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In: KulturPoetik 2014, Heft 1

Autor

Dominik Orth

Titel

24 Möglichkeiten, über Filme zu schreiben
Stefan Keppler-Tasaki/Elisabeth K. Paefgen (Hg.), Was lehrt das Kino? 24 Filme und Antworten. München: edition text + kritik 2012. 542 S.

Kategorie

Rezension

Volltext

Im Jahr 2003 unternahm die Bundeszentrale für politische Bildung ein Wagnis: Eine Kommission, bestehend aus Expertinnen und Experten aus den Bereichen der Filmpraxis, der Filmpublizistik, der Filmvermittlung sowie der Film- und Medienwissenschaft, erstellte einen Filmkanon, der das Ziel hatte, eine adäquate Auseinandersetzung mit dem Medium Film nachhaltiger in der Gesellschaft zu verankern, insbesondere im Schulunterricht. (1)  Das Ergebnis war eine Zusammenstellung von 35 Spiel- und Dokumentarfilmen, ›die man kennen muss‹; so zumindest forderte es der Untertitel der diesen Kanon begleitenden Publikation, in der diese Filme in Form kürzerer Texte und Essays knapp vorgestellt und kommentiert wurden. (2)  Knapp zehn Jahre nach diesem kulturpolitischen Vorstoß bildet diese Liste von als wichtig erachteten Leinwandstreifen erneut den Ausgangspunkt für einen Sammelband, der wiederum auf eine zweisemestrige Ringvorlesung an der Freien Universität Berlin zurückgeht.
Dabei verfolgt der Band laut Einleitung den Anspruch einer Vertiefung der Auseinandersetzung mit diesem Kanon. Dafür wurden aus dem Kanon 24 Filme ausgewählt, die in entsprechenden Einzeltexten reflektiert, kommentiert, analysiert und interpretiert werden. Der Zugang ist dabei – dies zeigt ein Blick auf die Professionen der 24 Autorinnen und Autoren – dezidiert interdisziplinär: Das Spektrum der beteiligten Disziplinen reicht von der Kunstwissenschaft über die Philosophie und die Didaktik bis zur (auffallend häufig vertretenen) Literaturwissenschaft und der (eher selten vertretenen) Filmwissenschaft. Mit der Slawistik, der Amerikanistik und der Germanistik sind darüber hinaus zahlreiche Philologien beteiligt, auch Stimmen aus den Bereichen Filmvermittlung und Filmkritik sind zu vernehmen. Die Anordnung der Texte ist chronologisch, der Beginn liegt 1922 bei Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu, das Ende markiert Pedro Almodóvars Alles über meine Mutter aus dem Jahr 1999. Damit bildet der Band die Rahmung des Filmkanons ab, auch dieser beginnt und endet mit eben diesen Filmen, doch 11 Filme des Kanons bleiben unerwähnt. Diese Reduktion ließe sich im Einzelfall sicherlich begründen, allerdings bleibt die Auswahl der Auswahl unreflektiert. In der äußerst knappen Einleitung des Mitherausgebers Stefan Keppler-Tasaki, die inhaltlich eher ein Vorwort darstellt, sucht man vergeblich nach Erläuterungen und Erklärungen, wieso beispielsweise Claude Lanzmanns wegweisender Dokumentarfilm Shoah (1985) ebenso aus dem enger gefassten Kreis des Kanons verschwunden ist wie Billy Wilder als einer der prägenden Regisseure des klassischen Hollywoodkinos, dessen Werk Das Appartement (1960) im eigentlichen Filmkanon vertreten ist. Die einzige Legitimation für die implizite Reduktion des Kanons auf 24 Filme liegt in Jean-Luc Godards berühmtem Zitat »Kino, das ist die Wahrheit 24 Mal in der Sekunde«. Der Rückgriff auf diese vielzitierte Wendung irritiert insofern, als es sich bei dem Band um eine Publikation aus einem universitären Kontext und daher mit einem wissenschaftlichen Anspruch handelt. Eine entsprechend bessere argumentative Eingrenzung des Gegenstandsfeldes wäre daher ebenso zu erwarten gewesen wie eine kritische Reflexion des Filmkanons an sich, die aber ebenfalls nicht erfolgt. (3) 
