jeweiligen Untersuchungen durch ihren größtenteils aktuellen Bezug zur Forschung aus und werden immer um eine repräsentative Auswahlbibliographie ergänzt. Zur einführenden Beschäftigung mit seriellen Phänomenen der vergangenen beiden Jahrhunderte eignet sich vor allem die gut lesbare Einführung von Kelleter selbst, die einen umfassenden Forschungsüberblick gibt.


Susanne Eichner/Lothar Mikos/Rainer Winter (Hg.), Transnationale Serienkultur. Theorie, Ästhetik, Narration und Rezeption neuer Fernsehserien. Wiesbaden: Springer 2013. 419 S.

Der umfangreiche Sammelband ist Teil der ›Schriftenreihe der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf‹ und gliedert sich in fünf Sektionen: Neben einem einführenden, einem theoretischen und einem ästhetisch-narrativen Bereich untersucht das Buch auch transnationale Adaptionen und die Rezeption von Fernsehserien.
Die Herausgeber verstehen ihren Band als Beitrag zu einer »transnationalen Serienkultur« (S. 9) und rekurrieren damit auf die weltweiten ›Boom‹ aktueller Serien, aber auch Serienhelden:

Sie werden zu Begleitern, Sinn- und Ratgebern in einer sich dynamisch verändernden globalen Gesellschaft, die durch ein Zuviel an Arbeit, verschärfte Konkurrenz, Verlust an Sicherheit und vielfältige Risiken geprägt ist (S. 10).

