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In: KulturPoetik 2013, Heft 2

Autor

Hanna Engelmeier

Titel

Schwierigkeiten mit der »Darstellungsebene«. Zu Daniel Schneiders Forschung über deutsche Kolonialromane
Daniel Schneider, Identität und Ordnung. Entwürfe des »Eigenen« und »Fremden« in deutschen Kolonial- und Afrikaromanen von 1889 bis 1952

Kategorie

Rezension

Volltext

Wer kennt eigentlich Johanna Moosdorf? Sie war Lyrikerin, Chefredakteurin der literarischen Zeitschrift März, Trägerin des Nelly-Sachs-Preises und Verfasserin mehrerer preisgekrönter Romane, die sich schon ab den 1950er Jahren mit lesbischen Beziehungen und Lebenswelten auseinandersetzten. Ihr Roman Nebenan (1961) behandelt die Menschenversuche in den Konzentrationslagern, in Flucht nach Afrika (1952) verarbeitete sie die Geschichte der deutschen Kolonien. Moosdorf ist der typische Fall einer politischen Autorin, die es nicht schaffte, sich dauerhaft im Literaturbetrieb durchzusetzen, und die daher von der etablierten Germanistik größtenteils mit Nichtbeachtung gestraft wird. Es ist eine der großen Stärken von Daniel Schneiders Dissertationsschrift Identität und Ordnung. Entwürfe des »Eigenen« und »Fremden« in deutschen Kolonial- und Afrikaromanen von 1889 bis 1952, diese Autorin in Erinnerung gerufen zu haben und ihren Roman Flucht nach Afrika neben neun anderen, ähnlich unbekannten Texten vorzustellen.
Die Autorin und die Autoren jener acht Romane, die Schneider behandelt, bevor er zu Moosdorf kommt, sind teilweise dem nationalsozialistischem Spektrum zuzuordnen und poetisch deutlich weniger versiert als Moosdorf. Der Ansatz, sich einem gewichtigen Thema wie dem deutschen Kolonialismus von den Rändern des eigenen literarischen Geschmacks und des Kanons her zu widmen, ist eine ausgesprochen vielversprechende Grundentscheidung Schneiders bei der Konzeption seines Buches. Weniger überzeugend allerdings ist sein methodologisches Vorgehen, das sich sehr stark auf die (bloße) Beschreibung der literarischen Darstellung von Deutschen und Afrikanern in den ehemaligen Kolonien in Südwest-Afrika beschränkt. Dadurch entsteht eine Irritation, die sich vielleicht so fassen lässt: Schneiders Studie ordnet zwar bedächtig Indizien an, klärt aber den Fall nicht auf.
Schneider behandelt Romane aus den Jahren 1889 bis 1952, wobei dieser Untersuchungszeitraum im Wesentlichen durch die Erscheinungsjahre der Romane motiviert wird, die, so betont Schneider, mit »markante[n] historische[n] Phase[n]« (S. 38) in der Geschichte der deutschen Kolonien in Afrika koinzidieren. Über den Verlauf der deutschen Herrschaft in Afrika allerdings, die mit den Großmacht-Bestrebungen Bismarcks seit den frühen 1880er Jahren begann und nach dem Ersten Weltkrieg und mit der im Vertrag von Versailles beschlossenen Dekolonisierung formal endete, informiert die Studie nur in einem neunseitigen historischen Abriss zu Anfang des Buches, der sich wesentlich auf einige Quellen aus der Sekundärliteratur zum Thema stützt.(1) Dieser Punkt ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: erstens, weil sich dieses Verfahren in allen folgenden Romananalysen wiederholt, die den Mittelpunkt des Buches ausmachen, zweitens aber, weil Schneider in seiner Begründung der Auswahl der Romane von der Vielzahl von möglichen Quellen für seine Untersuchung spricht und man sich erhoffen würde, gerade über dieses ganz unerschlossene Material mehr erfahren zu dürfen. Drittens ist dieses Verfahren kaum geeignet, Vertrauen in die Untersuchung zu wecken, die sich dann auch tatsächlich bei der Analyse der Romane über weite Strecken auf keine Quellen außerhalb des gerade in Frage stehenden Textes stützt, so dass dauerhaft die Orientierung über die »markanten historischen Phasen« der