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In: KulturPoetik 2014, Heft 1

Autor

Manuel Köppen

Titel

Perspektiven nationaler Selbstfindung
Gerhard Lüdeker, Kollektive Erinnerung und nationale Identität. Nationalsozialismus, DDR und Wiedervereinigung im deutschen Spielfilm nach 1989. München: edition text + kritik 2012. 318 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Von »Normalisierung« ist seit einiger Zeit die Rede, wenn es um das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Vergangenheit wie zu ihrer nationalen Identität geht. Offensichtlich hat sich seit der Wiedervereinigung einiges verändert. Das Schwenken deutscher Fähnchen anlässlich sportiver Medienevents ist keineswegs mehr tabu, die DDR gerinnt – je nachdem – zum geschichtlichen Betriebsunfall oder ostalgisch verklärten Erinnerungsraum und beiderseits der ehemaligen Grenze kann – telemedial befördert – auch der eigenen Opfer des Nationalsozialismus gedacht werden. Nach Gerhard Lüdekers Annahme liegt hier eine »Normalisierung« vor, die auf neue Ausbildungen kollektiver Identitäten verweist, die schon immer prozessualen Charakter haben. Was im Fluss ist, gilt es umso genauer zu studieren. Und so versteht sich seine Arbeit auch als ein Zwischenfazit der diskursiven Wandlungen, die sich seit 1989 im Verhältnis der Deutschen zu sich selbst vollzogen haben. Mentalitätsgeschichtlich und damit durchaus auf den Spuren Siegfried Kracauers oder auch Anton Kaes’ mit seinen Deutschlandbildern aus dem Jahre 1987 rückt der Spielfilm in den Fokus, um diskursive Verschiebungen, Trends und mögliche Grundmuster einer neuen nationalen Identität auszumachen. Dabei interessieren einerseits der Nationalsozialismus als Themenfeld der Spielfilmproduktion seit 1989 wie andererseits die DDR und die erinnerte Wiedervereinigung.
Zunächst gilt es, zentrale Begriffe zu klären wie den der nationalen Identität als diskursiv hergestellter Gemeinschaftskonstruktion, die Prozesse der Inklusion und Exklusion ebenso ein-schließt wie sie einem dynamischen Wandel unterworfen bleibt. Die unterschiedlichen Formen kollektiver Erinnerung spielen hier eine Rolle bis hin zur stabilisierenden Funktion der Mythen-bildung auch in modernen Gesellschaften, wobei dem Film als Gedächtnismedium schon deshalb eine zentrale Bedeutung zukommt, weil darin Vergangenheit immer wieder neu entworfen wird und zwar im Präsens der filmischen Erzählung, in der die Ereignisse personalisiert und perspektiviert einer immer auch interpretierenden und möglicherweise sinnstiftenden Deutung unterzogen werden. »Erinnerungsfilme« nennt Lüdeker denn auch sein Gegenstandsfeld, worunter er jene Produktionen versteht, die sich »intentional der Vergangenheit als Thema zuwenden« (S. 82). Die Filme sind vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Debatten um die Bewertung der Vergangenheit und damit auch der Identitätsbildung zu verstehen, wie sie andererseits selbst Bestandteil dieser Diskurse sind. Deshalb rekapituliert Lüdeker in aller Gründlichkeit den umstrittenen Normalisierungsdiskurs seit 1989, die Positionen der Neuen Rechten wie die Debatten über die Bewertung des Nationalsozialismus.
Im Fazit konstatiert er, dass es in Hinblick auf die gesamtdeutschen Identitätsdiskurse nicht gelungen sei, die ostdeutsche Bevölkerung mit ihren geschichtlich bedingten Dispositionen zu inkludieren, was zu einer »Abgrenzungsidentität« geführt habe. Integrative Funktionen seien vor allem der »Identitätseventkultur« in Deutschland zuzuschreiben, Ereignissen wie der Papstwahl 2005 oder der Fußballweltmeisterschaft 2006. Auch wenn solche Ereignisse nur von kurzer Bindungskraft seien, zeichne sich dennoch die Tendenz ab, dass die medial beförderte Eventkultur allmählich die Funktion historisch-politischer Mythen ablöse. »Nationale Identität«, so die These, »ist immer weniger erinnerungsbasiert und stattdessen immer mehr eventorientiert, aber offenbar weiterhin vorhanden« (S. 147). Dies ist eine starke These, die allerdings rückblickend kaum untermauert wird: Denn immerhin, so ließe sich einwenden, folgte dem Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Westdeutschland eine Welle der Erinnerungsfilme, die sich ebenso gut als »historisierende Events« verstehen lassen wie heutige Produktionen mit Vergangenheitsbezug.
