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In: KulturPoetik 2014, Heft 1

Autor

Dominik Brabant

Titel

Zum Verhältnis von Geld und Symbol in der Moderne
Annika Schlitte, Die Macht des Geldes und die Symbolik der Kultur. Georg Simmels ›Philosophie des Geldes‹. München: Fink 2012. 500 S.

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Rezension

Volltext

Das berüchtigte Schlagwort von der Alternativlosigkeit der neoliberalen Wirklichkeit, in der wir alle leben, hat in den vergangenen Jahren im deutschsprachigen Raum zahlreiche, mal mehr, mal weniger einsichtsvolle Analysen provoziert, die diesen vermeintlichen Sachverhalt einer kritischen Evaluation unterziehen. So hat zum Beispiel Joseph Vogl in seinem schon klassisch gewordenen Essay über Das Gespenst des Kapitals mit den Analyseinstrumenten der Literaturwissenschaft die oft unbewussten, aber deshalb nicht weniger wirkmächtigen Denkfiguren der aktuellen Finanzwelt auf ihre textuelle Konstruiertheit hin befragt: Die Vorstellung vom sich selbst regulierenden Marktgeschehen etwa erscheint in der historischen Rückschau als ein Mythos, der sich höchst erfolgreich als Logos maskiert hat. (1)  Sucht man nach Vorgängermodellen dieser Formen einer kühl analysierenden Diagnostik der aktuellen Situation, so ist man nicht zuletzt auf Georg Simmels Philosophie des Geldes aus dem Jahr 1900 verwiesen – einer Studie, die es sich zum Ziel gemacht hatte, die geistig-psychische Verfasstheit des modernen Subjekts, ja sogar die Genese moderner Subjektivität aus der unhintergehbaren Teilhabe einer und eines jeden an der zeitgenössischen Kapitalwirtschaft zu erklären.(2)
Simmels Buch machte damals Furore. Zwar war die Wirkung nicht so überwältigend wie bei Freuds nahezu zeitgleich erschienener Traumdeutung, aber sie war immerhin doch international spürbar: Die akademischen Ökonomen waren von den geistreichen und subtilen Analysen des Philosophen so beeindruckt, dass sie lediglich mit fachwissenschaftlichen Vorbehalten Simmels wirtschaftswissenschaftlichen Überlegungen begegnen konnten, während das Buch bei Intellektuellen, Literaten und Künstlern in kürzester Zeit zur Standardlektüre avancierte.(3)  Dass Simmels Einsichten in das Räderwerk des modernen Kapitalismus und in die Seelenlagen der urbanisierten Großstadtbewohner angesichts einer globalisierten und spätkapitalistisch geprägten Postmoderne vielleicht schon wieder etwas angestaubt wirken dürften, ändert weder etwas an der grundsätzlichen Sprengkraft der in diesem Buch aufgestellten Thesen noch an ihrer historischen Bedeutung für die Kulturwissenschaften.
In ihrer 2012 im Münchner Fink-Verlag veröffentlichten Dissertationsschrift widmet sich die Philosophin Annika Schlitte Simmels Versuch, ausgehend von der zeitgenössischen Wert-Debatte den Zusammenhängen von Geldwesen und Lebenswelt nachzuspüren. Dabei geht sie den vielschichtigen und oftmals auch widersprüchlichen Funktionen und Semantiken des Symbolkonzepts nach, das in Simmels Schriften den Charakter einer methodologisch bedeutsamen Denkfigur einnimmt. Dank der bewundernswerten Akribie der Autorin und ihrer detektivischen Hartnäckigkeit in der Textanalyse erhält der Leser durch diese 500-seitige Monographie einen kenntnisreichen Einblick in Simmels philosophisches Denken. Spätestens seit der postmodernen Wiederentdeckung von Walter Benjamins Überlegungen zum Verhältnis von Allegorie und Symbol wurde die Allegorie als Werkzeug für die Entzifferung der Moderne diskutiert. Schließlich war der Symbolbegriff, wie Schlitte selbst betont, gerade im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert noch deutlich von den romantisch-idealistischen Entwürfen einer vermeintlichen Deckungsgleichheit von Bild und Bedeutung, von Erscheinung und Wesen belastet, wie sie zum Beispiel in den Überlegungen von Johann Wolfgang Goethe oder Karl Philipp Moritz zum Tragen kommt (S. 69-82). Mit der Frage nach der Bedeutung dieses Konzepts speist Schlitte geschickt eine aktuelle kulturtheoretische Debatte über den Symbolcharakter gesellschaftlicher Prozesse in die Diskussion um Simmels Aktualisierbarkeit ein und führt so im Gegenzug vor Augen, inwiefern Simmels Werk auch heute noch hierzu einen Beitrag leisten kann.(4)  Ob die Fokussierung der Studie auf den Symbolbegriff im selben Maße ausgesprochen erhellend wirkt, wie sie manch tiefere Einsicht des Philosophen auch wieder zu verstellen droht, muss eine genaue Prüfung der Argumente der Autorin zeigen.
