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In: KulturPoetik 2013, Heft 2

Autor

Alexander Schwieren

Titel

Orte schreiben zwischen Krieg und Globalisierung
Christian Luckscheiter, Ortsschriften Peter Handkes

Kategorie

Rezension

Volltext

Es gibt wohl keinen deutschsprachigen Schriftsteller, der so polarisiert wie Peter Handke – und zwar praktisch seit er vor fast 50 Jahren mit dem Schreiben begonnen hat. Neben den immer wieder vorgetragenen, in erster Linie moralischen Verrissen hat sich auch eine große Leserschaft ausgebildet, die versucht, der enormen Produktivität Handkes hinterher zu kommen. Diese Produktivität mag auch der Grund sein, warum es bislang keine umfassende Studie zum Gesamtwerk Handkes gegeben hat: Die fast ununterbrochenen Veröffentlichungen (und die immer wieder skandalösen beziehungsweise skandalisierten Auftritte des Autors) erleichtern nicht gerade den Versuch, einen festen Standpunkt zu Handkes Literatur zu finden. Nun hat Christian Luckscheiter mit seiner Dissertation Ortsschriften Peter Handkes pünktlich zum 70. Geburtstag des Autors dieses Missverhältnis von Literatur und Forschung ein Stück weit zu beheben versucht.
In denkbar weiter Ferne zu klassischen ›Werkanalysen‹, die einzelne Veröffentlichungen in chronologischer Reihenfolge vorstellen und in den Zusammenhang des Autorenlebens und der ›Wirkung‹ stellen, hat Luckscheiter eine Perspektive entwickelt, die sich auffällig selbständig durch die Texte Handkes bewegt. Die Grenzen einzelner Texte interessieren dabei weit weniger als ihr Zusammenhang zu »Frieden und Krieg« einerseits und zu »Das Lokale und das Globale« – mit anderen Worten: zur ›Globalisierung‹ – andererseits. Ausgangspunkt der Lektüre ist dabei nicht zuletzt die häufig formulierte Kritik, Handke flüchte mit seiner Literatur vor der Geschichte in eine friedvolle Idylle.
Luckscheiter richtet seinen Blick in diesem Zusammenhang auf die Orte der Handke`schen Texte, auf ihren Zusammenhang mit Krieg und Frieden und ihre Bedeutung innerhalb und für Handkes Werk. Dazu rekurriert er auf die kulturwissenschaftliche Topographie-Forschung und fasst den Ort im Anschluss an Walter Benjamin als Möglichkeit, Vergangenes zu vergegenwärtigen und seine Wirkung für die Gegenwart nachzuvollziehen: »Das historisch oder begrifflich Verschwindende oder bereits Verschwundene […] hat seinen Ort, der auszumachen, zu orten und zugänglich zu machen ist« (S. 39). Luckscheiter orientiert seine Lektüre an diesem topographischen Blick und erarbeitet sich damit weitreichende und überzeugende Befunde. Er führt vor, wie Handkes Literatur kontinuierlich Orte des Kriegs, der Gewalt oder des Todes aufsucht: die Berliner Mauer, ein SS-Quartier, Srebrenica. Und er liefert den polithistorischen Kommentar, der diese Orte in ihrer Komplexität oftmals erst begreifbar macht. Dass dieser Kontext in Handkes Literatur gerade fehlt, ist in ihrer Rezeption oftmals Anlass für den Vorwurf der Geschichtsferne gewesen – bei Luckscheiter ist diesen Fehlen Anlass, über die Möglichkeiten eines Schreibens zu reflektieren, das Orte zu befrieden sucht, deren Vergangenheit vor allem eine unfassbare Gewalt beinhaltet.
Diese Versuche sind schwerlich als Geschichtsflucht zu lesen – Handke flüchtet sich in seiner Literatur nicht an Orte des Friedens. Er zeigt vielmehr, dass »die Versuche epischer Friedensstiftung, wie jede friedliche Szenerie, jeder Friedensort in permanenter Gefahr schweben, in das Gegenteil umzukippen, zu Szenen, Bildern, Orten der Gewalt, der Vernichtung, des Kriegs, und wie sie tatsächlich auch immer wieder, meist ganz plötzlich, schockartig, umkippen« (S. 47). Der gegenwärtige Frieden eines Ortes kehrt sich immer wieder um beziehungsweise zurück in seine traumatische Vergangenheit. Dieses Umkippen, das führt Luckscheiter ausführlich vor, ist in Handkes Texten durchaus umkehrbar, d.h. nicht nur vermeintliche Friedensorte, wie etwa »Grasniemandsland«, kippen um in Orte des Kriegs (»zu einem Gräberfeld«), der Gewalt und der Vernichtung (S. 71). Umgekehrt kann auch Krieg zu Frieden umkippen oder noch radikaler: »›Krieg‹ kann ›Frieden‹ und ›Frieden‹ ›Krieg‹ bedeuten« (S. 107). Diese Nähe von Krieg und Frieden in Handkes Literatur liest Luckscheiter einerseits – gerade im Hinblick auf jüngere Veröffentlichungen Handkes, vor allem auf Kali (2007) – als Hinweis auf einen »globale[n] Krieg« (S. 108), der in Handkes Werk unterschwellig an allen Orten spürbar ist. Andererseits scheint sie einer Programmatik geschuldet, die die realhistorischen Orte des Kriegs und der Gewalt angemessen zu beschreiben versucht. Was zeichnet einen Ort aus? Sind es die Abgründe seiner Geschichte oder sind es die Epiphanien, die sich jetzt an ihm entdecken lassen und die seine Gegenwärtigkeit spürbar werden lassen?
Handkes Literatur bleibt nach Luckscheiter zwischen diesen Optionen in der Schwebe: Sie versucht immer wieder, die Gegenwart der Orte als Möglichkeit des Friedens zu begreifen, und führt dabei stets zur Wiederkehr einer traumatischen Vergangenheit. Eine Geschichtsflucht aber, die in diesem Sinne programmatisch scheitert, ist keine.
Der Hinweis auf einen ›globalen Krieg‹ führt Luckscheiter im zweiten Teil seiner Studie auf die Bedeutung des ›Globalen‹ im Handke`schen Werk. Doch es ist nicht nur dieser Hinweis, der den Blickwechsel der Untersuchung von den Spuren vergangener Kriege und Verbrechen zum ›globalen Dorf‹ (McLuhan) der Jahrtausendwende motiviert. Es ist mehr noch die topographische Perspektive, die die zentrale Spannung von Lokalem und Globalem in Handkes Texten deutlich werden lässt: In Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994) entscheidet sich der zuvor vielreisende Erzähler für eine Unterbrechung, die es ihm erlauben soll, »seinen Ort zu finden«. Damit markieren »Mein Jahr in der Niemandsbucht und mit ihr das Jahr 1994 einen Einschnitt im Werk Peter Handkes«: Das reisende und rastlose Ich der früheren Texte lässt sich nieder und schafft damit Platz »für Personen, für Doubles, die sich vom ›ich‹ unterscheiden« (S. 163 f.). Diese Verdopplung der Perspektive liest Luckscheiter im Kontext aktueller Globalisierungstheorien, besonders derjenigen von Luc Boltanski und Ève Chiapello, die die ›neuen‹ ›Mobilen‹ in der globalisierten Welt im Zusammenhang mit einem ortsfesten, lokalen, eben immobilen ›Double‹ zu verstehen suchen. Die These von Boltanski und Chiapello, die lokalen Doubles würden als Orientierungsorte der Mobilen fungieren und damit ausgebeutet, lässt sich nach Luckscheiter auf Handkes Literatur nicht einfach übertragen, im Gegenteil: Nicht nur die lokal ›verorteten‹ Erzähler, auch und besonders die global mobilen Protagonisten befinden sich bei Handke, rast- und ›ortlos‹ wie sie sind, in schwierigen Situationen. Die Kritik der Globalisierung von Boltanski und Chiapello wird damit an dieser Stelle, wenngleich auf einer anderen Ebene, noch ausgeweitet, auch wenn die Überwindung nationaler, genealogischer oder anderer, traditioneller Zusammenhänge in Handkes Literatur durchweg positiv erscheint. Nicht selten sind die Mobilen hier auf der Suche nach einem Ort, der mehr ist als eine Zwischenstation, mehr als ein transitorischer, funktionaler und damit austauschbarer ›Nicht-Ort‹ (Marc Augé). Als Kehrseite der Mobilität erscheinen somit Sehnsüchte »nach einer Art Relokalisierung im Temporären unter den Bedingungen der Globalisierung« (S. 176 f.).