deutschen Kolonien ausbleiben muss. Interessant wäre es hier beispielsweise gewesen, zu erfahren, wie die untersuchten Romanen mit solchen zusammenhängen, die Schneider keine eigene Analyse wert gewesen sind. Ebenso steht die Frage weitgehend unbeantwortet im Raum, welcher außerliterarischen Quellen sich die Autorinnen und Autoren selbst bedient haben könnten. Da sich Schneider zudem über die Autoren teilweise nur knapp  (bspw. anhand von Kürschners Deutschem Literatur-Kalender) informiert zu haben scheint, fehlt hier auch eine Handreichung dafür, kurzfristig eigene Recherchen anstellen zu können.
Zu Beginn verspricht der Autor (S. 13), in seiner Arbeit mit den Begriffen Figuration und Ensemble arbeiten zu wollen, wobei mit Figuration der Figurencharakter gemeint ist, der hinsichtlich der Kategorien Rasse, Kultur, Geschlecht, Religion und Aktivität untersucht werden soll. Diese Kategorien bilden in der Summe schließlich den untersuchungsleitenden Begriff der Identität, der »sich einzig und allein auf die kategoriale Belegung einer Figur [bezieht], mittels welcher ein Keil getrieben wird zwischen den Innenraum des ›Eigenen‹ und das abgegrenzte, äußere ›Fremde‹« (S.15). Unter Ordnung versteht Schneider eine sich aus dieser Definition ergebende Hierarchie, mit der bestimmte Wertvorstellungen der Figuren in den behandelten Romanen korrelieren.
Die Kategorien, die indentitätskonfigurierend sein sollen, dekliniert Schneider an jedem der neun behandelten Romane durch. Dabei reflektiert das schematische Vorgehen nicht, ob die starre analytische Gegenüberstellung von Männer- und Frauenfiguren, Deutschen und Afrikanern dabei nicht möglicherweise die Differenzen oder gar Dichotomien, die er zu entlarven wünscht, durch ihre stete Wiederholung eher stärkt als auflöst. Die Fabel der Romane von Christian Benkards Unter deutschen Palmen (1889) bis zu Johanna Moosdorfs Flucht nach Afrika (1952) stellt der Autor jeweils sehr ausführlich dar: Der immer wiederkehrende Grundkonflikt entsteht hauptsächlich durch den Kulturkontakt deutscher Siedler, Gutsherren oder Militärs mit der afrikanischen Bevölkerung oder mit anderen Kolonialmächten (so im Fall von Fritz Spiessers Heimkehr von 1943). Das Interesse an der literarischen Gestaltung dieses Konflikts kann dabei einerseits von völkischer Blut-und-Boden Ansprüchlichkeit bestimmt sein (siehe Spiesser und Hans Grimms Die Ölsucher von Duala, 1933), andererseits aber auch sozialdemokratisch eingefärbt (Konrad Seifferts Farm Naßlowhöhe, 1938) oder eskapistisch motiviert (Johanna Moosdorfs Flucht nach Afrika, 1952). Gemeinsam ist jedoch allen Texten (mit Ausnahme des Romans von Moosdorf), dass die Darstellung von Afrikanern in deutscher Kolonialliteratur ressentimentbeladen bis rassistisch ist, und der Durchsetzung von Vorstellungen über deutsche Überlegenheit und daraus resultierenden Machtansprüchen dient.
Dieses zurecht vernichtende Urteil wird jedoch dadurch geschwächt, dass Schneider immer wieder auf die fehlende literarische Reputation der von ihm ausgewählten Autoren hinweist (»Abschließend bleibt zu sagen, dass von Seiten des Werks her eine Beschäftigung mit Grimm kaum lohnend erscheint […]«, S. 200); ebenso diskreditiert der Autor von Anfang an den Untersuchungsgegenstand als solchen, etwa wenn er feststellt: »Kolonialromane werden hier und im Folgenden definiert als Propagandamittel im engeren Sinne, wohingegen Afrikaromane diesem plakativen, auf ein politisches Ziel hin Wirkenwollen enthoben sind« (S. 13). Die Unterscheidung zwischen Kolonial- und Afrikaroman, die in der Arbeit nicht systematisch wieder aufgenommen wird, soll, ebenso wie die Unterscheidung zwischen Kolonialismus und Kolonialliteratur, dabei helfen, eine sachliche Untersuchung zu ermöglichen:

