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In: KulturPoetik 2014, Heft 1

Autor

Manuel Clemens

Titel

Die Bibliothek als Heterotopie
Mirko Gemmel/Margrit Vogt (Hg.), Wissensräume. Bibliotheken in der Literatur. Berlin: Ripperger und Kremers 2013. 352 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Unter »Heterotopie« versteht Michel Foucault einen Ort, der sich durch seine Andersartigkeit von seiner Umgebung unterscheidet. Es sind »Orte, die sich allen anderen widersetzen und sie in gewisser Weise sogar auslöschen, ersetzen, neutralisieren oder reinigen sollen«. Mit dieser Wirkung sind Heterotopien als Gegenwelten und »lokalisierte Utopien« (1)  zu verstehen. Neben Gärten, Museen und Kinos, ist eine dieser Gegenwelten die Bibliothek. Der Sammelband Wissensräume. Bibliotheken in der Literatur stellt diese Dimension der Bibliothek in das Zentrum seiner Untersuchung. Zwar verweist er in den einzelnen Beiträgen auf zahlreiche weitere Topoi der Bibliotheken in der Literatur, jedoch ist ihr von der Norm abweichendes Gefüge, das mit dem Sammeln von Wissen auf etwas verweist, was nicht ist, aber existieren könnte oder sollte oder dabei ist, sich zu verwirklichen, der gemeinsame Nenner der unterschiedlichen Beiträge.
Mit diesem Ansatz geht der Sammelband über Bibliotheksbetrachtungen hinaus, die sich ausschließlich auf die Beobachtung des Realen wie der Architektur oder dem jeweilige Ordnungs- und Systematisierungsprinzip konzentrieren (2)  und stellt die fiktionalen Bibliotheken der Literatur in den Mittelpunkt, die zu Zufluchtsorten für Außenseiter, Heimatlose und Weltfremde werden. Dadurch zeigt sich die literarische Bibliothek nicht nur als ein Bewahrer des Wissens, sondern auch als Sozialbiotop, das die Machtverhältnisse zwischen der Welt des Wissens und dem Leser benennt und den Außenseitern einen Imaginationsraum bereitstellt, in dem sie sich ihrer Einsamkeit und Phantasie hingeben sowie sich ihrer Identität versichern können. Somit bietet der Sammelband dem Leser einen großen Überblick über die Bibliothek in ihrem sozialen Kontext. Er verfolgt damit eine andere Zielsetzung als Dietmar Riegers Monographie Imaginäre Bibliotheken. Bücherwelten in der Literatur (3),  die der Frage nachgeht, wann und wieso Bibliotheken zu fiktionalen Gegenständen in der Literatur werden und er kann durchaus als Ergänzung zu Günther Stockers Untersuchung Schrift, Wissen und Gedächtnis. Das Motiv der Bibliothek als Spiegel des Medienwandels im 20. Jahrhundert  (4) verstanden werden, die – wie es der Titel bereits andeutet – , eine andere Fokussierung verfolgt sowie mit Musil, Canetti und Sartre einige Klassiker der Bibliotheksliteratur analysiert, die im vorliegenden Sammelband nicht erwähnt werden.    
Der Band beginnt mit einem Aufsatz von Regina Hartmann über die Bibliotheken in der Aufklärung. Dabei stehen Beschreibungen der Bibliotheksreisen von Gelehrten im Vordergrund, die ihre Arbeit gemäß den Idealen dieses Zeitalters verstehen. Die Schilderung und Ordnung der Bibliotheken entspricht somit dem Kosmos der Aufklärung – die Welt, das Wissen und die Bibliothek sollen möglichst enzyklopädisch geordnet sein. Die beiden folgenden Beiträge von Dirk Werle und Nikolas Immer zeigen am Beispiel von Ludwig Tieck und E.T.A. Hoffmann, wie sich dieser Anspruch mit der Romantik verändert. Die Vorstellung der Bibliothek erhält nun einen weit fiktiveren Charakter, löst sich von der realen Welt, wird zu einer imaginierten Gegenwelt, und das bedeutet: zu einem Ort, der Märchenerzählungen ermöglicht. In der Moderne dagegen – das zeigt der anschließende