Simmel, der sich dank seiner soziologischen Untersuchungen zu Beginn seiner akademischen Karriere ein feines Gespür für die Verflechtungen der makroskopischen Sphäre der gesellschaftlichen Strukturen mit dem mikroskopischen Seelenhaushalt des modernen Individuums erarbeitet hatte, sah im Geld ein methodisches Analysekriterium für seine zeichentheoretisch fundierte und dabei streng historisierend vorgehende Rekonstruktion des damaligen Jetzt-Zustandes. Immer wieder sprach der Philosoph davon, dass gerade das Geld als eine Art Symbol im Sinne eines höchst variablen Instrumentariums für die Taxierung von subjektiven Bedürfnislagen im Verhältnis zum objektiven Marktangebot verstanden werden könne. In der Verwendung etwa von Papiergeld, dessen materialer Wert bedeutungslos geworden sei, zeige sich laut Simmel der Prozess einer zunehmenden Objektivierung von Begehrensströmen und Tauschprozessen in einer modernen Gesellschaft. So verstand Simmel das Geld auch im Sinne eines kulturellen Symbols, das es ihm erlauben würde, seiner historischen Anamnese einer mit der Moderne zunehmenden Relativierung aller einst als substanziell verstandenen Werte von einer vermeintlich distanzierten Beobachterperspektive aus zu begegnen: Im Geld zeige sich, dass in einer kapitalistisch regulierten Gesellschaft alle Dinge und Objekte in einen Zustand der absoluten Vergleichbarkeit eingetreten sind. Die einstige Inkommensurabilität etwa von persönlichen Gegenständen werde durch die gleichmachende Kraft des Geldes in quantitative Werte, sprich in den jeweiligen Marktpreis, überführt.
Annika Schlitte wählt für ihre Simmel-Lektüre ein im weitesten Sinne texthermeneutisches Verfahren (S. 20 f.), das mit seinen zahlreichen, streckenweise fast überbordenden Textbelegen aus Simmels Schriften die unterschiedlichen Bedeutungsdimensionen des Symbolbegriffs entfaltet. Dabei ist es der Autorin ein wichtiges Anliegen, das Symbolkonzept – ungeachtet der semantischen Binnendifferenzierungen, die sich in der Polarität von wesenhafter Verkörperung und konventionalisiertem Zeichengebrauch aufspannen – auf einer inhaltlichen und einer methodologisch-erkenntnistheoretischen Ebene zu verorten: Während der Philosoph über den Symbolcharakter des Geldes in der Moderne spricht, folge sein eigener Ansatz einem als ›symbolisch‹ zu bezeichnenden Denkstil, insofern er ausgehend von der Analyse der Beschaffenheit, Struktur, Funktion sowie geschichtlicher Veränderlichkeit von Einzelphänomenen auf das gesellschaftliche Ganze schließen zu können glaubt (S. 448). Nach einleitenden Betrachtungen, die nach den zeichentheoretischen sowie hermeneutischen Genealogien des Symbolbegriffs seit der Antike fragen, bettet Schlitte in einem ersten Kapitel Simmels symbolische Denkhaltung überzeugend in drei Traditionsstränge ein, die mit den Namen Kant, Goethe und Stefan George verknüpft sind. Simmels Herkunft aus subjekttheoretischen, idealistisch-romantischen und schließlich symbolistisch-ästhetizistischen Strömungen erscheint somit deutlich konturiert.
In einem umfangreichen Kapitel mit dem Titel Die Welt der Ökonomie untersucht die Autorin, wie Simmel in Auseinandersetzung mit staatsökonomischen Theorien und nominalistischen und metallistischen Positionen sowie im Blick auf die Verwendungsformen des Geldes im zeitgenössischen Wirtschaftsleben sein eigenes Paradigma eines alles beherrschenden Relativismus in der Moderne mit dem Symbolbegriff zu vermitteln sucht. Dabei zeigt sich, dass das Konzept des Symbols für Simmel paradoxerweise gerade deshalb so bedeutsam wurde, weil es sich nur schwer als ein unproblematisches Denkinstrument verwenden ließ. Als ein historisch hochgradig überdeterminiertes Konzept rückte es den widersprüchlichen Charakter des Geldes in den Mittelpunkt, das weder arbiträres Zeichen für den Wert der Dinge noch deren substantialistische Verkörperung war. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet verweist es auf den unmittelbaren Tauschakt zwischen zwei Interessenten: Es verdoppelt diesen in einer symbolischen Ebene und lässt ihn dadurch auch verhandelbar werden. Insofern wäre aus heutiger Perspektive vom Geld wohl am ehesten als einem Medium zu sprechen, das wechselseitige Begehrensverhältnisse im gleichen Maße allererst in einer generalisierten Form darstellbar werden lässt, wie es zwischen diesen auch vermittelnd eintritt. Die Autorin legt Wert darauf nachzuweisen, dass Simmel die Marxschen Positionen zwar kannte, dass er aber die Bedeutung der Arbeitskraft und der Verteilung der Produktivkräfte für die gesellschaftlichen Machtstrukturen kaum weiter in seine Betrachtungen einfließen ließ (S. 281-284).
Als Leser/in hätte man sich gerade an Stellen wie diesen gewünscht, dass sich die Autorin von ihrem stets sorgfältig abwägenden Standpunkt ein wenig gelöst und über das bloße Referieren von unterschiedlichen Forschungsmeinungen ihre eigene Position nachdrücklicher verdeutlicht hätte. In der genauen Darlegung der Argumentationen des Philosophen gelingt es Schlitte jedoch, ein durchaus innovatives Moment in der Verwendung des Symbolkonzepts bei Simmel heraus zu präparieren: Wenn der Philosoph in einer synchronen Perspektive und mit kulturkritischem Akzent danach fragt, wie das Geld in der zeitgenössischen Gesellschaft jeweils den Stand der voranschreitenden Relativierung spiegelt, so betont er in diachroner Perspektive die Rückkopplungsprozesse des Geldes und seiner Funktionen auf die Gesellschaft und ihre Individuen selbst (S. 446). Simmel rückt hier also die Eigendynamik der durch das Geld vermittelten Prozesse und somit die unumkehrbar scheinende Historizität gesellschaftlicher Strukturen in den Blick. Er erkennt im Geld folglich eine für die Deutung paradoxal erscheinende Doppelstruktur: so wie es einerseits das Produkt einer bestimmten gesellschaftlichen Formation ist und diese somit symbolisch widerspiegelt, so produziert es diese Formation andererseits auch selbst. Dadurch hat es die Fähigkeit, eben diese gesellschaftlichen Entwicklungen selbst zu beschleunigen.
Auch wenn Schlitte nicht unmittelbar darauf eingeht, so scheint Simmel im Geld nicht so sehr ein passives Symbol denn vielmehr einen genuinen Akteur zu sehen, der mit den Eigenschaften eines Quasi-Subjekts ausgestattet ist.(5)  Wenn allerdings der Symbolcharakter des Geldes mit seiner paradoxen Doppelung als Effekt und Motor gesellschaftlicher Prozesse zusammengedacht werden soll, so bleibt als symbolisches Moment seiner Verfasstheit lediglich die radikale Historizität der Bedeutung, oder anders ausgedrückt: das Geld symbolisiert nichts außer den Wandel der Bedeutungen selbst. Spätestens an dieser Stelle wird klar, inwiefern Simmel im Rückgriff auf das Symbolkonzept dieses im selben Zug auch radikal aushöhlt und weshalb seine Philosophie dadurch gerade für die Postmoderne besonders anschlussfähig erscheint. Schlittes Verdienst ist es, diese konzeptuellen Kollisionsbewegungen mit zahlreichen Textbelegen für den Leser nachvollziehbar zu machen.
Ein letzter größerer Abschnitt fragt nach dem Fortleben der in der Philosophie des Geldes erarbeiteten Denkfiguren in Simmels ästhetischen und ethischen Schriften. In einem Schlusskapitel trägt Schlitte ihre Ergebnisse zusammen und vergleicht Simmels Verwendung des Symbolbegriffs mit anderen Entwürfen in Nachbardisziplinen, etwa in der Linguistik bei Saussure, in der Ethnologie bei Lévi-Strauss und in der frühen Kulturwissenschaft bei Cassirer. Sie spricht sich abschließend dafür aus, Simmels Denkansätze auch in den heutigen Kulturwissenschaften und entgegen dem Mainstream der akademischen Philosophie als immer noch hochrelevante Einlassungen zur Frage der Kultur der Moderne zu betrachten.
Die Studie von Annika Schlitte bietet dem interessierten Leser den vielleicht umfassendsten Einblick in Simmels Denkgebäude seit David Frisbys Arbeiten über den Soziologen-Philosophen,(6)  wobei nicht verschwiegen werden soll, dass der Lesbarkeit dieser Dissertationsschrift vor ihrer Veröffentlichung eine streckenweise Kürzung und argumentative Verdichtung vielleicht gut getan hätte. Dennoch besticht die Untersuchung in der Simmel-Forschung durch ihre umsichtige und umfassend rekonstruierende Fokussierung auf eine prominente Denkfigur.
 