Bereits der Titel des Bandes stellt eine Provokation dar, die Erwartungen weckt. Diese werden jedoch nicht vollends erfüllt. Die Frage Was lehrt das Kino? impliziert ein tendenziell kulturwissenschaftlich geprägtes Bild des Leitmediums Film, sie impliziert darüber hinaus zahlreiche weitere Fragen: Welche Rolle spielt der Film in einer Gesellschaft, welche soziokulturellen Funktionen übernehmen filmische Fiktionen und auch Dokumentationen, die in einer spezifischen Form auf die Lebenswirklichkeit der Rezipientinnen und Rezipienten Bezug nehmen? Wie lässt sich dieser Bezug theoretisch fassen, welche Konzepte und Theoriemodelle erlauben schlüssige Hypothesen und gehen über simplifizierende Zuschreibungen hinaus? Wie lässt sich das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit sowie Fiktion und Wissen beschreiben, wie kann Kino überhaupt etwas lehren? Die Einleitung wäre der passende Ort für entsprechende Reflexionen gewesen, doch außer der recht allgemeinen Aussage, dass das Medium Film »auf einen unrevidierbaren Prozess der historischen Anreicherung und der Integration in die es umgebende Kultur« (S. 13) zurückblickt, finden sich keine weiteren Erläuterungen zu den theoretischen Prämissen des Bandes. Dies ist insofern schade, als die titelgebende Frage durchaus berechtigt gestellt ist – aber sie erfordert dann eben auch Antworten zu den eben genannten weiterführenden und implizierten Fragen. Selbst die einzelnen Texte nehmen nicht alle explizit Bezug auf diese Fragestellung, sodass zwar – wie es der Untertitel des Bandes verspricht – 24 Antworten vorliegen, allerdings zu ganz verschiedenen Fragen, die nur in den seltensten Fällen etwas mit der Frage, die den Beiträgen ihren Rahmen verleiht, zu tun haben.
Eine positive Ausnahme in dieser Hinsicht stellt beispielsweise der Beitrag von Matthias Hurst zu Sergej M. Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin (1925) dar. Der Literatur- und Filmwissenschaftler zeigt auf, inwiefern das Medium Film als Propagandamittel genutzt und wie die Ästhetik des Mediums instrumentalisiert werden kann, um klare (und ideologiegetränkte) Botschaften zu vermitteln. Ebenfalls überzeugend im Kontext der eigentlichen Zielrichtung des Bandes sind die Ausführungen zu The Wizard of Oz (1939) von Birgit Däwes. Die Amerikanistin legt die tiefe Verankerung des Films in der US-amerikanischen Populärkultur dar und zeigt an diesem Beispiel, welchen Einfluss ein Film auf das Selbstverständnis einer Kultur ausüben kann. Darüber hinaus dekonstruiert sie mit überzeugenden Argumenten die vermeintlich konservativen Aussagen des Films und stellt somit die vermeintlich simplen Lehren von Kinofilmen, die in Form von Geschichten Botschaften tradieren, infrage. Der Medienwissenschaftler Bernhard Groß wiederum zeigt am Beispiel von Federico Fellinis La Strada (1954) den Einfluss des Kinos auf die Wahrnehmung. Für ihn stellt dieser Film ein bedeutendes medienreflexives Produkt dar, welches »das Wahrnehmungsparadigma des Nachkriegskinos und insbesondere des Neorealismus aufgreift, vervielfältigt und auffächert und darin auf sehr spezifische Weise das neue Verständnis des westlichen Kinos nach 1945 reflektiert und mit seiner Poetik erweitert« (S. 241). Aus didaktischer Sicht hingegen nimmt Matthias Schönleber den Science-Fiction-Klassiker Blade Runner (1982) in den Blick. Nachvollziehbar zeigt er auf, wie Ridley Scotts Film Diskurse über die Großstadt und künstliche Menschen aufgreift sowie variiert und stellt Bezüge zu Werken der Literaturgeschichte her, die diese Diskurse ebenfalls geprägt haben. Dadurch wird deutlich, dass auch das Medium Film nicht kontextlos sein kann und wie lohnend es ist, diese intermedialen Diskursbezüge auch im Schulunterricht zu vermitteln.