Aufsatz von Matthias Henning –, verlieren die Bibliotheken diesen utopischen Charakter und werden zu Labyrinthen. Bei Jorge Luis Borges, Stanis?aw Lem und Umberto Eco verliert sich der Besucher in den Bibliotheken, da diese den Aufenthalt des Menschen und die Vermittlung von Wissen ausschließen und stattdessen die Unendlichkeit einer Welt widerspiegeln, die der Mensch nicht mehr erfassen kann. Dietmar Rieger beschreibt anschließend anhand der Mittelalterromane des französischen Gegenwartsautors Michael Rios den Versuch, diese Implosion des Wissens umzukehren, um wieder eine Universalbibliothek mit menschlichen Dimensionen errichten zu können.
Nach diesem historischen Überblick wenden sich die einzelnen Aufsätze unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten zu. Elisabeth Décultot schreibt über Johann Joachim Winckelmann und analysiert die Exzerpthefte der von ihm gelesenen Bücher. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage: Wie steht es um das Buchwissen und die Lesegewohnheiten des ersten Kunsthistorikers, der zwar immer wieder den Vorrang der sinnlichen Kunsterfahrung (in Italien) gegenüber dem Buchwissen betont, jedoch auch ein eifriger Besucher von Bibliotheken gewesen ist. Ähnlich verhält es sich mit der Fragestellung in Angela Steinsieks Beitrag, denn auch Jean Paul legte Exzerpte an, die am Ende seines Lebens mehr als hundert Bände umfassten. Für die Autorin sind diese Hefte Zeugnisse eines literarisches Schreibprozesses, der sich in diesen Notaten und Bibliotheksbesuchen vorbereitet hat.
Anschließend wendet sich der Band den sicherlich bisher am meisten vernachlässigten Darstellungen von Bibliotheken in der Literatur zu: ihrer Beschreibung in Graphic Novels und Fantasy-Romanen. Monika Schmitz-Emans beschreibt das Bibliotheksmotiv in den Graphic Novels von Marc-Antoine Mathieu. Die Bibliothek ist hier ein Ort mit unermesslichen Topographien, die keine Ordnungen, sondern Unordnungen erzeugen; in ihr hausen surreale Außenseitertypen. Die Bücherwelt ist hier der unhintergehbare und unbegreifliche Ursprung der menschlichen Existenz und seiner Wissensmöglichkeiten und stellt somit ein »unerschöpfliches Reservoir von Prätexten« dar, die auf ihr »Recycling« (S. 208) in Form einer Neuadaption durch den Benutzer warten. H.P. Lovecraft dagegen zeigt für Andreas Grünes das Risiko eines jeden Bibliotheksbesuchs: Da Bibliotheken alles speichern – vom informativen und vergnüglichen Wissen bis zum gefährlichen Wissen – können sie sowohl zu einem Leseparadies als auch zu einem Ort des Schreckens werden. Ira Diedrich analysiert ein weiteres Mal die ›große Sehnsucht‹ nach einer (fantastischen) Einheit zwischen Text, Bibliothek und Leser. Als Grundlage dienen ihr dafür die Thursday-Texte des walisischen Autors Jasper Ffordes. Die Einheit zwischen Text und Leser deutet sie als eine Integration des postmodernen Theorems vom ›Tod des Autors‹ in den Bibliotheksroman, der dem Leser fantastische und individuelle Erfahrungsmöglichkeiten im Raum des Wissens verspricht. Maren J. Conrad untersucht die fantastische Literatur aus der Metaperspektive und geht dabei von folgender Voraussetzung aus: Wenn sich in diesem Genre die unbewussten Ängste der Gesellschaft widerspiegeln und das Buch bzw. die Bibliothek in der fantastischen Literatur als etwas Bedrohliches und Unintegrierbares zeigt, dann »bangt das 20. Jahrhundert vor allem um den […] Verlust seiner Kinder in fantastische Welten und damit [um die] Möglichkeiten und Gefahren der Integration bzw. des Verlusts von rationalen, funktionierenden Mitgliedern der Gesellschaft« (S. 287).