Dominik Brabant M.A. (promoviert); Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, Lehrstuhl für Kunstgeschichte, Am Hofgarten, D-85072 Eichstätt; E-Mail: Dominik.Brabant@ku.de


Anmerkungen

(1) Joseph Vogl, Das Gespenst des Kapitals. Zürich 2. Aufl. 2011. [zurück]
(2) Georg Simmel, Die Philosophie des Geldes. Frankfurt/M. 1989 (= Bd. 6 der von David Frisby und Klaus Christian Köhnke herausgegebenen Georg-Simmel-Gesamtausgabe). [zurück]
(3) Ausführliches zur zeitgenössischen Rezeption von Simmels Studie findet sich in: Otthein Rammstedt (Hg.), Georg Simmels Philosophie des Geldes. Frankfurt/M. 2003. [zurück]
(4) Frauke Bernt/Heinz J. Drügh (Hg.), Symbol. Grundlagentexte aus Ästhetik, Poetik und Kulturwissenschaft. Frankfurt/M. 2009. [zurück]
(5) Hier wäre sicherlich die Anschlussfähigkeit der Simmelschen Überlegungen an neuere Ansätze der Diskussionen um den Begriff der Moderne interessant, wie sie etwa von Bruno Latour angestoßen worden sind: Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Übers. v. Gustav Roßler. Frankfurt/M. 2008. [zurück]
(6) David Frisby, Sociological Impressionism. A Reassessment of Georg Simmel’s Social Theory. London u.a. 1992. [zurück]