Selbst so unterschiedlich anmutende Produktionen wie Law & Order oder The L-Word kombinieren Popularität und Kunst: Durch ausgefeilte Erzählstränge und innovative narrative Strategien kann der Rezipient wöchentlich an den alltäglichen und gleichzeitig komplexen »Lebenswirklichkeiten« (S. 11) der Charaktere teilhaben; auf der anderen Seite ermöglichen crossmediale Formen der Konsumierung das Eintauchen in multidimensionale und scheinbar unendliche Parallelwelten. Konnte man früher noch als wichtigsten produktionsästhetischen Aspekt die Unterteilung in Bezahlfernsehen (mit Anbietern wie HBO oder Showtime) und ›Free-TV‹ ausmachen, verorten sich die Herausgeber längst in einer »Post-Broadcast-Ära« (S. 12), die damit auch einer Neudefinition des Qualitätsbegriffs bedarf.
Einführend beschäftigt sich Robin Nelson mit der Entwicklung vom Fernsehspiel zur Hypermedia Narrative. Da der klassisch-aristotelische Handlungsbogen für das serielle Erzählen mit dem Ziel, den Zuschauer zum Wiedereinschalten zu verführen, denkbar ungeeignet ist und die Weiterentwicklung zu einer »Flexi-Narrative« (S. 23) – parallelen und im Idealfall nie vollständig abgeschlossenen Handlungssträngen – auf der anderen Seite keine verpassten Episoden verzeiht, ist das Ziel von langformatigen ›High-End-Dramaserien‹ (vgl. S. 27) wie The Sopranos dabei genau die Kombination dieser beiden narrativen Strategien. Inzwischen wird dieses Konzept selbst wieder durch das interaktive »Hypermedia TV Drama« (S. 29) ergänzt, in dem der Rezipient aktiv partizipieren oder sogar in die Handlung eingreifen kann.
Susanne Eichner vereint in ihrem Beitrag zu rezenten Serien im Kontext von Produktion, Institution und Ästhetik künstlerische Aspekte mit ökonomischen Prozessen und Formen der Rezeption, während Rainer Winter die Fernsehserien als Kult und damit auch Kulturobjekte betrachtet, die allerdings längst »vom Mainstream angeeignet« (S. 68 f.) wurden.
Dominik Maeder eröffnet mit seiner Skizze zur Poetologie des Serial Dramas den zweiten Teil des Bandes, und widmet sich theoretischen Aspekten der Serienkultur. Der Beitrag von Andreas Jahn-Sudmann und Alexander Starre untersucht innovative und experimentelle Aspekte des ›Quality-TV‹. Gerade die Vorliebe für intertextuelle und metafiktionale Anspielungen, ein Merkmal von Kunst generell (S. 107), spreche für den qualitativen Gehalt dieser Serien. Ausgefeilte Erzähltechniken finden sich aber nicht nur in aufwendigen HBO-Produktionen; anhand einer CSI-Episode zeigt Elke Weissmann auf, dass auch in einer auf 40 Minuten angelegten und den Fall traditionell abschließenden Folge durchaus mittels paralleler Handlungsstränge (S. 127) neue narrative Perspektiven entwickelt werden können.
Die Sektion zu ›Ästhetik und Narration‹ umfasst sieben Untersuchungen, die sowohl mit Malte Hageners Beitrag zur Pragmatik und Ästhetik des Splitscreens in 24 als auch Barbara Hollendonners materialistischer Analyse von CSI erneut das ästhetische Potential von eher als populär angesehenen Programmen hervorheben. Neben dem Blick auf die narrative Komplexität der Science Fiction-Serie Alias (Asokan Nirmalarajah) rücken mit Richards Kilborns Beitrag zur Konstruktion von Zeitreisen und wechselnden Zeitebenen in Life on Mars, sowie der Betrachtung qualitativer Elemente in The Office und Spaced (Herbert Schwaab) nun auch britische Fernsehproduktionen in den Vordergrund. Diese erkenntnisreichen Analysen weisen durch den Strukturvergleich überzeugend nach, dass ›Qualitätsfernsehen‹ nicht »automatisch amerikanisches Qualitätsfernsehen« meint (S. 219) – auch auf dem europäischen Serienmarkt lassen sich Beispiele komplexer Narration und zeitgeschichtlicher Relevanz finden.
Während die Serie Dexter für das serielle Erzählen typische Wiederholungen gleichzeitig mit innovativen Veränderungen und Variationen kombiniert (Kathrin Rothemund), stellt der Beitrag von Bernd Leiendecker mit Ted Mosby, dem Protagonisten aus How I Met Your Mother, den archetypischen und aus der Literaturgeschichte bekannten Typus des unglaubwürdigen Erzählers vor. Die Untersuchungen zeigen präzise und mit literatur- und medientheoretischen Ansätzen, wie in beiden Fällen der Spagat zwischen scheinbar verspielten und innovativen Techniken konkret umgesetzt wird.