Luckscheiter macht deutlich, dass sich diese Sehnsüchte in Handkes Literatur – ähnlich wie diejenigen nach einer Befriedung von Orten des Kriegs – nicht erfüllen. Stattdessen werden Orte erschrieben, deren »heterogene Transkulturalität und Hybridität« sie »untereinander gleich und austauschbar« macht (S. 202). Immer wieder führen Handkes Texte in dieses ortlose, ›globale Dorf‹. Als Versuche, ihm zu entkommen und sich damit im Ortlosen zu verorten, führt Luckscheiter »Ortsbilder« (S. 206) vor, das sind unwillkürlich und blitzartig erscheinende Bilder von Orten, die den Protagonisten »für einen Moment lang einen konkreten Aufenthaltsort auftun« (S. 204) und mit dieser Qualität – unabhängig vom geographischen Ort, der sich verändern mag – »höchst individuell eine Sicherheit und Kohärenz in der Ortlosigkeit bieten« (S. 206). Auch das Gehen und das diesem Gehen folgende Schreiben in Handkes Texten sei ein derartiges Bemühen der Figuren, »sich in der permanenten Fremde, an unbekanntem Ort eine Orientierung zu geben«, das heißt hier, sich zu verorten (S. 206). Als Fluchtpunkt dieser Versuche erscheint bei Handke eine Utopie: Die Suche nach einer gänzlich neuen Art und Weise des Zusammenlebens, die den Lebensrhythmus der Zusammenlebenden keinem Gesetz, oder besser: keiner Macht mehr unterwirft, und für den bei Handke der Ort Hondareda in Der Bildverlust (2002) steht, führt hier zur Herstellung eines Orts, der seinen Bewohnern entspricht, ohne ihre individuelle Lebensweise auf eine Tradition oder kodifizierte Rechte zu verpflichten.
Allen diesen Versuchen ist gemein, dass ihr Gelingen nicht nur extrem unsicher ist: Bilder, Gehen und Schreiben sowie erst recht der Versuch eines neuen Zusammenlebens stehen in Handkes Literatur, das macht Luckscheiters Studie deutlich, quer zur Dynamik der Globalisierung. Sie passen nicht ins Bild, erscheinen mitunter als Störung und drohen somit, kassiert zu werden. Die Versuche sind aber zudem auch allesamt extrem individuell verfasst, oder kritischer: Sie sind »elitär, da sie nur gebildeten, begüterten Kosmopoliten entsprechen« (S. 236 f.). Auch wenn Handkes Blick auf die Globalisierung in diesem Sinn begrenzt ist, zeigt er, inwieweit die Globalisierung die Orte verändert, oder besser: abgeschafft hat. Was das aber für die – ortsgebundene – Unüberwindbarkeit einer traumatischen Vergangenheit bedeutet, bleibt, zumindest in Luckscheiters Lektüre, noch offen.
Davon abgesehen liefert die Studie zu Ortsschriften Peter Handkes einen äußerst detaillierten Blick auf Handkes Werk, mit dem der Stellenwert von Krieg und Frieden einerseits und der Globalisierung andererseits plausibel herausarbeitet wird. Auch wenn die Reichweite der Befunde erst mithilfe von Sprüngen quer durch Handkes Werk deutlich wird – es sind vor allem die präzisen und ausführlichen Lektüren einzelner Texte, die Luckscheiters Arbeit auszeichnen, etwa diejenige zu Handkes Langsame Heimkehr (1979) oder zu Die Lehre der Saint-Victoire (1980). Während die Streifzüge quer durch das Gesamtwerk vor allem deutlich machen, dass der Krieg in Handkes Literatur immer wiederkehrt beziehungsweise sich nicht verdrängen lässt, zeigen diese close readings, wie bei Handke die ›Unverdrängbarkeit‹ der Geschichte und besonders der Kriege und Gewaltexzesse zur Sprache kommt, wie Handkes Figuren versuchen, diese Situation hinter sich zu lassen beziehungsweise zu übergehen – und wie sie damit scheitern. Auch wenn die These, dass das Spannungsverhältnis von Lokalität und Globalität ›um 2000‹ seit Mein Jahr in der Niemandsbucht in den Mittelpunkt von Handkes Texten gerückt sei, nur durch Luckscheiters souveränen Blick über das Gesamtwerk Plausibilität erlangt – Handkes Blick auf (oder in) dieses Spannungsverhältnis wird erst (be-)greifbar in den nachdrücklichen Lektüren zur Niemandsbucht, zu Kali und zum Bildverlust. In diesem Sinn ist es bezeichnenderweise nicht der systematische Überblick, sondern die ›Lust am Text‹ (Barthes), die eine bemerkenswert genaue Perspektive hervorbringt. Das bedeutet keinesfalls, dass hier ein Hagiograph am Werk ist – ganz im Gegenteil: Die Klarheit und Schärfe der Lektüren und der Argumentation widerlegen jeden Verdacht, hier schreibe ein Handke-Jünger. Die Lust am Text zeigt sich an dieser Stelle vielmehr im Desinteresse gegenüber einem Autor und dessen medialer (Selbst-)Inszenierung und in einer konsequenten Beschränkung auf die Literatur.

Alexander Schwieren, Sautierstr. 31, D-79104 Freiburg; E-Mail: a.schwieren@gmx.de