Dadurch, dass das Phänomen des deutschen Kolonialismus und die aus ihm hervorgegangene Literatur auf zwei Ebenen betrachtet werden, ist es möglich, den Kolonialismus auf Ebene des historisch Faktischen zu verurteilen, auf der Ebene der Darstellung jedoch einen neutralen Standpunkt einzunehmen. Denn dort offenbart sich die Kolonialliteratur als Entwurf von Identität und Ordnung (S. 36).
 
Es ist mit Sicherheit sehr schwer, einen neutralen Standpunkt gegenüber einer Literatur aufrechtzuerhalten, die vom Rassismus ihrer Autorinnen und Autoren so durchtränkt ist, wie diejenige, die sich Schneider vorgenommen hat. Aber gerade durch das Urteil über die Gattung, das gleich zu Anfang gesprochen wird, wird genau dieser Anspruch gefährlich labilisiert. Ein weiteres Problem ergibt sich bei den von Schneider immer wieder nachgewiesenen hierarchischen Konzeptionen der Begriffe Rasse, Kultur und Religion bei den Romanfiguren. Sie wirken auch deshalb repetitiv, weil stets nur auf sie gezeigt wird, also darauf verwiesen wird, dass sie dargestellt werden – während Hinweise, Überlegungen und Recherchen darauf, wie sie zustande kommen, fehlen. Richard Küas Roman Vom Baum der Erkenntnis beispielsweise erschien erstmals 1910 unter dem Titel Fetisch in der Zeitschrift Kolonie und Heimat und erst ab 1914 unter dem hier aufgeführten Titel bei Paul List (vgl. S. 138). In der Diskussion der Dreiecksgeschichte stützt sich Schneider vor allem auf Figurenpsychologie (»Bei allem Kitsch enthält diese Beschreibung zwei verwertbare Zutaten. Küas Frauenfigur ist eine Sehnsuchtsvolle, eine Unerfüllte« (S. 152);  »Er versinkt in Selbstmitleid« (S. 145)), geht aber nicht der Geschichte des Titelwechsels oder dem Umgang mit dem Konzept des Fetischs um die Jahrhundertwende nach, obwohl hierzu exzellente Forschung vorliegt,(2) die die Schlüsselkategorien Schneiders kulturhistorisch hätte anreichern können und damit zu einem besseren Verständnis nicht nur dieser Kategorien, sondern vor allem der behandelten Literatur beigetragen hätte.
Das gleiche gilt unter anderem für den Befund, dass die Afrikaner immer wieder mit Tieren assoziiert oder mit Affen verglichen werden (vgl. S. 197, 217 et al.).(3) Die Geschichte dieser Vergleiche, die spätestens seit dem 18. Jahrhundert und seit den Arbeiten aus dem Umfeld der Physiognomie, aber vor allem der physischen Anthropologie(4) ein Topos geworden sind, wäre ebenfalls ein wichtiger Anhaltspunkt gewesen, um nicht nur auf rassistische Vorstellungswelten hinzuweisen, sondern sie auch erklären zu können. Der immer wieder bemühte und nicht ganz einsichtige Begriff der »Darstellungsebene« beinhaltet für Schneider offenbar nicht, die Diskurse zu betrachteten, die sich auf ihr entfalten. Auch ohne eine genuin diskursanalytisch geprägte Arbeit vorzulegen, wäre eine derartige Betrachtung eventuell hilfreich gewesen und hätte sicher nicht außerhalb der Möglichkeiten des Autors gelegen, der doch beispielsweise mit Michel Foucaults Begriff der Heterotopie vertraut ist. Als solche möchte er mit Foucault die Kolonien verstanden wissen (vgl. S. 11), ohne auch hier näher darauf einzugehen, was dies für die Kolonialliteratur als Gattung bedeutet, die er zudem als »deutsche Sonderform« der Utopie bezeichnet. Im Bereich der Andeutung bleibt überhaupt die Situierung der Arbeit im Feld der postcolonial studies, das zwar im Forschungsstand (S. 33) und auf den letzten beiden Textseiten (S. 325f.) angesprochen, aber nicht so etabliert wird, dass für die Beziehungen der Germanistik zu diesem florierenden, interdisziplinär eminent wichtigen Gebiet etwas gewonnen wäre.
Zu diesen Punkten treten auf der stilistischen Ebene weitere Probleme hinzu. Obwohl der Buchrücken vermerkt, dass Schneider seit 2007 als freier Schriftsteller arbeitet und ihm »diverse Stipendien zuerkannt« wurden, ist das Buch nicht frei von Konflikten zwischen unmotivierter Alltagssprache (als Reaktion einer Figur auf den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich schreibt Schneider: »Danach ist bei Mattis der Knoten geplatzt«, S. 234) und hölzernen Formulierungen (»Trotz der späten Würdigung weist Johanna Moosdorfs Biografie eine große Nähe zum Themenkreis des Vergessens auf«, S. 279). Da es gängige Praxis ist, dass gerade Dissertationen von Verlagen nicht mehr einem Korrektorat unterzogen werden, sofern die Autorin oder der Autor nicht selbst einen beträchtlichen Betrag dafür bezahlt, liegt die Vermutung nahe, dass Schneider darauf angewiesen war, sich selbst um die Form seiner Arbeit zu kümmern und dabei nicht sorgfältig beraten wurde. Da die Studie schließlich zahlreiche Fehler in der Interpunktion und eine eigenwillige Markierung metasprachlicher Ausdrücke aufweist, stellt sich auch leises Bedauern ein: Gerade der ersten größeren Publikation eines Nachwuchswissenschaftlers ist ja zu wünschen, durch vermeidbare Mängel nicht belastet zu werden.