Der vierte Teil des Sammelbandes widmet sich in ebenso vielen Beiträgen dem variantenreichen Motiv des ›hässlichen Entleins‹ in transnationalen Adaptionen, von der kolumbianischen Telenovela Yo soy Betty, la fea (Lothar Mikos/Marta Perrotta) zur nordamerikanischen und deutschen Variante Ugly Betty und Verliebt in Berlin (Edward Larkey). Der Vergleich der nationalen Adaptionen lässt dabei nicht nur kulturelle Unterschiede in Darstellung und Konzeption der gleichen Ausgangsgeschichte erkennen, sondern offenbart auch verschiedene Produktions- und Ausstrahlungsstrategien dieser tatsächlich ›glokalen‹ Motivkette (Tanja Weber). Abgeschlossen wird das Kapitel durch den Beitrag von Irena Carpentier-Reifová, die mit der Serie Ošklivka Katka und deren Heldin Katrin Bertold eine tschechische Version dieser Figur des unscheinbaren Mauerblümchen vorstellt. Diese stofflich dichteste Sektion des Sammelbandes überzeugt durch inhaltlich aufeinander abgestimmte Einzelanalysen, die einen umfassenden Blick auf diese crosskulturelle und quasi überzeitliche Stofftradition ermöglichen.
Die abschließende Sektion untersucht mit der Rezeption von Fernsehserien die Möglichkeiten und Bedingungen des Zuschauens, vom passiven Konsum bis zur direkten Interaktion. Mit dem Blick auf das »Franchise-Unternehmen Lost« (S. 332) widmen sich Arne Brücks und Michael Wedel auch den ökonomischen Aspekten von Fernsehproduktionen. Der Beitrag von Sarah Kumpf beschäftigt sich mit Auswirkungen auf den akademischen Diskurs und der damit verbundenen Distinktion durch Serienaneignung, schließlich ist die wissenschaftliche Beschäftigung – nicht zuletzt auch an dieser Stelle – längst zum »Tummelplatz von Akademikerinnen und Akademikern« (S. 347) geworden. Die konkreten Fan-Beziehungen zum Hauptcharakter der Fernsehserie Dexter und damit unterschiedliche Bewertungen des mordenden Protagonisten decken Daniela Schlütz, Yvonne Stock, Jonas Walkenbach und Maik Zehrfeld mit ihrer empirischen Analyse von diversen Online-Blogs, Internet-Foren und sozialen Netzwerken auf. Wie Annekatrin Bock am Beispiel der Serie True Blood herausstellt, sind bei kaum einem Medium Produktions-, Distributions- und Rezeptionskontext so eng miteinander verzahnt wie bei der TV-Serie, nicht zuletzt aufgrund der intermedialen Vernetzung von Fernsehproduktionen. Nele Simons Beitrag zur Zuschauerforschung in den Fernsehwissenschaften liefert nicht nur einen historischen Überblick zur wissenschaftlichen ›Erforschung‹ des Publikums, sondern mahnt auch einen stärkeren Fokus auf die heterogener gewordenen und multimedialer interessierten Zuschauer an.
Die Konzeption des Sammelbandes und die Auswahl der einzelnen Beiträge sind schlüssig, auch wenn eine bessere redaktionelle Betreuung sicher zu einer stärkeren formalen Einheitlichkeit, etwa im Umgang mit Zitaten und Abbildungen, führen könnte.
Das Spektrum der in diesem Band zusammengefassten Texte reicht von einführenden Grundlagen über systematische Analysen bis hin zu detaillierten Untersuchungen von Einzelaspekten und schließt damit zweifelsfrei eine Lücke in der deutschsprachigen Serienforschung. Die Zusammenstellung überzeugt vor allem dadurch, dass trotz dieser inhaltlichen Bandbreite über mehr als 400 Seiten ein hochwertiges fachliches Niveau gehalten wird, was durchaus zu einer substantiellen Erweiterung des bisherigen Forschungsstandes führt.

Beide Sammelbände sind bezeichnende Beispiele der aktuellen deutschsprachigen Forschung zu Fernsehserien und dem seriellen Erzählen generell. Zwar hinkt die akademische Auseinandersetzung noch hinter dem US-amerikanischen Forschungsstand her und findet hierzulande noch zu häufig im Feuilleton statt, doch diese, wenn auch noch sehr selektiven Beiträge zur seriellen Narration, zeigen, wie aktuell dieses Thema ist und wie sehr eine stärkere systematische Auseinandersetzung notwendig ist. Und wie für den Analysegegenstand selbst gilt für die theoretische Beschäftigung mit dem crossmedialen seriellen Erzählen: Es wird weitergehen – To be continued.


Jonas Nesselhauf BA MA,  Markus Schleich M.A., Universität des Saarlandes, Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Postfach 15 11 50, D-66041 Saarbrücken; E-Mail: jonas.nesselhauf@uni-saarland.de,markus.schleich@uni-saarland.de


Anmerkungen

(1) Eine Übersicht ausgewählter Artikel des deutschen Feuilletons findet sich im Journal of Serial Narration on Television; online unter: www.uni-saarland.de/lehrstuhl/solte-gresser/forschung/aktuell/serial-narration/journal/ii-2013.html.