Neben diesen im Zusammenhang mit der Fragestellung des Bandes erkenntnisfördernden Beiträgen sind weitere Texte erwähnenswert. So zeigen die Ausführungen des Philosophen Aeon J. Skoble die Grundproblematik der fehlenden theoretischen Bezugsrahmen auf. Martin Scorseses Taxi Driver (1976) wird von ihm gar nicht mehr als fiktional-ästhetisches Kulturprodukt gesehen, sondern als einfache Aussage zur Selbstjustiz gelesen. Film und Realität werden gleichgesetzt. Wie so häufig bedient sich die Philosophie fiktionaler Werke als Ausgangspunkt von ethisch-moralischen Reflexionen ohne Rücksicht auf ihre Beschaffenheit als Werke der Kunst. Eine äußerst interessante und dabei gelungene Form der schriftlichen Auseinandersetzung mit einem Film zeigt die Kunsthistorikerin und Medienwissenschaftlerin Kathrin Peters. Sie hat zu Chris Markers Sans Soleil (1982) ein Glossar erstellt, das eher assoziativ als systematisch Aspekte und Elemente des Films beschreibt und kommentiert.
Die zahlreichen weiteren Texte des Bandes weisen eine Tendenz zu klassisch-hermeneutischen Herangehensweisen ohne konkrete Fragestellung auf, mitunter wird ein Hang zur umfassenden Wiedergabe und Kommentierung der Ereignisse auf der Handlungsebene deutlich, oft werden nennenswerte Informationen zu Produktion und Rezeption geliefert. Dies führt grundsätzlich zu gut lesbaren, interessanten und häufig auch erhellenden Aufsätzen, die jedoch oftmals einen konkreten Bezug zur Fragestellung des Bandes vermissen lassen. Flankiert werden alle Beiträge des Bandes von Schwarz-Weiß-Screenshots aus den jeweiligen Filmen, wobei auf diese nur bedingt explizit eingegangen wird – sie dienen anscheinend vielmehr der Auflockerung der teilweise recht umfangreichen Ausführungen. Der Großteil der Texte umfasst zwischen 20 und 30 Seiten, was insgesamt zu einer selbst für einen Sammelband stattlichen Gesamtseitenzahl von deutlich über 500 Seiten führt. Abgerundet wird das Buch durch bio-bibliografische Angaben zu allen Beiträgerinnen und Beiträgern sowie durch ein Personenregister.
Insgesamt betrachtet liegt mit Was lehrt das Kino? durch die Mischung aus informativen Handreichungen, ausführlichen Kommentaren, Essays und erkenntnisorientierten Aufsätzen mit divergierenden Fragestellungen ein interessantes Kompendium zu Klassikern der Filmgeschichte vor. Betrachtet man den Titel als unpassend und stellt die Frage anders, so lassen sich die versammelten Texte dennoch adäquat zusammenfassen: ›Wie über Film schreiben?‹ – auf diese Frage liefert der Band 24 größtenteils überzeugende Antworten und zeigt darüber hinaus die Vielfalt auf, mit der man sich publizistisch diesem audiovisuellen Medium widmen kann.

Dr. Dominik Orth, Technische Universität Hamburg-Harburg, Humanities (B-6), Schwarzenbergstraße 95 E, D-21073 Hamburg; E-Mail: dominik.orth@tuhh.de


Anmerkungen

(1) Vgl. ausführlicher zu den Hintergründen des Filmkanons die Informationen auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung; www.bpb.de/gesellschaft/kultur/film¬bildung/43637/doku-mentation-filmkanon (07.11.2013). [zurück]
(2) Vgl. Alfred Holighaus (Hg.), Der Filmkanon. 35 Filme, die Sie kennen müssen. Berlin 2005. [zurück]
(3) Eine Ausnahme stellt der Text des Filmkritikers Andreas Kilb dar, der seinen Ausführungen zu Das süße Jenseits (1997) grundsätzliche kritische Überlegungen zum Filmkanon voranstellt. [zurück]