Hanna Engelmeier, M.A., Ruhr-Universität Bochum, Institut für Medienwissenschaft, Universitätsstr. 150, Gebäude GB 3, D-44780, E-Mail: hanna.engelmeier@rub.de


Anmerkungen

(1) Erstaunlich ist dabei jedoch, dass Schneider auf eine Arbeit verzichtet, die genau in sein Forschungsfeld fällt und nur zwei Jahre vor der Veröffentlichung seiner Dissertation erschien: Stefan Hermes, »Fahrten nach Südwest«. Die Kolonialkriege gegen die Herero und Nama in der deutschen Literatur (1904-2004). Würzburg 2009.[zurück]
(2) Hartmut Böhme, Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne. Reinbek 2005.[zurück]
(3) Interessant wäre es etwa auch gewesen, den auf S. 210 angedeuteten Gedanken weiter zu verfolgen, als Schneider von der Mimikry der Seiffertschen Figuren in Afrika spricht. Assimilation und ihr Verhältnis zur Mimikry (oder vielleicht eher Mimesis?) könnten womöglich als entscheidende Topoi bei der Untersuchung von Kolonialisten und Kolonisierten fruchtbar gemacht werden.[zurück]
(4) Ich denke hier an die Arbeiten von Petrus Camper und Sömmerring, vgl. dazu beispielsweise. Jost Benedum/Gunter Mann (Hg.), Die Natur des Menschen. Probleme der physischen Anthropologie und Rassenkunde (1750-1850). Stuttgart  1990.[zurück]