Filmanalytisch bleibt die Arbeit einem figurenzentrierten Ansatz verpflichtet, um vor allem Momente der Emotionssteuerung und Empathielenkung beobachten zu können. Den Reigen der Filme mit nationalsozialistischer Thematik eröffnet Joseph Vilsmeiers Stalingrad (1993), den Lüdeker überzeugend in der Tradition des westdeutschen Bewältigungsfilms der 1950er Jahre verortet. Die bösen Nazis und die guten Deutschen bilden auch hier die figurative Matrix, um die »Tragödie« von Stalingrad zu erzählen. Die Vergegenwärtigung jüdischer Schicksale, der sich Ende der 1990er Jahren eine ganze Reihe von Filmen zuwendet (u.a. Comedian Harmonists, Ein Lied von Liebe und Tod – Gloomy Sunday, Aimée & Jaguar), versteht Lüdeke als »heritage cinema«, insofern hier die Vergangenheit nicht ohne Nostalgie-Effekte als abgeschlossene Epoche präsentiert wird, in die sich der Holocaust allenfalls als Hintergrundrauschen einschreibt. Die deutsch-jüdische Verbundenheit, die darin beschworen wird, fügt sich dabei in den herrschenden Trend zur Normalisierung. Gegen solch harmonisierende Kinounterhaltung profiliert Lüdeker vor allem Marc Rothemunds Sophie Scholl – Die letzten Tage (2005), ein Film, der sich in seiner kammerspielartigen Inszenierung deutlich von einer kostümierten Verklärung der Vergangenheit absetze und gerade deshalb auch moralische Appellfunktion habe: »Er will Lehren aus der Vergangenheit ziehen, nicht einfach um die Gegenwart zu konsolidieren, sondern mit dem Impetus des ›Nie wieder!‹« (S. 181). So schreibt sich unversehens eine wertende Dimension in die Studie mit ein, die ihre Kriterien von einem nicht näher bestimmten Maß gewinnt, nach dem eine filmische Inszenierung die Vergangenheit als prinzipiell offen und damit diskursiv anschlussfähig oder eben abgeschlossen präsentiert. Auf letzteres Konto sind dann Filme wie Oliver Hirschbiegels Der Untergang (2004) und vor allem auch die Großproduktionen öffentlich-rechtlicher wie privater Fernsehsender zu verbuchen, in denen die Erlebnisgeneration des Nationalsozialismus in ihrer Opferrolle (wieder-)entdeckt wurde (Dresden, Die Flucht, Die Gustloff, Die Brücke). Ein möglicherweise kritisch anknüpfungsfähiges Potential werde schon dadurch konterkariert, dass die Filme zu sehr gängigen Genre-Konventionen verpflichtet blieben. Nationalsozialismus als Eventkultur dient allemal der Normalisierung.
Die Auseinandersetzung mit der DDR und der Wiedervereinigung im deutschen Spielfilm entwickelt sich in  Lüdekers Arbeit von den Überläuferfilmen aus DEFA-Zeiten über Frank Beyers (erstaunlich positiv besprochenes) Familienmelodrama Nikolaikirche (1995), »ostalgisch« verklärte Vergangenheitsbewältigung in Filmen wie Helden wie wir, Sonnenallee, Good Bye, Lenin!, NVA, die Erfahrung der Wende als Verlust in Oskar Roehlers Die Unberührbare (1999) und Volker Schlöndorffs Die Stille nach dem Schuss (1999) bis zu Florian Henckel von Donnersmarcks Das Leben der Anderen (2006), dem Durchbruch deutsch-deutscher Vergangenheitsbewältigung zu internationaler Anerkennung. Dabei gelingt Lüdeker ein differenziertes Bild der DDR-Erinnerungsfilme, in denen die ostdeutsche Gesellschaft komisierend, verklärend oder auch kritisch betrachtet wird. Abgrenzungsidentitäten spielen hier ebenso eine Rolle wie eine zuweilen kritische Sicht auf die Wiedervereinigung, die nach Donnersmarcks Film, einer dominant kritischen Sicht der DDR als Überwachungsstaat, dem Trend gewichen sei, in solchen Erinnerungsfilmen ein eher positives Verhältnis zur Gegenwart und damit auch zu einer gemeinsamen deutschen Identität zu stiften.
Die Spuren der Qualifikationsschrift (Dissertation) sind in der Anlage der Arbeit nicht zu übersehen. Das betrifft nicht nur die Gliederung in Unterabschnitte, sondern auch einen spürbaren Bruch zwischen den engagierten, aber doch häufig Bekanntes rekapitulierenden Vorklärungen des Gegenstandsfeldes und den Filmanalysen. Sie in der Anlage der Arbeit stärker zu gewichten, hätte der Darstellung sicher gut getan. Auch wäre es dann möglich gewesen, die DDR-Erinnerungsfilme etwa auf die literarischen Kontexte zu beziehen, mit denen sie doch eng verbunden sind. Ebenso wird nur in Ansätzen thematisiert, dass die Wiederentdeckung der Erlebnisgeneration des Nationalismus in ihrer Opferrolle starke Bezüge zu den westdeutschen Bewältigungsfilmen aus den 1950er Jahren aufweist, wobei gerade unter der Fragestellung der Arbeit nach neuen Identitätskonstruktionen die diskursiven Verschiebungen und Neubesetzungen figurativer Positionen aufschlussreich gewesen wären. In seiner Darstellungsweise wird das Buch eher auf das Interesse einer akademischen Leserschaft bauen können, auch wenn es brisante Themen berührt.

Dr. Manuel Köppen, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für deutsche Literatur, Unter den Linden 6, D-10099 Berlin; E-Mail: manuel.koeppen@hu-berlin.de