Abschließend untersucht der Sammelband drei Klassiker der Gegenwartsliteratur. Barbara Mariacher analysiert, wie Thomas Bernhard in Auslöschung eine literarische Gegenwelt des subversiven Denkens und der individuellen Freiheit errichtet, indem er das Unverständnis seiner kleinbürgerlichen Eltern für das Lesen und seine Aufenthalte in der ererbten Bibliothek seines Elternhauses verarbeitet. Die Bibliothek wird hier zum veritablen Ort eines imaginierten besseren Lebens und wendet sich gegen die einfältigen und vorgeformten Denkstrukturen seiner Eltern aus der Zeit des Nationalsozialismus. In W.G. Sebalds Roman Austerlitz dagegen, so der Beitrag Christian Ronneburgers, wird die Bibliothek zu einem gedächtnislosen Ort - wenn man bedenkt, dass die Bibliothèque Nationale in Paris an einem Ort steht, an dem sich im zweiten Weltkrieg ein Lager befand, von dem aus Juden ins Konzentrationslager befördert wurden. Sarah Neelsen argumentiert mit Blick auf das Werk Elfriede Jelineks und deren Experimentierfreude mit digitalen Veröffentlichungen, dass die klassische Bibliothek für die zeitgenössische Literatur ausgedient hat, da wir mit dem Internet über weit mehr Formen und Wege des Schreibens verfügen als mit dem klassischen Prinzip von Autorschaft und Beständigkeit des Texts. Jelineks Experimentieren deute an, was heute verwirklicht werden könnte: In einer digitalen Bibliothek könnten Bücher permanent verändert werden, der Leser mit der schriftstellerischen Avantgarde kommunizieren und geographisch weit entfernte Bibliotheken miteinander verbunden werden.
Dem Sammelband gelingt die Darstellung der Bibliothek von der Aufklärung bis in die Gegenwart im Spiegel des jeweiligen historischen Kontextes. Die einzelnen Aufsätze zeichnen sich fast durchgängig durch eine starke Fokussierung auf die Bibliothek aus. Allein die beiden Analysen zu den Exzerptheften Winckelmanns und Jean Pauls werfen die Frage auf, ob dieser Sammelband der richtige Kontext für sie ist, da Notizen, die in Bibliotheken verfasst wurden, noch lange nichts über diesen Ort aussagen.
Das einzige, was fehlt, wäre ein abschließendes Fazit, dass die Heterotopie Foucaults selbst in den Mittelpunkt der Untersuchung stellt. »Heterotopie« ist, wie bereits in der Einleitung bemerkt, der Stichwortgeber für die meisten Beiträge und es wäre interessant gewesen zu erfahren, ob dieser Begriff nach einem Parcours durch die Bibliothekswelten der letzten 500 Jahre neue Akzente erhalten könnte, die über die zur Formel gewordene Definition Foucaults hinausgehen. Gerade der letzte Beitrag zu Jelineks Experimenten mit digitalen Veröffentlichungen hätte Raum für diese Betrachtung gegeben – wenn das Internet das lokal räumliche Gefüge der Bibliothek und das zeitlich fixierte Wesen des Buchdrucks in Frage stellt, dann muss sich ja auch die Heterotopie als ein fixierter, im realen Raum vorhandener Gegenort verändern. 

     
Dr. Manuel Clemens, Universidad Iberoamericana, Mexiko-Stadt, Liverpool 9, Col. Juàrez, D.F., Mexiko-Stadt – 06600, Mexiko; E-Mail: manuelclemens@gmail.com


Anmerkungen

(1) Michel Foucault, Die Heterotopien. Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge, Frankfurt/M. 2005, S. 9-22; hier S. 10. [zurück]
(2) Vgl. Winfried Nerdinger, Die Weisheit baut sich ein Haus. Architektur und Geschichte von Bibliotheken. München 2011. [zurück]
(3) Dietmar Rieger, Imaginäre Bibliotheken. Bücherwelten in der Literatur. München 2002. [zurück]
(4) Günther Stocker, Schrift, Wissen und Gedächtnis. Das Motiv der Bibliothek als Spiegel des Medienwandelns im 20. Jahrhundert. Würzburg 1997. [zurück]